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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Vladimir Nabokov</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>10 Jahre Buchverbot: Maxim Billers Roman &#8220;Esra&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jun 2017 18:40:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Alban Nikolai Herbst]]></category>
		<category><![CDATA[Maxim Biller]]></category>
		<category><![CDATA[Reinhard Liebermann]]></category>
		<category><![CDATA[Vladimir Nabokov]]></category>

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		<description><![CDATA[Immer weniger Freiheit der Kunst Heute vor 10 Jahren wurde Maxim Billers Roman “Esra” vom Bundesverfassungsgericht endgültig verboten. Es ist nicht das einzige Buch, das bei Richtern auf  Verbotslust stößt. Aus Anlass des Verbotes schrieb ich damals eine kleine Bestandsaufnahme &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2256">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Immer weniger Freiheit der Kunst</strong></h1>
<div>
<h2><strong>Heute vor 10 Jahren wurde Maxim Billers Roman “Esra” vom Bundesverfassungsgericht endgültig verboten. Es ist nicht das einzige Buch, das bei Richtern auf  Verbotslust stößt. Aus Anlass des Verbotes schrieb ich damals eine kleine Bestandsaufnahme der neuesten Neigung zur Zensur. In Erinnerung an den Roman, der der Öffentlichkeit entzogen wurde, stelle ich diesen Artikel noch einmal zu Diskussion.<br />
</strong></h2>
<p>Die Freiheit der Kunst schrumpft. Diese Tatsache ist allein schon erstaunlich genug. Schließlich wird die Kunstfreiheit, die zum Tafelsilber jeder liberalen Gesellschaft gehört, vom Grundgesetz ohne Einschränkung garantiert. Trotzdem hat sie in jüngster Zeit spürbar Federn gelassen.</p>
<div id="attachment_2257" class="wp-caption alignright" style="width: 311px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/06/41VE40NWY1L._SX299_BO1204203200_.jpg"><img class="size-full wp-image-2257" title="41VE40NWY1L._SX299_BO1,204,203,200_" alt="" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/06/41VE40NWY1L._SX299_BO1204203200_.jpg" width="301" height="474" /></a><p class="wp-caption-text">Maxim Biller: &#8220;Esra&#8221; Roman. Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch. Seit 2007 verboten. Wird im Netz gehandelt zu Preisen von bis zu 200 Euro</p></div>
<p>Es sind die Gerichte, die sie Scheibchen für Scheibchen beschneiden und zurechtstutzen, sobald sie mit einem anderen Grundrecht in Konflikt gerät, dem Recht auf Schutz der Persönlichkeit und Intimsphäre. Das Thema ist umstritten wie kaum ein anderes. Selbst das Bundesverfassungsgericht, Deutschlands höchstes Rechtsorgan, ist sich seiner Sache nicht sicher, wenn es gilt, zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsschutz abzuwägen.</p>
<p>Als es 1971, im berühmten Verfahren gegen Klaus Manns Roman „Mephisto“, das Verdikt des Bundesgerichtshofes bestätigte, fiel seine Entscheidung denkbar knapp aus. Drei Richter plädierten für eine Freigabe des Buches, drei dagegen. Um das Verbot aufzuheben, wäre eine Mehrheit notwendig gewesen. Ähnlich beim jüngsten Urteil zu Maxim Billers Roman „Esra“: Fünf Richter sahen durch das Buch Persönlichkeitsrechte verletzt und untersagten seine Publikation. Immerhin drei Richter desselben Senats erklärten dieses Urteil ausdrücklich für einen „verfassungswidrigen Eingriff“ in die Grundrechte von Autor und Verlag und hielten ihren Kollegen vor, die Rechte der Literatur zu missachten.</p>
