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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Judith Herrmann</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Judith Hermann: &#8220;Lettipark&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Jul 2016 07:51:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Judith Herrmann]]></category>

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		<description><![CDATA[„Die Unsicherheiten bleiben, nichts Wichtiges wird einfacher“ Judith Herrmann kenne ich lange, aber wir haben uns nur selten gesehen. 1998 betreute ich als Lektor im S.Fischer Verlag ihren Debüt-Band &#8220;Sommerhaus, später&#8221;. Als junge Autorin brachte sie damit einen neuen poetischen &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1827">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>„Die Unsicherheiten bleiben, nichts Wichtiges wird einfacher“</strong></h1>
<p><strong>Judith Herrmann kenne ich lange, aber wir haben uns nur selten gesehen. 1998 betreute ich als Lektor im S.Fischer Verlag ihren Debüt-Band &#8220;Sommerhaus, später&#8221;. Als junge Autorin brachte sie damit einen neuen poetischen Ton in die deutsche Literatur. Nun, 18 Jahre später, hat sie wieder einen Band mit kurzen Erzählungen geschrieben, den ich sehr mag. Ich bat sie um einen Spaziergang und ein Gespräch.</strong><strong></strong></p>
<p>Jeder Park ist auch ein Versprechen. Das Versprechen der Ruhe, das Versprechen, sich sammeln zu können und zumindest für einen Augenblick zu sich selbst zu kommen. Vielleicht war es schon deshalb unvermeidlich, dass ein Park in den Büchern Judith Hermanns, die zum Schönsten gehören, was die deutsche Literatur der letzten 20 Jahre zu bieten hat, dass ein Park irgendwann einmal eine besondere Rolle spielen würde.</p>
<div id="attachment_1834" class="wp-caption alignright" style="width: 299px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/07/44102167z3.jpg"><img class="size-full wp-image-1834" title="44102167z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/07/44102167z3.jpg" alt="" width="289" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Judith Herrmann: &quot;Lettipark&quot;. Erzählungen. S.Fischer Verlag, 18,99 Euro</p></div>
<p>Der Lettipark ist auf keiner Karte Berlins verzeichnet. Es gibt ihn, und es gibt ihn nicht. Rheinsteinpark ist sein amtlicher Name, aber die Ämter scheinen es nicht gut mit ihm zu meinen: ein struppiges Grün tief im Osten Berlins, eingezwängt zwischen Häuserblocks, ein paar graffitibeschmierte Bänke, eine Bronzeplastik, ein lieblos bepflanztes Rondell. Das ist schon alles. Ist wirklich jeder Park ein Versprechen?</p>
<p>„Der Name“, erzählt Judith Hermann, während wir auf einer der Bänke neben dem Rondell sitzen, „ist, soweit ich weiß, für diesen Park eher umgangssprachlich. Ich fand den Klang des Wortes schön und rätselhaft &#8211; und ich möchte, dass das ein realer und zugleich unauffindbarer Ort ist, eine Fiktion.“ Denn den Lettipark, der Judith Hermanns neuem Erzählungsband den Titel gegeben hat, gibt es letztlich nur in der Fantasie, in der Literatur.</p>
<p>Die Titelgeschichte handelt von einer zufälligen Begegnung zwischen zwei nicht mehr jungen Frauen an der Kasse einer Markthalle. Die eine von ihnen war früher eine Schönheit, stolz, kühl, ungebunden, auch sie so etwas wie ein Versprechen: auf ein pralles, kompromissloses Leben. Die andere war ihre Bewundererin aus der Ferne, die beobachtete, wie sie Männern mitleidlos das Herz brach, darunter auch einem Sonderling, der für sie ein ganzes Fotoalbum des Lettiparks und zu den Bildern Gedichte anfertigte.</p>
