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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Geschmacksfragen</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Julian Rosefeldt: &#8220;Manifesto&#8221; mit Cate Blanchett</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Oct 2016 08:01:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Berliner Buchbetriebs-Berichte]]></category>
		<category><![CDATA[Geschmacksfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[André Breton]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Wahrheit der Kunst in 13 Filmen Ich bin kein Kunstkritiker, zugegeben, und es ist für jeden Schuster ein guter Rat, bei seinen Leisten zu bleiben. Wenn ich hier als Literaturkritiker dennoch meiner Begeisterung für Julian Rosefeldts hinreißende Filmkunst-Installation &#8220;Manifesto&#8221; &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2027">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Die Wahrheit der Kunst in 13 Filmen</strong></h1>
<h2><strong>Ich bin kein Kunstkritiker, zugegeben, und es ist für jeden Schuster ein guter Rat, bei seinen Leisten zu bleiben. Wenn ich hier als Literaturkritiker dennoch meiner Begeisterung für <a href="http://www.julianrosefeldt.com/pages/biography">Julian Rosefeldt</a>s hinreißende <a href="http://www.smb.museum/ausstellungen/detail/julian-rosefeldt-manifesto.html">Filmkunst-Installation &#8220;Manifesto&#8221;</a> Luft machen möchte, kann ich als Entschuldigung zumindest anführen: Unter den in den 13 Filmen verlesenen Manifeste sind etliche, die auch in den modernen Literaturgeschichte viel Wind um sich machten. Außerdem: &#8220;Manifesto&#8221; hat mir so viel Spaß gemacht, so viel sowohl intellektuelle wie sinnliche Freude bereitet, dass mir meine Schuster-Leisten-Bedenken hier einfach Schnurz sind.</strong></h2>
<div id="attachment_2028" class="wp-caption alignright" style="width: 206px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault-3.jpg"><img class="size-full wp-image-2028" title="hqdefault-3" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault-3.jpg" alt="" width="196" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">Cate Blanchett in &quot;Manifesto&quot; von Julian Rosefeld als Obdachloser</p></div>
<p>Zunächst der Datenteil: &#8220;Manifesto&#8221; ist noch bis zum 6. November im &#8220;Hamburger Bahnhof &#8211; Museum für Gegenwart&#8221; in Berlin zu sehen. Das Museum liegt nur ein paar hundert Meter vom Berliner Hauptbahnhof entfernt. Leichter kann ein Besuch kaum gemacht werden, und es lohnt sich, versprochen.</p>
<p>Die konzeptionelle Seite von Rosefeldts fabelhafter Arbeit ist schnell erklärt. Die Kunst der Moderne hat eine starke Neigung zum Manifest. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat sich alle paar Jahre irgendein Künstler daran gemacht, per manifestöser Grundsatzerklärung zu verkünden, was die wahre Kunst sei und was die falsche, wie Kunst richtig zu verstehen sei, wo die Grenze zwischen alter, überlebter und neuer, zukunftsweisender Kunst verlaufe. Undsoweiterundsofort. Man kennt diesen Ausschließlichkeits- und Alleinvetretungsanspruch, diesen illiberalen Größenwahn, der von der Moderne regelrecht gezüchtet und bejubelt wurde. Darunter eben auch einige in der Literaturgeschichte viel zitierte Manifeste von André Breton, Philippe Soupault, Paul Èluard, Louis Aragon und anderen</p>
<div id="attachment_2029" class="wp-caption alignright" style="width: 206px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault.jpg"><img class="size-full wp-image-2029" title="hqdefault" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault.jpg" alt="" width="196" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">Cate Blanchett in &quot;Manifesto&quot; von Julian Rosefeld als Lehrerin</p></div>
<p>Julian Rosefeldt lässt nun in 13 Filmen über 60 solche Manifeste ganz oder in Teilen vorlesen. Die Pointe seiner &#8220;Manifesto&#8221;-Installation ist, dass diese 13 Filme gleichzeitig auf 13 geschickt im Raum verteilten Leinwände projiziert werden. Die Manifeste fallen sich also gleichsam ins Wort, widersprechen und relativieren sich. Der ironische Gestus von Rosefeldts Arbeit wird sofort klar: Wenn auch 13 Kanälen gleichzeitig verkündet wird, was und wie Kunst in Wahrheit sei, an wird die Anmaßung, die in solchen Manifesten steckt, DIE WAHRHEIT DER KUNST zu kennen, unübersehbar.</p>
<p>Doch dies ist nur die konzeptionelle Dimension von &#8220;Manifesto&#8221;. Die sinnliche, ästhetische Dimension erst macht diese Arbeit so großartig. Rosefeldt hat &#8211; vom ersten Prologfilm abgesehen &#8211; seine 12 Filme mit überwältigender Liebe zum Detail ausgestatten und für sie spektakuläre Drehorte gefunden, die er mit viel Witz den jeweiligen Manifesten zugeordnet hat. So ist es ausgerechnet eine Trauerrednerin, die Manifeste des Dadaismus vorträgt, eine Börsenmaklerin, die die Thesen des Futurismus vertritt oder eine Arbeiterin, die ihr tristes Leben zwischen Plattenbau und Industrieanlage verbringt, die die hochfliegenden Utopien der modernen Architektur vorträgt.</p>
<div id="attachment_2030" class="wp-caption alignleft" style="width: 206px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault-1.jpg"><img class="size-full wp-image-2030" title="hqdefault-1" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/hqdefault-1.jpg" alt="" width="196" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">Cate Blanchett in &quot;Manifesto&quot; von Julian Rosefeld als Nachrichtensprecherin</p></div>
<p>Kurz: Das Ganze ist sehr sehr sehr klug und sehr sehr sehr komisch. Ich habe mich dabei erwischt, dass ich immerzu lächelnd vor Rosefeldts Leinwänden saß und staunend diese 12 filmischen Augenweiden abgraste nach den zahlosen geschickt arragierten Anspielungen und Kommentaren zu dem Exklusivitätsirrsinn der jeweils proklamierten Manifeste.</p>
<p>Aber es kommt noch ein eminentes Vergnügen hinzu: In allen 12 Filme spielt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cate_Blanchett">Cate Blanchett</a> die Verkünderin der Manifeste. Und zwar in 13 extrem verschiedenen Rollen: Als männlicher Obdachloser, Brokerin, Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, Vorstandsvorsitzende, Punkerin, Puppenspielerin, Familientyrannin am Mittagstisch, Lehrerin, Wissenschaftlerin, Trauerrednerin, Choreographin  oder Anchorwoman einer Nachrichtensendung, die zu einer Außenreporterin schaltet &#8211; die selbstverständlich auch von Cate Blanchett gespielt wird.</p>
<p>Die Virtuosität, ach was: die Genialität der Darstellerin Blanchett ist hinreißend. Nur 12 Drehtage hatte sie für &#8220;Manifesto&#8221;, ist also buchstäblich an jedem Drehtag in eine andere Haut geschlüpft und hat ihre Figuren mit überwältigender Suggestionskraft auf die Leinwand gebracht. Sie beweist &#8211; und das ist vielleicht der klügste Kunstgriff Rosefeldts &#8211; damit eine Wandlungsfähigkeit, in der man die unendliche Wandlungsfähigkeit der Kunst selbst wiedererkennen kann, die sich eben nicht von Manifesten definieren, festlegen und verhaften lässt, sondern ihren größten Reiz daraus zieht, niemals festlegbar zu sein.</p>
<div id="attachment_2031" class="wp-caption aligncenter" style="width: 959px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/csm_Rosefeldt_Manifesto_4_Querformat_1920x937_md_68c266f205.jpg"><img class="size-full wp-image-2031" title="csm_Rosefeldt_Manifesto_4_Querformat_1920x937_md_68c266f205" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/csm_Rosefeldt_Manifesto_4_Querformat_1920x937_md_68c266f205.jpg" alt="" width="949" height="464" /></a><p class="wp-caption-text">Cate Blanchett in &quot;Manifesto&quot; von Julian Rosefeld als Punkerin</p></div>
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		<title>Uwe Wittstock (Hg.): &#8220;Die Postmoderne in der deutschen Literatur&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Oct 2015 09:22:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschmacksfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein paar poetologische Lockerungsübungen Ich habe einen Reader zur sprunghaften Karriere des Begriffs &#8220;Postmoderne&#8221; in den Diskussionen zur deutschen Literatur herausgebracht. Der Band enthält Aufsätze, Essays, Artikel deutscher Schriftsteller (und eines amerikanischen Kritikers) aus den letzten Jahrzehnten, die sich Gedanken &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1393">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Ein paar poetologische Lockerungsübungen</strong></h1>
<h2><strong>Ich habe einen Reader zur sprunghaften Karriere des Begriffs &#8220;Postmoderne&#8221; in den Diskussionen zur deutschen Literatur herausgebracht. Der Band enthält Aufsätze, Essays, Artikel deutscher Schriftsteller (und eines amerikanischen Kritikers) aus den letzten Jahrzehnten, die sich Gedanken darüber machen, wie es in der Literatur weiter und über die Theoreme der klassischen Literatur hinaus gehen kann. </strong></h2>
<p style="text-align: right; padding-left: 120px;">&#8220;Eine sehr wichtige, toll ausgewählte, klug kommentierte Anthologie! Gibt zu denken: Die Moderne als ewige Untote?&#8221;      Wolfgang Ullrich</p>
