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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Postmoderne</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Spät aber dennoch: &#8220;Shades of Grey&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Jul 2012 13:23:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[E.L. James]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Schiller]]></category>
		<category><![CDATA[Lessing]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>

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		<description><![CDATA[Ausgepeitscht vom Märchenprinzen Okay, jetzt habe also auch ich in Shades of Grey reingelesen. Der Rummel um die SM-Schwarte von E.L. James lässt einem ja keine Ruhe. Der erste Band der Trilogie ist tatsächlich dramatisch schlecht geschrieben. Die anderen beiden &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=543">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Ausgepeitscht vom Märchenprinzen</strong></h2>
<h3><strong>Okay, jetzt habe also auch ich in <em>Shades of Grey</em> reingelesen. Der Rummel um die SM-Schwarte von E.L. James lässt einem ja keine Ruhe. Der erste Band der Trilogie ist tatsächlich dramatisch schlecht geschrieben. Die anderen beiden habe ich nicht in die Hand genommen. Wer so etwas Literatur nennt, könnte genauso gut einem Antiquitäten-Liebhaber einen Holzscheit auf’s Intarsien-Tischchen knallen und behaupten, zwischen beidem gäbe es keinen Unterschied, schließlich bestünden sowohl Tischchen als auch Scheit aus Holz. Mehr noch: Der Scheit hätte sogar den höheren Heizwert.</strong></h3>
<p><em> </em></p>
<div id="attachment_545" class="wp-caption alignleft" style="width: 173px"><em><em><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Shades.jpg"><img class="size-full wp-image-545" title="Shades" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Shades.jpg" alt="" width="163" height="250" /></a></em></em><p class="wp-caption-text">E.L. James &quot;Shades of Grey - Geheimes Verlangen&quot;. Goldmann Verlag 9,99 Euro</p></div>
<p><em>Shades</em> erreichte knapp das Niveau von <em>Julia</em>-, <em>Jerry Cotton</em>- oder <em>Perry Rhodan</em>-Heftchen. (Ich habe ein paar davon gelesen, unter anderem weil ich mal einen „Kongress der Liebesroman-Autorinnen“ besuchte. Davon bei anderer Gelegenheit mehr.) Aber letztlich sind solche literaturkritischen Erwägungen angesichts der Verkaufszahlen der Trilogie unzureichend und ein wenig albern.</p>
<p>Viel interessanter ist in meinen Augen die Überlegung, weshalb gerade ein solches Buch gerade zu diesem Zeitpunkt so erfolgreich ist. Es gab ja früher schon haufenweise SM-Romane und gibt sie parallel zu E.L. James auch jetzt auf dem Buchmarkt. Den Millionenerfolg fährt aber <em>Shades</em> ein. Das macht die Trilogie aus sozialpsychologischer Perspektive zu einem aufschlussreichen Fall: Welche Leser-Fantasien werden speziell in diesem Buch befriedigt? Was macht diesen „Mommy-Porn“ (<em>New York Times</em>) für so viele Leserinnen so lesenswert? Denn an der Erkenntnis, dass vor allem Frauen <em>Shades</em> verschlingen, lassen die Berichte aus USA wenig Zweifel.</p>
<p>Bei meiner völlig unverantwortlich lückenhaften Vorne-Mitte-Hinten-Lektüre wurde schnell klar, dass der Roman eine soziale Aufsteiger-Story erzählt. Unschuldige Studentin trifft Milliardär, der sie zu seiner Herzallerliebsten erklärt. Das ist naturgemäß schön für die Studentin – und lässt die uralte Geschichte vom unschuldigen Bürgermädchen durchschimmern, das vom örtlichen Grafen entdeckt, begehrt, geheiratet und triumphal ins Grafenschloss heimgeführt wird. Ein Erzählmuster, das in seiner tragischen Spielart von Lessings <em>Emlia Galotti</em> bis Schillers <em>Kabale und Liebe</em>“ etliche bürgerliche Trauerspiele vom Klassiker-Format hervorbrachte.</p>
<div id="attachment_552" class="wp-caption alignright" style="width: 185px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Pretty2.jpg"><img class="size-full wp-image-552" title="Pretty" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Pretty2.jpg" alt="" width="175" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Pretty Woman&quot; (1990). Regie: Garry Marshall. Drehbuch: J. F. Lawton</p></div>
