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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Wolfgang Herrndorf</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Wolfgang Herrndorf zum 3. Todestag</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Aug 2016 14:09:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Herrndorf]]></category>

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		<description><![CDATA[So sterben? Nur über meine Leiche! Vor drei Jahren, am 26. August 2013 starb Wolfgang Herrndorf. Er hatte zunächst Kunst studiert und lange als Illustrator (u.a. für &#8220;Titanic&#8221;) gearbeitet, bevor er sich ganz auf die Literatur konzentrierte. Seine Romane „Tschick“ &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1925">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>So sterben?<br />
Nur über meine Leiche!<br />
</strong></h1>
<h2><strong>Vor drei Jahren, am 26. August 2013 starb Wolfgang Herrndorf. Er hatte zunächst Kunst studiert und lange als Illustrator (u.a. für &#8220;Titanic&#8221;) gearbeitet, bevor er sich ganz auf die Literatur konzentrierte. Seine Romane „Tschick“ und „Sand“ waren Sensationserfolge der an Sensationen armen deutschen Literatur. Nach seinem Tod erschien sein Blog und Internet-Tagebuch </strong><strong>„Arbeit und Struktur“ auch als Buch: klug, brillant geschrieben, verzweifelt und gnadenlos komisch. Zur Erinnerung an Herrndorf <strong>(1965-2013) hier ein paar Bemerkungen über sein Tagebuch</strong><br />
</strong></h2>
<div id="attachment_1926" class="wp-caption alignright" style="width: 322px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/40819168z.jpg"><img class="size-full wp-image-1926" title="40819168z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/40819168z.jpg" alt="" width="312" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Herrndorf: &quot;Arbeit und Struktur&quot; Rowohlt Taschenbuch Verlag, 10,99 Euro</p></div>
<p>„Ich brauche eine Waffe.“ Gemeint ist: einen Revolver. Vier Wochen bevor der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf diesen Satz notiert, haben die Ärzte bei ihm ein Glioblastom entdeckt, einen nicht heilbaren, ausweglos tödlichen Hirntumor. Seine Lebenserwartung wird nur noch nach Monaten beziffert. Den Revolver brauche er, schreibt Herrndorf, als „Exitstrategie“.</p>
<p>Schon bald hat er sich eine “.357er Smith &amp; Wesson, unregistriert“ beschafft. Über ihre Herkunft verrät er nichts. Aber sie entwickelt, schreibt er, „eine so durchschlagend beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt“. Denn: „Ich könnte mich nicht damit abfinden, vom Tumor zerlegt zu werden. Aber ich kann mich damit abfinden, mich zu erschießen.“ Er will kein Opfer sein, er will um jeden Preis einen letzten Rest Souveränität für sich retten.</p>
<p>Herrndorfs zweite Strategie, Herr seines Unglücks zu werden, entpuppt sich als Glück für die deutsche Literatur. Er arbeitet wie ein Besessener. Bereits vor der Diagnose im Februar 2010 hatte er zwei Bücher veröffentlicht, allerdings mit großen zeitlichen Abständen und geringem Erfolg. Nun holt er zwei halb fertige Manuskripte aus der Schublade  und sitzt bis zu 16 Stunden am Schreibtisch, um sie abzuschließen: &#8220;Ich schreibe auch schnell, ungefähr dreimal so schnell wie sonst, und zehnmal so viel.&#8221; Und: &#8220;Am besten geht&#8217;s mir, wenn ich arbeite.&#8221;</p>
<p style="text-decoration: underline;">
