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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Siegfried Lenz</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Erinnerung an Siegfried Lenz</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Oct 2016 12:42:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Siegfried Lenz]]></category>
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		<description><![CDATA[&#8220;Gelassenheit, Deutlichkeit&#8221; Vor zwei Jahren, am 7. Oktober starb Siegfried Lenz. Er war einer der großen Erzähler der alten Bundesrepublik. Ich traf ihn ein letztes Mal im März 2011 in Hamburg in seiner Wohnung mit direktem Blick auf die Elbe. &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1993">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Gelassenheit, Deutlichkeit&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Vor zwei Jahren, am 7. Oktober starb Siegfried Lenz. Er war einer der großen Erzähler der alten Bundesrepublik. Ich traf ihn ein letztes Mal im März 2011 in Hamburg in seiner Wohnung mit direktem Blick auf die Elbe. Es war kurz vor seinem 85. Geburtstag. Damals schrieb ich  dieses Porträt über ihn.</strong></h2>
<p>Das Erste, was an Siegfried Lenz auffällt, ist die Elbe. Als mächtiges graues Band schiebt sie sich hinter seinem Profil der Nordsee entgegen. Wir treffen uns tief im Westen Hamburgs, direkt am Elbufer, dort, wo der Strom das Labyrinth des Hafens hinter sich gelassen hat, nach getaner Arbeit durchzuatmen scheint und sich zu ganzer Größe streckt.</p>
<div id="attachment_1995" class="wp-caption alignright" style="width: 300px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/41586764z1.jpg"><img class="size-full wp-image-1995" title="41586764z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/41586764z1.jpg" alt="" width="290" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Siegfried Lenz war zeitlebens zurückhaltend mit biographischen Auskünften. Bis heute gibt es auf dem Buchmarkt nur eine Biografie des Schriftstellers. Erich Maletzke: &quot;Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung&quot;. zu Klampen Verlag. eBook. 8,99 Euro</p></div>
<p>Einladend winkt mich Lenz von Weitem schon an seinen kleinen Tisch. Er steht direkt vor dem Panoramafenster, das den Strom in seiner machtvollen Schönheit zeigt. Es ist, als betrete man ein Kino, in dem nur noch ein zweiter Zuschauer sitzt: der Schattenriss eines schmächtigen Mannes mit großem Kopf und Pfeife vor dem überwältigenden Breitwandpanorama des Flusses.</p>
<p>Ein Auftritt, wie ihn der Erzähler Siegfried Lenz effektvoll und sinnfällig für die Hauptfigur eines Romans erfunden haben könnte. Gleich das erste Bild enthält viel von dem, was den Helden charakterisiert: die Haltung des Beobachters, die Ruhe des Pfeifenrauchers und sein Blick auf den unaufhaltsam vorandrängenden Strom der Ereignisse.</p>
<p>Lenz ist heute, 2011, der dienstälteste Großautor des Landes. Seine erste Geschichte schrieb er 1949, im Gründungsjahr der Bundesrepublik. Es folgten 14 Romane, rund 170 Erzählungen und dazu Essays, Reden, Theaterstücke. In 35 Sprachen wurden seine Bücher übersetzt, 30 Millionen Mal verkauft. Der bescheidene Mann am Elbufer, der fragt, ob er weiterrauchen darf oder ob das stört, ist ein Weltautor, ist Schöpfer und Herr eines literarischen Universums namens Lenz.</p>
