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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Martin Mosebach</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Martin Mosebach: &#8220;Mogador&#8221;</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Aug 2016 09:52:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Mosebach]]></category>

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		<description><![CDATA[In der Stadt der Dämonen Martin Mosebach erlebt für seine Romane ebenso hohe Anerkennung wie rabiate Anfeindungen. Er ist notorisch umstritten, schon weil er sich selbst gern einen Reaktionär nennen. Daran wird sich auch mit seinem neuen Roman &#8220;Mogador&#8221; nichts &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1936">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>In der Stadt der Dämonen</strong></h1>
<h2><strong>Martin Mosebach erlebt für seine Romane ebenso hohe Anerkennung wie rabiate Anfeindungen. Er ist notorisch umstritten, schon weil er sich selbst gern einen Reaktionär nennen. Daran wird sich auch mit seinem neuen Roman &#8220;Mogador&#8221; nichts ändern: Es geht darin um einen Bankmanager auf der Flucht, eine Bordellmutter mit besten Kontakten zum Jenseits und die alte Frage nach dem Glück. Ich traf Mosebach in München und habe mich mit über sowohl über das Glück, als auch über „Mogador“ unterhalten</strong><br />
<strong></strong></h2>
<p>&#8220;Das Glück?“</p>
<p>Martin Mosebach sitzt am Café-Tisch in der Sonne, die sich in diesem Sommer nur so selten zeigt. Der Himmel über Münchens Englischem Garten ist bayerisch blau mit zart hingetupften Schäfchenwolken, Vögel zwitschern, Kinder lachen. Ein guter Augenblick, um mit Mosebach über Glück zu reden.</p>
<div id="attachment_1937" class="wp-caption alignright" style="width: 301px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/44102722z.jpg"><img class="size-full wp-image-1937" title="44102722z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/44102722z.jpg" alt="" width="291" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Martin Mosebach: &quot;Mogador&quot; Roman. Rowohlt Verlag. 22,95 Euro</p></div>
<p>„Die Vorstellung, ein Recht auf Glück zu haben“, sagt er, „die Vorstellung, das Recht zu haben, nach Glück zu streben, Pursuit of Happiness, ist für die westliche Welt seit der Amerikanischen Revolution entscheidend geworden.“</p>
<p>Mosebach hat eine charakteristische Diktion, eine Sprachmelodie, wenn er so etwas sagt, der Großteil des Satzes kommt sehr schnell, zack, zack, zack, stakkatoartig, aber dann, meist gegen Ende, zieht und dehnt er ein oder zwei Worte: „enteiiidend geworden“. Man spürt, wie genussvoll Mosebach mit Worten spielt, wenn er manche auf diese Weise zu streicheln scheint.</p>
<p>„Doch dieses Streben ist oft ein wahnhaftes Unternehmen, denn wir wissen nicht, worin unser Glück besteht.“ Wir lassen uns vielmehr, so Mosebach, kopfscheu machen von der permanenten Fahndung nach dem Glück, wir werden zu gehetzten Glückssuchern und verfehlen so erst recht das Ziel, Glück zu empfinden.</p>
<p>„Glück als Leistung“, sagt Mosebach, „das ist die Vorstellung, von der wir uns viel zu sehr beherrschen lassen. Wir glauben, versagt zu haben, wenn sich das Gefühl von Glück nicht einstellt.“</p>
<p>Dann setzt Mosebach eine kleine Pause, eine Sekunde der Stille, bevor er ein wenig leiser fortfährt: „Glück ist keine Leistung. Glück ist etwas, das uns hinzugegeben wird, manchmal. Wir können es nicht anstreben, nicht arrangieren. Wir bekommen es, oder wir bekommen es nicht.“</p>
<p>„Als Geschenk?“, gebe ich das Stichwort. „Ja“, nickt Mosebach, „das ist es wohl.“</p>
<p>Der Gedanke, Glück nicht erzwingen, sondern nur mit Demut erhoffen zu können, hat es in sich. Er verrät viel über den Schriftsteller Mosebach und viel darüber, weshalb seine Bücher neben faszinierten Lesern auch unversöhnliche Gegner kennen. Denn sie unterstellen ihm, dem gläubigen Katholiken, dass er Glück ohne metaphysische, göttliche Hilfe nicht für möglich hält.</p>