<div id="attachment_1400" class="wp-caption alignright" style="width: 264px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/41882391z.jpg"><img class="size-full wp-image-1400" title="41882391z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/41882391z.jpg" alt="" width="254" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock (Hg.): &quot;Postmoderne in der deutschen Literatur&quot;. Lockerungsübungen aus fünfzig Jahren. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 24,90 Euro</p></div>
<p>Es geht los mit H.M. Enzensberger, der bei mir mit einem Aufsatz aus dem Jahr 1960 als &#8220;Erfinder der Postmoderne&#8221; firmiert. Weiter geht es mit eine erstmals vollständig dokumentierten Literatur-Debatte aus dem Jahr 1968, die von einem Aufsatz des Literaturkritikers Leslie A.Fieder über die &#8220;Todesagonie der Moderne und die Geburtswehen einer Nach-Moderne&#8221; ausgelöst wurde, und an der sich von Martin Walser bis Jürgen Becker, von Helmut Heißenbüttel Rolf Dieter Brinkmann alles beteiligte, was damals Rang und Namen hatte.</p>
<p>Darüber hinaus gibt es Aufsätze von Günter Grass, der die Neigung der Avantgardisten unter den Modernen zu totalitären politischen Gedanken kritisiert, von Christoph Ransmayr, Peter Sloterdijk, Sten Nadolny, Peter Rühmkorf, heiner Müller, Daniel Kehlmann, Klaus Modick, Dirk von Petersdorff, Ulrich Woelk, Durs Grünbein und noch einigen anderen.</p>
<p><strong>&#8220;Postmoderne in der deutschen Literatur&#8221;</strong><br />
<strong>Lockerungsübungen aus fünfzig Jahren</strong><br />
<strong>Herausgegeben von Uwe Wittstock</strong><br />
<strong>Wallstein Verlag, Göttingen.</strong><br />
<strong>412 Seiten, 24, 90 Euro</strong></p>
<p>»Die Moderne ist hundert Jahre alt. Sie gehört der Geschichte an«, schrieb Hans<br />
Magnus Enzensberger 1960 in seinem Nachwort zur Sammlung Museum der modernen<br />
Poesie. Auch wenn er hier den Begriff &#8220;Postmoderne&#8221;  noch nicht gebraucht, kann dieser<br />
Text als Beginn der Diskussion zum Thema im deutschsprachigen Raum angesehen werden, die zeitgleich auch in den USA in Gang kam. Was – mit allem Respekt – als »Moderne« verstanden wurde, schien plötzlich »ermüdet«, es konnte nun nicht mehr einfach für das Neue (Gute) im Gegensatz zum Traditionellen stehen, sondern wurde selbst in seiner Geschichtlichkeit gesehen. Aber es brauchte in Deutschland bis 1968, als der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Leslie A. Fiedler mit seinem Freiburger Vortrag über »Das Zeitalter der neuen Literatur« (auf Englisch gedruckt im »Playboy«, auf Deutsch in »Christ und Welt«) eine über Monate geführte Diskussion auslöste – und für poetologische Aufregung sorgte unter den Alten wie Robert Neumann und Hans Egon Holthusen ebenso wie unter den damals Jungen: Rolf Dieter Brinkmann, Martin Walser und Jürgen Becker. Diese Diskussion von 1968 wird hier erstmals komplett in Buchform wiedergegeben. Gefolgt von beträgen jüngerer und junger Autoren aus den 90iger Jahren und den sogenannten Nuller-Jahren.</p>
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		<title>Gespräch mit Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1251</link>
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		<pubDate>Wed, 17 Jun 2015 12:52:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschmacksfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Ullrich]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Studien am Duschgel&#8221; Wolfgang Ullrich war lange Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie in Karlsruhe und hat seine Professur jetzt zurückgegeben, um wieder als freier Autor zu arbeiten. Er ist einer der hellsten und originellsten Köpfe, die sich gegenwärtig hierzulande der &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1251">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Studien am Duschgel&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Wolfgang Ullrich war lange Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie in Karlsruhe und hat seine Professur jetzt zurückgegeben, um wieder als freier Autor zu arbeiten. Er ist einer der hellsten und originellsten Köpfe, die sich gegenwärtig hierzulande der Kunsttheorie widmen. In mehreren Studien ging Ullrich der Frage nach, welchen Folgen diese schier grenzenlose Aufwertung und Befreiung der Kunst für die Kunst selbst hat. <em>Tiefer hängen</em> ist der Titel eines seiner Bücher und zugleich wohl als Ratschlag zu verstehen angesichts der Glorifizierungsbereitschaft, die den Kunstbetrieb inzwischen prägt. An der so oft wie inständig beschworenen Macht der Kunst zweifelt er: „Im Drogeriemarkt lässt sich mehr über unsere Gesellschaft lernen als im Museum für zeitgenössische Kunst“. Ich habe ihn in Leipzig zu einem Gespräch getroffen. Es wurde am 16. Mai 2015 im Nachrichtenmagazin <em>Focus </em>in gekürzter Form gedruckt. Hier ist es in voller Länge und Schönheit zu besichtigen.</strong></h2>
<div id="attachment_1255" class="wp-caption alignright" style="width: 199px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/06/11822594z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1255" title="11822594z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/06/11822594z-189x300.jpg" alt="" width="189" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Ullrich: &quot;Tiefer hängen. Über den Umgang mit der Kunst&quot;. Wagenbach Verlag, 11,90 Euro</p></div>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> Der Kunst wird viel zugetraut. Angeblich läutert sie die Menschen durch ästhetische Erziehung oder ist eine fundamentale Gegenwelt zur schnöden Realität oder liefert radikal neue, revolutionäre Ideen oder trägt zur quasireligiösen Sinnstiftung bei. Ist das nicht ein bisschen viel? Kann sie solche Erwartungen erfüllen?</p>
<p><strong>Wolfgang Ullrich:</strong> Ja, das ist offensichtlich zu viel. Manchmal kommt es mir vor, als stellten Kunsttheoretiker solche pauschalen Behauptungen auf, um die Bedeutung ihres eigenen Metiers möglichst gewichtig erscheinen zu lassen. Zunächst muss man aber unterscheiden, welche Kunstgattung welche Wirkungen erreichen kann. Jeder hat sicher schon einmal erlebt, wie sehr ihn Musik ergriffen hat. Darin kann man eine – vielleicht vorübergehende – Läuterung der Zuhörer sehen. Ähnliches kann mit Film, Oper, Theater gelingen. Doch wäre es Unsinn, eine vergleichbare Wirkung von einer Ausstellung, einer Skulptur oder der Architektur zu erwarten. Literatur dagegen eignet sich, neue Ideen oder Lebenshaltungen durchzuspielen. Weil einzelne Künste manches ganz gut können, entsteht der Eindruck, „die“ Kunst könnte nahezu alles. Aber das ist eine klare Überforderung.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Woher kommen diese übergroßen Erwartungen?</p>
<p><strong>Wolfgang Ullrich:</strong> Noch vor 250 Jahren war die Kunst fast ausschließlich eine Sache der Adligen. Sie vergaben Aufträge an die Künstler, unterhielten Orchester oder besaßen Kunstsammlungen. Der Adel schmückte sich mit der Kunst, auch um seinen Herrschaftsanspruch zu unterstreichen. Die Bürger versuchten sich dagegen zu behaupten, indem sie betonten, für sie sei Kunst weniger Besitz und Schmuck als vielmehr ein enormes inneres Erlebnis. Und um dieses innere Erleben der Kunst noch weiter aufzuwerten, wurde es in der Kunsttheorie gern als lebens- oder weltverändernde Kraft beschrieben. Das wurde dann zum Maßstab für den Umgang mit der Kunst: Wer erlebt am meisten? Wer kann ihr am meisten Sinn abgewinnen. Wer entdeckt in ihr die revolutionärsten Ideen?</p>
<div id="attachment_1256" class="wp-caption alignleft" style="width: 199px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/06/40818541z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1256" title="40818541z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/06/40818541z-189x300.jpg" alt="" width="189" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Ullrich: &quot;Des Geistes Gegenwart. Eine Wissenschaftspoetik&quot;. Wagenbach Verlag, 11,90 Euro</p></div>
<p><strong>Wittstock: </strong>Für die Adligen war der Künstler ein Handwerker und Entertainer. Für den Bürger ein Genie, das alle Regeln sprengte?</p>
<p><strong>Wolfgang Ullrich:</strong> Ja, der Adel rechtfertigte seine Herrschaft durch Stammbäume, die über Jahrhunderte zurückreichten. Der Bürger hatte keinen Stammbaum, er war ein Individuum, und das wurde damals als Defizit empfunden. Deshalb nahm der Bürger sich den Künstler als Vorbild, der als Individuum große Werke schuf und sich dabei nur auf sich selbst berief. Der wurde zum Genie stilisiert, das ganz aus sich heraus, ohne Rückhalt, große Werke vollbrachte.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Hat die Kunst in unserer Gesellschaft heute an Bedeutung verloren?</p>