<div id="attachment_1927" class="wp-caption alignleft" style="width: 297px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/33396638z.jpg"><img class="size-full wp-image-1927" title="33396638z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/33396638z.jpg" alt="" width="287" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Herrndorf: &quot;Tschick&quot;. Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 8,99 Euro</p></div>
<p>Schon im Spätsommer 2010 erscheint „Tschick“, ein gutes Jahr darauf „Sand“: zwei der aufregendsten und stilsichersten deutschen Romane der jüngsten Zeit. Sie beherrschen wochenlang die Bestsellerlisten, tragen ihm gleich fünf Literaturpreise ein und machen ihn schlagartig zur internationalen Berühmtheit: „Tschick“ wird in über zwei Dutzend Ländern veröffentlicht und auch als Theaterstück ein Riesenerfolg. Die Auflage der deutschen Ausgabe überspringt mühelos die Millionengrenze. Der Film &#8220;Tschick&#8221;, gedreht von Fatih Akin, soll jetzt am 15. September ins Kino kommen.</p>
<p>Neben all dem schreibt Herrndorf noch das Blog „Arbeit und Struktur“. Ein Internet-Journal, in dem er zunächst nur für Vertraute, dann für jedermann Auskunft gibt: über den Verlauf der Krankheit (Chemo, Bestrahlung, drei Hirn-OPs), den völlig überraschenden Erfolg seiner Bücher, den täglichen Kampf gegen brutale Verzweiflungsschübe und den oft lebensrettenden Beistand seiner Freunde. Nach seinem Tod „Arbeit und Struktur“ auch in Buchform</p>
<p>Es ist ein Tagebuch, wie es nur wenige gibt: von erschütternder Intensität, klug, illusionslos, brillant geschrieben und dazu voll gnadenlosem Witz. Es ist nicht nur das letzte Bekenntnis eines Sterbenden, sondern auch eine nachtschwarz grundierte Skizze unserer Jahre, verfasst von einem Spötter, der (von Familie und Freunden abgesehen) auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nimmt.</p>
<div id="attachment_1928" class="wp-caption alignright" style="width: 322px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/36791045z.jpg"><img class="size-full wp-image-1928" title="36791045z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/36791045z.jpg" alt="" width="312" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Herrndorf: &quot;Sand&quot;. Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 9,99 Euro</p></div>
<p>Wenn der Umgang mit dem Tod etwas über den Geisteszustand einer Gesellschaft verrät, stimmen Herrndorfs Erfahrungen wenig hoffnungsfroh: Nachdem seine Romane und damit sein Schicksal bekannter werden, decken ihn nicht nur Laien, sondern auch Ärzte unaufgefordert mit absurden Therapievorschlägen ein: Rettung wird ihm versprochen, wahlweise durch Darmreinigung, grünen Tee, Omega-3-Fettsäuren, getrocknete Apfelsinenkerne oder Gemüsesaft. Vor Energiesparlampen in Kopfhöhe dagegen wird er dringend gewarnt.</p>
<p>Mit Grimm konstatiert Herrndorf zudem eine weit verbreitete, durch keinerlei Rationalität gebremste Neigung zu esoterischen Heilslehren. Immer wieder wird er, der Todgeweihte, zum Ziel enthemmter Bekehrungsversuche: „Wenn mich irgendwas im Leben wirklich aufgebracht hat, dann das gegen jedes Denken, jeden Gedanken und jede Aufklärung immune Gefasel von Sternzeichen, Rudolf Steiner und extravaganten Ahnungen fremder, unbegreiflich tröstlicher Welten.“</p>
<p>Für religiöse Empfindungen bleibt Herrndorf, um das Mindeste zu sagen, unempfänglich: „Priester sind mit Waffengewalt von mir fernzuhalten.“ Jeglicher Glaube an Jenseitiges entlockt ihm nur Kopfschütteln. Der Tod ist für ihn der Endpunkt, er macht unübersehbar, was eigentlich immer offenkundig ist: Nämlich die „unbegreifliche Nichtigkeit menschlicher Existenz. Im einen Moment belebte Materie, im nächsten dasselbe, nur ohne Adjektiv.“</p>