<p>Auf den ersten Blick spielt die Suche nach Glück in Mosebachs ebenso schönem wie geheimnisvollem Roman „Mogador“ keine große Rolle. Es geht um einen jungen Bankmanager namens Patrick, der sich halb aus Leichtfertigkeit, halb aus Willenlosigkeit von einem Mitarbeiter in kriminelle Unterschlagungen verstricken lässt. Als ihn die Polizei zu einem Gespräch vorlädt, gerät er in Panik, springt in das erste beste Flugzeug nach Marokko und taucht unter in der abgelegenen Hafenstadt Essaouira, die einst Mogador hieß.</p>
<p>Mosebach nennt sich selbst gern und mit Freude an der Provokation einen „Reaktionär“, und von literarischen Gegnern wird er als „Anti-Modernist“ bekämpft. Doch genau betrachtet ist er heute einer der modernsten, geistesgegenwärtigsten Romanciers der deutschen Literatur: Wie kaum ein anderer versteht er es, ein Porträt unserer globalisierten Welt zu zeichnen, in der die Industriekultur des Westens fast ungebremst auf die feudalen Strukturen zum Beispiel eines Landes wie Marokko prallt.</p>
<p>Virtuos entfaltet Mosebach dieses spannungsvolle Miteinander von Smartphone und Eselkarren, von Jeans und Dschellaba, von Coca-Cola und Kochen auf gestampftem Lehmboden. Seine Romane schärfen den Blick dafür, wie sehr die angeblich exotischen Kulturen anderer Kontinente aus ihren Traditionen heraus in eine hochkomplizierte Zukunft gerissen wurden. Und weshalb Religion – und eben auch religiöser Fanatismus – für manche Menschen dort eine stabilisierende Lebensstütze ist inmitten des rasenden Umbruchs.</p>
<p>Auf Patrick, den halbkriminellen Bankmanager, strömt all das ein bei seiner Flucht. Vor allem seine marokkanische Wirtin Khadija beeindruckt ihn, die ihm Unterschlupf gewährt, ohne Fragen zu stellen oder Papiere zu verlangen. Sie ist, im Gegensatz zu Patrick, ein wahres Monster an Willenskraft: Obwohl in brutaler Armut aufgewachsen, zweifach verwitwet und Mutter eines behinderten Kindes, hat sie sich dennoch zur Hausbesitzerin hochgearbeitet, zur Bordellchefin und zur Wahrsagerin mit besten Verbindungen zu übernatürlichen Kräften.</p>
<p>„In Essaouira, dem alte Mogador“, erzählt Mosebach, „ist der Dämonenglaube stärker verbreitet, als man es in der islamischen, der sunnitischen Welt erwarten sollte.“ Er stammt wohl von den schwarzen Sklaven, die früher aus Mali oder dem Senegal nach Mogador verkauft wurden.</p>
<p>Von einem solchen Dämon fühlt Khadija sich seit Kindheit an begleitet. Alle wichtigen Entscheidungen ihres Lebens, die Glück oder Unglück für sie bedeuten können, trifft sie mit dessen jenseitiger Beratung. Was ihr eine viel größere Entschlossenheit und Ruhe verleiht als dem wankelmütigen Patrick – der seine Flucht am Ende nur per Zufall mit heiler Haut übersteht.</p>
<p>Stimmt Mosebach in seinem neuen Roman also allen Ernstes ein Loblied an auf den Geisterglauben statt auf das rationale Streben nach Glück, wie es ihm Gegner vorwerfen? Empfiehlt er, der selbst ernannte Reaktionär, literarisch die Rückkehr in eine vormoderne Welt der Heilslehren? „Mein Buch“, sagt Mosebach, „ist ein Roman und keine Handlungsanweisung. ‚Mogador’ erzählt von zwei Menschen, die sehr unterschiedlichen Lebenshaltungen folgen. Mehr nicht.“</p>
<p>Als vorbildlich stellt Mosebach weder die eine noch die andere hin – aber in der Gegenüberstellung, im Kontrast werden beide deutlicher und erkennbarer. Kann man von einer guten Geschichte mehr erwarten?</p>
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		<title>Martin Mosebach: &#8220;Das Blutbuchenfest&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Apr 2015 08:36:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Mosebach]]></category>

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		<description><![CDATA[Von der Weisheit der Putzfrau Ein hemmungsloses Fest, lauter Menschen mit hochstaplerischen Zügen und mittendrin Ivana, die alle Geheimnisse kennt. Martin Mosebach zeichnet in seinem virtuosen Roman Das Blutbuchenfest ein Sittenbild der Bundesrepublik der neunziger Jahre &#8211; aber eben nicht &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1107">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Von der Weisheit der Putzfrau</strong></h1>