<p>Nun, 20 Jahre später an der Markthallenkasse, ist nicht nur die Schönheit verblasst &#8211; das wäre eine banale Geschichte. Sondern auch von dem einst bewunderten Stolz, von der radikalen Ungebundenheit kann die Beobachterin nichts mehr entdecken. Und fragt sich plötzlich &#8211; typische Wende einer Judith-Hermann-Geschichte -, was aus den eigenen Hoffnungen ihrer Jugend, aus den eigenen Plänen für ein pralles Leben geworden ist.</p>
<p>Eine Frage, die ich auch Judith Hermann stelle, während wir ein paar Schritte über die staubigen Wege des Parks gehen. 18 Jahre ist es jetzt her, dass sie ihren ersten Erzählungsband „Sommerhaus, später“ veröffentlichte. Ich war damals ihr Lektor im S. Fischer Verlag. Im „Café Einstein“, Kurfürstenstraße, trafen wir uns zum ersten Mal, ich erinnere mich gut an ihre Scheu. Aber auch an ihren Ernst, sobald wir über ihre Geschichten sprachen.</p>
<p>Das Buch wurde mit einer Auflage von über 600 000 Exemplaren zu einem so unerwarteten Erfolg, dass manche Kritiker sie zur poetischen Stimme ihrer Generation erklärten und verklärten, zu einer Art <em>role model</em> der damaligen Mittzwanziger. Viele junge Autoren hätten sich geaalt im Licht der Scheinwerfer, die sich auf sie richteten. Doch ihr war das nicht möglich.</p>
<p>„Ich habe mich nie als Stimme meiner Generation gefühlt“, sagt sie, „und ich hätte auch gar nicht die Kapazität gehabt, um diese Rolle auszufüllen.“ Von der plötzlich aufbrandenden öffentlichen Aufmerksamkeit war sie überfordert und außerdem zu sehr in Selbstzweifel verstrickt, als dass sie zur Generationsvordenkerin getaugt hätte. „Ich habe meine Kraft fürs Schreiben gebraucht, fürs faktische Schreiben und fürs Nachdenken darüber. Das ist anstrengend &#8211; es kostet Nerven. Und Zeit.“</p>
<p>Den tänzelnden, federleichten und doch melancholischen Ton, der ihre Leser in „Sommerhaus, später“ sofort hingerissen hat, trifft sie auch in ihrem neuen Buch. Doch ihre Figuren sind mit ihr älter geworden. Es ist nicht mehr von den Hoffnungen und Verzagtheiten des Jungseins die Rede, sondern von den ersten Zwischenbilanzen des Lebens, die zur eigenen Überraschung nicht mehr so entschieden ausfallen, wie man es von sich erwartet hätte.</p>
<div id="attachment_1835" class="wp-caption alignleft" style="width: 650px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/07/Hermann_Judith.jpg"><img class="size-large wp-image-1835" title="Hermann_Judith" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/07/Hermann_Judith-1024x768.jpg" alt="" width="640" height="480" /></a><p class="wp-caption-text">Judith Hermann (Berlin, Februar 2014) Foto: Andreas Labes</p></div>
<p>Die unabwendbaren Enttäuschungen des Älterwerdens? „Ja, auch. Aber vielleicht nicht nur das“, sagt Judith Hermann. „Früher habe ich angenommen, die Standpunkte würden sich irgendwann klären, die Unsicherheiten würden weniger werden &#8211; man käme bei sich selber an. Aber die Unsicherheiten bleiben, nichts Wichtiges wird einfacher.“</p>
<p>Vielleicht ist das die Lehre, die Judith Hermanns Geschichten bereithalten: Das endlose Spiel der Möglichkeiten, für das unsere Zeit oft gefeiert wird, ist, genau betrachtet, gar nicht lustig, sondern verdammt mühevoll und ernst. Ihre Figuren kennen zahllose Standpunkte, sie probieren sie durch. „Sich so ein Leben vorstellen“ hieß das in einer ihrer frühen Erzählungen. Und ihre Heldinnen spielten das Spiel mit wilder Begeisterung. Doch wenn alles möglich ist, ist nichts verpflichtend. Das Spiel kommt zu keinem Ende, die Suche geht immer weiter.</p>
<p>Vielleicht musste ein Park schon allein deshalb irgendwann zu einem Fixpunkt von Judith Hermanns Literatur werden. Als Sehnsuchtsort und als Hoffnungsbild. Als der Wunschtraum, irgendwann doch noch bei sich ankommen zu können. Und vielleicht ist der Lettipark, dieses nur halb reale, halb unauffindbare Grün dafür genau der richtige Platz.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Büchnerpreis 2014 für Jürgen Becker</title>