<p>Obwohl Herrndorfgelegentlich betont kaltschnäuzig oder machohaft zu klingen versucht, verschweigt er seine Zusammenbrüche nicht. Epileptische Anfälle setzen ihm zu, das Sichtfeld bekommt Lücken, die Orientierung lässt nach. Er irrt durch Berlin, selbst in vertrauten Straßen findet er sich nicht mehr zurecht, schreit, tobt, schlägt gegen Wände. („Vorteil Berlin: Auf der Torstraße bin ich unter den Gestörten nur Mittelfeld.“) Manchmal sehnt er eine radikale Verschlechterung seines Zustands geradezu herbei, damit er endlich Schluss machen kann: „Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt.“</p>
<p>Körperlich spürt er zunächst wenig Einschränkungen. Da Sport zeitlebens zu seinen großen Leidenschaften zählte, ist er auch mit Mitte vierzig noch fit und fühlt sich „wie mit zwanzig“. Er spielt in der Nationalmannschaft der Schriftsteller und in einem Berliner Amateurteam und will sich auch von seiner Krankheit nicht davon abbringen lassen.</p>
<p>Doch schließlich raubt ihm der Tumor zunehmend die Kontrolle über seine Bewegungen. So nüchtern wie möglich registriert er den eigenen Verfall: „Fußball gespielt. Ball ins Gesicht bekommen, umgefallen. Hingesetzt, gewartet. Weitergespielt, wieder umgefallen. Aufgehört. Mit dem Fahrrad nach Hause, nicht umgefallen.“ Aber als sein Berliner Team dann bei einem größeren Turnier antritt und schließlich gewinnt, kann er nur noch als Zuschauer am Zaun stehen und muss auch mit diesem Kapitel seines Lebens abschließen.</p>
<div id="attachment_1929" class="wp-caption alignleft" style="width: 297px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/42733352z.jpg"><img class="size-full wp-image-1929" title="42733352z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/42733352z.jpg" alt="" width="287" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Herrndorf: &quot;Bilder deiner großen Liebe&quot;. Ein unvollendeter Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 9,99 Euro</p></div>
<p>Noch einmal versucht es Herrndorf mit seiner persönlichen Therapie: mit Arbeit. Bald nach Abschluss seines letzten Romans, „Sand“, hat er ein neues Manuskript begonnen. Er will die Geschichte des Mädchens Isa erzählen, einer Nebenfigur aus seinem Roman „Tschick“. Doch er kommt zu langsam voran, er hat immer häufiger anfallsweise Artikulationsprobleme, der Tumor beginnt, das Sprachzentrum zu zerfressen. Das Manuskript wird als unvollendeter Roman erst postum publiziert: &#8220;Bilder deiner großen Liebe&#8221;.</p>
<p>Die Frage nach der „Exitstrategie“, nach einem selbst gewählten Schlusspunkt wird immer dringlicher. Er schaut sich auf YouTube eine ausführliche Dokumentation über die Schweizer Organisation Dignitas an, die schmerzloses Sterben durch Medikamente ermöglicht. Herrndorf reagiert mit Entsetzen und &#8211; Witz: „So will ich nicht sterben, so kann ich nicht sterben, so werde ich nicht sterben. Nur über meine Leiche.“</p>
<p>Stattdessen konzentriert sich Herrndorf auf die beruhigende Wirkung seines Revolvers und macht lange Spaziergänge am Hohenzollernkanal, nördlich vom Berliner Hauptbahnhof. Er ist „auf der Suche nach einem guten Ort“. Und er informiert sich genau, wie er die Waffe einsetzen muss, um mit Sicherheit das gewünschte Ergebnis zu erzielen.</p>