<h2><strong>Ein hemmungsloses Fest, lauter Menschen mit hochstaplerischen Zügen und mittendrin Ivana, die alle Geheimnisse kennt. Martin Mosebach zeichnet in seinem virtuosen Roman Das Blutbuchenfest ein Sittenbild der Bundesrepublik der neunziger Jahre &#8211; aber eben nicht nur der neunziger Jahre.</strong></h2>
<p>Es geht uns großartig, meint Martin Mosebach, während er Tee einschenkt: „Die Restaurants werden immer teurer und sind dennoch jederzeit voll. Überall parken beeindruckende Autos, denen elegante Menschen entsteigen. Das Leben ist ein Fest.“ Oft bleibe rätselhaft, woher der Wohlstand komme. „Aber er ist da und wird genossen.“</p>
<p>Mosebach sagt das ohne Sarkasmus und lehnt sich mit der Tasse in der Hand im Sessel zurück. Seine Frankfurter Wohnung ist vollgestopft mit alten Dingen, alten Möbeln, Bildern, Büchern. Er gehört definitiv nicht zu den Schriftstellern, die vor dem, was gerade modern genannt wird, auf den Knien liegen. Aber auch nicht zu denen, die die Gegenwart schwarz in schwarz malen.</p>
<p>Lieber spürt der Autor dem Leben der Leute nach, die zu dieser Zeit gehören, all den „Beratern, Coaches, Vermittlern, PR-Agenten“, die unsere Dienstleistungsgesellschaft prä-gen: „Ihre Beschäftigungen sind nicht sehr konkret und nehmen deshalb einen leicht hochstaplerischen Zug an.“</p>
<div id="attachment_1109" class="wp-caption alignright" style="width: 267px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/04/40123885z.jpg"><img class="size-full wp-image-1109" title="40123885z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/04/40123885z.jpg" alt="" width="257" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Martin Mosebach: &quot;Das Blutbuchenfest&quot;. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2014. 24,90 Euro</p></div>
<p>In seinem wunderbaren Roman „Das Blutbuchenfest“ versetzt Mosebach die Leser mitten unter sie: eine lockere Gruppe von tatsächlichen oder auch nur scheinbaren Erfolgsmenschen aus Frankfurt, die effektvoll aufzutreten verstehen, auch wenn sie nur sehr luftige Leistungen anzubieten haben. Mosebach lässt sie ein herrliches Theater der Eitelkeiten und der Wichtigtuereien aufführen – und macht sich dennoch niemals lustig über sie. Denn auch ihre Jobs sind schweißtreibend und voller Risiken, auch wenn sie das niemals jemanden merken lassen dürfen.</p>
<p>Man kennt sich, man trifft sich, auf Empfängen, in Restaurants, verfolgt seine Interessen mal gemeinsam, mal in Konkurrenz zueinander – und achtet stets auf Unabhängigkeit und Distanz. Doch insgeheim sind sie alle, ohne es zu wissen, viel enger verbunden, als sie glauben. Denn sie alle beschäftigen, wie der Zufall es will, die gleiche Putzfrau: Ivana aus Bosnien.</p>
<p>Ivana ist nicht sonderlich neugierig, sondern eher phlegmatisch. Dennoch gibt es vor ihr, die alle Haushalte in- und auswendig kennt, keine Geheimnisse. Das macht den Roman sehr komisch und sehr ernst zugleich: Ivana ist die Einzige, die noch mit den Händen arbeitet, und die Einzige, die hinter alle Fassaden schaut. Doch die kleinen Affären, Liebesnöte oder finanziellen Engpässe, die sie dort beobachtet, interessieren sie überhaupt nicht.</p>
<p>Denn Ivana hat ihre eigenen Sorgen: Mosebach siedelt den Roman im Jahr 1991 an, als der Jugoslawien-Krieg ausbrach, der Ivanas bosnische Familie sofort in höchste Gefahr bringt. Während die Frankfurter Gesellschaft ihr lang geplantes, reichlich hemmungsloses Blutbuchenfest feiert, auf dem Ivana die Garderobe entgegennehmen oder Drinks und Häppchen reichen darf, hört sie parallel am Mobiltelefon die Schüsse mit, die ihre Eltern zur Flucht aus ihrer Heimat zwingen.</p>
