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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Umberto Eco</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Feinde der Demokratie</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Dec 2022 11:21:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als die Demokratie starb Vor hundert Jahren wurde der Faschismus erfunden und eroberte Europa. Heute geht eine Welle des Rechtspopulismus um die Welt. Führt sie zu neuen politischen Katastrophen? Ein neues Buch, herausgegeben von dem Historiker Thomas Weber, liefert wichtige &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2618">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><b>Als die Demokratie starb</b></h1>
<h2><strong>Vor hundert Jahren wurde der Faschismus erfunden und eroberte Europa. Heute geht eine Welle des Rechtspopulismus um die Welt. Führt sie zu neuen politischen Katastrophen? Ein neues Buch, herausgegeben von dem Historiker Thomas Weber, liefert wichtige Thesen zum Thema.</strong></h2>
<p>Die Geburt des Faschismus hätte leicht an schlechtem Wetter scheitern können. Vor hundert Jahren, im Herbst 1922, herrschte Dauerregen in Italien. Felder und Wege versanken im Matsch. Ausgerechnet bei derart garstiger Witterung ließ Benito Mussolini – ein mittelmäßiger Journalist und hochbegabter Demagoge – die Anhänger seiner faschistischen Partei PNF zum „Marsch auf Rom“ antreten.</p>
<p>Mussolini spürte, dass sich die amtierende liberale Regierung Italiens nicht mehr lange würde halten können. Also setzte er die Privatmiliz seiner Partei, die „Squadre d’azione“, in Gang. Es waren Schlägertrupps in schwarzen Hemden, verrohte Ex-Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, zusammengehalten vor allem durch ihre Feindschaft gegen alle sozialistischen Ideen. Er werde, verkündete Mussolini auf mehreren großen Versammlungen, an der Spitze dieser Männer die Macht in Rom notfalls mit Gewalt an sich reißen.</p>
<div id="attachment_2619" class="wp-caption alignright" style="width: 376px"><img class="size-full wp-image-2619" alt="Thomas Weber (Hg.): &quot;Als die Demokratie starb&quot;. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten - Geschichte und Gegenwart. Herder Verlag, 22 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/12/63969478z.jpg" width="366" height="600" /><p class="wp-caption-text">Thomas Weber (Hg.): &#8220;Als die Demokratie starb&#8221;. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten &#8211; Geschichte und Gegenwart. Herder Verlag, 22 Euro</p></div>
<p>Doch dann kam der Regen. Viele Squadristen blieben lieber zu Hause, nur rund die Hälfte setzte sich tatsächlich in Richtung Rom in Bewegung. Und sie stoppten bereits weit vor der Stadt auf durchgeweichten Feldern. Zu nennenswerten Gefechten kam es nicht, gegen die besser ausgerüstete Armee hätten sie kaum eine Chance gehabt. Der faschistische Staatsstreich war im Grunde gescheitert.</p>
<p>Aber schon die bloße Geste der Entschlossenheit reichte aus. Der eingeschüchterte König Viktor Emanuel III. bestellte Mussolini nach Rom, um ihn offiziell mit der Regierungsbildung zu betrauen. Mussolini hatte aber an dem nasskalten Marsch seiner Leute quer durch Italien gar nicht teilgenommen. Er musste in aller Eile mit dem Nachtzug aus Mailand herbeigeschafft werden. In einem Hotel zog er rasch die Uniform und das schwarze Hemd seiner Squadristen über, stürmte in die Arbeitsräume des Königs und rief ihm zu: „Majestät, ich komme von den Schlachtfeldern!“ Heute würde man das wohl Fake News nennen.</p>
<p>Mussolinis erstaunlich leicht errungener Triumph wurde Vorbild und Ansporn für politische Abenteurer in ganz Europa. Nur ein Jahr nach dem Erfolg des Italieners planten ein abgehalfterter General und ein Österreicher in München, die deutsche Regierung durch einen „Marsch auf Berlin“ zu stürzen. Der Putschversuch scheiterte beim ersten Feuergefecht. Der General kam straflos davon, der Österreicher wurde nach einem Dreivierteljahr Haft wegen guter Führung wieder auf freien Fuß gesetzt. Sein Name war Adolf Hitler.</p>
<p>Ausgehend von Mussolinis Sieg über die Demokratie begann sich die politische Landkarte Europas in den 1920er und 1930er Jahren radikal zu verändern. Diktatoren brachten ein Land nach dem anderen in ihre Gewalt. Nicht alle waren Faschisten. Stalin zum Beispiel errichtete in der Sowjetunion nach und nach seine linke Terrorherrschaft. Und lieferte damit das Schreckbild eines mörderischen kommunistischen Regimes, das die rechtsextremen Bewegungen brauchten, um sich im restlichen Europa propagandistisch gegen die Linke durchzusetzen.</p>
<p>Hundert Jahre nach Mussolinis Sieg und neunzig Jahre nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 legen nun der deutsche Historiker Thomas Weber und einige seiner Fachkollegen eine neue Analyse dieser Zeitenwende vor in dem Buch „Als die Demokratie starb“ (Herder Verlag, 22 Euro). Das Buch ist nicht zuletzt deshalb brisant, weil derzeit eine überraschend ähnliche Welle von populistischen Bewegungen Europa und Amerika überschwemmt und die liberale Demokratie aus den Angeln zu heben droht. Stehen wir vor einem erneuten Siegeszug rechter oder linker Diktaturen, der seinerzeit die Welt in den blutigsten aller Kriege stürzte?</p>