<p>Am 26. August 2013 verlässt er nachts seine Wohnung, heißt es im Nachwort des Buches, und schießt sich am Ufer des Hohenzollernkanals in den Kopf. In der Nachbemerkung von &#8220;Arbeit und Struktur&#8221; heißt es: „Er zielte durch den Mund ins Stammhirn. Es dürfte einer der letzten Tage gewesen sein, an denen er noch zu der Tat im Stande war.“</p>
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		<title>Büchnerpreis 2014 für Jürgen Becker</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=990</link>
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		<pubDate>Fri, 30 May 2014 12:53:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Kehlmann]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Dürrenmatt]]></category>
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		<category><![CDATA[Wolfgang Herrndorf]]></category>

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		<description><![CDATA[Ängstlich und bedenkenträgerisch Heute gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt bekannt, den Georg-Büchnerpreis in diesem Jahr dem Kölner Lyriker und Prosaautor Jürgen Becker zu verleihen. Was ist von dieser Entscheidung zu halten? Als Friedrich Dürrenmatt 1986 &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=990">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Ängstlich und bedenkenträgerisch<br />
</strong></h2>
<h3><strong>Heute gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt bekannt, den Georg-Büchnerpreis in diesem Jahr dem Kölner Lyriker und Prosaautor Jürgen Becker zu verleihen. Was ist von dieser Entscheidung zu halten?</strong></h3>
<p>Als Friedrich Dürrenmatt 1986 den Büchnerpreis erhielt, sagte er bei einer der vielen Reden, die ein Büchnerpreisträger halten muss: &#8220;Preise bekommt man immer erst dann, wenn man keine mehr braucht.&#8221;</p>
<div id="attachment_992" class="wp-caption alignleft" style="width: 295px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/05/J%C3%BCrgenBecker.jpg"><img class="size-full wp-image-992" title="JürgenBecker" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/05/J%C3%BCrgenBecker.jpg" alt="" width="285" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Jürgen Becker: &quot;Wie es weiterging. Ein Durchkang - Prosa aus fünf Jahrzehnten&quot;. Suhrkamp Verlag. 21,95 Euro</p></div>
<p>Nun kann jeder Schriftsteller Preise gebrauchen, und Jürgen Becker wird für die Verwendung der Preissumme von 50.000 Euro auch etwas gutes einfallen. Da bin ich mir sicher. Gemeint hat der damals 65-igjährige Dürrenmatt mit seinem Satz aber wohl etwas anderes. Für einen etablierten Autor im Rentenalter hat ein Preis eine andere Bedeutung, als für einen jungen Autor, der noch um Anerkennung für seine Arbeit kämpfen muss. Hier kann ein wichtige Auszeichnung zugleich zu einer wichtigen Zäsur im Lebensweg und im Werk des Schriftstellers werden.</p>
<p>In der Satzung des Büchnerpreises heißt es: &#8220;Zur Verleihung können Schriftsteller und Dichter vorgeschlagen werden, die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben.&#8221;</p>
<p>Ich kenne Jürgen Becker ein wenig, er ist ein ungemein sympathischer Mann und ich freue mich für ihn, wenn er im Herbst den Büchnerpreis entgegennehmen kann. Aber bei allem Freude &#8211; ich würde nie behaupten, dass sein Werk &#8220;an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil&#8221; hat. Seine Bücher waren in den sechziger und siebziger Jahren wichtig. Vielleicht hätte man ihm in diesen Jahren den Büchnerpreis geben sollen.</p>