<p>Worüber spricht man mit einem Weltautor? Übers Angeln. „Ich bin“, bekennt Lenz, „hoffnungslos in die Fischerei verliebt.“ Wohin auch immer er eingeladen wurde, bat er, sobald die Gastgeber nach seinen Wünschen fragten, um eine Angelrute. In Schottland, in Japan, in Neuseeland konnte er so sein Fischerglück versuchen. „Mein größter Fang? Ein Dorsch in Norwegen. 18 Pfund.“ Nachprüfbare 18 Pfund, sagt Lenz und hebt den Finger. Da ist kein Anglerlatein im Spiel: Die Beute wurde fotografiert, das Bild in einer Zeitung gedruckt.</p>
<p>Sein Lieblingsthema bringt den Erzähler in Schwung: Mit Ulla, seiner zweiten Frau, war er vor nicht allzu langer Zeit zum ersten Mal beim Fischen. „Sie ist Dänin und immer dem Wasser nahe gewesen, stammt aber aus einer Försterfamilie und hat nie geangelt.“ Als sie ihren ersten Fisch fing, einen Plötz, haben sie ihn gemeinsam vorsichtig an Land geholt und vom Haken gelöst. „Aber dann hat Ulla ihn nicht nur ins Wasser zurückgesetzt, nein, sie hat ihn vorher noch gestreichelt.“</p>
<p>Mit seiner ersten Frau Liselotte war Lenz 57 Jahre verheiratet. Sie starb 2006. „Danach glaubte ich, es geht nicht mehr weiter. Ich hatte jede Arbeitskraft, jede Imaginationskraft verloren.“ Die Furcht, nie mehr schreiben zu können, war sehr konkret. Er wäre heute, sagt er, ohne seine neue Frau nicht mehr am Leben. „Ulla hat mir enorm geholfen. Sie hat mir insbesondere geholfen, mein Buch zu Ende zu bringen, die ’Schweigeminute’.“</p>
<p><strong>Der Erzähler als Verwandlungskünstler</strong></p>
<div id="attachment_1996" class="wp-caption alignleft" style="width: 308px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/26366260z.jpg"><img class="size-full wp-image-1996" title="26366260z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/26366260z.jpg" alt="" width="298" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Siegfried Lenz: &quot;Schweigeminute&quot;. Novelle. dtv. 7,90 Euro</p></div>
<p>Mit der Novelle „Schweigeminute“ kehrte Lenz 2008 auf die Bestsellerlisten zurück. Das Buch ist kein blasses Alterswerk, sondern der Triumph eines reifen Schriftstellers, es zeigt Lenz im Vollbesitz seines Könnens.</p>
<p>Er gehörte nie zu den Autoren, die über sich selbst oder das eigene Seelenleben schreiben. Er war immer ein Geschichtenerfinder, der spannende, dramatisch zugespitzte Stoffe liebt. Aber wenn Lenz in „Schweigeminute“ von der Liebe eines gerade Achtzehnjährigen zu seiner Englischlehrerin erzählt, die bei einem Bootsunfall stirbt, dann schimmert doch etwas durch von der Liebe zu seiner ersten Frau, die acht Jahre älter war als er.</p>
<p>Wie jeder große Erzähler ist Lenz letztlich so etwas wie ein Verwandlungskünstler. Was immer ihm begegnet, was immer ihn beschäftigt: Er verwandelt es in eine Geschichte. Und seine Geschichten fangen die spezielle Atmosphäre, das besondere Aroma ihrer Zeit, so präzise ein, dass man beim Lesen glaubt, Kapitel für Kapitel der Vergangenheit der Bundesrepublik wiederzubegegnen.</p>
<p>Er hat eine ungeheure Zärtlichkeit, wenn er Bilder oder Gesten beschreibt, die für dieses Land wichtig sind. Er war gemeinsam mit Günter Grass dabei, als Willy Brandt 1970 auf die Knie fiel vor dem Denkmal für das Warschauer Ghetto. „Der Ort hat Brandt einfach übermannt“, sagt Lenz, „das gibt es: Selbst ein Staatsmann wie Brandt kann übermannt werden.“ Oder er spricht von dem Händedruck, mit dem Helmut Kohl und François Mitterrand 1984 auf dem Soldatenfriedhof von Douaumont die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland bekräftigten.</p>
<p>So sinnlich die Kraft seiner Worte ist, so wenig Wind macht er um seine Person. Seine Wohnung wirkt schlicht, fast ein wenig karg: weiße Wände, wenige Bilder, Möbel, die ihn sicher schon seit Jahrzehnten begleiten. Da ist nichts, was den Welterfolg seiner Bücher verrät &#8211; außer dem grandiosen Blick auf die Elbe.</p>