<p>Mosebach hebt den Kontrast zwischen diesen beiden Welten scharf hervor, aber er spielt sie nie gegeneinander aus. „Es wäre“, erzählt er, „ein Missverständnis, wenn man glaubte, ich wolle etwas verurteilen. Ich sehe eine Aufgabe darin, Zustände zu schildern, nicht über sie zu richten.“ Zustände, die auch heute wieder, angesichts der Kriege in der Ukraine, in Syrien oder dem Irak, ungemildert zu erleben sind: wenn zwischen dem Frieden hier und dem mörderischen Hass dort nur wenige hundert Kilometer liegen, also nur ein Katzensprung in den Zeiten moderner Kommunikations- oder Reisetechnik.</p>
<p>Dieser Gegensatz macht das Buch, seiner oft satirischen Heiterkeit zum Trotz, zu einem so berührenden Leseerlebnis. Man hat Mosebach vorgeworfen, er lege seinen Romanfiguren Telefone (und Laptops) in die Hände, die es im Jahr 1991 noch nicht gab, sondern erst zwei, drei Jahre später auf den Markt kamen. Das mag sein, aber der Blick auf die Kriege  unserer Tage (zum Beispiel in der Ost-Ukraine) zeigt, wie unbedeutend der Einwand gegen dieses enorme Buch ist: An dem moralischen Dilemma, vom sicheren Port einer hochentwickelten Gesellschaft aus hilflos zuzuschauen, wie sich in leicht erreichbarer Nachbarschaft die Völker an den Kragen gehen, ändern die exakten Verkaufsdaten bestimmter Handy-Typen nichts.</p>
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		<title>Streit ums &#8220;Blutbuchenfest&#8221;</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=868</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Jan 2014 11:34:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Platthaus]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Schiller]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Mosebach]]></category>

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		<description><![CDATA[Martin Mosebach vs. Andreas Platthaus Das Buch „funktioniert“ nicht – schreibt Andreas Platthaus heute in der FAZ. Martin Mosebachs Gesellschaftsroman Das Blutbuchenfest spiele im Jahr 1991, die handelnden Figuren benutzten aber Technik, die es damals noch nicht gab: Smart-Phones, Laptops, &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=868">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Martin Mosebach vs. Andreas Platthaus<br />
</strong></h2>
<h3><strong>Das Buch „funktioniert“ nicht – schreibt Andreas Platthaus heute in der FAZ. Martin Mosebachs Gesellschaftsroman <em>Das Blutbuchenfest</em> spiele im Jahr 1991, die handelnden Figuren benutzten aber Technik, die es damals noch nicht gab: Smart-Phones, Laptops, das Internet, Emails. Es werde interessant sein zu beobachten, „ob sich Mosebachs Publikum über seine Erzählverschluderung erregt“, meint Platthaus. Noch ist der Roman offiziell gar nicht erschienen, schon wird er in die Tonne getreten. Oder übertreibt Platthaus doch ein wenig?</strong></h3>
<p>Zunächst einmal, damit keine Missverständnisse entstehen: Andreas Platthaus ist ein sympathischer Kollege, den ich nicht zuletzt für seine immensen Kenntnisse zur Kunst des Comics, des Cartoons und der Graphic Novel bewundere. Aber gerade weil ich ihn schätze und als differenzierten Kritiker kenne, verblüfft es mich, wenn er es sich in diesem Fall so einfach macht.</p>
<p>Bekanntlich ist Maria Stuart, Königin von Schottland, ihrer Gegenspielerin Elizabeth I. nie begegnet. In Schillers Drama <em>Maria Stuart</em> gewährt ihr der Autor nicht nur ein Treffen, sondern einen langen, hinreißenden Dialog mit Elizabeth. Das widerspricht den historischen Fakten eklatant. Aber „funktioniert“ Schillers Stück deshalb nicht?</p>
<p>Im Gegensatz zur Geschichtsschreibung lässt sich die Literatur nicht auf die Treue zu den Tatsachen festlegen. Wer die Zeit um 1991 mit den Augen des Zeithistorikers oder des Soziologen betrachtet, hat sich sklavisch an die historischen Fakten halten. Doch wer einen Roman über diese Zeit schreibt, muss die Wahrheit seiner Geschichte erfinden – und wenn er zugunsten dieser erfundene Wahrheit ein paar historische Tatsachen so zurechtrückt, wie er es für die innere Logik seines Romans braucht, dann ist das nicht nur sein gutes literarisches Recht, sondern seine literarische Pflicht.</p>