<p><strong>Wolfgang Ullrich:</strong> Das hängt davon ab, was man unter Bedeutung versteht. Der Kunstmarkt hat in den letzten Jahren eine ungeheure Ausweitung und Aufwertung erlebt. Auch die Zahl der großen Ausstellungs-Events – wie der Documenta – ist gewachsen, ebenso die Zahl der Besucher. Andererseits richtet sich die Gesellschaft heute nicht mehr so stark nach dem Geschmack oder den Überzeugungen von Malerfürsten oder Dichterfürsten aus, wie das früher einmal der Fall war. Die Rolle als Orientierungsfiguren haben die Prominenten und die Stars übernommen – unter denen manchmal auch Künstler zu finden sind.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Auch die öffentliche Hand gibt nach wie vor eine Menge Geld für die Kunst aus: Museen werden gebaut, Theater finanziert, Kunsthochschulen unterhalten. Das zeigt, wie tief die Überzeugung sitzt, Kunst sei für die Gesellschaft insgesamt sehr wichtig.</p>
<p><strong>Wolfgang Ullrich:</strong> Ja, ohne die Vorstellung von einer lebensverändernden und sinnstiftenden Kraft der Kunst lässt sich das alles nicht erklären. Auch die zahllosen Aktionen der Kulturvermittlung zielen letztlich darauf, möglichst viele Menschen mit der Kunst in Berührung zu bringen, damit die Kunst auch an ihnen ihre segensreiche Wirkung entfalten kann. Da haben sich Kunstreligion und Sozialdemokratie miteinander verbündet.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Sie schreiben, Theorien im allgemeinen, aber damit natürlich auch Theorien über Kunst könnten niemals wahr sein. Es sind immer nur Interpretationen, die uns einleuchten oder nicht, und die schnell durch andere Interpretationen ausgetauscht werden können. Warum können wir uns dann die Mühe der Interpretationen nicht sparen?</p>
<div id="attachment_1258" class="wp-caption alignright" style="width: 198px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/06/22815294z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1258" title="22815294z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/06/22815294z-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Ullrich: &quot;Gesucht: Kunst!. Das Phantombild eines Jokers&quot;. Wagenbach Verlag, 14,90 Euro</p></div>
<p><strong>Wolfgang Ullrich:</strong> Weil unsere Welt sehr arm wäre ohne unsere Interpretationen. Wir brauchen ja Orientierung, die stellt sich nicht von alleine her. Diese Orientierung liefern uns die Interpretationen oder Theorien, denen wir folgen können. Wir können nicht leben ohne Interpretation, nicht ohne für uns eine sinnvolle Ordnung ins Leben zu bringen. Das ist wichtig und eine ernste Sache. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es keinen allgemeingültigen Sinn gibt. Jeder von uns legt sich seinen zurecht, aber er kann dafür nicht mehr Wahrheit beanspruchen als andere für ihren.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Nach verbreiteten Vorstellungen der Moderne hat Kunst autonom, also unabhängig zu sein und nur ihren eigenen Gesetzen zu folgen. Ist eine solche totale Unabhängigkeit überhaupt möglich?</p>
<p><strong>Wolfgang Ullrich:</strong> Streng genommen nicht. Es gibt nichts, das voraussetzungslos wäre. Also kann es auch kein Kunstwerk geben, das frei von Voraussetzungen und damit Abhängigkeiten wäre. Aber die Idee von der Autonomie der Kunst ist dennoch wichtig: Damit gewinnt die Kunst einen Raum der Immunität, in dem sie weitgehend frei ist. Im Museum oder auf der Theaterbühne bedeuten die Dinge etwas anderes, als wenn sie im Alltag stattfinden. Künstler können in diesem autonomen Freiraum Sachen ausprobieren, die unnütz, schockierend, verspielt oder auch skandalös sind, ohne dass sie gleich mit den Maßstäben des alltäglichen Lebens gemessen werden. Die Kunst ist das Als-ob. Auf der Bühne darf man so tun, als ob man jemanden ermordet, ohne in Verdacht zu geraten, kriminell zu sein. Jonathan Meese darf in Rahmen einer Performance den Hitlergruß machen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Halten sich die Künstler denn an diesen Freiraum? Einer der wichtigsten Surrealisten, André Breton, schrieb einmal, der einfachste surrealistische Akt sei es, mit Revolvern aus dem Haus zu treten und blind in die Menschenmenge zu feuern.</p>
<p><strong>Wolfgang Ullrich:</strong> Ja, manche Avantgardisten betrachteten sich als autonome Künstler, wollten aber die Trennlinie zwischen Kunst und Leben beseitigen. Die Gesellschaft sollte sich ihren Vorstellungen unterwerfen. Damit bekam die Avantgarde brutale und diktatorische Züge. Piet Mondrian zum Beispiel reduzierte in seinen Bildern alles auf rechte Winkel und die Grundfarben – und forderte, alle Menschen müssten nach diesen Formprinzipien leben, nur so könne eine gute Welt entstehen. In solchen Fällen wird Kunst gefährlich. Dann muss man die Künstler daran erinnern, dass sich ihre Freiheit auf den Kunstraum beschränkt.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Kunstwissenschaftler sind, schreiben Sie, hauptsächlich damit beschäftigt, Kunstwerke als besonders bedeutend und bewundernswert hinzustellen. Sie steigern also den Wert auf dem Kunstmarkt. Das kritische Urteil ist unter Wissenschaftlern fast ausgestorben. Muss ich den Wissenschaftlern also konsequent misstrauen, da sie mit ihrer Arbeit ohnehin nur die Kunstpreise hochtreiben?</p>
<p><strong>Wolfgang Ullrich:</strong> Das ist eine seltsame Selbstbeschränkung viele Kunstwissenschaftler. Vielleicht entsteht sie auch durch Gewohnheit oder Gedankenlosigkeit: Kunstwerke werden von ihnen nahezu unterschiedslos gefeiert. Dabei sind sie fast die Einzigen im Kunstbetrieb, die auch die Freiheit haben, differenziert zu werten und Schwaches schwach zu nennen. Museumsdirektoren müssen die Bedeutung ihrer Sammlung herausstreichen, das ist ihre Aufgabe. Autoren von Auktionskatalogen sind dazu gezwungen, die angebotene Kunst zu loben und für bedeutsam zu erklären. Der staatlich bestallte und bezahlte Kunsthistoriker jedoch ist frei im Urteil – und mich wundert, weshalb diese Freiheit so selten genutzt wird.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Nicht nur die Kunst bereichert das Leben mit ästhetischen Erfahrungen. Viele Konsumgüter leisten das auch. Ich denke an Steve Jobs, der mit nahezu religiöser Inbrunst die Schönheit von iPhone, iPad, iPod feierte. Kann ich als ästhetisch interessierter Zeitgenosse also auch auf Kunst verzichten und mich stattdessen an der Ästhetik hübscher Alltagsgeräte erfreuen?</p>
<div id="attachment_1257" class="wp-caption alignleft" style="width: 199px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/06/36840193z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1257" title="36840193z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/06/36840193z-189x300.jpg" alt="" width="189" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Ullrich: &quot;Alles nur Konsum. Kritik der warenästhetischen Erziehung&quot;. Wagenbach Verlag, 12,90 Euro</p></div>
<p><strong>Wolfgang Ullrich:</strong> Wer sich heute mit Ästhetik beschäftigt, um seine Gegenwart besser zu verstehen, sollte tatsächlich lieber in einen Baumarkt oder einen Supermarkt gehen als ins Museum. Was dort an ästhetisch gestalteten Produkten präsentiert wird, sagt sehr viel mehr über unsere Gesellschaft, unsere Werte, unser Denken, als es die Kunst tut. Gerade wenn Kunst autonom sein will, ist sie kein guter Seismograph für das, was die Gesellschaft an- und umtreibt. Sie folgt einer eigenen Logik, wogegen die Produkte, die uns in Supermärkten angeboten werden, durch aufwendige Marktforschung auf die Bedürfnisse der Gegenwart zugeschnitten sind. Da fließt in codierter Form enorm viel ein von den Wünschen und Werten einer Zeit – und lässt sich von den Produkten wieder ablesen. Bei der genauen Betrachtung eines Regals mit Duschgels im Drogeriemarkt zum Beispiel lässt sich mehr über unsere Gesellschaft lernen als durch ausführliche Studien im Museum für zeitgenössische Kunst. Es gibt Duschgels für jedes Milieu: für Aussteiger, für Liebhaber des Landlebens, für konkurrenzorientierte Leistungsträger, für verantwortungsbewusste Naturschützer usw.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Ist der ästhetische Genuss an einem Konsumgut nicht letztlich doch profaner als der an einem Kunstwerk? Ein Beispiel: Ich kann mich an der Schönheit des Kölner Doms erfreuen, ohne dass der Dom mir gehört. Aber seltsamerweise freuen sich die meisten Leute erst dann am iPhone, wenn sie eines besitzen.</p>
<p><strong>Wolfgang Ullrich:</strong> Es gehörte zu den Grundüberzeugungen der Moderne, dass ein Kunsterlebnis nur dann wirklich rein und stark ist, wenn es nicht getrübt wird durch das Bedürfnis, das entsprechende Werk zu besitzen. Es ging, wie Kant es nannte, um das „interesselose Wohlgefallen“ an der Kunst. Das ist aus der Sicht des besitzlosen Bildungsbürgertums gedacht und einmal mehr gegen den Adel gerichtet gewesen. Dagegen steht die Erfahrung, dass viele sich einem Kunstwerk erst dann intensiv verbunden fühlen, wenn sie es besitzen, es nutzen und frei mit ihm umgehen können. Eigentlich liegt doch auf der Hand, dass mein ästhetische Genuss größer oder zumindest ein anderer ist, wenn ich das, was ich schön finde, auch besitzen und so in meinem Alltag erleben kann.</p>
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		<title>Maxim Biller und Dietmar Dath</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Feb 2014 11:18:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschmacksfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
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		<category><![CDATA[Dietmar Dath]]></category>
