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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Sigmund Freud</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Benedict Wells: &#8220;Vom Ende der Einsamkeit&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2016 09:39:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Benedict Wells]]></category>
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		<description><![CDATA[Wer könnte ich sein? Oder: Lobrede auf Benedict Wells Was lernt man in Lebenskatastrophen über sich selbst? In seinem Roman &#8220;Vom Ende der Einsamkeit&#8221; erzählt Benedict Wells von drei Kindern, die ihre Eltern verlieren. Und sich fragen, wer sie geworden &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2117">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Wer könnte ich sein?<br />
Oder: Lobrede auf Benedict Wells</strong></h1>
<h2><strong>Was lernt man in Lebenskatastrophen über sich selbst? In seinem Roman &#8220;Vom Ende der Einsamkeit&#8221; erzählt Benedict Wells von drei Kindern, die ihre Eltern verlieren. Und sich fragen, wer sie geworden wären, hätten sie länger in einer Familie statt einem Internat aufwachsen dürfen. Das Buch stand lange auf allen Bestsellerlisten und ist einer der erfolgreichsten deutschen Romane des Jahres 2016. Am 28. November wurde Wells in Berlin für &#8220;Vom Ende der Einsamkeit&#8221; mit dem mit 12.000 Euro dotierten Buchpreis für Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet. Ich durfte den Lobgesang auf das Buch anstimmen. Hier ist er:</strong></h2>
<p>Sehr geehrte Frau Hess-Maier, lieber Benedict Wells, meine Damen und Herren,</p>
<p>allen Menschen, so schrieb der Philosoph Ernst Bloch einmal, erscheine in ihrer Kindheit etwas, „worin noch niemand war: Heimat“. Der Satz gehört zu den meistzitierten Sätzen aus Blochs Werk. Es gab Jahre, in denen sich viele freundlichen Seelen, aber auch Seminaristen der Weltrevolution so häufig auf diesen Satz beriefen, dass er bald fadenscheinig wirkte. Bloch hat in den Jahren der Weimarer Republik lange fürs Feuilleton gearbeitet, er verstand sich viel besser auf mitreißende Formulierungen, als man das bei einem deutschen Philosophen erwarten würde. Ob dieser bezaubernde Satz nur fauler Zauber der Rhetorik ist, oder eine zauberhafte, tiefe Wahrheit formuliert, kann letztlich wohl jeder nur für sich selbst und für seine Erfahrungswelt klären.</p>
<div id="attachment_2118" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/11/44091007z.jpg"><img class="size-full wp-image-2118" title="44091007z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/11/44091007z.jpg" alt="" width="300" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Benedict Wells: &quot;Vom Ende der Einsamkeit&quot;. Roman. Diogenes Verlag. 22 Euro</p></div>
<p>Mir ging Blochs Satz im Kopf um, als ich den Beginn von Benedict Wells’ Roman „Das Ende der Einsamkeit“ las. In diesen Anfangskapiteln stellt uns der Autor die Familie Moreau vor: die Eltern, die bald beim Autounfall ums Leben kommen werden, den verträumten Jules, aus dessen Perspektive und von dessen Leben der Roman vor allem erzählt, seine impulsive Schwester Liz, den eigenwilligen, zugeknöpften Bruder Marty, und auch die kühle, fern und bitter wirkenden Großmutter. Es wäre leicht gewesen – und jeder schwache Schriftsteller hätte sich vielleicht dazu verführen lassen – das frühe Zusammenleben dieser Familie harmonischer zu schildern, als Benedict Wells es tut. Im Grunde erfahren wir Leser nur von den feinen Bruchlinien, die sich zwischen den Beteiligten abzeichnen, von den Zänkereien zwischen den Kindern, von der zuerst großen Zuneigung, dann der zunehmenden Entfremdung zwischen den Eltern, von der Schwäche des Vaters und dem distanzierten Verhältnis zur Großmutter.</p>