<div id="attachment_869" class="wp-caption alignright" style="width: 267px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach.jpg"><img class="size-full wp-image-869" title="Mosebach" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach.jpg" alt="" width="257" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Martin Mosebach: &quot;Das Blutbuchenfest&quot;. Roman. Hanser Verlag, München 2014. 24,90 Euro</p></div>
<p>Mosebachs <em>Blutbuchenfest</em> zeigt eine gerade in ökonomischer Hinsicht konsequent modernisierte Stadtgesellschaft: Die meisten Figuren gehen sehr abstrakt gewordenen, etwas halbseidenen Tätigkeiten nach. Sie leiten eine PR-Agentur, die Kontakte schafft und für derlei luftige Leistungen gut bezahlt wird. Oder sie sind Kuratoren ohne Aufträge, die Kongresse oder Ausstellungen organisieren, für die sich später – vielleicht – die nötigen finanziellen Mittel finden werden. Oder sie haben ihren Job in der Werbung längst verloren und lassen deshalb jetzt für ihren aufwendigen Lebensstil nicht mehr das Spesenkonto, sondern einen gutmütigen Restaurantwirt einstehen.</p>
<p>Ich finde diese Beschreibung der gesellschaftlichen Situation überzeugend und zutreffend. Als langjähriger Bürger Frankfurts bestätige ich gern, wie schön Mosebach manche seiner Schauplätze nach der Frankfurter Wirklichkeit modelliert hat und wie viele seiner Figuren realen Personen dieser Stadt wie aus dem Gesicht geschnitten sind.</p>
<p>Die immer schwerer greifbaren, sich verflüssigenden beruflichen Verhältnisse, die Mosebach schildert und die bereits die neunziger Jahre prägten, sind naturgemäß nicht das einzige Kennzeichen dieses sich radikalisierenden Modernisierungs-Prozesses. Parallel dazu erleben wir eine Revolution der Computer- und Kommunikationstechnik. Die traditionelle Ordnung der Berufstätigkeit löst sich damit immer weiter auf: Mit einem Smart-Phone haben heute viele ihre Produktionsmittel buchstäblich in der Tasche. Wer früher für seine Arbeit einen Schreibtisch brauchte, braucht heute nur noch ein Telefon-Display oder ein Laptop. Er ist räumlich ungebunden, immer mobil, auf Präsenz nicht mehr festlegbar und wird so immer unfassbarer.</p>
<p>Das hat natürlich Folgen für das Leben der Menschen – und diese Folgen versucht Mosebach in seinem Roman erkennbar werden zu lassen. Diese zunehmende Schwerelosigkeit unseres Arbeits- und Gesellschaftslebens ist aber keineswegs eine Erfindung der letzten Jahre, sondern war auch schon in den Neuzigern spürbar. Folglich ist es mir als Leser von Mosebachs Roman schnuppe, ob er nun die jüngsten Erfindungen der IT-Branche entgegen den historischen Fakten in diese Neunziger zurückverlegt. Es geht ja darum, einen gesellschaftlichen Prozess mit den Mitteln eines Erzählers so sichtbar wie möglich zu machen. Und dabei hilft der kleine Zeitsprung, der technische Umwälzungen zehn Jahre früher beginnen lässt, ganz unbedingt.</p>
<div id="attachment_887" class="wp-caption alignleft" style="width: 208px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach_Martin7.jpeg"><img class="size-medium wp-image-887" title="Martin Mosebach 2010" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Mosebach_Martin7-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Martin Mosebach, fotografiert von Peter-Andreas Hassiepen. Copyright bei Peter-Andreas Hassiepen</p></div>
<p>Andreas Platthaus versteht – und da kann ich ihm überhaupt nicht mehr folgen – Mosebachs Roman als eine Abrechnung mit jenen Menschen, die diesem Modernisierungsprozess unterliegen. Er schreibt: „Denn die ständige Erreichbarkeit ist zentral fürs ganze Geschehen; erst sie macht den behaupteten moralischen Skandal einer egozentrischen Gruppe von Wohlstandsbürgern plausibel, in deren Wohnungen jeweils dieselbe bosnische Putzfrau arbeitet, die im Laufe des Buchs alles verlieren wird, ihr Kind, ihre Heimat, ihre Familie und schließlich auch jeden Respekt vor dem Gastland und seinen Menschen.“</p>