<p>Die Verbotsverfahren laufen fast immer nach dem gleichen Schema ab. Ein Kläger glaubt sich in einer Roman-, Film- oder Theaterfigur wiederzuerkennen und fühlt sich verleumdet, da die Figur nicht in allen Zügen seinem positiven Selbstbild entspricht. Die Richter prüfen dann, wie groß die Ähnlichkeiten zwischen fiktiver Gestalt und realer Person sind und fällen typische „Je-desto“-Entscheidungen: Je negativer oder intimer eine Kunstfigur beschrieben wird, desto stärker muss sie gegenüber ihrem angeblichen Vorbild verfremdet sein.</p>
<p>Früher galt das allerdings nur für den klassischen Schlüsselroman, dessen Held einer weithin bekannten Persönlichkeit zum Verwechseln ähnlich sieht, weshalb jedermann in der Romanfigur sofort die Karikatur des realen Menschen zu sehen glaubt. Durch das „Esra“-Urteil haben die Verfassungsrichter die Gewichte massiv zum Nachteil der Kunstfreiheit verschoben: Nun reicht es für eine Verurteilung bereits aus, wenn nur das enge Umfeld der Betroffenen Parallelen zwischen Fiktion und Wirklichkeit meint ausmachen zu können.</p>
<div id="attachment_2258" class="wp-caption alignleft" style="width: 266px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/06/34519425z.jpg"><img class="size-full wp-image-2258" title="34519425z" alt="" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/06/34519425z.jpg" width="256" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock: &#8220;Der Fall Esra&#8221;. Ein Roman vor Gericht. Über die neuen Grenzen der Literaturfreiheit. Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch. 18,99 Euro</p></div>
<p>Sicher, es hat gute Gründe, wenn die Justiz die Bürger davor schützen möchte, dass noch ihre privatesten Lebensumstände in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Wie Boulevardzeitungen und Yellow Press mit prominenten oder auch ganz unbekannten Zeitgenossen umspringen, ist oft skandalös.</p>
<p>Doch Romane, Dramen oder Filme sind keine Tatsachenberichte. Während Zeitungsartikel oder Sachbücher für sich in Anspruch nehmen, über Fakten zu informieren, werden in Kunstwerken Fiktionen entfaltet. Sie berufen sich ausdrücklich nicht auf Tatsachen, sondern auf die Fantasie ihres Schöpfers. Sachbücher oder Zeitungsartikel lassen sich an der Frage messen, ob sie Wahrheiten oder Unwahrheiten über reale Personen verbreiten. Mit der gleichen Frage an einen Roman heranzugehen, ist unsinnig, denn seine Handlung ist weder wahr noch unwahr, sondern erfunden.</p>
<p>Natürlich gibt es immer unbedarfte Leser, die in einer Geschichte nur einen Abklatsch dessen sehen wollen, was der Autor erlebt hat – und so die eigentlich künstlerische, das Erlebnismaterial literarisch formende Leistung des Autors verkennen. Dieses Missverständnis ist so alt wie die Literatur selbst. Aber es ist nicht einzusehen, weshalb es der Literatur zur Last gelegt wird. „Wer eine Geschichte ‚wahr‘ nennt“, schrieb Vladimir Nabokov, „beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich.“</p>
<p>Doch vor Gericht finden Überlegungen wie diese wenig Gehör. Nicht zuletzt weil die Richter traditionell darauf verzichten, Gutachten von Kunst- oder Literatursachverständigen einzuholen.</p>