<p>Da zu meinem Bekanntenkreis bedauerlich wenige Milliardäre zählen, habe ich keine Erfahrung, wie die in Liebesdingen tatsächlich so sind. Andererseits drängt sich da die Kino-Erinnerung an <em>Pretty Woman</em> mit Julia Roberts und Richard Gere als Milliardär auf. Diese soziale Aufsteiger-Geschichte ist sexuell schärfer gewürzt als die alten Jungfrau-meets-Graf-Romane, Julia Roberts spielt bekanntlich eine Prostituierte. Das macht den Film zwar nicht gerade zum Inbegriff einer feministische Vorzeige-Literatur, dennoch teilt er der Heldin die Rolle einer im Bett professionell erfahrenen und wirtschaftlich selbständigen Frau zu. Das ist ja schon mal was, im Vergleich zur Unschuld vom Lande mit ihren Adelsherren.</p>
<p><em>Shades</em> dreht das Rad der Emanzipation gnadenlos zurück. Auch hier wird das alte Erzählmuster erotisch aufgepeppt, diesmal mit einer Portion SM. Aber Heldin Anastasia Steele hat weder von Sex noch von Beruf den blassesten Schimmer und muss auch keinen Schimmer haben, denn sie begibt sich willig errötend in die Arme eines mächtigen Mannes, der all das für sie regelt. Wenn es das ist, was den Massenfantasien der weiblichen Leserschaft derzeit in Wallung bringt, dann darf man das wohl ein bemerkenswertes Signal nennen.</p>
<p>Steeles Beitrag zur Emanzipationsgeschichte beschränkt sich darauf, den Sklavinnen-Vertrag mit Mr. Grey über viele Seiten hinweg beinhart auszuhandeln. Hier macht sie ihrem Namen alle Ehre und wird zur stahlharten Verhandlungspartnerin.</p>
<p>Was lässt sich aus all dem lernen?</p>
<p>1.)   Alte Erkenntnis: Auf literarische Qualität kommt es beim literarischen Erfolg nicht an. Um es mit Eichendorff zu sagen: Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Kass’ hebt an zu klingen, triffst du nur das Zauberwort. Wer das richtige Thema zum richtigen Zeitpunkt trifft, den hält werden Ochs noch Esel auf: Der hat Erfolg, auch wenn er absolut miserabel schreibt.</p>
<div id="attachment_553" class="wp-caption alignright" style="width: 171px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/ShadesEng1.jpg"><img class="size-full wp-image-553" title="ShadesEng" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/ShadesEng1.jpg" alt="" width="161" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">E.L. James &quot;Fifty Shades of Grey&quot;. Amerikanische Ausgabe. Verlag Vintage, New York</p></div>
<p>2.)   Millionen Frauen träumen offenbar noch immer gern von der alten Märchenprinz-Nummer, bei der sie vom Helden auf dessen edlen Schimmel gezogen und in ein besseres Leben entführt werden.</p>
<p>3.)   Natürlich darf die Geschichte heute sexuell etwas heißer serviert werden. Ein bisschen Härte im Bett wird inzwischen offenbar gern genommen.</p>
<p>4.)   Was die Soziologen seit ein paar Jahrzehnten vorkauen, wird inzwischen auch in der Trivial-Literatur wiedergekäut: Die verbindlichen Normen in Liebensdingen haben sich in postmodernen Zeiten aufgelöst. Partnerschaften werden heute von der Verhandlungs-Ethik regiert. Das Paar klärt in Diskussionen, welche Regeln für ihre Partnerschaft gelten sollen. E.L. James macht das mit dem Sklavinnen-Vertrag überdeutlich.</p>
<p>5.)   Ist erst einmal ein gutaussehender, milliardenschwerer Märchenheld im Spiel, scheint es für die Fantasie der Leserinnen kein Problem zu sein, sich sexuell ganz auf seine Wünsche einzustellen.</p>
<p>6.)   Der miese, ranzige Altherrengedanke liegt nahe: Dass Frauen (zumindest in den Träumen, die sie lesend ausleben) noch immer gern bereit sind, sich kaufen zu lassen, wenn den das finanzielle Angebot wirklich verlockend und der Mann nicht allzu unansehnlich ist. Was auf eine schockierende Schlussfolgerung hinausläuft: Milliardäre haben bessere Chancen bei Frauen als Literaturkritiker! Ein Gedanke, der mich persönlich echt unheimlich betroffen macht.</p>