<p>Der Büchnerpreis hatte seine beste Zeiten den sechziger Jahren, als einige sehr frühe und mutige Entscheidungen getroffen wurden: Enzensberger, Bachmann, Grass erhielten die Auszeichnung in aufeinander folgenden Jahren (1963 &#8211; 1965), obwohl sie erst Mitte Dreißig waren. Wenn die Akademie heute den Mut hätte, sich unter den Mitte Vierzigjährigen umzuschauen, würden mir Daniel Kehlmann, Ingo Schulze, Judith Herrmann oder &#8211; postum &#8211; Wolfgang Herrndorf einfallen. Mag sein, dass die literarischen Fähigkeiten dieser Autoren nicht grenzenlos sind. Aber das sind die von Jürgen Becker oder Walter Kappacher (Büchnerpreis 2009) auch nicht. Aber die jüngeren Autoren haben einen spürbaren Einflüss auf die Gegenwartsliteratur &#8211; wie es die Büchnerpreis-Satzung verlangt. Und für sie und ihre weitere literarische Arbeit hätte diese Auszeichnung eine außerordentlich hohe Bedeutung.</p>
<p>Die diesjährige Entscheidung der Akademie ist ängstlich und bedenkenträgerisch. Mag sein, dass die Jury wegen ihrer Entscheidung für Sibylle Lewitscharoff im vergangenen Jahr (nach der &#8220;Halbwesen&#8221;-Rede Lewitscharoffs) Kritik einstecken musste. Aber ich halte es für viel angemessener, einem umstrittenen Autor den <strong>Büchner</strong>preis zuzuerkennen, als einem vollkommen Unumstrittenen, dessen Werk in der Literaturgeschichte eine größere Rolle spielt als in der literarischen Gegenwart.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Wolfgang Herrndorf &#8220;Arbeit und Struktur&#8221;</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=823</link>
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		<pubDate>Mon, 09 Dec 2013 10:52:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Herrndorf]]></category>

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		<description><![CDATA[So sterben? Nur über meine Leiche! Seine Romane Tschick und Sand waren Sensationserfolge der an Sensationen armen deutschen Literatur. Am 26. August erschoss sich Wolfgang Herrndorf in Berlin. Jetzt erscheint sein Tagebuch Arbeit und Struktur: klug, brillant geschrieben, verzweifelt und gnadenlos &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=823">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>So sterben? Nur über meine Leiche!</strong></h2>
<h3><strong>Seine Romane <em>Tschick</em> und <em>Sand</em> waren Sensationserfolge der an Sensationen armen deutschen Literatur. Am 26. August erschoss sich Wolfgang Herrndorf in Berlin. Jetzt erscheint sein Tagebuch <em>Arbeit und Struktur</em>: klug, brillant geschrieben, verzweifelt und gnadenlos komisch</strong></h3>
<p>&#8220;Ich brauche eine Waffe.“ Gemeint ist: einen Revolver. Vier Wochen bevor der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf diesen Satz notiert, haben die Ärzte bei ihm ein Glioblastom entdeckt, einen nicht heilbaren, ausweglos tödlichen Hirntumor. Seine Lebenserwartung wird nur noch nach Monaten beziffert. Den Revolver brauche er, schreibt Herrndorf, als „Exitstrategie“.</p>
<p>Schon bald hat er sich eine „.357er Smith &amp; Wesson, unregistriert“ beschafft. Über ihre Herkunft verrät er nichts. Aber sie entwickelt, schreibt er, „eine so durchschlagend beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt“. Denn: „Ich könnte mich nicht damit abfinden, vom Tumor zerlegt zu werden. Aber ich kann mich damit abfinden, mich zu erschießen.“ Er will kein Opfer sein, er will um jeden Preis einen letzten Rest Souveränität für sich retten.</p>
<div id="attachment_825" class="wp-caption alignleft" style="width: 165px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/ArbeitStruktur.jpg"><img class="size-full wp-image-825" title="ArbeitStruktur" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/12/ArbeitStruktur.jpg" alt="" width="155" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Herrndorf: &quot;Arbeit und Struktur&quot;. Rowohlt Verlag, 19,95 Euro</p></div>