<p>Nein, als ungetrübte Idylle werden die Jahre der Familie Moreau, in denen die Eltern noch am Leben sind, keineswegs geschildert. Haben die drei Kinder Jules, Marty und Liz also je die Chance gehabt, ihre Kindheit in jener Sphäre zu verbringen, die Bloch mit dem großen, ja fast erdrückend großen Wort Heimat benennt?</p>
<p>Gleich in diesem Eröffnungskapitel, in der Exposition des Romans zeigt sich das literarische Talent des Schriftstellers Wells. Denn obwohl er fast nur von Familien<em>problemen</em> erzählt, von kleinen, von schleichenden, von verschwiegenen Konflikten, gelingt es ihm dennoch, dem Leser spürbar zu machen, dass und wie sehr die drei Kinder in dieser Familie zu Hause sind, dass also diese Familie mitsamt ihrer Konflikte das Fundament ist, auf dem die Kinder stehen und aufwachsen. Es ist, glaube ich, nicht zuletzt der Ton der Vertrautheit, mit der Jules von diesen spannungsvollen Kräftefeldern innerhalb der Familie berichtet, durch den Wells dieses Kunststück gelingt. Wenn Heimat als ein Ort verstanden wird, in dessen Schönheiten, aber auch in dessen Widersprüchlichkeiten und Kontoversen man wie selbstverständlich hineingewachsen und hineinverwoben ist, dann haben die Kinder Moreau diese Kindheitsheimat wohl tatsächlich erlebt. Wenn man, wie Bloch unter Heimat einen Ort jenseits jeder Entäußerung und Entfremdung versteht, dann hat das letztlich wohl mehr mit universaler Eschatologie als mit konkreter Utopie zu tun.</p>
<p>Wie gut sich Benedict Wells mit Kindheit auskennt und wie genau er sie zu beschreiben versteht, erkennt man noch an einem anderen Aspekt dieses Romanbeginns. Die drei Geschwister Moreau fühlen sich in ihrer Familie sicher und daheim. Aber sie kennen sie nicht. Zumindest nicht deren Vergangenheit. Warum der Vater Frankreich verließ, weshalb er sich mit seiner deutschen Frau ausgerechnet in München niederließen, wieso sein Verhältnis zu seiner Mutter gestört und was eigentlich mit dem früh verstorbenen Onkel Eric geschehen ist, für all das hat Jules allenfalls pauschale Allerweltsantworten. Solche Fragen interessieren ihn nicht. Seine Familie gibt ihm, was er braucht: Geborgenheit. Also ist sie für ihn gut. Alles andere kann ihm gestohlen bleiben. Wir wachsen in unseren Familien nicht auf als Biografen oder Historiker unserer Eltern oder sonstigen Vorfahren. Uns interessiert nicht die Herkunft, sondern die Gegenwart. Das Fragen nach Gründen und manchmal auch nach den Abgründen der Familiengeschichten kommt erst Jahre später und dann müssen wir meist tief graben, bis unter den Allerweltsantworten die etwas spezielleren Wahrheiten sichtbar werden.</p>
<div id="attachment_2120" class="wp-caption alignleft" style="width: 308px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/11/44098961z1.jpg"><img class="size-medium wp-image-2120" title="44098961z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/11/44098961z1-298x300.jpg" alt="" width="298" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Benedict Wells: &quot;Vom Ende der Einsamkeit&quot;. Roman. 6 Audio-CDs. 455 Minuten. gesprochen von Robert Stadlober. Diogenes Verlag. 25 Euro</p></div>