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		<title>Protokoll einer Talkshow über Marcel Reich-Ranicki</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Jun 2012 16:27:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Kerr]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Schlegel]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich Böll]]></category>
		<category><![CDATA[Ludwig Börne]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Walser]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Musil]]></category>

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		<description><![CDATA[Kritik als geistiges Schauspiel Zur Feier des 92. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki wiederholen wir die Aufzeichnung einer Talkshow zu seinen Ehren. Hier das geheime Protokoll der ebenso denkwürdigen wie hochrangig besetzten Sendung, an der Friedrich Schlegel (1772-1829), Ludwig Börne (1786 &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=395">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kritik als geistiges Schauspiel<br />
</strong></h2>
<h3><strong>Zur Feier des 92. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki wiederholen wir die Aufzeichnung einer Talkshow zu seinen Ehren. Hier das geheime Protokoll der ebenso denkwürdigen wie hochrangig besetzten Sendung, an der Friedrich Schlegel (1772-1829), Ludwig Börne (1786 &#8211; 1837) und Alfred Kerr (1867 &#8211; 1948) teilnahmen</strong></h3>
<p><em>Es geht los: Fernsehstudio, Scheinwerfer, Kameras. Auf dem Podium ein  Moderator und drei Talkshowgäste. Als Kulisse Möbelhaus-Regale mit  Möbelhaus-Buchattrappen.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Guten Abend meine Damen und Herren, heute  feiert der wohl bekannteste Kritiker der Gegenwart, Marcel  Reich-Ranicki, seinen 92. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir drei  seiner berühmtesten deutschen Kollegen zum Gespräch eingeladen. Ich darf  vorstellen, von rechts nach links: Friedrich Schlegel (1772 – 1829),  Ludwig Börne (1786 – 1837) und Alfred Kerr (1867 – 1948).</p>
<p><em>Schlegel, Börne, Kerr nicken knapp in die Kamera.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 in Włocławek, Polen, geboren, besuchte ab 1929 in Berlin die Schule…</p>
<p><strong>Kerr</strong> <em>(unterbricht): </em>Was ist das hier? Schulfunk?</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Dafür brauchen Sie uns ja wohl nicht. Das weiß inzwischen jeder. <em>(Steht auf, will gehen).</em></p>
<p><strong>Kerr</strong>: Das weiß jeder Tankwart! Wie Reich-Ranicki so gern sagt. <em>(Will ebenfalls gehen, Börne macht Anstalten, den beiden zu folgen.)</em></p>
<p><strong>Moderator</strong> <em>(verdattert): </em>Aber meine Herren. Was wollen Sie denn?</p>
<p><strong>Kerr:</strong> Fragen. Ernste Fragen.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier.</p>
<p><em>Schlegel, Börne, Kerr lassen sich zurück in ihre Sessel fallen.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong> <em>(eifrig): </em>Also Fragen! Zum Beispiel: Wie konnte Reich-Ranicki die herausragende Position erreichen, die er heute hat?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Blöde Frage.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_397" class="wp-caption alignleft" style="width: 230px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne1.jpg"><img class="size-full wp-image-397" title="220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne1.jpg" alt="" width="220" height="278" /></a><p class="wp-caption-text">Ludwig Börne, Gemälde von Moritz Oppenheim, Öl auf Leinwand (1827)</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Börne</strong>: Das ist viel zu pauschal und undifferenziert  gefragt. Ich will Ihnen trotzdem eine Teilantwort geben: Als  Reich-Ranicki 1958 in die Bundesrepublik kam, hatte die Literatur eine  ganz andere Funktion als heute. Sie war ein Leitmedium mit großem  Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein des Landes. Von der Kultur  erwartete man nach dem Nazi-Desaster politisch-moralische Orientierung.  