<p>An Verbotsverfahren war in letzter Zeit kein Mangel. So erlitt im Windschatten des Prozesses gegen „Esra“ der Roman „Meere“ von Alban Nikolai Herbst zunächst ein betrübliches Schicksal. Nach Bekanntwerden der ersten Urteile gegen „Esra“ glaubte eine ehemalige Freundin von Herbst sich in einer seiner Romanheldinnen wiederzuerkennen und bemühte das Berliner Landgericht. Auch sie wurde, wie die Klägerinnen gegen „Esra“, vom Autor im umstrittenen Buch nicht namentlich genannt, auch sie war keine landesweit bekannte Person, die sich als Figur für einen Schlüsselroman eignete. Doch hielt das den urteilenden Richter nicht davon ab, das Buch zu verbieten. Erst eine spätere Versöhnung zwischen Klägerin und Autor sorgte dafür, dass der Roman in überarbeiteter Form wieder erscheinen konnte.</p>
<p>Bemerkenswert ist das Los des Kriminalromans „Das Ende des Kanzlers“ von Reinhard Liebermann. Das Buch beschreibt einen Ladenbesitzer, der die Unfähigkeit deutscher Politiker für den Niedergang seines Geschäfts verantwortlich macht und deshalb ein Attentat auf den Bundeskanzler plant. Es erschien im April 2004, Gerhard Schröder nahm Anstoß und das Hamburger Oberlandesgericht zog es aus dem Verkehr. Tatsächlich wird ein Kanzler namens Schröder im Roman erwähnt, aber nicht als Anschlagsopfer, sondern als dessen Amtsvorgänger. Geholfen hat das dem Buch nicht. Was für ein verheerendes öffentliches Signal es ist, wenn selbst der Regierungschef juristisch gegen Literatur vorgeht, liegt auf der Hand.</p>
<p>Jüngst erst klagte ein ehemaliger SS-Offizier gegen die Autobiografie „Ein ganz gewöhnliches Leben“ von Lisl Urban, da er darin unter anderem seine Laufbahn im Zweiten Weltkrieg falsch beschrieben sah. Als sich herausstellte, dass sein Name auf der Liste der Offiziere jenes berüchtigten Polizeibataillons 101 geführt wird, dem Historiker die Ermordung von über 40.000 Menschen in Polen zur Last legen, schmolz vor dem Leipziger Landgericht die Zahl der beanstandeten Passagen schnell zusammen. Ob das Buch damit gerettet ist, steht dahin.</p>
<p>Kleine Verlage haben häufig nicht das Geld, ihren Kampf um beklagte Bücher bis vor höchste Richtertische zu tragen. Wenn Kläger auf dem Instanzenweg einen langen Atem zeigen, können sie mitunter selbst dubiose Einsprüche durchsetzen. Die zügig wachsende Bereitschaft, die Kunstfreiheit zugunsten des Persönlichkeitsschutzes einzuschränken, trifft aber nicht nur die Literatur, sondern auch das Theater. Im Oktober 2006 ging Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl gegen die Uraufführung des Stückes „Ulrike Maria Stuart“ der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek vor und konnte Änderungen der Inszenierung durchsetzen.</p>
<p>Besonders bizarr ist ein Fall aus der Kinobranche. 2006 untersagte das Oberlandesgericht Frankfurt die Aufführung des Filmes „Der Kannibale von Rohtenburg“, da es der Mörder Armin Meiwes nicht hinnehmen müsse, dass auf der Leinwand ein Leben und Verbrechen gezeigt werde, das seinem Leben und Verbrechen weitgehend gleiche. Reportagen über den Prozess, die – im Gegensatz zum Film – Meiwes’ Namen nannten, blieben dagegen unbeanstandet. Die besondere Freiheit der Kunst verwandelt sich hier zur besonderen Unfreiheit: Tatsachenberichte sind erlaubt, der Rückgriff auf den gleichen Stoff mit künstlerischer Absicht dagegen ist verboten.</p>
<p>Wie seltsam sich die Fronten bei solchen Prozessen verschieben können, zeigte auch der juristische Konflikt um den Fernsehfilm „Contergan“. Die ehemaligen Gegenspieler in der Contergan-Affäre, die Pharmafirma Grünenthal und der Opferanwalt Karl Hermann Schulte-Hillen gingen beide gegen die Ausstrahlung des Zweiteilers vor, da er aus ihrer Sicht nicht in allen Punkten den historischen Tatsachen entsprach. Doch das hatte letztlich wohl nur eine Dokumentation gekonnt, nicht ein Spielfilm.</p>