<p>Die Bilanz vor hundert Jahren war erschütternd. Niall Ferguson, Historiker von Weltruf, führt in Webers Buch das politische Schreckenspanorama jener Zeit vor. Nicht nur Italien, Deutschland, Österreich und das Spanien Francos huldigten binnen weniger Jahre faschistischen bzw. nationalsozialistischen Führern. Auch in Albanien, Jugoslawien, Griechenland, Litauen und Rumänien kamen Diktatoren an die Macht. Kemal Atatürk errichtete in der Türkei praktisch einen Einparteienstaat, António de Oliveira Salazar tat es ihm in Portugal nach. Karlis Ulmanis schaffte das Parlament in Lettland ab und Konstantin Päts beförderte sich per Dekret zum „Beschützer“ Estlands. In Polen regierte Jósef Piłsudski und in Ungarn Miklôs Horthy quasi unumschränkt. Es war ein Massensterben der Demokratien.</p>
<p>Natürlich bestand jeder der Diktatoren darauf, unverwechselbar zu sein, geboren aus den nationalistischen Traditionen seines Landes. Doch das Erscheinungsbild ihrer Herrschaft war jedes Mal nahezu dasselbe: Das Militär rückte in den Mittelpunkt der Politik, Parteimilizen kontrollierten und terrorisierten die Bevölkerung. Das zivile Leben wurde abgelöst von Inszenierungen totaler Macht. Oder wie Niall Ferguson schreibt, überall „die farbigen Hemden, die glänzenden Stiefel, die martialische Musik, die stolzierenden Führer, die gewalttätigen Banden“.</p>
<p>Denn das hatten seine Nachahmer von Mussolini gelernt: Der Faschismus braucht Demagogie und aggressive Show, aber kein politisches Programm. Es ging um die Macht nur um der Macht Willen. Mussolini hatte so gut wie keine Überzeugungen. Zu Anfang seiner Karriere war er ein militanter Atheist, später umarmte er bereitwillig jeden Bischof, der seine Parteifähnchen segnete. Es gibt keine verbindliche faschistische Ideologie. Francos Falangisten in Spanien waren streng katholisch, die Nazis dagegen kirchenfeindlich. Hitlers Hass auf die Juden war grenzenlos, andere Diktatoren waren in diesem Punkt gelassener.</p>
<div id="attachment_2620" class="wp-caption alignleft" style="width: 207px"><img class="size-medium wp-image-2620" alt="Umberto Eco: &quot;Der ewige Faschismus&quot;. Übersetzung: Burkhart Kroeber. Hanser Verlag, 10 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/12/57897713z-197x300.jpg" width="197" height="300" /><p class="wp-caption-text">Umberto Eco: &#8220;Der ewige Faschismus&#8221;. Übersetzung: Burkhart Kroeber. Hanser Verlag, 10 Euro</p></div>
<p>Schon deshalb ist es bis heute schwer, präzise zu definieren, was mit dem Begriff Faschismus gemeint ist. Hitler und Mussolini führten – wie Putin heute – imperialistische Angriffskriege, Franco in Spanien und Salazar in Portugal ließen davon die Finger. Mussolini entschied nach Tageslaune, ob er für oder gegen seinen König arbeitete. Hitler dagegen ließ, wie Thomas Weber schreibt, den ehemaligen Kronprinz Wilhelm von Preußen „wie eine heiße Kartoffel fallen“, sobald er dessen Unterstützung nicht mehr brauchte.</p>
<p>Umberto Eco, der lange den Mythen der Faschisten nachforschte, hat einmal die wichtigsten Zutaten zusammengetragen, aus denen die Ursuppe des Faschismus gekocht wird. Zu ihnen zählt der Kult um die nationale Überlieferung und die wütende Forderung, alles solle gefälligst so bleiben, wie es angeblich einmal war. Ebenso die Ablehnung der Moderne mit ihrer Freude am kritischen Denken und an einer Vielfalt der Lebensmodelle. Aus diesen Voraussetzungen folgt fast zwangsläufig eine Neigung zur Fremdenfeindlichkeit und zum völkischen Denken, das dem eigenen Volk immer eine herausgehobene, besonders edle Rolle in der Geschichte zubilligt. Auch die Verachtung des Intellektuellen und der komplizierten parlamentarischen Politik gehören dazu. Genauso wie ein kriegerischer Machismo und der Appell an eine verunsicherte Mittelschicht, die sich vom sozialen Abstieg bedroht fühlt.</p>
<p>Weil sich nicht bei jeder rechtsradikalen Bewegung alle diese Elemente mit unbestreitbarer Präzision nachweisen lassen, erheben manche Experten Einspruch, wenn solche Bewegungen heute als faschistisch bezeichnet werden. Mal vermissen sie bei den entsprechenden Gruppierungen den Personenkult, mit dem sich Hitler oder Mussolini schmückten, mal deren kriegerischer Militarismus. Um derartigen Einwänden zuvorzukommen, wählte Joe Biden kürzlich für einige der ultrarechten Fanatiker unter den Republikaner das Wort „Halbfaschisten“. Aber letztlich wirkt solche Begriffsklauberei lächerlich angesichts der Wucht, mit der rechtspopulistische Parteien die politische Weltkarte binnen weniger Jahre verändert haben.</p>
<p>Die Strategie, mit der die liberale Demokratie in den verschiedenen Ländern angegriffen wird, ist immer die gleiche. Bekämpft wird vor allem die Unabhängigkeit der Gerichte, die über die Erhaltung des Rechtsstaats wachen, und die Freiheit der Medien, die den Bürgern ein unerwünschtes Bild vom Zustand der Gesellschaft vermitteln könnten. Die Machthaber Ungarns, Polens und der Türkei sind auf diesem Wege schon weit vorangekommen. Sie haben die Demokratie ihrer Länder so gründlich ausgehöhlt, dass fast nur noch Fassaden stehen geblieben sind.</p>