Reich-Ranicki hat damals in seinen Kritiken oft wie ein Anwalt  argumentiert. Er hat manchen Autoren nachgewiesen, wie tief sie noch –  unbewusst – im Nazi-Denken stecken geblieben waren. Solche Rezensionen  von ihm erschütterten den Kulturbetrieb wie Erdbeben. Dazu machte er,  der eben aus dem Ostblock gekommen war, den ahnungslosen Westdeutschen  klar, was literarisch in der DDR lief und dass dort keineswegs nur  dumpfe Parteischriftsteller schrieben.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Mein lieber Börne, ich verstehe: Ihnen als  dem politischen Zuchtmeister unter den deutschen Großkritikern gefällt  dieser Aspekt an Reich-Ranickis Laufbahn besonders. Aber hinzufügen  sollten Sie, wie wenig Reich-Ranicki sich aus politischen Gründen in  seinem literarischen Urteil beirren ließ. Seine Verrisse von Heinrich  Bölls Romanen sind legendär. Obwohl er Böll politisch verteidigte, ging  er mit ihm literarisch ins Gericht.</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Kritik als geistiges Schauspiel! Großes öffentliches Spektakel. Jeder Artikel ein Drama!</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber andere Kritiker dieser Zeit haben auch politisch argumentiert. Warum wurde gerade Reich-Ranicki so populär?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Der Mann hat sagenhaftes Temperament. Seine  Kritiken sind keine gelehrten Erörterungen, sondern Brandreden. Er ist  ein Volkstribun. Ein Volkstribun der Kritik. So etwas liebt das  Publikum. Ich bin Theaterkritiker. Ich weiß das.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber wurde er von seinem Temperament nicht auch zu Fehlern hingerissen? Hat er nicht auch Autoren verkannt?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Blöde Frage. Natürlich.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Kein Kritiker ist allen Spielarten der  Literatur gewachsen. Dazu ist Literatur viel zu komplex. „Was man sagt,  stimmt nie“, meinte Robert Musil einmal, „das Phänomen ist immer  vielseitiger als die Kritik.“ Also macht jeder Kritiker Fehler. Wie  könnte es anders sein? Wenn selbst Ärzte, Apotheker, Architekten Fehler  machen, warum sollten gerade Kritiker unfehlbar sein? Kerr hielt Brecht  für eine Niete. Schlegel schieb herablassend über Lessings Stücke…</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: …und von Ihnen, lieber Börne, stammt der Satz: „Seit ich fühle, habe ich Goethe gehasst, seit ich denke, weiß ich warum.“</p>
<p><strong>Börne</strong> <em>(mürrisch): </em>Ja, sicher. Wie ich sage:  Kein Kritiker ist unfehlbar. Jeder verkennt irgendwann mal einen Autor.  Wird ein Kritiker so stark wahrgenommen wie Reich-Ranicki, werden auch  seine Fehlurteile stark wahrgenommen. Der Ruhm wirkt wie ein  Vergrößerungsglas. Die Missgriffe unbekannter Kritiker werden  achselzuckend übergangen und vergessen.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber warum hatte und hat Reich-Ranicki  dann so viele Gegner und oft auch Feinde? Erst kürzlich hat Martin  Walser in seinem Tagebuch…</p>
<p><strong>Kerr</strong> <em>(unterbricht): </em>Saublöde Frage.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Verächtlich ist der Kritiker, der keine Feinde hat.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_398" class="wp-caption alignleft" style="width: 93px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/83px-Schlegel1790.jpg"><img class="size-full wp-image-398" title="83px-Schlegel1790" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/83px-Schlegel1790.jpg" alt="" width="83" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Friedrich Schlegel 1790</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Sich Feinde zu machen, gehört zum Handwerk  eines unabhängigen Kritikers. Nur wer so urteilt wie alle anderen  Kritiker auch, hat keine Feinde. Denn der geht ängstlich inmitten der  Herde in Deckung. Aber Deckung hat Reich-Ranicki nie gesucht. Im  Gegenteil. Wer eigenständige und entschiedene Urteile fällt, hat schnell  eine eigenständige und entschiedene Kollektion von Feinden. Bei  Reich-Ranicki kommt aber vielleicht noch ein zweiter Umstand hinzu. Er  selbst hat das beschrieben: Reich-Ranicki zeichnet sich durch eine  Eigenschaft aus, die oft bei Juden auffällt, sei es günstig, sei es  ungünstig, und die zur Folge hat, dass sie, die Juden, für manche  Menschen in ihrer Umgebung nicht so leicht erträglich sind und ihnen  vielleicht sogar auf die Nerven gehen. Was ich meine, lässt sich mit  Worten wie „Intensität“ oder „Heftigkeit“ andeuten. Reich-Ranicki  besitzt Intensität in hohem Maße.