<p>Es wäre naiv anzunehmen, dass allen, die sich an solchen Fällen beteiligen, allein der Schutz hehrer Persönlichkeitsrechte am Herzen liegt. Durch die zunehmende Verrechtlichung künstlerischer Arbeit werden zugleich lukrative Geschäftsfelder für entsprechend spezialisierte Juristen erschlossen. So reisten 2006 zwei Rechtsanwälte – einer davon aus München – in das rumänische Dorf Glod, in dem der Schauspieler Sacha Baron Cohen Teile seiner Filmsatire „Borat“ gedreht hatte. Sie einigten sich mit Dorfbewohnern, die als Statisten an Dreharbeiten beteiligt waren, darauf, dass deren Persönlichkeitsrechte durch ihre Rollen im Film verletzt worden seien. Die Anwälte reichten daraufhin gegen die Produktionsfirma eine Schadenersatzforderung von 30 Millionen Dollar ein.</p>
<p>50.000 Euro Schmerzensgeld hat das Landgericht München in erster Instanz der Ex-Geliebten des Dichters Maxim Biller zugesprochen. (In zweiter Instanz wurde das Urteil kassiert.)</p>
<p>Woher diese rapide wachsende Klageflut? Kann es sein, dass die moderne Allgegenwart der Medien hier eine paradoxe Wirkung entfaltet? Dass wir im Umgang mit ihnen nicht gewiefter geworden sind, sondern dümmer, und es verlernt haben, zwischen nüchterner Berichterstattung und den vertrackten Maskenspielen der Künste zu unterscheiden? Dass wir selbst da um die Authentizität unseres Abbildes fürchten, wo wir gar nicht gemeint sind?</p>
<p>Doch mit der Kunstfreiheit ist nicht nur die Freiheit der Künstler in Gefahr, sondern auch die des Publikums. Was nicht gedruckt, aufgeführt oder gezeigt werden kann, kann auch nicht gelesen oder angeschaut werden.</p>
<p>Umso verwunderlicher, wie wenig Beachtung das Verfahren gegen „Esra“ lange Zeit fand. Erst nach dem Verbot durch den Bundesgerichtshof schlugen einige Autoren und Schriftstellerorganisationen halblaut Alarm. Dabei ist die Freiheit der Kunst keine ein für allemal errungene Selbstverständlichkeit. Sie kann Stück für Stück verloren gehen. Sie braucht, wie die zunehmende Zahl der Verfahren zeigt, energische Verteidiger. Sie braucht Fürsprecher, die sie gegen simplifizierende Betrachtung (auch durch Gerichte) in Schutz nehmen.</p>
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		<title>Buch &amp; Bar (29): Ian McEwan &#8220;Abbitte&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Sep 2015 15:46:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buch & Bar]]></category>
		<category><![CDATA[Ian McEwan]]></category>
		<category><![CDATA[Vladimir Nabokov]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Wahrheit und nichts als die frei erfundene Wahrheit Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH &#38; BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1333">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Die Wahrheit und nichts als die frei erfundene Wahrheit</strong></h1>
<h2><strong>Klar, Essen ist auch wichtig. Aber in dieser Kurz-Kolume BUCH &amp; BAR geht es nur um Lesen und Trinken. Warum? Weil beides, in richtiger Qualität und Dosierung, einen kostbaren Fingerbreit über die klägliche Wirklichkeit hinausheben kann.</strong></h2>
<h2><strong>Heute: Überstrikt unauthentisches Lesen und Trinken</strong></h2>
<p>Übrigens: Literatur ist nie authentisch. Die heute so verbreitete Vorliebe für das angeblich Authentische ist immer ein wenig seltsam, doch in literarischen Fragen ist sie nicht nur seltsam, sondern eine handfeste Dummheit. Denn wirklich wichtig ist nicht, ob ein Autor etwas erlebt oder erfunden, sondern wie er es auf’s Papier gebracht hat. Von Vladimir Nabokov stammt die schöne Feststellung: &#8220;Wer eine Geschichte &#8216;wahr&#8217; nennt, beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich.&#8221;</p>