<p>In Italien ist jetzt mit Giorgia Meloni eine alte Mussolini-Verehrerin Ministerpräsidentin geworden. Praktischerweise steht ihr Silvio Berlusconi zur Seite, der ihr als Besitzer verschiedener TV-Sender und Verlage seine erhebliche Medien-Macht zur Verfügung stellt. Die neue liberalkonservative Minderheitsregierung in Schweden kann sich nur im Amt halten, weil die einst von Neonazis mitbegründete Partei der Schwedendemokraten sie unterstützt und ihr im Gegenzug zentrale Teile der Regierungsagenda vorschreibt.</p>
<div id="attachment_2621" class="wp-caption alignright" style="width: 194px"><img class="size-medium wp-image-2621" alt="Herfried Münkler: &quot;Die Zukunft der Demokratie&quot;. Brandstetter Verlag, 20 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2022/12/63667956z-184x300.jpg" width="184" height="300" /><p class="wp-caption-text">Herfried Münkler: &#8220;Die Zukunft der Demokratie&#8221;. Brandstetter Verlag, 20 Euro</p></div>
<p>Aber auch ohne aktuelle Regierungsbeteiligungen ist der Einfluss rechtspopulistischer Bewegungen inzwischen erschreckend hoch. Die FPÖ in Österreich, Marine Le Pens Sammlungsbewegung in Frankreich, die SVP in der Schweiz, die Folkeparti in Dänemark, die PS in Finnland waren oder sind bereits in führenden Positionen in den Landes- bzw. Regionalparlamenten vertreten. Vor allem bei ihrem Lieblingsthema, der Migrations- und Zuwanderungspolitik, haben sie längst entscheidende Weichen gestellt.</p>
<p>Während des Siegeszugs des Faschismus vor hundert Jahren zeigten sich zwei der ältesten Demokratien der Welt als besonders widerstandsfähig: Großbritannien und USA. Heute hat der nationalistische Populismus auch dort tiefe Spuren hinterlassen. Das macht die gegenwärtige Lage besonders beunruhigend. Der Vertrauensverlust in die demokratischen Institutionen ist in diesen Ländern durch die offenkundigen Lügen beim Brexit-Referendum oder über angeblich gefälschte Wahlergebnisse in USA inzwischen mit Händen zu greifen.</p>
<p>Donald Trump folgte, schreibt die Historikerin Marla Stone in Thomas Webers Buch, im Wahlkampf 2020 einer Strategie, die zum „Standardwerkzeug“ des Faschismus gehört. Zunächst bezeichnete er seine politischen Gegner als Feinde des Volkes, die das Land an einen zerstörerischen Kommunismus ausliefern wollten. Zudem befeuerte er Straßenkämpfe am Rand von Demonstrationen und ließ bewaffneten Milizen wie den <em>Proud Boys</em> oder den <em>Oath Keepers</em> Signale der Ermutigung zukommen. Dann kündigte er an, die Antifa zur terroristischen Organisation zu erklären. Da es aber in Amerika keine organisierte Antifa gibt, blieb offen, auf wen die unspezifische Ankündigung zielte und stellte damit letztlich jeden Gegner Trumps unter Terrorismusverdacht. Schließlich schickte er Bundestruppen in Städte, die von Demokraten geführt wurden, um das „amerikanische Volk“ vor „extremistischen Politikern“ zu schützen. Die Kampagne gipfelte im Sturm auf das Kapitol am 6. Januar.</p>
<p>Am deutlichsten aber lässt sich die Nähe zu faschistischen Traditionen in Putins Russland beobachten: der imperialistische Machtanspruch, die brutale Unterdrückung jeder Opposition, der Personenkult um den großen Anführer, der Hass auf Minderheiten, das Denken in Kategorien des Angriffskriegs. Wenn die AfD trotzdem (oder gerade deshalb) an ihrer Sympathie für Putin festhält, muss das niemanden wundern. Warum ihn aber einige Politiker der deutschen Linken um jeden Preis für einen vertrauenswürdigen Verhandlungspartner halten wollen, bleibt ein Rätsel.</p>
<p>Die große Welle des Faschismus in den 1930er Jahren folgte auf das Elend der Weltwirtschaftskrise vom Herbst 1929. Das schien heutzutage lange eine gewisse Gelassenheit zu rechtfertigen. Denn der Wohlstand und die Hochkonjunktur der vergangenen Jahrzehnte galt als die wirkungsvollste Versicherung gegen vergleichbare politische Katastrophen. Doch mit Corona, Klimakrise, Rekordinflation und dem Krieg in der Ukraine mehren sich die Anzeichen, die für eine ernste wirtschaftliche Talfahrt sprechen. Wie groß die Widerstandskräfte der liberalen Demokratie in einer Zeit wachsender Engpässe oder sogar echter Not sein werden, ist schwer abzusehen.</p>
<p>Es gibt allerdings auch Gründe zur Hoffnung, die man nicht übersehen darf. Einen offensichtlichen, aber oft unbeachteten Grund benennt der Politologe Herfried Münkler in seinem neuen Buch „Die Zukunft der Demokratie“ (Brandstätter, 20 Euro). Ein „nicht zu unterschätzender Unterschied des <i>Heute</i> gegenüber dem <i>Damals</i>“ besteht nämlich darin, „dass uns die Vergangenheit als ein politisches Warn- und Stoppschild vor Augen steht“. Im Gegensatz zu unseren Vorfahren wissen wir um einige der möglichen Gefahren. Es kommt allerdings darauf an, diese historischen Lehren auch tatsächlich ernst zu nehmen.</p>
<p>Die Geschichte kennt keine unabänderlichen Abläufe. Die wachsende Neigung einiger Wählergruppen zu autoritären Politikern muss in Verknüpfung mit einer schweren Wirtschaftskrise nicht zwangsläufig im Faschismus münden. In den frühen 1930er Jahren war neben Deutschland keine andere Industrienation so stark durch die „Great Depression“ betroffen wie die USA. Die Löhne halbierten sich, die Arbeitslosenquote stieg auf 25 Prozent, Millionen Menschen hatten buchstäblich nichts zu essen.</p>