<p>Die Kindheit der Geschwister Moreau endet abrupt mit einem Anruf kurz nach Weihnachten, als sie 11, 13 und 14 Jahre alt sind. Der Tod der Eltern verändert nicht nur ihre Lebenswege, sondern er verändert sie selbst, er verändert sie in ihrem Wesen. Das ist die Versuchsanordnung des Romans: Benedict Wells spürt dem Unterschied nach zwischen den Personen, die diese drei Kinder möglicherweise hätten werden können und den Personen, die sie nach ihrer Lebenskatastrophe tatsächlich geworden sind. Zumindest denkt Jules häufig über diese Fragen nach, nicht zuletzt weil er mit seiner Entwicklung hadert, die ihn mutloser und gehemmter hat werden lassen. Doch Wells bieten uns mit Liz und Marty noch zwei andere Reaktionsweisen auf die selbe gewaltsame Lebenszäsur an: Liz erweist sich als der Gegensatz zum introvertierten Jules, sie ist lebenshungrig, ungestüm und reichlich unachtsam im Umgang mit ihrer Gesundheit. Die Diagnose dazu stellt sie sich selbst: Sie habe nach dem Tod der Eltern „dafür gesorgt, dass es nie mehr still war, dass mein Geist nie mehr zur Ruhe kam.“ Denn so ein Dasein im Modus permanenter Höchstgeschwindigkeit ist keine schlechte Möglichkeit, unerwünschte Empfindungen unempfunden hinter sich zurückzulassen. Und Marty? Marty war immer schon, wie man früher gesagt hätte, ein Tüftler. Heute gibt man diesem Menschenschlag gern den Namen Nerd. Er ist eher an Aufgaben, an komplexen Problemen, an Sachfragen interessiert, sein Bedürfnis nach menschlichen Beziehungen ist geringer und reduziert sich auf ganz wenige Personen, weshalb es leicht so wirkt, wie Jules einmal sagt, als fühle Marty sich „im Innersten unangreifbar“.</p>
<p>Wer sich ganz eng an dem Begriff „Familienroman“ festklammert, kann sich auf den Standpunkt stellen, im Grunde erzählten nur die ersten 50 Seiten dieses Buches bis zum Unfalltod der Eltern tatsächlich von einer kompletten Familie. Doch ich glaube, auf diese Weise wird man der Idee nicht gerecht, die wohl hinter einem Familienroman stehen sollte, nämlich mit literarischen Mitteln, mehr über dieses ebenso einmalige wie vielfältige Beziehungsgeflecht Familie zu erfahren. Benedict Wells’ Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ ist vieles zugleich, ein Kindheitsroman, ein Liebesroman, ein psychologischer Entwicklungsroman. Aber neben all dem ist er vor allem eines: ein Familien<em>sehnsuchts</em>roman. Jedes der drei Geschwister Moreau versucht auf seine Weise jenes Beziehungsgeflecht, aus dem sie so früh herausgerissen wurden, für sich wiederherzustellen: Der in sich und seinen wissenschaftlichen Interessen ruhende Marty, indem er sich sehr früh für eine Frau entscheidet, und dann erleben muss, dass seine Ehe kinderlos bleibt. Liz, deren heikle Leidenschaft für starke Männer sie von einer Liebelei in die nächste treibt, es ihr aber zugleich schwer macht, zu einer dauerhaften Bindung zu finden. Und Jules, der verträumte Zögerer, der viele Jahre und endlose Umwege braucht, bis er seine große Liebe Alva erobert hat und sie dann viel zu schnell wieder an den Krebs verliert.</p>
<p>Vielleicht ist diese Familiensehnsucht eine der Unabänderlichkeiten in den Charakteren der Moreau-Kinder, die auch vom Tod der Eltern unberührt bleibt, ja eher sogar noch verstärkt wird. Ansonsten ist Benedict Wells viel zu behutsam, als dass er bündige Antworten auf die Fragen geben würde, die aus der Versuchsanordnung seines Romans folgen. Vielmehr lässt er die Figuren verschiedene Möglichkeiten durchspielen, was aus ihnen hätte werden können, wenn sie länger mit den Eltern und nicht im Internat aufgewachsen wären. Von der philosophisch geschulten Alva zum Beispiel werden Überlegungen Kierkegaards zur Persönlichkeitsbildung erwogen, die in dem recht martialisch klingenden Satz kulminieren: „Das Selbst muss gebrochen werden, um Selbst zu werden.