<div id="attachment_1334" class="wp-caption alignright" style="width: 193px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/09/40840649z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1334" title="40840649z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/09/40840649z-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Ian McEwan: &quot;Abbitte&quot;. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, Zürch 2015. 12 Euro</p></div>
<p>Zu den schönsten, klügsten, raffiniertesten Romanen der letzten 20 Jahre zählt für mich <strong>„Abbitte“</strong> von <strong>Ian McEwan</strong> &#8211; jetzt als schickes, kleines Leinenbändchen erschienen (Diogenes, 12 €). Nichts daran ist authentisch: nicht die wunderbare Liebe, von der erzählt wird, nicht das Verbrechen, das geschieht und erst recht nicht die herzbrechenden Tode, die gestorben werden. Die ganze Geschichte ist ein Meisterwerk literarischer Imagination – und ironischerweise zugleich eine Warnung vor den Gefahren allzu ungezügelter Imagination. Lesen Sie dieses Buch! Es wird Sie umhauen.</p>
<p>Im Roman serviert ein mieser Kerl miese Cocktails mit Schokolade. Aus Begeisterung über das Buch hat eine Bloggerin namens Kate (thelittlelibrarycafe.com) das Rezept nicht authentisch umgesetzt, sondern verfeinert und etwas Tolles draus gemacht: Dunkle Schokolade unter leichter Hitze schmelzen lassen mit dunklem Rum verrühren, mit 2 TL Ingwer-Sirup, etwas Zimt und ein wenig Muskatnuss mischen, ins Glas geben und warm trinken. Sie hat den Drink nach dem englischen Orginaltitel des Romans <strong>„Atonement“</strong> getauft.</p>
<address><em>Die Kolumne erschien im Focus vom 18. Juli 2015. </em></address>
<address><em> 2014 startete meine Kurz-Kolumne Buch &amp; Bar im Focus. Sie ist schon deshalb unverzichtbar, weil sie dem weltbewegenden Zusammenhang zwischen Lieblingsbegleiter BUCH und Lieblingsaufenthaltsort BAR nachgeht, zwischen Geschriebenem und Getrunkenem, zwischen der Beschwingtheit, in die manche Dichter ebenso wie manche Drinks versetzen können. Also haargenau das,  worauf jeder überzeugte Büchersäufer immer schon gewartet hat – weshalb ich die Kolumnen hier gern frisch auf die Theke meines Blogs serviere.</em></address>
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		<title>Schrecken und Schauder der literarischen Grenzüberschreitung</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Mar 2012 10:05:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Bret Easton Ellis]]></category>
		<category><![CDATA[Charlotte Roche]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Kracht]]></category>
		<category><![CDATA[Christine Angot]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Lolita-Effekt Welche Chancen haben Sex-Romane heute noch, Skandal zu machen? Das ist keine komplett nebensächliche Frage, denn Skandale sind ein beliebtes Mittel zur Auflagensteigerung. Wie so etwas mit politischen Unterstellungen funktionieren kann, hat jetzt die Affäre um Christian Krachts &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=57">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Der Lolita-Effekt</strong></h2>
<h3><strong>Welche Chancen haben Sex-Romane heute noch, Skandal zu machen? Das ist keine komplett nebensächliche Frage, denn Skandale sind ein beliebtes Mittel zur Auflagensteigerung. Wie so etwas mit politischen Unterstellungen funktionieren kann, hat jetzt die Affäre um Christian Krachts <em>Imperium </em>gezeigt. Aber geht das auch noch in Sachen Pornographie?</strong></h3>