<p>Auch Präsident Franklin D. Roosevelt forderte bei seinem Machtübernahme 1933 weitreichende politische Vollmachten – so wie Hitler fast zeitgleich in Berlin mit seinem Ermächtigungsgesetz. Doch Roosevelts autoritäre Entscheidungsfreiheit wurde vom Parlament, wie Niall Ferguson zeigt, ausschließlich auf wirtschaftliche Maßnahmen beschränkt. Die Bürgerrechte, die Hitler schon vier Wochen nach seinem Antritt als Kanzler per Notverordnung beseitigte, blieben in Amerika unangetastet. Damit bewahrte sich Amerika seine Demokratie, während sich in Deutschland das Tor zu einer der abscheulichsten Diktaturen der Geschichte öffnete.</p>
<p>Aktuell gibt es noch andere Hoffnungszeichen. In Brasilien wurde der Rechtspopulist Bolsonaro abgewählt. Aber ob das Land unter dem Linkspopulisten Lula da Silva demokratisch stabil bleibt, muss man abwarten. Bei den Zwischenwahlen in den USA fand der erwartete Triumph der republikanischen Politiker von Trumps Gnaden nicht statt. In Großbritannien scheint nach Boris Johnson und Liz Truss wieder spürbar mehr angelsächsische Rationalität in die Politik zurückzukehren. Und die deutsche Demokratie zeigt sich zunehmend kämpferisch, wie jüngst die Razzia gegen ein Netzwerk von Reichsbürger belegt, die mutmaßlich einen Staatsstreich geplant haben.</p>
<p>Vor allem aber: Vor hundert Jahren gab es weder EU noch NATO. Die einzige nennenswerte übernationale Organisation war damals der <em>Völkerbund</em>. Doch der konnte nie einen stärkeren politischen Einfluss entfalten, schon weil die USA ihm nicht angehörten. Es bleibt die Hoffnung, dass ein demokratischer Staatenverbund wie die Europäische Union auch der Demokratie in den einzelnen Mitgliedsstaaten mehr Stabilität verschafft. Es ist kein Zufall, dass die rechtspopulistischen Parteien in allen Ländern zu den Verächtern der EU zählen – und nicht wenige den Austritt aus der Staatengemeinschaft fordern.</p>
<p>Der Kampf um die liberale Demokratie wird nicht einfach werden. Wer sie verteidigen will, kann das nicht von alten Komfortzonen aus tun. Es gibt gute Chancen sie zu schützen. Aber sie müssen auch genutzt werden. Und zwar jetzt. Der Schriftsteller Erich Kästner, der die Diktatur der Nationalsozialisten sehr genau kennen gelernt hatte, sagte einmal nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat. Das ist die Lehre, das ist das Fazit dessen, was uns 1933 widerfuhr. Das ist der Schluss, den wir aus unseren Erfahrungen ziehen müssen … Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.“</p>
<p><em>Der Artikel erschien zuerst in &#8220;Focus&#8221; vom 10. Dezember 2022 und in schwedischer Übersetzung in &#8220;Dagens Nyheter&#8221; vom 20. Dezember 2022</em></p>
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		<title>Buch&amp;Bar 102: Umberto Eco &#8220;Pape Satàn&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Mar 2017 13:14:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch & Bar]]></category>
		<category><![CDATA[Umberto Eco]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Bär, der keine Handys mochte Heute: Über herrliche Brummigkeiten bei Lesen und Trinken Umberto Eco war ein Schriftsteller und Professor von bärenhafter Gestalt. Doch manchmal verließ ihn seine bärenhafte Gutmütigkeit und er wurde brummig. Zum Beispiel als ihn Zuhörer &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2175">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Der Bär, der keine Handys mochte</strong></h1>
<h2><strong>Heute: Über herrliche Brummigkeiten bei Lesen und Trinken</strong></h2>
<div id="attachment_2177" class="wp-caption alignright" style="width: 300px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/47022068z1.jpg"><img class="size-full wp-image-2177" title="47022068z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/47022068z1.jpg" alt="" width="290" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Umberto Eco: &quot;Papa Satàn&quot;. Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, die Welt zu verstehen Übersetzung: Burkhard Kroeber. Hanser Verlag. 20 Euro</p></div>
<p>Umberto Eco war ein Schriftsteller und Professor von bärenhafter Gestalt. Doch manchmal verließ ihn seine bärenhafte Gutmütigkeit und er wurde brummig. Zum Beispiel als ihn Zuhörer bei einem Vortrag immerzu mit ihren Handy-Blitzlichtern blendeten. Sie sollten, sagte er, lieber zuhören, statt Bilder zu machen. Ihn permanent zu fotografieren wäre nur gerechtfertigt, wenn er nicht als Professor arbeitete, sondern als Stripper.</p>
<p>Einige seiner unzeitgemäßen Brummigkeiten hat er noch vor seinem Tod 2016 zusammengefasst in dem Band „Pape Satàn“ (Hanser, 20 Euro). Er habe, schreibt Eco, seinen Fotoapparat schon als junger Mann weggeschmissen, als er von einer Reise haufenweise Fotos mitbrachte, aber sich nicht mehr erinnern konnte, was er tatsächlich erlebt hatte. Die Unfähigkeit vieler Leute, den Blick wenigstens auf offener Straße mal vom Handy zu lösen, nennt er den „Wahnsinn“ einer Menschheit, die „nicht mehr die Umgebung betrachtet, nicht mehr über Leben und Tod nachdenkt, sondern wie besessen redet und redet, fast immer ohne etwas zu sagen“.</p>
<p>Ich weiß nicht, was Eco trank, wenn er mal in einer Bar saß und redete und redete. Nach einem guten Essen beim Italiener servierte man mir einen Grappa Orso Bruno. Orso heißt auf Italienisch Bär. Tatsächlich war der Drink bärenstark und höllisch gut und die Flasche so verbogen, als hätte ein Bär sie zu öffnen versucht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>2014 startete BUCH &amp; BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.</em></p>