<div id="attachment_1997" class="wp-caption alignright" style="width: 295px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/44641638z.jpg"><img class="size-full wp-image-1997" title="44641638z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/10/44641638z.jpg" alt="" width="285" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Hanjo Kesting: &quot;Begegnungen mit Siegfried Lenz&quot;. Essays, Gespräche, Erinnerungen. Wallstein Verlag. 17,99 Euro</p></div>
<p>„Schauen Sie, dieses Container-Gebirge!“ Mit der Pfeife in der Hand deutet er auf einen Riesenfrachter, hochbepackt mit Containern, den die Elbe bedächtig an uns vorüberträgt. Lenz war immer ein Schriftsteller des Nordens und der Nautik. Das Wasser zog ihn an, seit er in der kleinen ostpreußischen Stadt Lyck an einem See aufwuchs. „Er bot mir alle Freuden, die ein See bieten kann: schwimmen, tauchen, im Winter Eishockey, angeln.</p>
<p><strong>»Das Alter bringt Gelassenheit, Deutlichkeit«</strong></p>
<p>Er bot ihm aber auch die Schrecken, die im Wasser auf einen warten können. Als Schüler brach Lenz an einem Wintertag durchs Eis. Mit viel Glück nur konnte er gerettet werden. Danach war das Leben wie einen Schritt von ihm zurückgetreten: „Ich hatte streng genommen keine Daseinsberechtigung, ich war überflüssig, entbehrlich, ein fahrlässiger Luxus.“</p>
<p>Vermutlich liegt hier eine Wurzel für die eigentümliche Fähigkeit des Schriftstellers Lenz, von sich selbst abzusehen. „Ich stelle mir vor“ lautet sein Arbeitsprinzip, nicht „Ich habe erlebt“. Auf dem Papier breitet er nicht seine persönlichen Befindlichkeiten aus, sondern erprobt nie gelebte Lebensmodelle. Ihm fehlt die Selbstverliebtheit, jene große Schwäche vieler anderer Autoren. Er ist ein Erzähler, der sich freimachen kann von der eigenen Person und der vielleicht deshalb seinen Lesern oft so nahe kommt.</p>
<p>Die geplanten Feiern zu seinem 85. Geburtstag entlocken ihm nur ein geduldiges Lächeln. Prüfungen nennt er sie, die es zu bestehen gilt. Wichtig ist anderes. Er schreibt an einem neuen Buch, es soll bald fertig werden, wieder eine Novelle. Das Alter bringt, sagt Lenz zwischen zwei Zügen aus der Pfeife, neben vielen Verlusten und „körperlichen Miseren“ auch Gewinne mit sich: „Gelassenheit, Deutlichkeit.“ Und mit aller Deutlichkeit weiß er, dass ihm die Arbeit am meisten bedeutet, nicht das Gefeiertwerden.</p>
<p>Als wolle sie das unterstreichen, trägt die Elbe in aller Ruhe noch ein zweites, diesmal viel kleineres Containerschiff an uns vorüber. Lenz folgt ihm mit den Augen, zuckt die Schultern und meint: „Das macht uns jetzt keinen Eindruck mehr.“</p>
<p>»Herr Lenz, was würden Sie einem jungen Schriftsteller raten, der heute zu schreiben beginnt?«</p>
<p>»Da leihe ich mir einen Ratschlag, den mir der englische Captain Gains kurz nach dem Krieg gab: Wann immer du glaubst, es ist Zeit zu zweifeln, dann sprich es aus«</p>
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		<title>Siegfried Lenz &#8220;Der Überläufer&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 13 Jul 2016 13:43:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Berg]]></category>
		<category><![CDATA[Siegfried Lenz]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn der Freund zum Feind wird oder: „Am Himmel graste die wolkige Einfalt.“ 1951 mit gerade einmal 25 Jahren schrieb Siegfried Lenz (1926 &#8211; 2014) bereits an seinem zweiten Roman. Er hatte dafür ein denkbar heikles Thema gewählt. Aber auch &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1858">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Wenn der Freund zum Feind wird oder: „Am Himmel graste die wolkige Einfalt.“<br />