		<category><![CDATA[Maxim Biller]]></category>

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		<description><![CDATA[Das heiligste Tabu der deutschen Literatur „Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so unglaublich langweilig?“ fragt der wackere Randalierer Maxim Biller gestern in der Zeit. Und heute stimmt ihm Dietmar Dath in der FAZ in einer „Entgegnung“, die mit Entgegnung nichts &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=951">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Das heiligste Tabu der deutschen Literatur</strong></h2>
<h3><strong>„Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so unglaublich langweilig?“ fragt der wackere Randalierer Maxim Biller gestern in der <em>Zeit</em>. Und heute stimmt ihm Dietmar Dath in der <em>FAZ</em> in einer „Entgegnung“, die mit Entgegnung nichts zu tun hat, weitgehend zu. Es ist jetzt gut 20 Jahre her, dass ich über die Neigung der deutschen Gegenwartsliteratur zu gepflegter Langeweile schrieb. (zum Beispiel hier: <a href="http://uwe-wittstock.de/0000009b611323225/index.htm">http://uwe-wittstock.de/0000009b611323225/index.htm</a>) Wenn Biller und Dath nun ins weitgehend gleiche Horn stoßen, müsste mir das recht sein. Ist es aber nicht. Oder nur mit dicken Einschränkungen.</strong></h3>
<p>Diese Einschränkungen lassen sich kurz zusammenfassen: Zum einen, sind die Gegenwartsromane (und nur von denen ist bei Biller und Dath die Rede, nicht von Lyrik, Drama oder sonstwas) inzwischen gar nicht mehr so langweilig, wie die beiden behaupten. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich im deutschen Gegenwarts-Erzählen viel getan. Von Mosebach bis Kehlmann, von Wolfgang Herrndorf bis Ferdinand von Schirach, von Ingo Schulze bis Judith Hermann, von Lukas Bärfuss’ <em>Hundert Tagen</em> bis Eugen Ruges <em>Zeiten des abnehmenden Lichts</em> und <em>Capo de Gata</em> sind in der jüngsten Zeit eine Menge Romane und Short-Stories erschienen, denen man manches nachsagen kann, nicht aber, dass sie langweilig sind.</p>
<div id="attachment_957" class="wp-caption alignleft" style="width: 104px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/leselust1.jpg"><img class="size-full wp-image-957" title="leselust" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/leselust1.jpg" alt="" width="94" height="160" /></a><p class="wp-caption-text">Jetzt 20 Jahre alt: Uwe Wittstock: &quot;Leselust. Wie unterhaltsam ist die deutsche Literatur&quot;. Luchterhand Verlag 1994. Bei ZVAB unter: http://www.zvab.com/basicSearch.do?anyWords=&amp;author=Wittstock&amp;title=Leselust&amp;check_sn=on</p></div>
<p>Zum anderen finde ich Billers Attacke seltsam, weil sie das einzig mögliche Heil für die jüngere deutsche Literatur ausschließlich aus der Feder von Schriftstellern erwartet, deren Muttersprache nicht das Deutsche ist. Da Biller selbst zunächst mit Russisch und Tschechisch aufgewachsen und erst später ins Deutsche hineingewachsen ist, glaube ich zu ahnen, wie er auf seine These verfallen ist. Aber eine überzeugende Begründung liefert er in seiner Polemik nicht, sondern setzt die These schlicht als Tatsache voraus. (Alter Taschenspielertrick.)</p>
<p>Wenn die deutsche Literatur heute angeblich dürftig ist, liegt das in Billers Augen daran, „dass die – wenn man so will – gesellschaftlichen und intellektuellen Produktionsmittel nach wie vor in den Händen der Autochthonen liegen. Kritiker, aber auch Verleger, Lektoren und Buchhändler sind zu 90 Prozent Deutsche. Die, als echte oder habituelle Christen, als Kinder der Suhrkamp-Kultur und Enkel von halbwegs umerzogenen Nazisoldaten, bestimmen, was gedruckt wird und wie, sie sagen, was bei Hugendubel, Thalia und Dussmann auf die alles entscheidenden Verkaufstische kommt, sie zahlen die Vorschüsse, sie verleihen die Preise, sie laden als Verleger zum Abendessen ein.“</p>
<p>Hier bastelt Biller an einer klassischen Verschwörungstheorie: Die Deutschen sind einfach zu blöde, um zu begreifen, was gute Literatur ist. Oder um es mit dem Kritiker Christoph Schröder zu sagen: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, „dass ein Haufen von Nazis in deutschsprachigen Verlagen und Lektoraten die wilde, ungezähmte und wirklichkeitsnahe Migrantenliteratur verhindert“.</p>
<div id="attachment_960" class="wp-caption alignright" style="width: 235px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/Biller.jpeg"><img class="size-medium wp-image-960" title="Biller" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/Biller-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Maxim Biller: &quot;Letzte Ausfahrt Uckermark&quot;. In der &quot;Zeit&quot; vom 20. Februar</p></div>
<p>Billers Beschreibung der personellen Lage im deutschen Literaturbetrieb ist zwar meines Erachtens richtig: 90 Prozent der entscheidenden Literaturbetriebs-Positionen werden von – um Billers Vokabel zu benutzen – gutbürgerlichen Autochthonen besetzt. Aber was er unterschätzt, ist die Neigung, wenn nicht die Leidenschaft des intellektuellen Bürgertums zur Selbstkritik, ja zum Selbsthass. Biller tut so, als wolle das Milieu der Literaturbetriebsangehörigen nichts anders lesen als Romane, die exakt abgestimmt sind auf die Erwartungen des Literaturbetriebsangehörigenmilieus.</p>
<p>Das mag bei einigen der Angehörigen dieses Milieus so sein, vielleicht sogar bei einer Mehrheit davon. Aber jeder, der den Literaturbetrieb kennt, weiß, dass es gerade hier immer hoch empfindsame und neugierige Quertreiber gibt, die sich nichts sehnlicher wünschen, als Schriftsteller, die den eingeschliffenen Erwartungen des Betriebs widersprechen. Sie fallen vor jedem Nachwuchsautor auf die Knie, der etwas Neues, Unerwartetes, Widerspenstiges versucht &#8211; auch wenn dieser Nachwuchsautor ein Migrant ist. Die Opposition gegen das Kultur-Milieu ist längst fester Bestandteil des Kultur-Milieus geworden.</p>
<p>Meine These zur Langeweile beim Lesen deutscher Romane war vor 20 Jahren eine andere: Ich glaubte (und glaube), dass sich Verleger, Kritiker, Lektoren damals zu lange an einigen abgenutzten und normativ gewordenen Spielregeln der Moderne festgehalten hatten: Die Vorstellung, die Romanliteratur, dürfe ihr ästhetisches Glück ausschließlich bei Sprachexperimenten oder formaler Innovation suchen (was manchmal auch ganz schön ist), hielt ich für falsch. Stattdessen plädierte ich dafür, daneben genauso Romane ästhetisch gelten zu lassen, das sich von diesen erschöpften Forderungen der Moderne losmachen und wieder Anschluss suchen an ein traditionelles Erzählen. Ein Erzählen, für das Handlung, Plot, Dramaturgie wichtige (aber nicht die einzigen) Punkte der ästhetischen Überlegungen sind.</p>
<p>Das hat mir damals zwar eine Menge Widerspruch eingetragen, aber auch die Erfahrung, dass man im Literaturbetrieb nie alleine steht, wenn man gegen die Ansichten der Betriebs-Mehrheit aufmuckt. Gern hätte ich mich damals zum einsamen, aber aufrechten Rufer in der Wüste stilisiert – konnte aber feststellen, wie rasch ich Teil eines kleinen, anwachsenden Wüsten-Chores wurde. Heute ist, was damals zu Stürmen im Literaturbetriebs-Wasserglas führte, weitgehend selbstverständlich geworden und kann nur noch komplett geschichtsvergessenen Dogmatiker der literarischen Moderne in Erregung versetzen.</p>
<div id="attachment_959" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/Dath.jpeg"><img class="size-medium wp-image-959" title="Dath" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/02/Dath-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Dietmar Dath: &quot;Weißbrote erzählen&quot;. Heute im Feuilleton der FAZ. Angeblich eine Erwiderung auf Billers Aufsatz &quot;Letzte Ausfahrt Uckermark&quot;</p></div>
<p>Ende der Abschweifung, zurück zu Biller und Dath: Das Heil der Literatur ausschließlich von Autoren zu erwarten, die aus einem Sprachraum in einen anderen wechselten, ist offensichtlicher Unsinn. Interessanter ist dagegen eine Beobachtung von Dath: Nämlich dass, wenn man länger mit jüngeren deutschen Schriftstellern spricht, sie kaum von deutschen Autoren als Vorbildern reden, sondern von Autoren wie „Don Winslow, Zadie Smith oder Toh EnJoe“ und außerdem von „Fernsehserien, Filmen und Platten“.</p>
<p>Einmal abgesehen davon, dass ich keinen Schimmer davon habe, wer Toh EnJoe ist (zugegeben, das ist mein Fehler, Wikipedia teilt mir eben mit, es sei ein japanischer Autor, der vor allem „speculativ fiction or science fiction&#8221; schreibe), teile ich Daths Beobachtung: Bei Bier oder Wein spät abends in der Kneipe wird unter Autoren, aber auch unter Kritikern und Lektoren, nicht mehr über Klassiker der Moderne gestritten, sondern von Philip Roth und Jonathan Franzen geschwärmt, von Umberto Eco und García Márquez, von den <em>Sopranos</em> und von <em>House of Cards</em>.</p>
<p>Bemerkenswert daran ist in meinen Augen, wie eng die Verbindung zwischen diesen Autoren und Serien zu den Formen des traditionellen Erzählens sind. Bei Genre-Büchern wie den Krimis von Don Winslow oder Genre-Serien wie <em>Sopranos</em> liegt die Verbindung auf der Hand. Aber auch bei den anderen genannten Autoren scheint sie mir unabweisbar: Es sind Schriftsteller, die, ohne ihre künstlerischen Intentionen und Ambitionen zu verraten, darüber nachdenken, wie sie ihre Romane so erzählen können, dass sie bei Lesern Interesse wecken. Horribile dictu: Ohne ihre ganz persönlichen künstlerischen Ziele aus den Augen zu verlieren, denken sie beim Schreiben ans Publikum!</p>