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		<title>Buch&amp;Bar 79: Nele Pollatschek &#8220;Das Unglück anderer Leute&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Sep 2016 06:10:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die liebe Familie &#8211; und wie man sie loswird Heute: Über das zutiefst Böse beim Lesen und Trinken Das Beste an der Literatur ist, dass man sich als Schriftsteller jeden Wunsch erfüllen kann. Zwar nicht unbedingt in finanzieller Hinsicht, da &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1972">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Die liebe Familie &#8211; und wie man sie loswird</strong></h1>
<h2><strong>Heute: Über das zutiefst Böse beim Lesen und Trinken</strong></h2>
<p>Das Beste an der Literatur ist, dass man sich als Schriftsteller jeden Wunsch erfüllen kann. Zwar nicht unbedingt in finanzieller Hinsicht, da sieht’s mau aus, dafür aber in der Fantasie. Umberto Eco sagte mal, in einer bestimmten Phase seines Lebens habe er unbedingt einen Mönch umbringen wollen. Also schrieb er „Der Name der Rose“, in dem Mönche reihenweise sterben, und konnte sich danach sogar finanziell jeden Wunsch erfüllen.</p>
<div id="attachment_1973" class="wp-caption alignright" style="width: 298px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/09/45002664z.jpg"><img class="size-full wp-image-1973" title="45002664z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/09/45002664z.jpg" alt="" width="288" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Nele Pollatschek: &quot;Das Unglück anderer Leute&quot;. Roman. Galiani Verlag. 18,99 Euro</p></div>
<p>Die junge Autorin Nele Pollatschek überträgt das Prinzip auf das Genre des Familienromans in „Das Unglück anderer Leute“ (Galiani, 18,99 Euro). Ihre ebenfalls junge Heldin Thele fühlt sich vor allem von ihrer Mutter terrorisiert. Aber genau genommen geht ihr fast die gesamte Sippschaft auf die Nerven. Also wird einer nach dem anderen blutig abgeräumt. Schließlich sogar die Heldin selbst, was für den Leser sehr befriedigend ist, denn Thele ist eine selbstgerechte Schnepfe vor dem Herrn.</p>
<p>Naturgemäß promoviert die Autorin Pollatschek über das Problem des Bösen in der Literatur. Ich denke, es dürfte also ganz in ihrem Sinne sein, wenn ich mich nach ihrem Buch dem Cocktail „The Evil Sour one“ gewidmet habe. Er ist kinderleicht zu mixen: Halb Applejack (amerikanischer Apfelbranntwein), halb Martini rosso. Allerdings ist Applejack derart scharf, bissig und zutiefst böse zum Gaumen, dass ich ihn lieber durch einen guten französischen Calvados ersetze, den fruchtigen, fünf Jahre alten Lecompte zum Beispiel.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>2014 startete BUCH &amp; BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Kurt Wolff &#8211; ein großer Verleger der deutschen Literatur</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1648</link>
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		<pubDate>Thu, 03 Mar 2016 11:42:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Aufbruch, Aufbruch, immer wieder Aufbruch Kurt Wolff war der wichtigste Verlege des deutschen Expressionismus, einer der bedeutendsten Verleger der deutschen Literaturgeschichte. Heute könnte er seinen Geburtstag feiern, Grund genug an ihn und seine Arbeit zu erinnern, aber auch an seine &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1648">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Aufbruch, Aufbruch, immer wieder Aufbruch</strong></h1>
<h2><strong>Kurt Wolff war der wichtigste Verlege des deutschen Expressionismus, einer der bedeutendsten Verleger der deutschen Literaturgeschichte. Heute könnte er seinen Geburtstag feiern, Grund genug an ihn und seine Arbeit zu erinnern, aber auch an seine Frau Helen Wolff, die mit ihm gemeinsam Großartiges geleistet hat, wenn es darum ging, deutsche Literatur nach Amerika zu vermitteln. Ein Loblied.<br />
</strong></h2>
<p>Ja, wenn man solche Postkarten bekommt! Da muss das Verlegerleben doch die reine Lust sein. „Sehr geehrter Verlag“, steht da in geschwungener, klarer Handschrift, „gleichzeitig schicke ich Ihnen express-rekommand das Manuskript der ‚Strafkolonie’ mit einem Brief. Hochachtungsvoll ergeben Dr. Kafka. 19/XI/18.“</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/11559892689.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1649" title="11559892689" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/11559892689.jpg" alt="Franz Kafkas Erzählung &quot;Die Verwandlung&quot;, 1915 veröffentlicht im Verlag Kurt Wolff" width="270" height="397" /></a>So bescheiden und unprätentiös eine der berühmtesten und meistgelesenen Erzählungen des 20. Jahrhunderts frei Haus geliefert zu kriegen – kann es für einen Verleger größeres Glück geben? Welche Sorgen sollten ihn da noch drücken? Doch leider sind die Realitäten des Verlagsgeschäfts andere.</p>