“ Also die Überzeugung, dass sich der wahre Charakter einer Person erst dann enthüllt, wenn sie durch massive und schmerzhafte Lebensprüfungen auf die Probe gestellt wurde. Jules formuliert das gegen Ende des Romans ähnlich, aber viel vorsichtiger: „Als junger Mann hatte ich“, sagt er, „das Gefühl, seit dem Tod meiner Eltern ein anderes, falsches Leben zu führen. Noch stärker als meine Geschwister habe ich mich gefragt, wie sehr mich Ereignisse aus meiner Kindheit und Jugend bestimmt haben, und erst spät habe ich verstanden, dass in Wahrheit nur ich selbst der Architekt meiner Existenz bin. Ich bin es, wenn ich zulasse, dass meine Vergangenheit mich beeinflusst, und ich bin es umgekehrt genauso, wenn ich mich ihr widersetze.“</p>
<p>Womit sich dann allerdings abschließend die Frage stellen ließe, durch was dieses Ich denn geformt wird, dass sich durch Schicksalsschläge entweder beeinflussen lässt oder sich ihnen widersetzt, dass durch sie stark und unbeirrbar wird wie Marty oder selbstzweiflerisch bzw. sprunghaft wie Jules und Liz? Und der Seelenkenner Sigmund Freud würde an dieser Stelle vielleicht noch auf die grundlegende Ambivalenz jener Anlagen hinweisen, die sich über kurz oder lang zu einem Charakter ausformen, dass also kein Charakter von Anfang an beeinflussbar oder widerständig, stark oder schwach, gut oder böse ist, sondern eben beides zugleich und es kaum möglich ist, die Gründe namhaft zu machen, die eine der beiden Seiten vorübergehend oder dauerhaft die Oberhand gewinnen lassen.</p>
<p>Der Roman von Benedict Wells versucht nicht dieses Rätsel zu lösen. Das wäre größenwahnsinnig und sehr wahrscheinlich schlechte Literatur. Wells erzählt vielmehr von diesem Rätsel, er zeigt uns Menschen, die von diesem Rätsel umgetrieben werden und stellt es damit seinen Lesern in all seiner Unergründlichkeit vor Augen. Das ist ihm in seinem Roman auf beeindruckende, auf großartige Weise gelungen. Deshalb möchte ich ihm hiermit gleich zweifach gratulieren. Erstens natürlich, wie es sich für den Laudator gehört, zum Buchpreis 2016 der Stiftung Ravensburger Verlag, zweitens aber zu seinem lebensklugen Roman. Herzlichen Glückwunsch.</p>
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		<title>Buch&amp;Bar 91: Barbara Vinken (Hg.) &#8220;Die Blumen der Mode&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Nov 2016 14:38:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch & Bar]]></category>
		<category><![CDATA[Barbara Vinken]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Nietzsche]]></category>
		<category><![CDATA[Georg Simmel]]></category>
		<category><![CDATA[Sigmund Freud]]></category>

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		<description><![CDATA[Mein Gott, wie laufen Sie denn rum? Heute: Über megamodisches Lesen und Trinken Mode ist unfassbar. Darin ähnelt sie der Kunst. Sie lässt sich nie definieren, sie ist These und Antithese zugleich. Als die Welt noch mittelalterlich in Ordnung war, &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2113">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Mein Gott, wie laufen Sie denn rum?</strong></h1>
<h2><strong>Heute: Über megamodisches Lesen und Trinken<br />
</strong></h2>
<div id="attachment_2114" class="wp-caption alignright" style="width: 348px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/11/44805460z.jpg"><img class="size-full wp-image-2114" title="44805460z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/11/44805460z.jpg" alt="" width="338" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Die Blumen der Mode. Klassische und neue Texte zur Philosophie der Mode&quot;. Herausgegeben von Barbara Vinken. Klett-Cotta Verlag. 39,99 Euro</p></div>
<p>Mode ist unfassbar. Darin ähnelt sie der Kunst. Sie lässt sich nie definieren, sie ist These und Antithese zugleich.</p>