</strong></h1>
<h2><strong>1951 mit gerade einmal 25 Jahren schrieb Siegfried Lenz (1926 &#8211; 2014) bereits an seinem zweiten Roman. Er hatte dafür ein denkbar heikles Thema gewählt. Aber auch nach einer Überarbeitung des Manuskripts konnte er sich mit seinem Verlag nicht einigen. 65 Jahre lang blieb das Buch unpubliziert im Archiv des Autors. In diesem Frühjahr ist der Kriegsroman „Der Überläufer“ endlich erschienen.</strong></h2>
<p>Proska ist Soldat und nicht zu beneiden. Im letzten Sommer des Zweiten Weltkriegs wird der Zug, der ihn aus dem Heimaturlaub zurück an die Front bringen soll, von polnischen Partisanen gesprengt. Proska, der einzige Überlebende, kann sich aus den Trümmern befreien, steht in einem riesigen Sumpfgebiet und wird von einem kleinen Wehrmachtskommando aufgegriffen, dessen Aufgabe es war, die gesprengte Bahnlinie zu bewachen.</p>
<div id="attachment_1860" class="wp-caption alignright" style="width: 274px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/07/44167373z.jpg"><img class="size-full wp-image-1860" title="44167373z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/07/44167373z.jpg" alt="" width="264" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Siegfried Lenz: &quot;Der Überläufer&quot;. Roman. Verlag Hoffmann und Campe. 25 Euro</p></div>
<p>Das verlorene Trüppchen haust in einer Art hölzerner Wehranlage, die sie mit Grassoden befestigt hat und großsprecherisch ihre „Festung“ nennt. Aber die Deutschen sind längst nicht mehr Herren der Kriegslage, aus den Jägern sind Gejagte geworden. In den umgebenden Wäldern lauern Partisanen, sie kappen die Telefonleitung, verhindern alle Nachschublieferungen und rücken langsam, aber unbeirrbar näher.</p>
<p>Als Siegfried Lenz an dem Roman „Der Überläufer“ um den Landser Proska schrieb, war er ein junger Mann von gerade mal 25 Jahren. Für seinen ersten Roman, „Es waren Habichte in der Luft“ (1951), hatten ihn die Zeitungen wenige Monate zuvor zwar nicht mit Lob überschüttet, aber doch mit Wohlwollen bedacht. Befeuert durch diesen Anfangserfolg, machte sich Lenz gleich nach einem kurzen Urlaub an sein nächstes Romanprojekt &#8211; und war nach gut einem halben Jahr mit der ersten Fassung fertig.</p>
<p>Es sollte aber 65 Jahre dauern, bis das Werk tatsächlich erscheint; Siegfried Lenz hat das nicht mehr erlebt. Er starb im Oktober 2014.</p>
<p>Selbstbewusst wagte sich Lenz damals an ein Thema, das so kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs überaus brisant war: Sein Held Proska durchleidet nicht nur den allmählich fortschreitenden Zerfall der Wehrmacht während des letzten Kriegsjahrs, der mit nationalistischen Durchhalteparolen kompensiert werden soll, sondern zieht radikale Konsequenzen:</p>
<p>Nachdem er von Partisanen gefangen genommen wird, sagt er sich zusammen mit einem Leidensgenossen von den deutschen Truppen los und schließt sich der vorrückenden Roten Armee an. Zunächst soll er bei Propagandaeinsätzen die Moral seiner ehemaligen Kameraden untergraben, aber bald schon kämpft er gegen sie mit der Waffe in der Hand. Nach Kriegsende wird er dann vom sowjetischen Besatzungsregime in einem kleinen Ort als eine Art Bürgermeister eingesetzt.</p>