<p>Kafkas Postkarte war 2007  Teil einer Ausstellung zu Ehren Kurt Wolffs in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Sie war nicht zuletzt ein Resultat des Bemühens, für die Verlagsgeschichte etwas zu erreichen, was für die vor den Nazis ins Exil geflohenen Schriftsteller schon vor Jahrzehnten geleistet wurde: Sie wieder mit ihrer ganzen Lebensleistung als Teil deutscher Literaturgeschichte bewusst zu machen.</p>
<p>Kurt Wolff, am 3. März 1887 in Bonn geboren, wuchs in einer bildungsgesättigten Atmosphäre auf, von der man heute nur noch träumen kann. Der Vater war Professor und Musikdirektor der Stadt, die Mutter, die früh starb und dem Sohn ein Vermögen hinterließ, entstammte einer alten jüdischen Familie, die zum Freundesumkreis der Familie Goethes zählte.</p>
<div id="attachment_1650" class="wp-caption alignleft" style="width: 138px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22490265z.jpg"><img class="size-full wp-image-1650" title="22490265z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22490265z.jpg" alt="" width="128" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Herausgeber: Barbara Weidle, Ursula Seeber: &quot;Kurt Wolff - Ein Literat und Gentleman&quot;. Begleitbuch zur Frankfurter Ausstellung 2007. Weidle Verlag, 25 Euro</p></div>
<p>Als Wolff – gerade mal 23jährig – mit Ernst Rowohlt seinen ersten Verlag gründete, verfügte er über souveräne Kenntnissen in Musik, Kunst, Literatur, hatte bereits literaturhistorische Bücher ediert und eine kostbare 12.000 Bände zählende Bibliothek mit Erstausgaben aufgebaut.</p>
<p>Selbst die größten Verleger sind selten länger als zehn, zwanzig Jahre auf dem Höhepunkt ihrer Fähigkeiten. In dieser Zeit verstehen sie es, wie die Beispiele von Samuel Fischer bis Siegfried Unseld zeigen, wichtige Autoren ihrer Generation an sich zu bindenden, bevor dann die nächste Generation nachrückt, zu der sie nur selten noch fruchtbare Kontakte herstellen können.</p>
<p>Die Ungunst der Epoche wollte es, das Kurt Wolff diesen Gipfel seiner Ausstrahlungskraft schon früh, als noch unerfahrener Mann und dazu in wirtschaftlich katastrophalen Zeiten erreichte. Er war nur 25 Jahre alt, als er sich 1912 von Rowohlt trennte, zwei der hellhörigsten jungen Literaten der Zeit, Kurt Pinthus und Franz Werfel, als Lektoren einstellte und mit uferloser Energie über den Buchmarkt herfiel.</p>
<div id="attachment_1651" class="wp-caption alignright" style="width: 136px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22816991z.jpg"><img class="size-full wp-image-1651" title="22816991z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22816991z.jpg" alt="" width="126" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfram Göbel: &quot;Der Kurt Wolff Verlag&quot;. Allitera Verlag 2007. 42 Euro</p></div>
<p>Schon im ersten Jahr als alleinverantwortlicher Verleger produzierte er mehr Titel als der bislang bedeutendste Großverlag S.Fischer. Wie ein Magnet zog Wolff die wichtigsten Autoren des literarischen Expressionismus an sich. Bei ihm erschien alles, was bis heute die Literaturgeschichte dieser Zeit prägt: Werfel, Trakl, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, Karl Kraus, Robert Walser, Arnold Zweig. Allein 1916 kamen Bücher heraus von Kafka, Carl Sternheim, Werfel, Gottfried Benn und Johannes R.Becher, dazu der Bestseller „Golem“ von Gustav Meyrink. Gleichsam auf Vorrat hatte Wolff im selben Jahr den während des Ersten Weltkriegs wegen der Zensur undruckbaren Roman „Der Untertan“ von Heinrich Mann eingekauft.</p>
<p>Doch so blitzartig Wolffs Aufstieg war, so rapide war sein Absturz. Die meisten seiner Autoren, darunter Kafka, fanden zunächst kaum Leser. Dennoch kaufte Wolff, wie manisch getrieben, zahlreiche andere Verlage, wechselte mehrfach den Hauptsitz seiner Firma, produzierte kostspielige Kunstbände, obwohl sich der Buchmarkt nach dem Ersten Weltkrieg und während der Inflationszeit im freien Fall befand.</p>
<div id="attachment_1652" class="wp-caption alignleft" style="width: 105px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/12399950m.jpg"><img class="size-full wp-image-1652" title="12399950m" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/12399950m.jpg" alt="" width="95" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Kurt Wolff: &quot;Autoren - Bücher - Abenteuer. Betrachtungen und Erinnerungen eines Verlegers&quot;. Verlag Klaus Wagenbach 2004. 9,90 Euro</p></div>
<p>Der Rheinländer Wolff war eher zu emphatischen Aufbrüchen begabt – darin vielen seiner expressionistischen Autoren verwandt – als dazu, seinen Unternehmungen Kontinuität und Dauer zu verleihen. Schon nach 1920 publizierte er kaum noch literarische Titel und als er seinen Verlag 1930 mit Anfang Vierzig aufgeben musste, hatte er sein Vermögen und große Teile der Mitgift seiner ersten Frau aufgebraucht.</p>
<p>Zusammen mit seiner zweiten Frau Helen floh er 1941 vor den Nazis nach New York, und gründete dort den Verlag Pantheon Books. Zu ihnen stieß ein anderer Exilant, der in Russland geborene Jacques Schiffrin, der in Frankreich die weltberühmte Sammlung „La Pléiade“ aus der Taufe gehoben hatte, die bis heute vom Verlag Gallimard fortgeführt wird. Zusammen spezialisierten sie sich darauf, große europäische Literatur auf den amerikanischen Buchmarkt zu bringen, auch wenn die keine großen Markterfolge garantierte. „Doch wie auch immer die aktuellen Verkaufsziffern ausfielen“, schrieb später Jacques Schiffrins Sohn André, „die Büroräume des Verlags am Washington Square bildeten für die Emigranten in New York eine Oase der Glückseligkeit, stilvoll in einer der prachtvollen Stadtvillen untergebracht, die früher die Südseite des Parks begrenzten.“</p>