<p>Als die Welt noch mittelalterlich in Ordnung war, hatte jeder Beruf, jede Landschaft eine Tracht, die keiner ungestraft wechseln durfte. Mode wurde (fast) nicht gebraucht.</p>
<p>Sobald in modernen Zeiten die Grenzen zwischen Regionen, sozialen Schichten und neuerdings sogar Geschlechtern durchlässig werden, sich also alles irgendwie immer ähnlicher sieht, brauchen wir dringend Mode, um uns unterscheiden zu können. Sie soll unsere Individualität unterstreichen. Doch sobald wir den Vorbildern der Mode folgen, ist unsere Individualität sofort wieder dahin.</p>
<p>Herrlich verwirrend, nicht? Die Philosophie der Mode gibt manche Nuss zu knacken. Die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken hat jetzt die wichtigsten Texte zum Thema von Nietzsche bis Simone de Beauvoir, von Georg Simmel bis Sigmund Freud in einem supermodisch gestalteten Band zusammengetragen: „Die Blumen der Mode“ (Klett-Cotta, 49,95 Euro).</p>
<p>Auch die Barkultur kennt Moden, neuerdings z. B. den Cuisine-Style. Ein Trend, der dafür sorgt, dass man seltsame Flüssigkeiten oder Gemüse im Drink findet. Der Barchef der Züricher „Kronenhalle“, Peter Roth, mixt jetzt 4 cl Gin mit 1 cl Olivenöl (!), 6 cl Orangen-Passionsfrucht-Saft, 1 Kugel Zitronensorbet und zerstoßenem Eis zum Olio Nobile. Das ist Mode. Also runter damit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>2014 startete BUCH &amp; BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.</em></p>
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		<item>
		<title>Buch&amp;Bar 75: Jochen Raiß (Hg.) &#8220;Frauen auf Bäumen&#8221;</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1915</link>
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		<pubDate>Tue, 16 Aug 2016 10:14:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch & Bar]]></category>
		<category><![CDATA[Jochen Raiß]]></category>
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		<description><![CDATA[Das geheime Sexleben der Bäume Heute: Über Schweinkram beim Lesen und Trinken Im heiß ersehnten Bildband „Frauen auf Bäumen“ (Hatje Cantz, 15 Euro) hat der Sammler Jochen Raiß Amateurfotos zusammengestellt von Frauen auf Bäumen. Das Buch ist zweifellos der bedeutendste &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1915">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Das geheime Sexleben der Bäume</strong></h1>
<h2><strong>Heute: Über Schweinkram beim Lesen und Trinken<br />
</strong></h2>
<div id="attachment_1918" class="wp-caption alignright" style="width: 348px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/44713101z1.jpg"><img class="size-full wp-image-1918" title="44713101z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/08/44713101z1.jpg" alt="" width="338" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Jochen Raiß (Hg.): &quot;Frauen auf Bäumen&quot;. Hatje Cantz Verlag. 15 Euro</p></div>
<p>Im heiß ersehnten Bildband „Frauen auf Bäumen“ (Hatje Cantz, 15 Euro) hat der Sammler Jochen Raiß Amateurfotos zusammengestellt von Frauen auf Bäumen. Das Buch ist zweifellos der bedeutendste Beitrag zur Kulturgeschichte von Frauen auf Bäumen.</p>
<p>Und komisch ist das Buch außerdem: Jedem, dem ich es zeigte, zauberte es ein Lächeln auf die Lippen. In einer von Flüchtlingskrise, Brexit und Markus Lanz schwer geprüften Epoche, bringen Frauen auf Bäumen Heiterkeit zurück in die Herzen der Menschen. Smiley.</p>