<p>Angesichts des deutschen Überfalls auf Polen 1939 und der unfassbaren Verbrechen des Nazi-Regimes gerade in diesem Land ist Proskas Entscheidung verständlich. Man nimmt sie heute gewissermaßen mit historischer Abgeklärtheit zur Kenntnis. Doch 1951, als Lenz an dem Roman arbeitete, waren auch die Übergriffe und Verbrechen der Roten Armee während ihres Vormarschs auf Berlin im Bewusstsein der Leser sehr präsent, und die Sowjetunion, die zwei Jahre zuvor ihre erste Atombombe gezündet hatte, galt als der aktuelle Erzfeind des Westens.</p>
<div id="attachment_1861" class="wp-caption alignleft" style="width: 300px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/07/41586764z.jpg"><img class="size-full wp-image-1861" title="41586764z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/07/41586764z.jpg" alt="" width="290" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Bislang gibt es keine ausführliche Biographie zu Siegfried Lenz. Erich Maletzke nennt sein nicht sehr umfangreiches Buch &quot;Siegfried Lenz&quot; im Untertitel vorsichtig eine &quot;biographische Annäherung&quot;. Es ist als Ebook erhältlich im zuKlampen Verlag, 8,99 Euro</p></div>
<p>Kein Wunder also, dass der Verlag an dem Manuskript dieses Nachwuchsautors namens Lenz einerseits hoch interessiert war, es aber andererseits mit Bedacht und Vorsicht behandelte. Der Verlagsleiter beauftragte einen unabhängigen Lektor, die erste Fassung mit dem Autor durchzuarbeiten, und schickte vorab erste Kapitel des Romans &#8211; die offenbar nichts von Proskas Frontwechsel erkennen ließen &#8211; an ausgewählte Zeitungsredaktionen.</p>
<p>Die Literaturkritiker reagierten positiv, aber die Überarbeitung des Manuskripts fiel anders aus, als Verlag und Lektor erwartet hatten. Nach rund zehn Wochen gab Lenz eine erweiterte Fassung ab, deren zweiter Teil, in dem Proska als Überläufer auf sowjetischer Seite kämpft, recht sprunghaft geschrieben ist und vieles im Dunkeln lässt.</p>
<p>Lenz neigte als Schriftsteller zeitlebens dazu, die Handlung seiner Geschichten auf dramatische Höhepunkte hin zu inszenieren und für sich selbst sprechen zu lassen, sie also als Erzähler nicht gleichsam aus dem Off zu kommentieren. So auch hier. Das moralische Dilemma Proskas, gegen seine ehemaligen Kameraden zu kämpfen, spitzt er in einer Szene radikal zu: Während der Besetzung seines Heimatdorfs wird Proska in ein Gefecht mit seinem Schwager verwickelt und erschießt ihn. Doch auf bewertende Sätze, wie der Leser das &#8211; oder auch Proskas spätere Arbeit für die Besatzungstruppen in der DDR &#8211; einzuordnen habe, verzichtet er fast ganz.</p>
<p>Literarisch war das sicherlich kein Fehler, es barg aber das Risiko politischer Missverständnisse. Der Lektor schreibt Lenz einen aufgebrachten Brief und warnt ihn: Er könne sich, sollte das Buch in der nun vorliegenden Form gedruckt werden, „maßlos schaden“. Ein Verlagsgutachten beklagt &#8211; in seltsamer Logik &#8211; den “überheblichen Individualismus“ der Figuren, „der gerade in einer Zeit, in der man den Nationalismus bekämpft, gefährlich ist“.</p>
<p>Also drängten Lektor und Verlag Lenz zu weiteren Überarbeitungen. Doch zu denen war der Jungautor nicht bereit, sie lägen, schreibt er in seinem sehr vornehmen, klugen Antwortbrief, jenseits seiner Möglichkeiten: „Der Sprung über die Hürde ist mir nicht geglückt.“</p>
<p>Die Versuchung ist groß, den Roman des 25-jährigen Siegfried Lenz gegen jeden Einwand in Schutz zu nehmen, weil wir heute wissen, welche großartigen Bücher er später schrieb. Doch manche erzählerischen oder sprachlichen Mängel des Buches sind unübersehbar &#8211; zum Beispiel, wenn der junge Lenz eine beschauliche Abendstimmung beschreiben möchte: „Am Himmel graste die wolkige Einfalt.“</p>