<p>Das scheint mir bis heute das heiligste Tabu des ambitionierten deutschen Literaturbetriebs und des Feuilletons zu verletzten: Einem Romanschriftsteller zu raten, beim Schreiben auch mal an erprobte Mittel und Tricks zu denken, mit denen er die Aufmerksamkeit seiner Leser wach halten und fesseln kann. Dabei liegt das gerade bei der Romanliteratur nahe: Keine andere der üblichen Literaturformen verlangt vom Leser, so viel Lebenszeit zu investieren, wie der Roman. Ist es da ganz falsch, wenn er vom Roman im Gegenzug erwartet, gut unterhalten zu werden? Beziehungsweise, dass er ihn beiseite legt, wenn er sich – um Biller zu zitieren – nach ein paar Seiten als „unglaublich langweilig“ erweist?</p>
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		<title>Mails sonder Zahl</title>
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		<pubDate>Sat, 08 Feb 2014 16:44:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschmacksfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Sonderzahl Verlag]]></category>

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		<description><![CDATA[Als der kleine Sonderzahl Verlag mal riesengroß auftrat Ich verdanke dem Wiener Sonderzahl Verlag einen äußerst unterhaltsamen Samstag. Offenbar hat ein Mitarbeiter des Verlags am Freitagabend per Mail-Verteiler eine Routine-Anfrage an alle bekannten Literaturkritiker verschickt: Ob sie die Programmvorschau künftig &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=935">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Als der kleine Sonderzahl Verlag mal riesengroß auftrat</strong></h2>
<h3><strong>Ich verdanke dem Wiener Sonderzahl Verlag einen äußerst unterhaltsamen Samstag. Offenbar hat ein Mitarbeiter des Verlags am Freitagabend per Mail-Verteiler eine Routine-Anfrage an alle bekannten Literaturkritiker verschickt: Ob sie die Programmvorschau künftig digital oder in Papierform erhalten möchten. Der unglückselige Mitarbeiter hat allerdings &#8211; vermutlich irrtümlicherweise &#8211; dafür gesorgt, dass jede Antwort auf diese Anfrage an sämtliche Adressen des Kritiker-Verteilers weitergeleitet wurde. Und danach offenbar den Arbeitsplatz in Richtung Wochenende verlassen, ohne auf den Rücklauf zu achten.</strong></h3>
<p>Mit dem Ergebnis, dass sich in diesem Kritiker-Verteiler in kürzester Zeit eine herrliche Mail-Lawine entwickelte: Es wurde nicht nur jeder Kritiker darüber unterrichtet, wie seine Kollegen die Sonderzahl-Vorschau zu Kenntnis zu nehmen wünschen, ob elektronisch oder analog. Nein, der rasant anschwellende Mail-Gesang informierte auch in Echtzeit über die Nervenstärke der hochverehrten Mit-Kritiker. Freitagabend waren es schon rund 50 Mails in meinem Verzeichnis, Samstagfrüh dann noch einmal 75. Solcher Mitteilungsflut stand mancheiner der sonst so souverän urteilenden Literaturkenner nicht völlig gelassen gegenüber.<br />
Es begann zunächst, wie sich das für Kritiker gehört, fragend und um Aufklärung bemüht:</p>
<p><em>Aber warum bekomme ich ständig die Antwortmails an diesen Sonderzahl-Verlag geschickt? Scheint irgendetwas falsch verdrahtet zu sein.</em></p>
<p>Doch bald schon wurde der Ton schärfer:</p>
<p><em>Erstens brauche ich Ihre Vorschau weder auf Papier noch digital &#8211; zweitens brauche ich auf gar keinen Fall alle Meldungen Ihres Verteilers in cc.</em><br />
<em>Etwas genervt</em></p>
<p>Dann wurde der scharfe Ton knapper:</p>
<p><em>Bitte diesen Irrsinn abstellen!</em></p>
<p><em></em>Auch die Zahl der Ausrufezeichen nahm rasant zu:</p>
<p><em>Es reicht jetzt!!!</em></p>
<p>Und:</p>
<p><em>unerhört!!!</em></p>
<p>Das für Kritiker berufsnotwendige Temperament machte sich in Versalien bemerkbar:</p>
<p><em>Ich brauche ab sofort NULL Information von Ihnen.</em></p>
<p><em></em>Der Verlag Sonderzahl wird wohl künftig damit rechnen müssen, für einige Literatursachverständige nicht allein seines Programms wegen zu einem festen Begriff geworden zu sein:</p>
<p><em>diese sonderzahl geht mir irgendwie auf den nerv kann man das abstellen</em><br />
<em>bitte hören sie alle auf, meinen mailbriefkasten zuzufüllen &#8230; zum letzten</em><br />
<em>mal.</em><br />
<em>Keine Mails mehr von Sonderzahl! </em></p>
<p>Doch nun meldeten sich die Analytiker unter den Lawinenopfern zu Wort:</p>
<p><em>Ein Wort zur Güte: Begreifen Sie denn nicht, Sonderzahl hat einen dilettantischen IT-Fehler gemacht. Sie können das nicht, die eMail-Massenversände. Anstatt die Adressdatei ins BC  zu setzen, haben die ihre ganze Adressdatei als Empfängerfeld eingesetzt. Jeder der antwortet, antwortet allen, Sie könnes es in der Tat nur stoppen, wenn Sie schweigen. Anders geht es nicht, die Antworten werden automatisch multipliziert und an alle geschickt!<br />
</em></p>
<p>Eine Schweige-Aufforderung an Kritiker zu verschicken, ist freilich eine heikle Sache. Sie erwies sich, selbstverständlich, als nicht erfolgreich. Vielmehr wurden sogar Angebote zur grenzüberschreitenden Entwicklungshilfe wurden gemacht:</p>
<p><em>Sonderzahl sollte vielleicht endlich mal reagieren vielleicht eine kleinen Nachtschicht einlegen, einen IT-Spezialisten engagieren, etwas unternehmen. Ich kann sonst vielleicht einen IT-Studenten aus der Schweiz schicken <img src='http://blog.uwe-wittstock.de/wp-includes/images/smilies/icon_smile.gif' alt=':-)' class='wp-smiley' />  </em></p>
<p>Naturgemäß fand sich in der Schar der hochtrainierten Rezensenten bald einer, der den kultur-, zivilisations- und zeitkritischen Aspekt der Angelegenheit in angemessen düster-melancholischen Ton herausarbeitete.</p>
<p><em>Liebe ( und zum Teil sehr aufgebrachte) Kolleginnen und Kollegen,</em><br />
<em>gerade bin ich nach Hause gekommen und habe nochmals in meine Berufs-Mail geschaut &#8211; inzwischen finden sich dort Aberdutzende von Sonderzahl-Antwort-Mails. Ich kann Sie nur bitten, die Sache gelassen hinzunehmen &#8211; und vor allem den engagierten kleinen Verlag nicht fortwährend zu beschimpfen und ihm mit Liebesentzug zu drohen.</em><br />
<em>Was hier abgeht, ist ganz einfach: Es ist der Sieg der alles platt walzenden Eigendynamik von digitaler Kommunikation über jeden/jede von uns &#8211; den Verlag selbst eingeschlossen. Irgendetwas &#8211; keine Ahnung, was &#8211; ist auf dem Sonderzahl-Server oder bei der Programmierung der Mail schiefgelaufen. Der Verlag selbst ist &#8211; logischerweise &#8211; nicht mehr besetzt, kann also nicht eingreifen. Also rotiert das System selbstherrlich vor sich hin und zeigt uns exemplarisch, was wir als E-Mailer &amp; I-Phoner &amp; Smartphoner wirklich sind: Objekte einer längst sich selbst bestätigenden &amp; eben gelegentlich auch außer Rand &amp; Band geratenden Kommunikation.</em></p>
<p>Das war in seiner analytischen Brillanz derart adornomäßig unübertrefflich, dass die weiteren Kommentare zwangsläufige einen anderen Aspekt ins Gespräch bringen mussten, um überhaupt noch Punkte machen zu können:</p>
<p><em>Sehr geehrte Damen und Herren des Sonderzahl-Verlags,</em><br />
<em>vielleicht ist es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, aber mit einer Rundmail von Freitag, Ihren Vorschauversand betreffend, haben Sie den deutschsprachigen Literaturbetrieb erfolgreich gegen sich und die Produkte Ihres Hauses aufgebracht. Zu diesem speziellen Beitrag zum Wiener Aktionismus kann man nur gratulieren. Man wäre Ihnen für die Beendigung  der Aktion allmählich aber dankbar.</em></p>
<p>Damit war das Stichwort gefallen, dem einer Kritiker-Versammlung &#8211; wie virtuell sich auch immer sein mag &#8211; einfach nicht widerstehen kann. Ist es möglich, das kleine Kommunikations-Desaster unter künstlerischer Hinsicht betrachten? Ist es vielleicht sogar möglich, es sich mit salbungsvollen Zitaten (samt Fußnoten) garnieren und menschelnde Lebensweisheiten daraus zu destillieren?</p>
<p><em>Liebe Leidensgenossinnen und Leidensgenossen <img src='http://blog.uwe-wittstock.de/wp-includes/images/smilies/icon_wink.gif' alt=';-)' class='wp-smiley' /> &#8230;</em><br />
<em>lassen sie es uns mal als unfreiwilliges Experiment und Kunstaktion betrachten. Hier ein Gedanke zum Thema &#8211; von Marina Abramovic:</em><br />
<em>&#8220;Die Geschwindigkeit unseres Lebens beschleunigt sich am Ende dieses Jahrhunderts immer mehr. Unsere Konzentrationsspannen werden immer kürzer. Unsere Kinder Zippen </em>(!)<em> sich durch die Fernsehprogramme (und wir uns analog dazu durch die Apps). Eine Folge davon ist, dass wir immer rastloser und neurotischer werden. Der Mensch sollte wieder ins Nichtstun investieren. Es ist wie bei einer Bank: je mehr man investiert, desto mehr bekommt man zurück. In diesem Fall ist die Zeit das Investment&#8221;. (aus Double Edge, Kunstmuseum Kanton Thurgau). </em><br />
<em>wenn es also einen Supergau gibt&#8230;</em><br />
<em>nehmen wir es gelassen&#8230;</em><br />
<em>denken darüber nach&#8230;</em><br />
<em>und schmeissen das Handy und/oder den Computer den Berg runter..</em><br />