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		<pubDate>Fri, 30 May 2014 12:53:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Kehlmann]]></category>
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		<category><![CDATA[Ingo Schulze]]></category>
		<category><![CDATA[Judith Herrmann]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Herrndorf]]></category>

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		<description><![CDATA[Ängstlich und bedenkenträgerisch Heute gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt bekannt, den Georg-Büchnerpreis in diesem Jahr dem Kölner Lyriker und Prosaautor Jürgen Becker zu verleihen. Was ist von dieser Entscheidung zu halten? Als Friedrich Dürrenmatt 1986 &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=990">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Ängstlich und bedenkenträgerisch<br />
</strong></h2>
<h3><strong>Heute gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt bekannt, den Georg-Büchnerpreis in diesem Jahr dem Kölner Lyriker und Prosaautor Jürgen Becker zu verleihen. Was ist von dieser Entscheidung zu halten?</strong></h3>
<p>Als Friedrich Dürrenmatt 1986 den Büchnerpreis erhielt, sagte er bei einer der vielen Reden, die ein Büchnerpreisträger halten muss: &#8220;Preise bekommt man immer erst dann, wenn man keine mehr braucht.&#8221;</p>
<div id="attachment_992" class="wp-caption alignleft" style="width: 295px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/05/J%C3%BCrgenBecker.jpg"><img class="size-full wp-image-992" title="JürgenBecker" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/05/J%C3%BCrgenBecker.jpg" alt="" width="285" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Jürgen Becker: &quot;Wie es weiterging. Ein Durchkang - Prosa aus fünf Jahrzehnten&quot;. Suhrkamp Verlag. 21,95 Euro</p></div>
<p>Nun kann jeder Schriftsteller Preise gebrauchen, und Jürgen Becker wird für die Verwendung der Preissumme von 50.000 Euro auch etwas gutes einfallen. Da bin ich mir sicher. Gemeint hat der damals 65-igjährige Dürrenmatt mit seinem Satz aber wohl etwas anderes. Für einen etablierten Autor im Rentenalter hat ein Preis eine andere Bedeutung, als für einen jungen Autor, der noch um Anerkennung für seine Arbeit kämpfen muss. Hier kann ein wichtige Auszeichnung zugleich zu einer wichtigen Zäsur im Lebensweg und im Werk des Schriftstellers werden.</p>
<p>In der Satzung des Büchnerpreises heißt es: &#8220;Zur Verleihung können Schriftsteller und Dichter vorgeschlagen werden, die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben.&#8221;</p>
<p>Ich kenne Jürgen Becker ein wenig, er ist ein ungemein sympathischer Mann und ich freue mich für ihn, wenn er im Herbst den Büchnerpreis entgegennehmen kann. Aber bei allem Freude &#8211; ich würde nie behaupten, dass sein Werk &#8220;an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil&#8221; hat. Seine Bücher waren in den sechziger und siebziger Jahren wichtig. Vielleicht hätte man ihm in diesen Jahren den Büchnerpreis geben sollen.</p>
<p>Der Büchnerpreis hatte seine beste Zeiten den sechziger Jahren, als einige sehr frühe und mutige Entscheidungen getroffen wurden: Enzensberger, Bachmann, Grass erhielten die Auszeichnung in aufeinander folgenden Jahren (1963 &#8211; 1965), obwohl sie erst Mitte Dreißig waren. Wenn die Akademie heute den Mut hätte, sich unter den Mitte Vierzigjährigen umzuschauen, würden mir Daniel Kehlmann, Ingo Schulze, Judith Herrmann oder &#8211; postum &#8211; Wolfgang Herrndorf einfallen. Mag sein, dass die literarischen Fähigkeiten dieser Autoren nicht grenzenlos sind. Aber das sind die von Jürgen Becker oder Walter Kappacher (Büchnerpreis 2009) auch nicht. Aber die jüngeren Autoren haben einen spürbaren Einflüss auf die Gegenwartsliteratur &#8211; wie es die Büchnerpreis-Satzung verlangt. Und für sie und ihre weitere literarische Arbeit hätte diese Auszeichnung eine außerordentlich hohe Bedeutung.</p>