<p>Die Heldin des Romans ist 16. Sie ist nachts in der Berliner Club-Szene unterwegs. Zwischendurch wird sie im Taxi vom Fahrer „drei Runden lang“ vergewaltigt. Prompt hat sie „starke multiple Orgasmen“. Danach plaudert sie mit dem Täter bei einer postkoitale Zigarette. So zumindest stellt sich Helene Hegemann das vor, die Autorin des Erfolgsromans <em>Axolotl Roadkill</em>“. Vergewaltiger dürften das Buch geliebt haben. Stickt es doch fort an der Legende, heimlich genössen es die Frauen, zum Sex gezwungen zu werden. Doch Skandal machte das Buch bezeichnenderweise nicht wegen der Kopulations-Szenen, sondern weil Passagen darin unter Plagiatsverdacht stehen.</p>
<p>Nicht durch Vergewaltigung, sondern auf anderm Weg erklimmt die Hauptfigur aus Charlotte Roches Bestseller <em>Feuchtgebiete</em> den Gipfel der Gefühle. Seit sie 15 ist betreibt sie „sehr erfolgreich Analverkehr“. Erfolgreich? „Sehr erfolgreich heißt für mich: kommen obwohl der Schwanz nur in meinem Arsch steckt und sonst nix berührt wird. Ja, da bin ich stolz drauf.“</p>
<p>Gleich in der ersten Szene von Helen Walshs <em>Millie</em> widmet sich die Titelheldin einer minderjährigen Prostituierten auf dem Friedhof. Millie ist 19, säuft, kifft, kokst und liebt harten lesbischem Sex. „Als ich meinen Mund in ihre Fotze tunke und mir der Geruch von Gummi ins Gesicht schlägt, finde ich in meine Rolle zurück. Gewissenlos. Als Freier. Ich drücke meine steife Zunge fest auf ihre Klitoris und massiere sie mit kurzen, entschlossenen Zungenschlägen, bis Leben in sie kommt.“</p>
<p><strong>Gehen uns allmählich die Tabuzonen aus?</strong></p>
<p>Die Geschichte der erotischen Literatur ist eine Geschichte des permanenten Tabu-Bruchs. Nichts für zarte Gemüter. Die Autoren wollen den Skandal – als Akt der Befreiung und als auflagensteigernde Gratiswerbung. Doch heutzutage drohen uns die Tabus auszugehen. Das Strafgesetzbuch ist gründlich liberalisiert und toleriert fast jede Spielart geschlechtlicher Betätigung. Dazu spült das Internet jedem, der es möchte, Pornographie in allen denkbaren Varianten auf den Bildschirm. Schrecken und Schauder der Grenzüberschreitung werden so immer seltener. Bleibt die Pädophilie als eine der letzten, juristisch zurecht streng befestigten und also eklatversprechenden Sperrzonen.</p>
<p>Folglich sollte es niemand wundern, wenn in den einschlägigen Skandalromanen der letzten Jahre Sex mit Minderjährigen oft und gern eine Hauptrolle zugeteilt wird. Hier kann noch mit absatzsteigernder Empörung gerechnet werden. Hegemann, Roche, Walsh sind beileibe keine Einzelfälle. In <em>Inzest</em> erzählt Christine Angot von der erotischen Beziehung zu ihren Vater. Bret Easton Ellis stürzt den Helden seines Romans <em>Imperial Bedrooms</em> gegen Ende in eine Orgie mit einem jugendlichen Prostituierten-Pärchen. Und Nicolas Jones-Gorlin brachte mit <em>Rose bonbon</em>, den fiktiven Bekenntnissen eines Pädophilen, den französischen Kinderschutzbund so sehr gegen sich auf, dass seiner Roman im Buchhandel nur noch in Folie eingeschweißt angeboten werden durfte.</p>
<p>Auch im letzten Jahr erschienen zwei Romane, die auf ähnlichen Pfaden wandeln: Jamuna Devis Debütroman <em>Jamuna</em> erzählt von einer sechzehnjährigen Berlinerin mit orientalischen Wurzeln, die bei einem Escort-Service anheuert. Und in <em>Tiger Tiger</em> schreibt sich die Amerikanerin Margaux Fragoso ihr Schicksal von der Seele: Als Siebenjährige lernte sie einen Mann von gut fünfzig Jahren kennen, der bald darauf und auf Jahre hinaus ihr Liebhaber wurde.</p>