<div id="attachment_1653" class="wp-caption alignright" style="width: 292px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/00753378z.jpg"><img class="size-full wp-image-1653" title="00753378z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/00753378z.jpg" alt="" width="282" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Kurt Pinthus: &quot;Menschheitsdämmerung. Ein Dokument des Expressionismus&quot;. Rowohlt Taschenbuch Verlag. 9,90 Euro</p></div>
<p>Ökonomisch wirklich erfolgreich wurde Pantheon Books erst in den fünfziger Jahren mit einem Beststeller von Anne Morrow Lindbergh: „Muscheln in meiner Hand“ und der amerikanischen Lizenz von Boris Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“. Dennoch wurden Kurt und Helen Wolff bald darauf aus dem Verlag gedrängt, der ihren literarischen Qualitätsvorstellungen immer weniger entsprach.</p>
<p>Helen Wolff ist bis zu ihrem Tod 1994 eine wer wichtigsten Vermittelrinnen europäischer Literatur nach Amerika geblieben. Sie brachte in einem speziell auf sie zugeschnittenen Imprint-Verlag unter anderem Uwe Johnson, Grass, Frisch, Jurek Becker, Walter Benjamin, Karl Jaspers und Umberto Eco heraus.</p>
<p>Kurt Wolff starb, wie er gelebt hatte, im Dienst der Literatur. 1963 wurde er auf dem Weg zu einer Ausstellung expressionistischer Literatur in Marbacher Schiller Nationalmuseum von einem Lastwagen überfahren. Man beerdigte ihn in Marbach, wo zwölf Jahre später auch sein alter Lektor Kurt Pinthus beisetzte wurde, dessen legendäre Anthologie „Menschheitsdämmerung“ wie keine andere den Geist der frühen Autoren Kurt Wolffs bewahrte. Doch diese Sammlung war erst 1920, also nach der kurzen, explosionsartigen Blüte von Wolffs Verlag fertig geworden – und erschien deshalb schon im Verlag seines alten Konkurrenten Rowohlt.</p>
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		<title>Immer im Aufbruch: Kurt Wolff (1887 &#8211; 1963)</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Apr 2012 12:20:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die hellhörigsten Leser ihrer (kurzen) Epoche Kurt Wolff gehört zu meinen Lieblingsverlegern. Von Kafka bis Trakl, von Benn bis Georg Heym, von Robert Walser bis Else Lasker-Schüler: Alle ewaren sie seine Autoren. 2012 ist ein kleines Wolff-Jubiläum zu feiern: Er &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=271">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Die hellhörigsten Leser ihrer (kurzen) Epoche</strong></h2>
<h3><strong>Kurt Wolff gehört zu meinen Lieblingsverlegern. Von Kafka bis Trakl, von Benn bis Georg Heym, von Robert Walser bis Else Lasker-Schüler: Alle ewaren sie seine Autoren. 2012 ist ein kleines Wolff-Jubiläum zu feiern: Er wurde vor 125 Jahren in Bonn geboren. Grund genug für ein kleines Porträt dieses rheinischen Enthusiasten, der so hervorragend Bücher machen und so desaströs schlecht rechnen konnte.</strong></h3>
<p>Ja, wenn man solche Postkarten bekommt! Da muss das Verlegerleben doch die reine Lust sein. „Sehr geehrter Verlag“, steht da in geschwungener, klarer Handschrift, „gleichzeitig schicke ich Ihnen express-rekommand das Manuskript der <em>Strafkolonie</em> mit einem Brief. Hochachtungsvoll ergeben Dr. Kafka. 19/XI/18.“ So bescheiden und unprätentiös eine der berühmtesten und meistgelesenen Erzählungen des 20. Jahrhunderts frei Haus geliefert zu kriegen – kann es für einen Verleger größeres Glück geben? Welche Sorgen sollten ihn da noch drücken?</p>
<div id="attachment_281" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/jpeg2"><img class="size-medium wp-image-281" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/jpeg2-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Kurt Wolff um 1913 (Bild: Frank Eugene)</p></div>
<p>Doch leider sind die Realitäten des Verlagsgeschäfts andere. Kurt Wolff, 1887 in Bonn geboren, wuchs in einer bildungsgesättigten Atmosphäre auf, von der man heute nur noch träumen kann. Der Vater war Professor und Musikdirektor der Stadt, die Mutter, die früh starb und dem Sohn ein Vermögen hinterließ, entstammte einer alten jüdischen Familie, die zum Freundesumkreis der Familie Goethes zählte. Als Wolff – gerade mal 23jährig – mit Ernst Rowohlt seinen ersten Verlag gründete, verfügte er über souveräne Kenntnissen in Musik, Kunst, Literatur, hatte bereits literaturhistorische Bücher ediert und eine kostbare 12.000 Bände zählende Bibliothek mit Erstausgaben aufgebaut.</p>
<div id="attachment_282" class="wp-caption alignleft" style="width: 92px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/82px-Kurt_Wolff1.jpg"><img class="size-full wp-image-282" title="82px-Kurt_Wolff" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/82px-Kurt_Wolff1.jpg" alt="" width="82" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Plakat einer Kurt-Wolff-Ausstellung in Frankfurt am Main (2007)</p></div>