<p>Herrndorfs zweite Strategie, Herr seines Unglücks zu werden, entpuppt sich als Glück für die deutsche Literatur: Er arbeitet wie ein Besessener. Bereits vor der Diagnose im Februar 2010 hatte er zwei Bücher veröffentlicht, allerdings mit großen zeitlichen Abständen und geringem Erfolg. Nun holt er zwei halb fertige Manuskripte aus der Schublade und sitzt täglich bis zu<br />
16 Stunden am Schreibtisch, um sie abzuschließen: „Ich schreibe auch schnell, ungefähr dreimal so schnell wie sonst, und zehnmal so viel.“ Und: „Am besten geht’s mir, wenn ich arbeite.“</p>
<p>Schon im Spätsommer 2010 erscheint <em>Tschick</em>, ein gutes Jahr darauf <em>Sand</em>: zwei der aufregendsten und stilsichersten deutschen Romane der jüngsten Zeit. Sie beherrschen wochenlang die Bestsellerlisten, tragen ihm gleich fünf Literaturpreise ein und machen ihn schlagartig zur internationalen Berühmtheit: <em>Tschick</em> wird in 27 Ländern veröffentlicht. Die Auflage der deutschen Ausgabe überspringt mühelos die Millionengrenze.</p>
<p>Neben all dem schreibt Herrndorf noch das Blog <em>Arbeit und Struktur</em>. Ein Internet-Journal, in dem er zunächst nur für Vertraute, dann für jedermann Auskunft gibt: über den Verlauf der Krankheit (Chemo, Bestrahlung, drei Hirn-OPs), den völlig überraschenden Erfolg seiner Bücher, den täglichen Kampf gegen brutale Verzweiflungsschübe und den oft lebensrettenden Beistand seiner Freunde. Am kommenden Freitag erscheint <em>Arbeit und Struktur</em> nun in Buchform (Rowohlt Verlag, 19,95 Euro).</p>
<p>Es ist ein Tagebuch, wie es nur wenige gibt: von erschütternder Intensität, klug, illusionslos, brillant geschrieben und dazu voll gnadenlosem Witz. Es ist nicht nur das letzte Bekenntnis eines Sterbenden, sondern auch eine nachtschwarz grundierte Skizze unserer Jahre, verfasst von einem Spötter, der (von Familie und Freunden abgesehen) auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nimmt.</p>
<p>Wenn der Umgang mit dem Tod etwas über den Geisteszustand einer Gesellschaft verrät, stimmen Herrndorfs Erfahrungen wenig hoffnungsfroh: Nachdem seine Romane und damit sein Schicksal bekannter werden, decken ihn nicht nur Laien, sondern auch Ärzte unaufgefordert mit absurden Therapievorschlägen ein: Rettung wird ihm ­versprochen, wahlweise durch Darmreinigung, grünen Tee, Omega-3-Fettsäuren, getrocknete Apfelsinenkerne oder Gemüsesaft. Vor Energiesparlampen in Kopfhöhe dagegen wird er dringend gewarnt.</p>
<p>Mit Grimm konstatiert Herrndorf zudem eine weit verbreitete, durch keinerlei Rationalität gebremste Neigung zu esoterischen Heilslehren. Immer wieder wird er, der Todgeweihte, zum Ziel enthemmter Bekehrungsversuche: „Wenn mich irgendwas im Leben wirklich aufgebracht hat, dann das gegen jedes Denken, jeden Gedanken und jede Aufklärung immune Gefasel von Sternzeichen, Rudolf Steiner und extravaganten Ahnungen fremder, unbegreiflich tröstlicher Welten.“</p>
<p>Für religiöse Empfindungen bleibt Herrndorf, um das Mindeste zu sagen, unempfänglich: „Priester sind mit Waffengewalt von mir fernzuhalten.“ Jeglicher Glaube an Jenseitiges entlockt ihm nur Kopfschütteln. Der Tod ist für ihn der Endpunkt, er macht unübersehbar, was eigentlich immer offenkundig ist: Nämlich die „unbegreifliche Nichtigkeit menschlicher Existenz. Im einen Moment belebte Materie, im nächsten dasselbe, nur ohne Adjektiv.“</p>