<p>Aber, seien wir ehrlich, wenn wir sehen, wie die Damen diese steil aufragenden Stämme besteigen, sich an wuchtige Äste klammern und ihre zarten Glieder in die Zweige schmiegen, begreifen wir, weshalb Sigmund Freud in seinem Essay „Frauen auf Bäumen und ihre Beziehung zum Unbewussten“ Jochen Raiß’ Sammlung eine „leise Neigung zur Astloch-Pornografie“ attestierte.</p>
<p>Um meiner Erregung über DIESE Bilder Herr zu werden, bestellte ich in der „Victoria Bar“ meines Vertrauens eine Piña Colada. Denn, meinte meine Kollegin Ulrike Plewnia, was suchen Frauen auf Bäumen, wenn nicht Kokosnüsse? Also. Das Standardrezept lautet: 3 cl weißen Rum, 3 cl Cream of Coconut, 9 cl Ananassaft, Eis, gut schütteln. Es gibt auch Rezepte mit Sahne, aber das ist nun wirklich Schweinkram.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>2014 startete BUCH &amp; BAR. Die Kolumne ist schon deshalb absolut unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Was Ärzte und Schriftsteller verbindet</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Apr 2012 18:57:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Döblin]]></category>
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		<description><![CDATA[Feine Verwandtschaft Sie kennen sich aus mit dem Menschen: Die Mediziner und die Dichter, die Ärzte und die Erzähler. Kaum ein anderer Berufsgruppe ist unter den Fachleuten der Wortkunst so stark vertreten wie die Fachleute der Heilkunst. Warum ist das &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=253">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Feine Verwandtschaft</strong></h2>
<h3><strong>Sie kennen sich aus mit dem Menschen: Die Mediziner und die Dichter, die Ärzte und die Erzähler. Kaum ein anderer Berufsgruppe ist unter den Fachleuten der Wortkunst so stark vertreten wie die Fachleute der Heilkunst. Warum ist das so? </strong></h3>
<div>
<p>“Ich kenne keine bessere Schulung für den Schriftsteller”, behauptete  Somerset Maugham, “als einige Jahre den Beruf eines Arztes auszuüben.”  Maugham wußte wovon er sprach, denn er war Arzt und Schriftsteller.  Medizin hatte er studiert, um den “Menschen ohne Maske” kennenzulernen &#8211;  und er wurde einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit.</p>
<p>Beide, so schrieb Marcel Reich-Ranicki einmal, Literaten und  Mediziner seien “Fachleute für menschliche Leiden”, und so sei es nur  naheliegend, daß es zwischen diesen Berufsgruppen erstaunlich viele  Berührungspunkte gebe, ja so etwas wie eine verborgene Verwandtschaft  existiere.</p>
<div id="attachment_258" class="wp-caption alignleft" style="width: 104px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/94px-Maugham.jpg"><img class="size-full wp-image-258" title="94px-Maugham" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/94px-Maugham.jpg" alt="" width="94" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">William Somerset Maugham, 26. Mai 1934.  Portrait by Carl Van Vechten </p></div>
<p>Maugham reiht sich ein in eine erstaunliche Zahl von Autoren,  die eine medizinische Ausbildung hatten. So waren allein drei der  größten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zugleich Ärzte:  Gottfried Benn, der als Lyriker von europäischem Rang gestand, ihm sei  seine “Existenz ohne diese Wendung zur Medizin und Biologie völlig  undenkbar”. Alfred Döblin, der Medizin studierte, “weil ich Wahrheit  wollte, die aber nicht durch Begriffe gelaufen und hierbei verdünnt und  zerfasert war”. Und schließlich Arthur Schnitzler, der all seine  Erzählungen und Stücke immer auch als Arzt schrieb, denn, so bekannte  er: “Wer je Mediziner war, kann nie aufhören, es zu sein. Denn Medizin  ist eine Weltanschauung.”</p>