<p>Das ist schlicht falsch. Mosebach verurteilt seine Figuren nicht, er beobachtet sie. Er konstruiert aus dem finsteren Schicksal der bosnischen Putzfrau Ivana keinen Vorwurf gegen jene „Wohlstandsbürger“, die ihr Arbeit geben: 1) Ivanas Kind kommt bei einem Unfalls in Bosnien um. 2) Ihre Heimat geht verloren wegen der lang zurückreichenden ethnischen und religiösen Konflikte in Jugoslawien. 3) Ihre Familie wird vertrieben, weil sie schicksalhaft in diese historischen Konflikte hineingeboren wurde, in denen sie Täter und Opfer zugleich ist.</p>
<p>Daraus einen Vorwurf gegen die „egozentrische Gruppe von Wohlstandsbürgern“ zu konstruieren, wie Platthaus das tut, ist absurd. Im Gegenteil: Mosebach zeigt in den Kapiteln seines Romans, die in Bosnien spielen, sowohl den Reiz als auch die Schrecken der vormodernen Lebensverhältnisse dort sehr deutlich. Es feiert mit der ihm eigenen Sprachpracht manche Schönheit, die seinem Helden dort begegnet, beschreibt aber auch die ausweglose Grausamkeit, mit der sich dort Nachbarn seit Jahrhunderten belauern und bekriegen.</p>
<p>Ebenso wird das moderne Großstadtleben einige hundert Kilometer nördlich in Deutschland nicht verdammt – denn schließlich herrscht hier ein wunderbarer Frieden und auch wenn die Menschen allerlei windigen Geschäften nachgehen, so verstehen sie es doch ihre Konflikte allesamt gewaltlos auszutragen. Zugegeben, die bürgerliche Gesellschaft Frankfurts macht in Mosebachs Roman tatsächlich einen recht egozentrischen Eindruck, aber dass die Bosnier von ihm als vorbildliche Altruisten beschrieben werden, kann niemand behaupten. Mosebach schildert halt Menschen und keine Heiligen.</p>
<p>Platthaus schreibt spürbar abfällig von den „Lobpreisern“ Mosebachs, die ihn um jeden Preis gegen Kritik verteidigen wollen. Um auch hier einem Missverständnis vorzubeugen: Ich kann mit Mosebachs Kampf um liturgische Feinheiten der katholischen Messe wenig anfangen. Und wenn Mosebach öffentlich verlangt, Gotteslästerung solle hierzulande juristisch strenger verfolgt und bestraft werden, stehen mir die Haare zu Berge. Kritik an Mosebach ist selbstverständlich möglich und meines Erachtens gelegentlich angebracht.</p>
<p>Aber ich habe es schon immer für einen Fehler gehalten, von den politischen Stellungnahmen eines Schriftstellers auf seine literarischen Werke kurzzuschließen. Der Schriftsteller Günter Grass, der mit <em>Blechtrommel</em> und <em>Hundejahre</em> großartige Romane geschrieben hat, ist ein anderer als der Bürger Günter Grass, der mir mit seinen Ansichten zu USA oder Israel häufig genug auf die Nerven geht.</p>
<p>Hier, glaube ich, ist der Grund für den Unwillen zu finden, mit dem Platthaus auf Mosebachs neuen Roman reagiert: Er liest das Buch und hat die fröhliche Unverfrorenheit im Kopf, mit der sich Mosebach selbst als Reaktionär und Antimodernist bezeichnet. Und glaubt deshalb in dem Roman ziemlich platte reaktionäre und antimoderne Züge zu entdecken.</p>
<p>Aber das ist nicht der Fall: Die spezifische Erzählweise des Gesellschaftsromans bleibt auch für Mosebach nicht ohne Folgen. Sie ist so etwas wie eine literarische Schule der Toleranz, die jede Gesellschaft als Versammlung von Individuen betrachtet, in der keiner der alleinige Inhaber der Wahrheit ist, sondern in der alle mit dem gleichen Recht ihrer persönlichen Wahrheit und Weltsicht folgen. In diesem Nebeneinander der Standpunkte, das sich nie harmonisch auflöst, sondern nur ausgehalten werden kann, haben antimoderne Sichtweisen ebenso ihren Platz wie solche, die sich für die Moderne begeistern.</p>
<p>Und um diese Gegenüberstellung geht es dem Roman: Hier das vormoderne Lebensverständnis von Ivana, der bosnischen Putzfrau, und dort die hypermoderne Lebenssituation der guten Frankfurter Gesellschaft. Und ob die Angehörigen dieser Gesellschaft nun bereits Anfang der Neunziger ein Smart-Phone in der Tasche hatten oder erst zehn Jahre später, ist dabei literarisch herzlich egal.</p>
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