<p>Günter Berg war früher Verlagsleiter bei Hoffmann und Campe und ist heute Vorstand der Siegfried Lenz Stiftung. Er hat den Roman aus dem Archiv befreit. Ein Meisterwerk kann man es nicht nennen. Ein über weite Strecken spannendes und literatur- und zeitgeschichtlich lehrreiches Buch ist es aber allemal.</p>
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		<title>Krieg und Literatur</title>
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		<pubDate>Fri, 18 May 2012 07:37:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Kollektive Verdrängung? Die deutschen Schriftsteller begegnen dem modernen High-Tech-Militär nahezu unisono mit Schweigen. Dabei ist der Krieg eines der ältesten Themen der Literaturgeschichte. Fällt den Autoren hier und heute zu Soldaten nichts mehr ein? Ein Zwischenruf. Die Kriege unserer Zeit &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=335">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><!-- @font-face {   font-family: "Cambria"; }@font-face {   font-family: "CandidaFocusRoman"; }p.MsoNormal, li.MsoNormal, div.MsoNormal { margin: 0cm 0cm 0.0001pt; font-size: 12pt; font-family: "Times New Roman"; }div.Section1 { page: Section1; } --></p>
<h2><strong>Kollektive Verdrängung?</strong></h2>
<h3><strong>Die deutschen Schriftsteller begegnen dem modernen High-Tech-Militär nahezu unisono mit Schweigen. Dabei ist der Krieg eines der ältesten Themen der Literaturgeschichte. Fällt den Autoren hier und heute zu Soldaten nichts mehr ein? Ein Zwischenruf.</strong></h3>
<div id="attachment_336" class="wp-caption alignleft" style="width: 90px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/80px-Homeros_MFA_Munich_272.jpg"><img class="size-full wp-image-336" title="80px-Homeros_MFA_Munich_272" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/80px-Homeros_MFA_Munich_272.jpg" alt="" width="80" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Homer</p></div>
<p>Die Kriege unserer Zeit finden in der deutschen Literatur nicht statt. Das ist verständlich und verwunderlich zugleich. Verwunderlich, weil Krieg immer eines der wichtigsten Themen der Literatur war. Von Homers <em>Ilias</em> bis Cäsars <em>Bellum Gallicum</em>, von Shakespeares Königsdramen bis Grimmelshauses <em>Simplicissimus</em>, von Schillers <em>Wallenstein</em> bis Kleists <em>Prinz von Homburg</em>, von Remarques <em>Im Westen nichts Neues</em> bis Ernst Jüngers <em>In Stahlgewittern</em> gehörte Krieg zu den Stoffen, aus dem große Schriftsteller große Bücher machten.</p>
<div id="attachment_337" class="wp-caption alignright" style="width: 104px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/94px-Heinrich_von_Kleist2.jpg"><img class="size-full wp-image-337" title="94px-Heinrich_von_Kleist2" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/94px-Heinrich_von_Kleist2.jpg" alt="" width="94" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Kleist</p></div>
<p>Auch in der deutschen Literatur nach 1945 spielte der Rückblick auf den Zweiten Weltkrieg zunächst eine zentrale Rolle. Heinrich Böll, Heiner Müller, Günter Grass, Theodor Plievier, Siegfried Lenz und viele andere hielten die Erinnerung an das Grauen und Töten auf dem Papier fest. Sie brachten damit zur Sprache, was die Gesellschaft jener Jahre geformt hatte und zu ihren stärksten Antriebskräften gehörte. Doch seither ist der Krieg, sind zumal die zeitgenössischen Kriege nahezu ganz aus der deutschen Literatur verschwunden.</p>