</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Intensität? Leidenschaft! Verbunden mit dem festen Glauben an Vernunft und Argument.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber von Politik ist in seinen Kritiken heute keine Rede mehr.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Ja, weil die Welt sich dreht und die Dinge sich wandeln. Und mit ihnen die Literatur.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Spätestens mit den achtziger Jahren hatte  sich die Funktion der Literatur in Deutschland geändert. Die einzige  intellektuelle Gewissheit war nun, dass es keine intellektuellen  Gewissheiten mehr gibt. Dass es nur noch konkurrierende Denkformen gibt,  die alle ein gewisses Recht für sich beanspruchen können. Man hat das  „postmodern“ genannt, aber es sieht manchen Überzeugungen aus meiner  Epoche um 1800 zum Verwechseln ähnlich. Reich-Ranicki hat das gespürt.  Also feierte er die Literatur als ein Vergnügen, als ein ironisches  Spiel, bei dem Weltsichten erprobt werden, der Autor aber augenzwinkernd  zu verstehen gibt, dass man alles das mit gleichem Recht auch aus  anderer Sicht betrachten könnte. Mit Beliebigkeit hat das nichts zu tun.  Denken Sie daran, wie oft er sich trotzdem mit anderen im Literarischen  Quartett in die Haare geriet.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Gut, dass Sie das Quartett ansprechen. Hat er damit die Literaturkritik endgültig an die Fernsehunterhaltung verkauft?</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_399" class="wp-caption alignleft" style="width: 72px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/62px-Alfred_Kerr_by_Lovis_Corinth_1907.jpg"><img class="size-full wp-image-399" title="62px-Alfred_Kerr,_by_Lovis_Corinth,_1907" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/62px-Alfred_Kerr_by_Lovis_Corinth_1907.jpg" alt="" width="62" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Alfred Kerr, porträtiert von Lovis Corinth (1907)</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Kerr</strong>: Bravo, das ist Ihre schwachsinnigste Frage.  Das Quartett war Streit um die Literatur vor Kameras. Reich-Ranicki  hatte den Mut und das Talent, das zu inszenieren. Hat bis jetzt kein  anderer gekonnt. Eingehende, gründliche Literaturkritik war das nicht.  Die findet auch weiterhin auf Papier statt. Reich-Ranicki war der erste,  der das betonte. Aber der Kritiker darf neue Medien nicht scheuen. Ich  habe in meiner Zeit das Radio für die Kritik erprobt. Mit Erfolg, es hat  dem Theater Zuschauer gebracht. So wie das Literarische Quartett der  Literatur Leser brachte.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Das Quartett war fabelhaft, weil es  demonstrierte, dass zu jedem Buch mehrere Urteile zugleich möglich sind.  Wenn ein Kritiker schreibt, will er allein seine Ansichten gelten  lassen. Wenn er aber im Quartett mit anderen sprach, musste er sich die  Ansichten der anderen anhören. Den Zuschauern wurde gezeigt, dass es  auch in der Literatur keine Gewissheiten gibt, sondern nur Meinungen. So  lieferte das Literarische Quartett ein Bild seiner Zeit.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Dazu lieferte es einen Beweis: Nämlich wie  lehrreich Fernsehen sein kann, wenn Moderatoren ausnahmsweise etwas vom  Thema ihrer Sendung verstehen. <em>(Sieht den Moderator an.) </em>Reich-Ranicki  hat Beispielloses geleistet für Literatur und Kritik in Deutschland.  Nicht zuletzt hat er immer wieder an uns, an die Kollegen Schlegel, Kerr  und mich erinnert. Weshalb es für uns ein Leichtes war, diese Talkshow  unter anderem mit Worten zu bestreiten, die er über uns schrieb oder aus  unseren Werken zitierte.</p>