<p>Die diesjährige Entscheidung der Akademie ist ängstlich und bedenkenträgerisch. Mag sein, dass die Jury wegen ihrer Entscheidung für Sibylle Lewitscharoff im vergangenen Jahr (nach der &#8220;Halbwesen&#8221;-Rede Lewitscharoffs) Kritik einstecken musste. Aber ich halte es für viel angemessener, einem umstrittenen Autor den <strong>Büchner</strong>preis zuzuerkennen, als einem vollkommen Unumstrittenen, dessen Werk in der Literaturgeschichte eine größere Rolle spielt als in der literarischen Gegenwart.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Berliner Buchbetriebs-Bericht: Alice Munro</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Dec 2013 14:14:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Berliner Buchbetriebs-Berichte]]></category>
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		<category><![CDATA[Eva Menasse]]></category>
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		<category><![CDATA[Monika Maron]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Was machen Sie denn hier?&#8221; Das literarische Leben Berlins ist legendär. Was man keinem sagen muss, der je einen Blick in die Veranstaltungskalender der Stadt geworfen hat. Vollständig kann über die Szene nur der Auskunft geben, der die reizvolle Fähigkeit &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=830">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>&#8220;Was machen Sie denn hier?&#8221;</strong></h2>
<h3><strong>Das literarische Leben Berlins ist legendär. Was man keinem sagen muss, der je einen Blick in die Veranstaltungskalender der Stadt geworfen hat. Vollständig kann über die Szene nur der Auskunft geben, der die reizvolle Fähigkeit besitzt, an bis zu siebzehn Orten gleichzeitig zu sein. Mir ist das nicht gegeben, doch das hält mich nicht davon ab, mich immer wieder mal irgendwo ins Publikum zu mischen. Vielleicht ist es, dachte ich gestern, interessant oder gelegentlich sogar amüsant, über das Erlebte Auskunft zu geben. Also möchte ich mich hier hin und wieder an einem Berliner Buchbetriebs-Bericht (sog. BBbB) versuchen. Mal schaun, ob&#8217;s Spaß macht</strong>.</h3>
<div id="attachment_833" class="wp-caption alignleft" style="width: 163px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro1.jpg"><img class="size-full wp-image-833" title="Munro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro1.jpg" alt="" width="153" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Alice Munro: &quot;Liebes Leben&quot;. Erzählungen. Übersetzt von Heidi Zernig. S.Fischer Verlag, 21,99 Euro</p></div>
<p>Was würde sich zum Auftakt besser eignen, als die Buchpremiere zu Ehren einer Literatur-Nobelpreisträgerin am Tage der Nobelpreis-Verleihung? Obwohl Alice Munro gestern weder in Stockholm noch in Berlin dabei war. In Stockholm vertrat sie ihre Tochter, in Berlin lasen die Munro-Verehrerinnen Judith Hermann, Monika Maron und Eva Menasse eine Erzählung aus dem neuen Munro-Band <em>Liebes Leben</em>, umrahmt durch biographisch-literaturkritischen Vor- bzw. Nachbemerkungen von Manuela Reichart. Und zwar im Babylon-Kino, das einst in Berlin – Hauptstadt der DDR eine ähnliche Rolle spielte wie der Zoo-Palast im alten West-Berlin. Der offenbar seit Jahren hingebungsvoll konservierte leicht angestaubte Charme des Ortes gab dem Ganzen zusätzlichen Reiz.</p>