<p>Selbst die größten Verleger sind selten länger als zehn, zwanzig Jahre auf dem Höhepunkt ihrer Fähigkeiten. In dieser Zeit verstehen sie es, wie die Beispiele von Samuel Fischer bis Siegfried Unseld zeigen, wichtige Autoren ihrer Generation an sich zu bindenden, bevor dann die nächste Generation nachrückt, zu der sie nur selten noch fruchtbare Kontakte herstellen können. Die Ungunst der Epoche wollte es, das Kurt Wolff diesen Gipfel seiner Ausstrahlungskraft schon früh, als noch unerfahrener Mann und dazu in wirtschaftlich katastrophalen Zeiten erreichte. Er war nur 25 Jahre alt, als er sich 1912 von Rowohlt trennte, zwei der hellhörigsten jungen Literaten der Zeit, Kurt Pinthus und Franz Werfel, als Lektoren einstellte und mit uferloser Energie über den Buchmarkt herfiel.</p>
<p>Schon im ersten Jahr als alleinverantwortlicher Verleger produzierte er mehr Titel als der bislang bedeutendste Großverlag S.Fischer. Wie ein Magnet zog Wolff die wichtigsten Autoren des literarischen Expressionismus an sich. Bei ihm erschien alles, was bis heute die Literaturgeschichte dieser Zeit prägt: Werfel, Trakl, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, Karl Kraus, Robert Walser, Arnold Zweig. Allein 1916 kamen Bücher heraus von Kafka, Carl Sternheim, Werfel, Gottfried Benn und Johannes R.Becher, dazu der Bestseller <em>Golem</em> von Gustav Meyrink. Gleichsam auf Vorrat hatte Wolff im selben Jahr den während des Ersten Weltkriegs wegen der Zensur undruckbaren Roman <em>Der Untertan</em> von Heinrich Mann eingekauft.</p>
<p>Doch so blitzartig Wolffs Aufstieg war, so rapide war sein Absturz. Die meisten seiner Autoren, darunter Kafka, fanden zunächst kaum Leser. Dennoch kaufte Wolff, wie manisch getrieben, zahlreiche andere Verlage, wechselte mehrfach den Hauptsitz seiner Firma, produzierte kostspielige Kunstbände, obwohl sich der Buchmarkt nach dem Ersten Weltkrieg und während der Inflationszeit im freien Fall befand.</p>
<div id="attachment_283" class="wp-caption alignright" style="width: 130px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/120px-Leipzig_Wolff_Verlag_Gedenktafel.jpg"><img class="size-full wp-image-283" title="120px-Leipzig_Wolff_Verlag_Gedenktafel" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/120px-Leipzig_Wolff_Verlag_Gedenktafel.jpg" alt="" width="120" height="91" /></a><p class="wp-caption-text">Gedenktafel  des Kurt-Wolff-Verlags</p></div>
<p>Der Rheinländer Wolff war eher zu emphatischen Aufbrüchen begabt – darin vielen seiner expressionistischen Autoren verwandt – als dazu, seinen Unternehmungen Kontinuität und Dauer zu verleihen. Schon nach 1920 publizierte er kaum noch literarische Titel und als er seinen Verlag 1930 mit Anfang Vierzig aufgeben musste, hatte er sein Vermögen und große Teile der Mitgift seiner ersten Frau aufgebraucht. (Bernd F. Lunkewitz, dem über ein Jahrzehnt lang der Aufbau Verlag gehörte, hat einmal gesagt, es sei überhaupt kein Problem, mit einem Verlag ein kleines Vermögen zu machen: &#8220;Man nehme ein großes Vermögen, kaufe ein Verlag und schon hat man ein kleines Vermögen.&#8221;)</p>
<p>Das weitere Verlegerleben Wolfs ist in Deutschland weit weniger bekannt als diese ersten Jahrzehnte. Zusammen mit seiner zweiten Frau Helen floh er 1941 vor den Nazis nach New York, und gründete dort den Verlag Pantheon Books. Zu ihnen stieß ein anderer Exilant, der in Russland geborene Jacques Schiffrin, der in Frankreich die weltberühmte Sammlung <em>La Pléiade</em> aus der Taufe gehoben hatte, die bis heute vom Verlag Gallimard fortgeführt wird. Zusammen spezialisierten sie sich darauf, große europäische Literatur auf den amerikanischen Buchmarkt zu bringen, auch wenn die keine großen Markterfolge garantierte. „Doch wie auch immer die aktuellen Verkaufsziffern ausfielen“, schrieb später Jacques Schiffrins Sohn André, „die Büroräume des Verlags am Washington Square bildeten für die Emigranten in New York eine Oase der Glückseligkeit, stilvoll in einer der prachtvollen Stadtvillen untergebracht, die früher die Südseite des Parks begrenzten.“</p>
<p>Ökonomisch wirklich lohnend wurde Pantheon Books erst in den fünfziger Jahren mit einem Beststeller von Anne Morrow Lindbergh: <em>Muscheln in meiner Hand</em> und der amerikanischen Lizenz von Boris Pasternaks Roman <em>Doktor Schiwago</em>. Dennoch wurden Kurt und Helen Wolff bald darauf aus dem Verlag gedrängt, der ihren literarischen Qualitätsvorstellungen immer weniger entsprach. Helen Wolff ist bis zu ihrem Tod 1994 eine wer wichtigsten Vermittelrinnen europäischer Literatur nach Amerika geblieben. Sie brachte in einem speziell auf sie zugeschnittenen Imprint-Verlag unter anderem Uwe Johnson, Grass, Frisch, Jurek Becker, Walter Benjamin, Karl Jaspers und Umberto Eco heraus.</p>
<p>Kurt Wolff starb, wie er gelebt hatte, im Dienst der Literatur. 1963 wurde er auf dem Weg zu einer Ausstellung expressionistischer Literatur in Marbacher Schiller Nationalmuseum von einem Lastwagen überfahren. Man beerdigte ihn in Marbach, wo zwölf Jahre später auch sein alter Lektor Kurt Pinthus beisetzte wurde, dessen legendäre Anthologie <em>Menschheitsdämmerung</em> wie keine andere den Geist der frühen Autoren Kurt Wolffs bewahrte. Doch diese Sammlung war erst 1920, also nach der kurzen, explosionsartigen Blüte von Wolffs Verlag fertig geworden – und erschien deshalb schon im Verlag seines alten Konkurrenten Rowohlt.</p>
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