<em>vielleicht hilfts ja..</em></p>
<p>Um ganz offen zu sein: Ich haben leise Zweifel daran, ob die Autorin dieser Anregung der eigenen Aufforderung Taten folgen und ihre IT-Ausrüstung der Schwerkraft überließ. Selbst die Urheber solcher Lebensweisheiten wollen so lebensweise dann doch nicht sein. Aber solchermaßen künstlerisch auf Trapp gebracht, war dann auch die ersten sprachlich rundum gelungene Reaktionen zu bestaunen. Die erste betrachtete den ganzen Vorgang streng unterm Gesichtspunkt moderner Kunst, die bekanntlich ja immer streng im Gegensatz zu dem schlechten Zustand der Realität stehen und eine Gegenwelt errichten soll:</p>
<p>&#8230;wenn es Kunst ist, ist es okay, wenn es okay ist, kann es keine Kunst sein und wenn es nicht okay ist, ist es eben doch Kunst &#8211; man kommt da gar nicht raus&#8230;</p>
<p>Die zweite bemerkenswerte Reaktion beschränkte sich aufs lakonische Sprachspiel:</p>
<p><em>Mails sonder Zahl</em></p>
<p>Eine Reaktion, die unmittelbar die adäquate literaturkritische Anerkennung nach sich zog:</p>
<p><em>Genau: vergesst die Lyrik nicht</em></p>
<p>Einmal in der Welt der Literatur angekommen, ließ auch eine Talentprobe von Thomas Bernhardschen Furor nicht mehr lange auf sich warten. Sie richtete sich allerdings überraschenderweise (aber Überraschung, Irritation, Brüskierung sind ja vielfach erprobte Mittel der literarischen Moderne) nicht gegen Sonderzahl, sondern gegen die Kollegenschaft:</p>
<p><em>namentlich an alle schlaumaier, die gestern und heute mit teils dummdreisten</em><br />
<em>mails diese kiste hier weiter sponnen: ist es wirklich sooo schwer zu</em><br />
<em>checken?!? es gibt hier a) eine mailingliste sonderzahl2@mail.aufdraht.at</em><br />
<em>die offenkundig von außen bedient werrden kann und dann das tut was</em><br />
<em>mailinglisten tun sollen – an alle die auf ihr eingetragen sind weiterleiten</em><br />
<em>und b) die eigentliche absenderadresse verlag@&#8230;</em><br />
<em>hätte gestern insb. jeder von denen, die hier seither dummdreist spammen und</em><br />
<em>dummdreist das maul aufreissen, selber auch nur für einen cent</em><br />
<em>technikverständnis wäre NIE etwas passiert! denn: wer bat denn irgendwen an</em><br />
<em>die gesamte liste zu schreiben via mutmasslich “antworten an alle”?!? hätte</em><br />
<em>keiner von jenen die hier herumpoltern und weiteren traffic verursachen</em><br />
<em>etwas anderes getan als was man tun will wenn man einen einzelnen account</em><br />
<em>erreichen will, nämlich NUR an verlag@sonderzahl.at  gemailt, aka antwort</em><br />
<em>einzig und allein an den absender der original-pressestellenafrage, wäre</em><br />
<em>niemand über deren bisher einmalige bitte mitzuteilen, ob man e-mails oder</em><br />
<em>gedruckte vorschauen will, hinaus belästigt worden.</em><br />
<em>und dann noch diese 24/7-anspruchsmentalität – zum kotzen solche sog.</em><br />
<em>kollegen!</em></p>
<p><em></em>Bemerkenswert, wie hier &#8211; als Beispiel experimenteller Schreibweisen &#8211; die orthographischen und grammatikalischen Strukturen der Sprache aufgesprengt werden und so die Ordnungslosigkeit des erlebten Kommunikationskataströphchens auch formal in den Text eingeschrieben sind. Von der Zeichensetzung mal ganz zu schweigen. Großer Sport! Ganz großes Kino! Hier zeigt sich, wie Kritik selbst zur Kunst wird &#8211; so wie Alfred Kerr es forderte. Hier, in dieser Kritiker-Beschimpfung, spricht der wahre Kritiker-Meister und ihm wird zu huldigen sein, sobald der Sonderzahl-Unfall für die Gründung der ersten Sonderzahl-Selbsthilfe-Gruppe gesorgt hat. Denn auch die wie gefordert:</p>
<p><em>Ich bin für ein Treffen der Sonderzahl-Opfer auf der nächsten Frankfurter Buchmesse.</em></p>
<p><em></em>Sehr gut! Als Treffpunkt schlage ich vor: den Sonderzahl-Stand. Und bitte, bitte ladet mich dazu ein. Das möchte ich auf keinen Fall versäumen. Selten habe ich über die Literaturkritik hierzuland so Vieles und Vielfarbiges gelernt wie heute bei der gekürte meiner Mails.</p>
<p>PS: Inzwischen gib es eine objektivere und nicht so vergnügungssüchtige Darstellung des Sonderzahl-Spaßes. Hier der Link, für alle, die noch mehr wissen wollen:</p>
<p>http://www.lesenmitlinks.de/meta-spam-2-0/</p>
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		<title>Geschmack zu haben, bedarf es wenig</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=290</link>
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		<pubDate>Wed, 02 May 2012 22:12:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschmacksfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Dagmar Leupold]]></category>
		<category><![CDATA[David Byrne]]></category>
		<category><![CDATA[Frank Sinatra]]></category>
		<category><![CDATA[Gerhard Schulze]]></category>
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		<description><![CDATA[„Was? Das gefällt ihnen? Sie Banause!“ Wir leben in einer Gesellschaft der Abgrenzung mit ästhetischen Mitteln. Dabei zählte es doch einmal zu den vornehmsten Aufgaben der Kunst, Menschen einander näher zu bringen. Was läuft da schief? Und, kann sich das &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=290">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>„Was? Das gefällt ihnen? Sie Banause!“</strong></h2>
<h3><strong>Wir leben in einer Gesellschaft der Abgrenzung mit ästhetischen Mitteln. Dabei zählte es doch einmal zu den vornehmsten Aufgaben der Kunst, Menschen einander näher zu bringen. Was läuft da schief? Und, kann sich das wieder ändern? Mit anderen Worten: Wir stehen vor der Frage, warum sich Thomas, Manfred und Silke nichts mehr zu sagen haben. &#8211; Ein kleiner Essay über die Rolle der Kunst in der desintegierten Gesellschaft</strong></h3>
<p>Vielleicht war es früher einmal ein Privileg, Geschmack zu haben. Heute ist es das nicht mehr, im Gegenteil: Heute hat jedermann Geschmack. Zumindest würde jeder, den man nach seinen ästhetischen Entscheidungen befragte, so glaubhaft wie Frank Sinatra versichern können: „I did it my way“.</p>
<div id="attachment_293" class="wp-caption alignright" style="width: 130px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/120px-SinatraMyWay.jpg"><img class="size-full wp-image-293" title="120px-SinatraMyWay" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/120px-SinatraMyWay.jpg" alt="" width="120" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Wie sang es schon der große Philosoph Sinatra? &quot;I did it my way&quot;</p></div>
<p>In vergangenen Jahrhunderten war es schwer genug das tägliche Überleben zu sichern; nur wenige Menschen hatten die Zeit, sich mit Stilfragen herumzuschlagen. In den Industriestaaten westlicher Prägung ist das gründlich anders geworden. Hier sind alle, deren Einkommen über dem Existenzminimum liegt, unentwegt in ihrem ästhetischen Urteilsvermögen herausgefordert: Sie müssen aus dem endlosen Angebot einer Überflussgesellschaft auswählen, was zu ihnen passt und was nicht. Geschmack zu haben, ist damit zu einem endemischen Phänomen geworden. Ob das dem Geschmack gut getan hat, sei dahingestellt.</p>
<p><strong>Drei Beispiele: Thomas, 37, Manfred, 44 und Silke, 25</strong></p>
<p>Betrachten wir drei Beispiele: Thomas, 37, darf sich als Profi der Urteilskraft betrachten. Er ist Redakteur einer Tageszeitung und schreibt im Kulturteil diese langen Artikel, in denen schwungvoll unterschieden wird zwischen dem, was ästhetisch „noch möglich ist“, und dem, was „nicht mehr geht“. In diesen Fragen weiß Thomas hundertprozentig Bescheid – und Kunstwerke, die nicht exakt den seiner Meinung gerade gültigen ästhetischen Positionen entsprechen, sind für ihn sofort Kitsch und ihre Urheber Banausen.</p>
<p>Manfred, 44, ist Elektrotechniker und ein ausgeglichener Mensch, der Gemütlichkeit über alles schätzt. Lediglich beim Autofahren versteht er keinen Spaß: Schon als Auszubildender hat er sich einen BMW gekauft, und dieser Marke bleibt er treu, soviel steht fest. Er könnte, bäte man ihn darum, die aktuelle Modellpalette samt PS-Zahlen, Hubraum-Angaben und Höchstgeschwindigkeiten aus dem Kopf runterleiern. Als Mercedes kürzlich den neuen GLK Kompakt-SUV vorstellte, fühlte er sich ein paar Monate lang ganz hilflos. Doch jetzt bringen die Münchner das überarbeitete SUV-Coupe X6 und mit dem hat Manfred, das spürt er, als eingefleischter BMW-Fahrer die Nase wieder vorn.</p>
<p>Silke, 25, arbeitet seit dem Abitur als Sekretärin und hat Chancen, Chefsekretärin zu werden. Abends geht sie gern aus, sie kennt alle „In-Locations“ der Stadt, wo man „abtanzen“ kann. Derlei Kenntnisse sind, nebenbei bemerkt, schwerer zu erwerben als solche über Büroorganisation, denn das Nachtleben ist geprägt durch ein beängstigendes Veränderungstempo. Wo sich vor einem halben Jahr noch die – nach Silkes Ansicht – richtigen Leute in der richtigen Kleidung bei der richtigen Musik trafen, ist man inzwischen hoffnungslos out. Silke kann da nur am Ball bleiben durch eine gut trainierte Beobachtungsgabe und die einschlägige Fachliteratur: Diverse Mode-, Lifestyle- und Stadtmagazine schärfen ihren Blick für subtile Details, die ihr signalisieren, ob ein Lokal in ihrem spezifischen Sinne akzeptabel ist.</p>