<p>Obwohl Herrndorf gelegentlich betont kaltschnäuzig oder machohaft zu klingen versucht, verschweigt er seine Zusammenbrüche nicht. Epileptische Anfälle setzen ihm zu, das Sichtfeld bekommt Lücken, die Orientierung lässt nach. Er irrt durch Berlin, selbst in vertrauten Straßen findet er sich nicht mehr zurecht, schreit, tobt, schlägt gegen Wände. („Vorteil Berlin: Auf der Torstraße bin ich unter den Gestörten nur Mittelfeld.“) Manchmal sehnt er eine radikale Verschlechterung seines Zustands geradezu herbei, damit er endlich Schluss machen kann: „Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt.“</p>
<p>Körperlich spürt er zunächst wenig Einschränkungen. Da Sport zeitlebens zu seinen großen Leidenschaften zählte, ist er auch mit Mitte vierzig noch fit und fühlt sich „wie mit zwanzig“. Er spielt in der Nationalmannschaft der Schriftsteller und in einem Berliner Amateurteam und will sich auch von seiner Krankheit nicht davon abbringen lassen.</p>
<p>Doch schließlich raubt ihm der Tumor zunehmend die Kontrolle über seine Bewegungen. So nüchtern wie möglich registriert er den eigenen Verfall: „Fußball gespielt. Ball ins Gesicht bekommen, umgefallen. Hingesetzt, gewartet. Weitergespielt, wieder umgefallen. Aufgehört. Mit dem Fahrrad nach Hause, nicht umgefallen.“ Aber als sein Berliner Team dann bei einem größeren Turnier antritt und schließlich gewinnt, kann er nur noch als Zuschauer am Zaun stehen und muss auch mit diesem Kapitel seines Lebens abschließen.</p>
<p>Noch einmal versucht es Herrndorf mit seiner persönlichen Therapie: mit Arbeit. Bald nach Abschluss seines letzten Romans, <em>Sand</em>, hat er ein neues Manuskript begonnen. Er will die Geschichte des Mädchens Isa erzählen, einer Nebenfigur aus seinem Roman <em>Tschick</em>. Doch er kommt zu langsam voran, er hat immer häufiger anfallsweise Artikulationsprobleme, der Tumor beginnt, das Sprachzentrum zu zerfressen.</p>
<p>Die Frage nach der „Exitstrategie“, nach einem selbst gewählten Schlusspunkt wird immer dring-licher. Er schaut sich auf YouTube eine ausführliche Dokumentation über die Schweizer Organisation Dignitas an, die schmerzloses Sterben durch Medikamente ermöglicht.</p>
<p>Herrndorf reagiert mit Entsetzen und – Witz: „So will ich nicht sterben, so kann ich nicht sterben, so werde ich nicht sterben. Nur über meine Leiche.“<br />
Stattdessen konzentriert sich Herrndorf auf die beruhigende Wirkung seines Revolvers und macht lange Spaziergänge am Hohenzollernkanal, nördlich vom Berliner Hauptbahnhof. Er ist „auf der Suche nach einem guten Ort“. Und er informiert sich genau, wie er die Waffe einsetzen muss, um mit Sicherheit das gewünschte Ergebnis zu erzielen.</p>
<p>Am 26. August 2013 verlässt er nachts seine Wohnung, heißt es im Nachwort des Buches, und schießt sich am Ufer des Hohenzollernkanals in den Kopf: „Er zielte durch den Mund ins Stammhirn. Es dürfte einer der letzten Tage gewesen sein, an denen er noch zu der Tat im Stande war.“</p>
<p>Die Rezension erschien im FOCUS Heft 49/13 vom 2. Dezember 2013</p>
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		<title>Maxim Billers Quartalsschwachsinn</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=25</link>
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		<pubDate>Sun, 02 Oct 2011 12:08:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
		<category><![CDATA[Helene Hegemann]]></category>
		<category><![CDATA[Ichzeit]]></category>
		<category><![CDATA[Maxim Biller]]></category>