<p>Tatsächlich ist die Ruhmestafel weltweit gefeierter Autoren, die  zugleich als Ärzte arbeiteten, überraschend lang. Angelus Silesius war studierter Philosoph, Theologe und Arzt, Friedrich Schiller ausgebildeter Regimentsmedikus, John Keats Wundarzt, Georg Büchner  promovierter Anatom. Heinrich Hoffmann, der Vater des <em>Struwwelpeter</em>,  leitete als Chefarzt die Frankfurter Irrenanstalt, Anton Tschechow  meinte, “die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine  Geliebte”. Und Louis-Ferdinand Céline studierte als Armenarzt in Pariser  Vorstädten den Argot, den er dann in seinen &#8211; zutiefst  antisemitischen &#8211; Romanen zu Literatur veredelte. Eugène Sue steht  ebenso auf dieser Liste wie Michail Bulgakow, Sir Arthur Conan Doyle,  Friedrich Wolf und William Carlos Williams.</p>
<div id="attachment_259" class="wp-caption alignright" style="width: 94px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Georg_Büchner.png"><img class="size-full wp-image-259" title="84px-Georg_Büchner" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Georg_Büchner.png" alt="" width="84" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Georg Büchner (1813 - 1837)</p></div>
<p>Noch beeindruckender wird die Aufzählung, wenn man bedenkt, welche  Schriftsteller zunächst Medizin studierten, sich aber noch vor dem  Examen ganz der Literatur verschrieben: nämlich unter anderem Louis  Aragon, Johannes R. Becher, Ludwig Börne, Bertolt Brecht, André Breton,  Johann Gottfried Herder, Henrik Ibsen, Stanislaw Lem, Hermann Löns und  August Strindberg. Auch unter den deutschen Autoren der Gegenwart sind  die medizinisch-poetischen Doppelbegabungen keine Seltenheit: Sowohl der  Dramatiker Heinar Kipphardt, wie der Romancier Ernst Augustin, der  Popliteratur-Avantgardist Rainald Goetz, der DDR-Epiker Uwe Tellkamp und die Erzählerin Melitta  Breznik genossen eine medizinische Ausbildung &#8211; fast alle in der Psychiatrie.</p>
<p>Sogar ein klinisches Zentrum für Dichterärzte in Deutschland hat sich  herauskristallisiert: In der Berliner Charité betrieb schon Döblin  wissenschaftliche Forschungen, dort arbeiteten Gottfried  Bermann-Fischer, der den S.Fischer Verlag durch die Nazi-Zeit brachte,  und Peter Bamm, der in den Nachkriegsjahren Bestseller schrieb, hier  standen Ernst Augustin und Kipphardt als Assistenzärzte am Krankenbett.  Heute arbeitet Jakob Hein in der Charité als Nachwuchsmediziner, der  zugleich schon mehr ist hoffnungsvoller Nachwuchsautor gilt.</p>
<p>Solche Häufungen sind kein Zufall. Unter den Schriftstellern der  deutschen Literaturgeschichte ließen sich allenfalls noch Geistliche, Lehrer oder Juristen in ähnlich großer Zahl nachweisen wie Ärzte. Diese Berufsstände neigen allerdings dazu, die Menschen unter dem Blickwinkel  zu betrachten, wie sie sein sollten. Mediziner dagegen betrachten sie  eher von dem Gesichtspunkt aus, wie sie sind. Mit anderen Worten:  Theologen. Pädagogen und Rechtsgelehrte entwerfen gern Rezepte, wie ein vorbildliches  Leben zu führen wäre. Ärzte dagegen halten sich als Naturwissenschaftler  lieber nicht an Utopien. Statt dessen benennen sie die traurigen  Tatsachen des Daseins.</p>
<div id="attachment_260" class="wp-caption alignright" style="width: 94px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Alfred_Doeblin_1930.jpg"><img class="size-full wp-image-260" title="84px-Alfred_Doeblin_1930" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Alfred_Doeblin_1930.jpg" alt="" width="84" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Alfred Döblin (1878 - 1957)</p></div>