<p>Alle drei sehen sich tagaus tagein mit Geschmacksfragen konfrontiert, alle drei haben die Freiheit und die Möglichkeiten, diese Fragen nach ihren persönlichen Wünschen zu entscheiden. Kein Wunder also, wenn sie zu höchst unterschiedlichen Gewichtungen und Vorlieben kommen. Brächte man sie dazu, am selben Tisch Platz zu nehmen, fänden sie vermutlich kaum ein gemeinsames Gesprächsthema.</p>
<p>Betrachtet man die drei jedoch aus größerer Distanz, werden sie sich überraschend ähnlich: Sie haben eine solide Ausbildung, sind fest angestellt und arbeiten im ewig gleichen Rhythmus acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Falls Silke in ein paar Jahren den Sprung zur Chefsekretärin schafft, gehören die drei noch dazu ähnlichen Gehaltsstufen an, ja es ist durchaus vorstellbar, dass alle – leise murrend – die selbe Partei wählen. Mit einem Wort: Sie sind Durchschnittsbürger eines gewöhnlichen westeuropäischen Wohlstandsstaates.</p>
<p><strong>Unser Geschmack verteidigt unseren sozialen Status</strong></p>
<p>Um so wichtiger werden für sie jene geschmacklichen Differenzen, durch die sie sich von anderen absetzen. Gerade in einer weitgehend egalitären, demokratischen Gesellschaft, in der die alten sozialen Gräben zwischen Herren und Knechten – oder marxistisch gesprochen: zwischen den Klassen – zu einem großen Teil eingeebnet worden sind, übernehmen die ästhetischen Gegensätze die Rolle eines wesentlichen, eifrig gehüteten Unterscheidungsmerkmals. Heute ist es, wie Pierre Bourdieu betonte, der „Geschmack“, der „klassifiziert – nicht zuletzt den, der die Klassifikationen vornimmt. Die sozialen Subjekte [...] unterscheiden sich voneinander durch die Unterschiede, die sie zwischen schön und hässlich, fein und vulgär machen und in denen sich ihre Position in den objektiven Klassifizierungen ausdrückt oder verrät.“</p>
<div id="attachment_294" class="wp-caption alignright" style="width: 125px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/711JKWNPW7L._AA115_.jpeg"><img class="size-full wp-image-294" title="711JKWNPW7L._AA115_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/711JKWNPW7L._AA115_.jpeg" alt="" width="115" height="115" /></a><p class="wp-caption-text">Pierre Bourdieu Studie &quot;Die feinen Unterschiede&quot; über die Folgen des Geschmacks für den sozialen Status</p></div>
<p>Diese neue Abhängigkeit von kleinen und allerkleinsten Geschmacksdifferenzen erklärt, weshalb heutzutage viele ihre ästhetischen Standpunkte so barsch von allen andern abgrenzen: Sie glauben unter der Hand ihren sozialen Status zu verteidigen. Manfred lässt schon deshalb an Mercedes kein gutes Haar, um sich in seinem BMW als König des Straßenverkehrs zu fühlen. Je exklusiver und abstrakter die Kunsttheorien sind, in denen Thomas schwelgt, desto größer ist seine Distanz vom gewöhnlichen Publikum – und natürlich interpretiert Thomas diese Distanz ein untrügliches Zeichen von Überlegenheit. Und Silke, die nach wie vor „House“ für den Hort zeitgemäßer Pop-Kultur hält, kann in den Anhängern von „Dance-Floor“ nur „komplett uncoole Lackaffen“ sehen.</p>
<p>Selbstverständlich stehen die drei mit ihrem jeweiligen Faible nicht allein. Sie rechnen sich vielmehr einem bestimmten Milieu zu, oder, wie Silke sagen würde, einer „Szene“, in der man gleiche Vorlieben pflegt. Eine moderne Wahlverwandtschaft, die für den einzelnen offenkundig immer wichtiger wird. Der Soziologe Gerhard Schulze nannte Deutschland deshalb kurzerhand eine „Erlebnisgesellschaft“: Da die ökonomischen Überlebensprobleme für den größten Teil der Bevölkerung gelöst sind, können heute die alltäglichen Entscheidungen ohne Rücksicht auf die Existenzsicherung ganz nach Neigung und Geschmack getroffen werden. Angesichts der unüberschaubaren Angebotsvielfalt müssen die Menschen deshalb lernen, sich auf ihr psychisches Erleben als Richtschnur für ihre Entschlüsse zu konzentrieren. Weshalb zum Beispiel ein Verkäufer heute, um Kunden zu gewinnen, nicht die Haltbarkeit oder Zweckmäßigkeit seines Produkts herausstreicht, sondern viel lieber dessen „Erlebnisqualität“.</p>
<p><strong>Mein Milieu ist meine Heimat</strong></p>
<p>Damit heißt es allerdings, so stellte Schulze fest, vom herkömmlichen Bild unserer Gesellschaft Abschied zu nehmen: Für die Entstehung von Klassen oder Schichten ist nicht mehr die Position der Bürger im Produktionsprozess, ihre Ausbildung oder die Höhe ihres Einkommens entscheidend. Statt dessen bilden sich die sozialen Gruppen eher durch den bevorzugten Erlebnistyp, der die Beteiligten nicht nur mit schier unerschöpflichem Diskussionsstoff versorgt, sondern ihnen auch so etwas wie eine Wertordnung an die Hand gibt.</p>
<div id="attachment_296" class="wp-caption alignright" style="width: 82px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/14113196k.jpg"><img class="size-full wp-image-296" title="14113196k" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/14113196k.jpg" alt="" width="72" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">Gerhard Schulze &quot;Die Erlebnisgesellschaft&quot; - oder die Frage, weshalb jedes Milieu seine eigene Wertordnung hat</p></div>
<p>So beschreibt Schulze unter anderem ein „Niveaumilieu“, das aus dem traditionellen Bildungsbürgertum hervorging und in dem man kulturellen Erfahrungen zentrale Bedeutung zuordnet (ihm gehört zweifellos Thomas, der stramm urteilende Kulturredakteur, an). Das „Harmoniemilieu“ dagegen, das sich aus den alten Arbeiterschichten entwickelte, sucht vor allem das Gefühl der Geborgenheit (hier wäre wohl Manfred einzuordnen, solange er nicht hinterm Steuer sitzt). Zu den neueren Phänomenen zählt das „Unterhaltungsmilieu“, das auf Zerstreuung aus ist (und dem wir Silke zurechnen dürfen – falls wir sie nicht dem „Selbstverwirklichungsmilieu“ zuschlagen, dem es von der Psychotherapie bis zum buddhistischen Retreat um die Entfaltung der Persönlichkeit geht).</p>
<p>Natürlich sind die Grenzen zwischen diesen Kategorien fließend und nicht unüberwindlich. Doch hält das die Beteiligten keineswegs davon ab, der Zugehörigkeit zu ihrem Milieu enorme Bedeutung zuzumessen. Denn dieses Milieu bietet ihnen in einer anonymen und immer komplexer werdenden Gegenwart hervorragende Identifikationsmuster an: Aus der beängstigenden Angebotsvielfalt der Gesellschaft filtern sich, ist Auswahl einer „passenden“ Gruppe erst einmal getroffen, für den einzelnen klare, von allen Gleichgesinnten anerkannte Hierarchien und Handlungsschemata heraus, an denen er sich orientieren kann. Was, nebenbei bemerkt, keineswegs den bewusst vollzogenen Eintritt in irgendeinen Club oder Clan voraussetzt – vermutlich ist das Gefühl der Zugehörigkeit sogar noch wirksamer und unerschütterlicher, je unbemerkter es subjektiv bleibt.</p>
<p><strong>Vom Zwang zu ästhetisch korrekten Urteilen</strong></p>
<p>Die Kehrseite der Medaille ist ein hoher Konformitätsdruck: Ein BMW-Fan hat nach dem Kauf eines Opels mit ernsten Sanktionen durch seine alten Mitfans zu rechnen – im Ernstfall muss er sich neue Freunde suchen. Oder um ein Beispiel aus einem anspruchsvolleren Milieu zu wählen: Wer die ästhetischen Wertungen, die Thomas so gewohnt ist, in Frage stellt, der darf von ihm kein Interesse erwarten, sondern muss auf Unverständnis, wenn nicht auf Aggression gefasst sein. Denn für Thomas geht es bei solchen Debatten nicht nur darum, Kunstwerke in einem anderen, möglicherweise lehrreichen Licht zu betrachten. Es geht ihm dabei im Stillen immer auch um die Unantastbarkeit seiner – milieugestützten – Identität und um seinen sozialen Status. Neben dem Zwang zu politisch korrekten Ansichten entsteht so auch einer zu ästhetisch korrekten Urteilen.</p>
<p>Das Auseinanderdriften der Gesellschaft in verschiedene Milieus mit verschiedenen geschmacklichen Vorlieben bringt – ironischerweise – gerade die Künstler und Schriftsteller, die doch die Geschmacksbildner sein sollten, mehr und mehr in Verlegenheit. Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts gab es eine allgemein gültige ästhetische Rangordnung: Gewiss, nicht alle Schichten hatten die Chance, am kulturellen Leben teilzunehmen und natürlich wurden die etablierten Ruhmesträger der Kunst und der Literatur von der jeweils nachdrängenden Generationen bekämpft. Aber selbst solche Ausgrenzungen und Rangkämpfe haben die Autorität jener ästhetischen Hierarchie letztlich nur bestätigt.</p>
<p>Heute macht sich jedes Milieu seine eigene Hierarchie zurecht. Verbindliche ästhetische Bezugs-, oder auch nur gemeinsame Streitpunkte zwischen den unterschiedlichen sozialen Gruppen werden immer seltener. Ein Prozess, der sich besonders gut in den USA studieren lässt, der aber auch in Deutschland zu beobachten ist: Obwohl die Bürger juristisch rundum gleichgestellt sind, zerfällt die Gesellschaft zunehmend in die beschriebenen erlebnisorientierten Milieus oder in kompakte Interessengruppen, die nur noch um sich selbst, ihre eigenen Belange und Wertungen kreisen: von der Frauenbewegung bis zur Tea Party, von der Schwulenkultur bis zur „moral majority“, von religiösen Gemeinschaften bis zu ethnischen Minderheiten.</p>