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		<description><![CDATA[Keine Ichzeit Als sich Maxim Biller einmal gründlich verhob und glaubte, die deutsche Literatur fest im Griff zu haben. Gern würde ich Trotzkopf Maxim Biller ja irgendwie mögen. Ich gebe mir auch immer wieder Mühe. Aber er macht es einem &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=25">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Keine Ichzeit</strong></h2>
<h3><strong>Als sich Maxim Biller einmal gründlich verhob und glaubte, die deutsche Literatur fest im Griff zu haben. </strong></h3>
<p>Gern würde ich Trotzkopf Maxim Biller ja irgendwie mögen. Ich gebe mir auch immer wieder Mühe. Aber er macht es einem nicht leicht. Vor allem, wenn er wieder mal einen seiner Anfälle von Quartalsschwachsinn hat.</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2011/10/BuchBilder-042.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-26" title="BuchBilder 042" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2011/10/BuchBilder-042-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a></p>
<p>Heute vermisst er in der FAS großräumig &#8220;die Epoche, in der wir schreiben&#8221; und tauft sie &#8220;Ichzeit&#8221;. Falls ich alles richtig verstanden habe, ist es in seinen Augen das Kennzeichen unserer Epoche, dass die großen Autoren in ihren Büchern ihre &#8220;ganze verletzende und verletzliche Person stolz ins grelle öffentliche Licht&#8221; rücken. Biller hält das für richtig, weil dies derzeit ohnehin jeder täte, denn die Selbstbesessenheit werde &#8220;heutzutage auch beim normalsten Facebook-Nutzer durch die Medienlupe bis ins Monströse vergrößert.&#8221;</p>
<p>Gut und schön, offenbar glaubt Biller, in der Affirmation läge das Glück der Literatur. Das sei ihm gegönnt &#8211; mindestens ebenso wie sein alter Fimmel, falsche Superlative (&#8220;normalst&#8221;) für lustig zu halten.</p>
<p>Aber zum einen sind die Kriterien, die er für seine These nennt, so weit und unscharf gefasst, dass sie die halbe Weltliteratur umfassen: &#8220;Fast jedes der bedeutenden deutschen Bücher der vergangenen Jahre kommt in der ersten Person Singular daher &#8211; oder zumindest ist der Protagonist dem Autor zum Verwechseln ähnlich.&#8221; Zum anderen sind die Bücher, die er als Belege für seine These aus den letzten 25 Jahren herbeizitiert, derart willkürlich ausgewählt, dass sie alles und nichts beweisen.</p>
<p>Um nur ein Beispiel zu nennen: Der wunderbare Roman <em>Tschick</em> von Wolfgang Herrndorf ist reine Erfindungs-Literatur, ist eben nicht authentisch, sondern eine perfekte Fiktion, aus der sich der Autor persönlich heraushält. Herrndorf erschafft diese Fiktion, er selbst kommt nicht darin vor &#8211; nur seine Haltung zur Welt tritt in Erscheinung.</p>
<p>Wenn Billers Ansicht nach <em>Tschick</em> ein Beispiel für die Literatur der &#8220;Ichzeit&#8221; sein soll, daneben aber auch Helene Hegemanns <em>Roadkill</em>, dann kann einfach alles und jedes Literatur der Ichzeit sein. Ansonsten zieht er noch ein bisschen über die Literatur der Gruppe 47 und die 68igern her, doch es gibt derzeit wohl kaum etwas, das noch abgeschmackter, abgegriffener und altbackener ist als das Gruppe-47-und-68iger-Bashing. Was Biller jenseits von Honorar und Eitelkeit dazu treibt, derart dünne Laubsägearbeiten von sich zu geben, ist mir ein Rätsel. Das Ganze liest sich noch nicht einmal schwungvoll oder provokativ. Sondern langatmig und &#8211; eben &#8211; selbstbesessen. Ein Alterswerk.</p>
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