<p><strong>Wenn Weltliteratur Skandal macht: <em>Lolita </em></strong></p>
<p>Die Literatur hat der fatalen Leidenschaft für elfenhaft junge Mädchen ihr Kennwort geliefert: <em>Lolita</em> von Vladimir Nabokov erschien 1955 in einem Pariser Kleinverlag, nachdem sich im puritanischen Amerika kein Verleger fand, der den Roman herauszubringen wollte. Sein Held Humbert Humbert ist 37 und der zwölfjährigen Dolores, Kosename: Lolita, verfallen. Um ihr nahe zu sein, heiratet er deren Mutter. Als die bei einem Unfall stirbt, macht er das nun schutzlose Mädchen zu seiner Geliebten.</p>
<p>Der Roman wurde ein weltweiter Skandal und ein weltweiter Erfolg. Im Gegensatz zu den vielen Büchern, die sich so sensationslüstern wie grobschlächtig über das finstere Thema Pädophilie hermachen, näherte sich ihm Nabokov mit hellster literarischer Intelligenz und sprachlicher Artistik. Heute zählt <em>Lolita</em> unumstritten zu den größten Romanen des 20. Jahrhunderts. Er erzählt nicht nur von Humbert Humberts Besessenheit, sondern mindestens ebenso sehr von deren ruinösen Folgen für Opfer und Täter: Beider Leben ist am Ende zerstört.</p>
<p>Doch ging es Nabokov nicht darum, seinen Lesern Moral zu predigen, sondern der Wirkungsweise unseres Begehrens an einem Extrembeispiel auf die Spur zu kommen: Denn natürlich ist Lolita gar nicht die verzaubernde „Nymphe“, die Humbert Humbert in ihr sieht. Er verklärt sie, wie so viele den geliebten Menschen verklären. Genau das ist aber in seinem Fall ein Verbrechen: Er gibt dem Kind, dem Mädchen Dolores, nie eine Chance sie selbst zu sein, sondern macht sie zu verführerischen Lolita, zur Projektionsfläche seiner Leidenschaften.</p>
<p>Dieser dämonische Mechanismus der Liebe wurde nie genauer dargestellt als in diesem Buch. Schon deshalb ist <em>Lolita</em> zu Recht zu einer weltweit geläufigen Chiffre geworden. Doch richtig verstanden steht sie nicht für die Verführungskraft junger Mädchen, sondern für die Grausamkeit, im geliebten Menschen nicht den zu sehen, der er ist, sondern den, nachdem es einen verlangt. Von solcher psychologischer Hellsicht und Darstellungskraft können die Skandalromane unserer Tage, die vom Lolita-Effekt zu zehren versuchen, nur träumen.</p>
<p><a id="zoomlink"><img id="cover_image" src="http://bilder.buecher.de/produkte/32/32707/32707337n.jpg" alt="Lolita - Nabokov, Vladimir" /></a><a id="zoomlink"><img id="cover_image" src="http://bilder.buecher.de/produkte/33/33442/33442975n.jpg" alt="Lolita. Film Tie-In - Nabokov, Vladimir" /></a><a id="zoomlink"><img id="cover_image" src="http://bilder.buecher.de/produkte/07/07620/07620782n.jpg" alt="Lolita - Nabokov, Vladimir" /></a><a id="zoomlink"><img id="cover_image" src="http://bilder.buecher.de/produkte/26/26524/26524133n.jpg" alt="Lolita - Nabokov, Vladimir" /></a><a id="zoomlink"><img id="cover_image" src="http://bilder.buecher.de/produkte/34/34505/34505666n.jpg" alt="Lolita - Nabokov, Vladimir" /></a><a id="zoomlink"><img id="cover_image" src="http://bilder.buecher.de/produkte/28/28084/28084630n.jpg" alt="Lolita - Nabokov, Vladimir" /></a><a id="zoomlink"><img id="cover_image" src="http://bilder.buecher.de/produkte/20/20811/20811314n.jpg" alt="Lolita, English edition - Nabokov, Vladimir" /></a><a id="zoomlink"><img id="cover_image" src="http://bilder.buecher.de/produkte/21/21288/21288108n.jpg" alt="Lolita - Nabokov, Vladimir" /></a></p>
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