<p>„Was machen Sie denn hier?“ fragte mich die Dame, neben die ich mich setzte. Sie wollte damit, wie sich herausstellte, nicht andeuten, dass wir uns kannten. Sie wollte vielmehr ihrer Überraschung Ausdruck geben, einen Mann bei der Präsentation eines Buches einer Autorin durch vier Autorinnen zu sehen. Zur Ehrenrettung der Dame muss ich hinzufügen, der Anteil männlicher Zuhörer im Saal war tatsächlich erstaunlich gering (er ist meiner Erfahrung nach bei Lesungen jedoch nie sonderlich hoch). Mir hängt allerdings der Geschlechterdiskurs in literarischen Fragen besonders weit zum Hals heraus. Ich habe deshalb, um ehrlich zu sein, den Gedankenaustausch mit der Sitznachbarin vergleichsweise kurz gehalten. Alice Munro schreibt weder Frauen- noch Männerliteratur, sondern eben Weltliteratur aus der Perspektive einer Frau, und die sollte für jeden Menschen von Interesse sein &#8211; ebenso wie Weltliteratur aus der Perspektive eines Mannes.</p>
<div id="attachment_834" class="wp-caption alignright" style="width: 178px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro2.jpg"><img class="size-full wp-image-834" title="Munro2" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro2.jpg" alt="" width="168" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Alice Munro: &quot;Love Life&quot;. Stories. Random House US, 16.95 Euro</p></div>
<p>Das Programm war tadellos, die Anmerkungen Manuela Reicharts klug, die drei lesenden Autorinnen eindrucksvoll, die Erzählung selbst fabelhaft. Aus Alice Munros Sätzen ist auch noch der letzte Funke Eitelkeit getilgt, sie verzichtet auf alles Prunkende oder Prächtige in ihrer Sprache, ja sogar auf das heimliche Gepränge allzu demonstrativer Lakonie. Im ersten Moment kann ein unbedachter, wenig erfahrener das Leser mit Schlichtheit verwechseln. Vor ein paar Jahren legte ich an der Universität in Jena einem Seminar mit Germanistik-Studenten eine anonymisierte Erzählung Alice Munros vor und bat sie, Rezensionen darüber zu schreiben. Fast die Hälfte lieferten glatte Verrisse ab, sie hielten die Geschichte für eine dürftige Anfängerarbeit ohne die geringste Kunstfertigkeit. In Deutschland wird, fürchte ich, der Wert von Literatur noch viel zu oft nach dem Grad des sprachliches Schwulstes auf der nach oben offenen Bombast-Skala bewertet. Identifiziert hat die Autorin keiner der knapp dreißig Seminar-Teilnehmer.</p>
<p>Was diesen Punkt angeht, erwiesen sich die Ausführungen des S.Fischer-Verlagschefs Jörg Bong im Babylon als aufschlussreich: Seit etlichen Jahren verlege, sagte Bong, der S.Fischer Verlag Alice Munro, leider ohne große Auflagenerfolge. Doch nach der Nobelpreis-Nachricht im Oktober konnten, so berichtete er mit Stolz in Stimme und Blick, in nur zwei Monaten 600.000 Exemplare ihrer Bücher hierzulande an die Leserinnen und (darauf bestehe ich:) Leser gebracht werden.</p>
<div id="attachment_835" class="wp-caption alignleft" style="width: 170px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro3.jpg"><img class="size-full wp-image-835" title="Munro3" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/Munro3.jpg" alt="" width="160" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Alice Munro: &quot;Love Life&quot;. Stories. Random House US, Vintage London, 11,95 Euro</p></div>
<p>Gute Literatur, gute Nachrichten: lauter Anlässe zur Freude also. Kommt hinzu, dass die Sitze im Babylon-Kino wirklich saubequem sind, weitaus bequemer als die Stühle bei Lesungen üblicherweise. Zu allem Überfluss ließ die Kanadische Botschaft danach im Foyer noch Weißwein ausschenken, mit dem es sich der Meisterin nach Clinton, Ontario, hervorragend zuprosten ließ. Wenn die Stockholmer Akademie immer ein so gutes Händchen bei der Auswahl ihrer Laureaten erwiese, dürfte aus der Veranstaltung von mir aus gern eine feste jährliche Reihe gemacht werden.</p>
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