<p>Es ist wohl der kühle, der beobachtende, der diagnostische Blick, der  manche Menschen zu Ärzten macht, und manche Ärzte dann &#8211; literarische  Neigungen und Fähigkeiten vorausgesetzt &#8211; zu Schriftstellern werden  läßt. Zudem noch liefert ihnen der ärztliche Beruf, wenn sie denn als  Autoren an der gesellschaftlichen Realität interessiert sind, manchen  brisanten und literarisch verwertbaren Stoff frei Haus. “Ich fand meine  Kranken”, schrieb Döblin im Rückblick auf sein Leben, “in ihren  ärmlichen Stuben liegen; sie brachten mir auch ihre Stuben in mein  Sprechzimmer mit. Ich sah ihre Verhältnisse, ihr Milieu; es ging alles  ins Soziale, Ethische und Politische über.” Ohne die  Patientenschicksale, denen Döblin in seiner Praxis begegnete, wäre <em>Berlin Alexanderplatz</em> mit Sicherheit ein anderes, vermutlich ein  schwächeres Buch geworden.</p>
<p>Doch das ärztliche Studium ist für einen Schriftsteller, zumal wenn  es sich um einen gefährdeten, seelisch nicht hundertprozentig stabilen  Menschen handelt, auch mit Risiken verbunden. “Es war eine Rieseneselei  von mir”, schreibt Arthur Schnitzler als junger Mann, “Mediziner zu  werden, und es ist leider eine Eselei, die nicht wieder gut zu machen  ist.”</p>
<p>Denn all die Krankheiten, die er während seines Studiums  kennenlernte, glaubte er bald schon an sich selbst diagnostizieren zu  können. Das Phänomen ist nicht unbekannt: Bei vielen Medizinstudenten  werden, sobald sie ihre klinische Ausbildung beginnen, ähnliche Symptome  beobachtet &#8211; die ihre Professoren dann gern ironisch als “Morbus  clinicus” bezeichnen.</p>
<p>Bei dem äußerst empfindsamen Schnitzler jedoch ging dieses Leiden  weit über das gewöhnliche Maß hinaus. Immer wieder klagte er in seinen  Tagebüchern über “meine Hypochondrie, die zuweilen wie ein schwerer  schmerzlicher Nebel über dem ganzen Grund meines Wesens liegt” und  verzeichnete handfeste “Todesangst-Anfälle”. Aber die Besessenheit, mit  der er noch die geringste Missempfindungen an sich registrierte, war eben  zugleich die Grundlage seines schriftstellerischen Talents, Menschen  noch bis in ihre verborgenen Regungen hinein beschreiben zu können. Ein  Talent, daß ihm neidvolle Anerkennung selbst von so berufener Seite wie  der Sigmund Freuds eintrug: Er habe, schrieb Freud 1922 an Schnitzler,  “den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition &#8211; eigentlich aber  infolge feiner Selbstwahrnehmung &#8211; alles das wissen, was ich in  mühseliger Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe. Ja, ich glaube,  im Grunde ihres Wesens sind Sie ein psychologischer Tiefenforscher.”</p>
<div id="attachment_261" class="wp-caption alignleft" style="width: 90px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/80px-Hetsch01.jpg"><img class="size-full wp-image-261" title="80px-Hetsch01" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/80px-Hetsch01.jpg" alt="" width="80" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Schiller als Regimentarzt, 1781/1782. Gemälde von Philipp Friedrich Hetsch</p></div>
<p>Mitunter sind dichtende Ärzte allerdings für ihre Patienten nicht  ungefährlich. Als Schiller an seinem ersten Stück <em>Die Räuber</em> schrieb,  war er von seinen draufgängerischen Figuren so hingerissen, daß er als  Arzt zu ähnlich draufgängerischen Therapien neigte. Wie in der Literatur  wolle er, beklagte ein Vorgesetzter, offenbar auch in der Medizin  “Kraftstücke liefern, die aber weder gerieten, noch (von den Kranken)  zum besten rezensiert würden”. Schiller war Stolz auf seinen Ruf. Er  liebe als Arzt, schrieb er unter Pseudonym über sich selbst, “starke  Dosen” und man solle ihm lieber zehn Pferde zu Behandlung schicken als  die eigene Frau.</p>
</div>
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