<p>Ökonomisch hat diese wachsende soziale Desintegration bislang wenig Probleme gemacht. Im Gegenteil: Sie kommt dem notorischen Ziel der Marktwirtschaft, immer neue, immer andere Wünsche zu wecken und zu befriedigen, entgegen. Aus der Perspektive eines Marketing Managers ist die Aufspaltung der Gesellschaft zunächst einmal hilfreich: Durch sie werden die verschiedenen Zielgruppen samt ihres spezifischen Bedarfs für ihn präziser eingrenzbar.</p>
<p><strong>Romane von Glatzköpfen für Glatzköpfe</strong></p>
<p>Schriftsteller oder Künstler dagegen geraten in die Gefahr, mit ihrer Arbeit nur noch in kleinen und immer kleineren Kreisen verständlich zu sein. Was in dem einen Milieu Furore macht, ist im nächsten schon ohne jedes Interesse oder sogar kaum noch begreifbar. „Bald wird es Bücher geben“, warnte die Schriftstellerin Dagmar Leupold bereits in den neunziger Jahren, „die von Frauen geschrieben wurden, die unter PMS (prämenstruellem Syndrom) leiden, und nur von denen gelesen werden, die dasselbe Problem haben. Oder von glatzköpfigen Männern für ebensolche. Zum Schluss schreibt man fürs Spiegelbild.“</p>
<div id="attachment_297" class="wp-caption alignright" style="width: 77px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/10864165k.jpg"><img class="size-full wp-image-297" title="10864165k" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/10864165k.jpg" alt="" width="67" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">Dagmar Leupolds erster Roman &quot;Edmond - Geschichte einer Sehnsucht&quot;</p></div>
<p>Natürlich kann man sich mit der Resonanz oder dem Erfolg in einem derart eingezäunten Terrain zufrieden geben. Tatsächlich tun das mittlerweile nicht wenige Künstler: Sie zielen mit ihrer Arbeit unübersehbar auf die Erwartungen und Interessen des, wie es Gerhard Schulze mit leisem ironischem Unterton genannt hat, „Niveaumilieus“. Da ihre Werke sinnlich wenig wirkungsvoll und hochgradig chiffriert sind, werden andere Milieus als potentielle Öffentlichkeit weitgehend ausgeschlossen – was wiederum dem verbliebenen Publikum ein wohliges Bewusstsein von Besonderheit und Exklusivität verschafft.</p>
<p>Der Haken an der Sache ist, dass Autoren und Künstler damit in eine sozial affirmative Rolle verfallen. Sie beschränken sich – wie clevere Marketing Manager – auf „ihre“ Zielgruppe. Thomas, unser Repräsentant des Niveaumilieus, würde das nicht gern hören, da er sich auf seine kritische Haltung zum Bestehenden einiges zugute hält. Doch gerade durch die anmaßende Rigorosität, mit der er alles als Kitsch verdammt, was seinen Vorstellungen auch nur haarscharf widerspricht, wird er im Sinne Bourdieus zu einem Agenten und Profiteur der herrschenden (kulturellen) Klassengegensätze.</p>
<p><strong>Die Kunst nur für Kunstkenner?</strong></p>
<p>In unserer so hochdifferenzierten Gesellschaft droht etwas Selbstverständliches in Vergessenheit zu geraten: Die Künste dienen keineswegs nur dazu, die Bedürfnisse der Kunstkenner zu befriedigen. Sie zielen auch nicht allein auf Menschen, die sich durch die Themen der jeweiligen Werke betroffen fühlen: Die Vorstellung einer – beispielsweise – speziell auf Homosexuelle, Frauen oder Farbige zugeschnittenen Literatur ist zwar geläufig geworden, sie bleibt aber hinter den wirklichen Möglichkeiten der Literatur weit zurück. Gleiches gilt für die ebenso beliebte wie kleinkarierte Rubrizierung der Kunst in einen „E-“ und einen „U“-Bereich, und den damit verbundenen Aberglauben, ernsthafte Werke würden durch unterhaltsame Elemente Schaden nehmen oder irgendwie entweiht.</p>
<p>Tatsächlich waren und sind große Kunstwerke immer so etwas wie eine Quadratur des Kreises: überraschende, glückhafte Synthesen zwischen Elementen, die vermeintlich unvereinbar sind, zwischen höchsten Ansprüchen und populärer Unterhaltsamkeit, zwischen Innovation und Tradition, Intellektualität und Sinnlichkeit, Abstraktion und Konkretion. Diese besondere Gabe verleiht ihnen die Fähigkeit, nicht nur auf einen kleinen Teil der Menschheit, auf thematisch Betroffene oder einen selbsternannten Bildungsadel zu wirken, sondern tendenziell auf alle – und das mitunter über Jahrhunderte hinweg. Angehörige jeder Generation, Gemeinde oder Gruppierung können sich von ihnen angesprochen fühlen, eben weil es ihnen nicht um Verständigung mit einer Gruppe geht, sondern um Verständigung schlechthin. In diesem Sinne ist Kunst das Gegenteil zu dem grassierenden Kult um die feinen Unterschiede; in diesem Sinne schafft sie gekonnte Verbindungen, nicht faule Kompromisse, zwischen sonst widersprüchlichen Eigenschaften.</p>
<p>Der Glaube an die Möglichkeit von solch wundervollen Synthesen, ja selbst die Sehnsucht nach ihnen geht hierzulande im Irrgarten der Milieus und Minderheiten mehr und mehr verloren. Was niemanden überraschen sollte, da selbst Kritiker (oder Wissenschaftler) wie Thomas, die doch eigentlich das Bewusstsein für jene integrativen Fähigkeiten der Kunst wach halten müssten, schon durch die Diktion ihrer Artikel lieber das zweifellos noch immer vorhandene Bildungsgefälle betonen – obwohl doch Bildung und Geschmack, Bildung und ästhetische Wahrnehmungskraft keineswegs Hand in Hand gehen müssen. Für eine Kunst, die sich auf ihre erstaunliche Kraft zur Synthese besinnt, statt sich in angeblichen Gegensätzen zu verlieren, ist die Desintegration der Gesellschaft keine Existenzbedrohung, sondern kann eine großartige Chance sein.</p>
<p><strong>&#8220;Dem Scheitern abgerungen&#8221; &#8211; und ähnliche Klischees der Kunstkritik</strong></p>
<p>Doch solche Argumente würden Thomas noch nicht überzeugen. Er rechtfertigt seine Vorliebe für wenig zugängliche Kunstwerke auch gern mit dem Hinweis, dass sich diese, gerade weil sie so unzugänglich sind, erfolgreich gegen die Vermarktungsabsichten der Kulturindustrie sperrten. Er übersieht dabei allerdings, in welchem Maße die Kulturindustrie inzwischen dazugelernt hat: Längst hat sie aus dem Widerstand, den ein Werk seiner Vermarktung entgegensetzt, ein exquisites Verkaufsargument zurechtgeschneidert, das sich der entsprechenden kleinen, aber feinen Zielgruppe aus dem „Niveaumilieu“ hauteng anschmiegt.</p>
<p>Selbst die entsprechenden Avantgardetheorien samt ihrem steilen Anti-Kommerzialismus eignen sich mittlerweile vorzüglich für kommerzielle Werbezwecke. Da heißt es etwa in einer Anzeige einer Textilfirma unter dem Bild einer gediegen gekleideten Dame: „Vera Munro ist als Galeristin auf der Suche nach Grenzgängern in der Kunst. Dabei entdeckt sie Unschärfen und Brüche, an denen sich – dem Scheitern abgerungen – Unsagbares zeigt. Mit klarem Blick für Qualität tritt Vera Munro für Positionen ein, auch wenn sie längst nicht als gesichert gelten.“ Solange sich Sätze wie diese fast wortgleich in ernstgemeinten Rezension finden, darf man vermuten, dass es mit der liebevoll gepflegten zeitkritischen Attitüde der jeweiligen Rezensenten nicht so weit her sein kann: Von Werbetextern unterscheiden sie sich oft nur durch ihren schwerfälligen Stil.</p>
<p>Wie eigentümlich und antiquiert sich jene puristische Ästhetik heute ausnimmt, wird mit Blick auf eine Welt deutlich, die über kontinentale Entfernungen und schroffste (Kultur-)Gegensätze hinweg immer enger vernetzt ist. Während hierzulande manche eifersüchtig über angeblich unvereinbare Differenzen wie die zwischen „E-“ und „U“-Literatur, Frauen- und Männer-Kunst, Pop- und ernster Musik wachen, gehen andernorts die talentiertesten Köpfe daran, Synthesen zwischen Weltkulturen zu schaffen – und das ohne Berührungsängste populären Ausdrucksmitteln gegenüber.</p>
<p><strong>Funky Culture</strong></p>
<p>Angesichts eines solchen globalen Bemühens um Integration, Austausch und Verständigung ist die Sehnsucht nach der alten ästhetischen Reinheit ungefähr so segensreich und durchdacht wie die Sehnsucht nach ethnischer Reinheit. Klüger wäre es, den verblüffenden Verbindungen, die da zur Zeit entstehen, unvoreingenommen gegenüberzutreten und sie mit David Byrne, dem Musiker, Filmer und Autor, als „funky culture“ zu betrachten: „Auf gar keinen Fall kann man sie unverdorben nennen. Es ist eine schmutzige Mixtur. Aber Reinheit ist sowieso ein abstrakter Begriff. Sie existierte niemals wirklich. Die großen Städte der Welt, und was sie hervorbrachten, waren das Ergebnis solch gottloser Mischungen.“</p>
<div id="attachment_299" class="wp-caption alignright" style="width: 120px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/33837025k.jpg"><img class="size-full wp-image-299" title="33837025k" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/33837025k.jpg" alt="" width="110" height="108" /></a><p class="wp-caption-text">David Byrne und Talking Heads: &quot;Essential&quot;</p></div>
<p>Diese Mixtur birgt Chancen. Darunter vermutlich die beste Chance, nicht nur der fortschreitenden sozialen Desintegration entgegenzuwirken, sondern aus ihr einen Aufbruch zu machen: „Eine Unzahl von ghettoisierten Kulturen,“ stellt sich David Byrne vor, „die im Begriff sind, aufeinander loszugehen. Bilder eines chemischen Experimentes kurz vor der Reaktion. Alle richtigen Elemente sind vorhanden, aber es gibt keinen Vorläufer für die Substanz, die sie bilden werden. Es ist einen neue Ursuppe.“</p>
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