<p><em>Der Moderator schwitzt, gibt der Regie ein Zeichen, die Kamera schwenkt auf die Buchattrappen, der Abspann beginnt.</em></p>
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		<title>Navid Kermanis Selbsterlebensbeschreibung</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Sep 2011 17:29:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Navid Kermani]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>

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		<description><![CDATA[Brav und flach, aber dafür mächtig lang Lauter Abschweifungen um kein Zentrum: Als Navid Kermani einmal einen besonders dickes Buch geschrieben hatte Navid Kermani ist ein habilitierter Orientalist und bemerkenswerter Essayist. Als ihm 2009 der Hessische Kulturpreis zunächst zugesprochen, dann &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=14">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Brav und flach, aber dafür mächtig lang</strong></h2>
<h3><strong>Lauter Abschweifungen um kein Zentrum: Als Navid Kermani einmal einen besonders dickes Buch geschrieben hatte</strong></h3>
<p>Navid Kermani ist ein habilitierter Orientalist und bemerkenswerter Essayist. Als ihm 2009 der Hessische Kulturpreis zunächst zugesprochen, dann aberkannt und schließlich doch verliehen wurde, hatte er ein paar beeindruckende öffentliche Auftritte. Doch ein bemerkenswerter Intellektueller ist nicht notwendigerweise zugleich ein bemerkenswerter Schriftsteller.</p>
<p>Sein neuer Roman <em>Dein Name</em> (Hanser Verlag, 1200 Seiten, 34,90) hat einen poetologischen Reiz, aber keinen poetischen. Er ist von literaturtheoretischem, nicht von literarischem Interesse. Ich habe die begleitende Frankfurter Poetik-Vorlesung von 2010 mit größerer Spannung gelesen als den Roman selbst. Dort liefert Kermani mit dem Hinweis auf Jean Pauls <em>Selbsterlebensbeschreibung</em> ein gutes Stichwort, unter dem man sein monströses Romanprojekt betrachten kann.</p>
<div>
<ul>
<li> <a rel="nofollow" href="http://www.buecher.de/shop/iran/dein-name/kermani-navid/products_products/detail/prod_id/33335110/"><img src="http://bilder.buecher.de/produkte/33/33335/33335110k.jpg" alt="Dein Name" /></a></li>
</ul>
</div>
<p>Es ist, auch wenn sich der Autor im Buch immer wieder neue Namen und Titel gibt, eine auf weite Strecken leicht erkennbare autobiographische Lebensmitschrift mit gelegentlichen Ausflügen auf fiktives Terrain. Sie nimmt die Gestalt einer endlosen Kette von Abschweifungen und Episoden an. Allerdings fehlt die zentrale inhaltliche Klammer, die das Ganze als Ganzes erkennbar machte.</p>
<p>Mit anderen Worten, die Kette der Abschweifungen rankt sich um kein Zentrum. Man kann das als postmodernes Lebensbild betrachten: Das Zentrum ist leer, das Leben eine Folge von kontingenten Episoden. Bei einen stark von religiösen Motiven getriebenen Schriftsteller wie Kermani hat das natürlich theologische Dimensionen. Die häufigen Hinweise im Roman auf tote Freunde, Bekannte oder Intellektuelle scheinen mir hier ihren Grund zu finden: In einer kontingenten, gottlosen Welt ist das Leben mit dem Tod endgültig verloren, eine höhere Ordnung, in der ein Toter aufgehoben wäre, ist nicht in Sicht. Selbst der literarische Versuch, die Erinnerung an die Toten zu bewahren, bleibt nüchtern betrachtet angesichts der wahren zeitlichen Dimensionen der erforschbaren Welt eine hilflose Geste.</p>
<p>Das alles ist von großer intellektueller Ambition, aber meines Erachtens durch keinerlei künstlerischer Gestaltungskraft gedeckt. Von der Sprache Kermanis und seiner Erzählstoffen geht kaum sinnliche Ausstrahlungspraft aus. Es ist über weite Strecken eine brave, flache Berichtprosa, die Navid Kermani hier schreibt. Die Episoden gewinnen keine Eindringlichkeit. Oft genug hat man das Gefühl, das er einfach aufschreibt, was gerade um ihn herum passiert und was ihm dazu durch die Rübe rauscht. Das macht den Roman zu einer 1200seitigen privatistischen Zumutung.</p>
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