<p>Verständlich war das vor allem deshalb, weil der Krieg hierzulande lange nur als fernes Gespenst wahrgenommen wurde. Er schien jede Realität jenseits der Nachrichtenkanäle eingebüßt zu haben. Doch das ist seit zwanzig Jahren vorbei. Die Einsätze der Bundeswehr out of area lassen sich inzwischen an den Fingern beider Hände nicht mehr abzählen. Deutsche Soldaten sind vor den Küsten Libanons und Somalias, in Dafur oder am Hindukusch stationiert, überwachen, kämpfen, werden verwundet oder sterben im Auftrag ihres Landes. Das Engagement in Afghanistan wurde vom damaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg entschlossen „Krieg“ genannt &#8211; und fast alle stimmten ihm zu, so dass dies eine Wort heute wie das größte Verdienst seiner Amtszeit wirkt.</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/41Ckxe+HP6L._SL500_AA300_.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-339" title="41Ckxe+HP6L._SL500_AA300_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/41Ckxe+HP6L._SL500_AA300_-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Der deutschen Literatur ist zu all dem wenig eingefallen. Sie begegnet den spezifischen Schrecken des Hightech-Kriegs mit Schweigen. Ingo Niemann und Alexander Wallasch haben 2010 in ihrem gemeinsam geschriebenen Roman <em>Deutscher Sohn</em> einen Soldaten zur Hauptfigur gemacht, der verwundet aus Afghanistan ausgeflogen wurde. Doch statt von seinem Kriegsschicksal zu erzählen, nehmen sie die Figur zum Vorwand, allerlei pornographischen Phantasien nachzuhängen. Der Journalist und Erzähler Dirk Kurbjuweit hat 2011 in dem Roman <em>Kriegsbraut</em> eine deutsche Soldatin beschrieben, die nach Afghanistan kommandiert wird und nicht nur die Langeweile des Lageralltags, sondern auch Feuergefechte zu bestehen hat. Viel mehr gibt es bislang zu dem uralten, brandneuen Thema nicht.<a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/415pfnvNj0L._AA115_.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-340" title="415pfnvNj0L._AA115_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/415pfnvNj0L._AA115_.jpg" alt="" width="115" height="115" /></a></p>
<p>Es versteht sich von selbst, dass Literatur über den Krieg mit Kriegs-Verherrlichung nichts zu tun haben muss. Spätestens seit Anbruch der Moderne sind die hymnischen Tön aus den Schlachtenbeschreibungen fast vollständig verschwunden. Auch heute erwartet niemand, dass Schriftsteller versuchen ihren Lesern einzureden, es sei süß fürs Vaterland zu sterben.</p>
<p>Im Gegenteil: Viele Bürger der westlichen Hemisphäre sehen im Ausbruch eines Kriegs inzwischen nichts anderes als einen Beweis für die Unfähigkeit der Politik. Sobald die Waffen sprechen, haben in ihren Augen die Diplomaten nachweislich versagt. Wie immer man zu solchen Argumenten steht – sie lassen den Krieg aus literarischer Sicht nicht uninteressanter werden. Denn was sind das für Menschen, die sich dennoch als Soldaten in den Kampf kommandieren lassen? Opfer, die für wenig Geld Kopf und Kragen riskieren müssen? Abenteurer, die auf Grenzerfahrungen aus sind? Letzte Idealisten, die sich für ihr Land einsetzen, auch wenn die meisten Landsleute es ihnen nicht danken?</p>
<p>Davon könnte Literatur heute erzählen. Kein Schriftsteller muss das tun, jeder hat  ganz persönlichen Themen, die ihn inspirieren. Doch wenn eine ganze Autorengeneration über Jahrzehnte hinweg einen uralten literarischen Stoff ausblendet, dann riecht das nach kollektiver Verdrängung. Oder steckt dahinter die Furcht, sich allein durch die Berührung mit dem Thema Krieg ins Abseits zu manövrieren, weil sie gegen einen pazifistischen Grundkonsens des Literaturbetriebs verstößt?</p>
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