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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Philip Larkin</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Sarah Stricker &#8220;Fünf Kopeken&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Jan 2014 17:19:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Leo Tolstoi]]></category>
		<category><![CDATA[Mara Cassens]]></category>
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		<description><![CDATA[Nur das Beste über Mara Cassens und Sarah Stricker Diese Auszeichnung ist schon ziemlich einmalig: 1970 wurde von Mara Cassens der nach ihr benannte &#8220;Preis für einen ersten Roman&#8221; gestiftet. Inzwischen ist er mit 15.000 Euro dotiert und damit einer &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=839">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Nur das Beste über Mara Cassens und Sarah Stricker</strong></h2>
<h3><strong>Diese Auszeichnung ist schon ziemlich einmalig: 1970 wurde von Mara Cassens der nach ihr benannte &#8220;Preis für einen ersten Roman&#8221; gestiftet. Inzwischen ist er mit 15.000 Euro dotiert und damit einer der einträglichsten für Debütanten. Von Christoph Hein bis Lukas Bärfuss haben ihn einige inzwischen sehr namhafte Autoren bekommen und konnten &#8211; durch diese private Förderung &#8211; ihre Arbeit mit etwas geringeren finanziellen Sorgen fortsetzen. Bemerkenswert auch, dass der Preis nicht durch Profis aus dem Literaturbetrieb vergeben wird, sondern durch eine ehrenamtliche Leserjury, die sich aus 15 Mitgliedern des Hamburger Literaturhauses zusammensetzt. Ich wurde gebeten, die Laudatio auf die diesjährige Preisträgerin Sarah Stricker zu halten, was ich gern getan habe, weil ich ihren Roman <em>Fünf Kopeken</em> schon im Herbst mit Vergnügen gelesen hatte. Gestern, am 9. Januar, wurde die Auszeichnung im Hamburger Literaturhaus vergeben, hier meine Laudatio:</strong></h3>
<h2><strong>Die komische Tragödie des Hauses &#8220;Mode-Schneider&#8221;</strong></h2>
<h3><strong>Lob für einen starken Familien-, Liebes- und Berlinroman samt kleiner Schlenker hin zu Leo Tolstoi und Philip Larkin</strong></h3>
<p>Einer der berühmtesten Romane der Weltliteratur, <em>Anna Karenina</em>, beginnt mit dem Satz: „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche ist auf ihre Art unglücklich.“</p>
<p>Ich bewundere, mehr noch: ich verehre den Romancier Leo Tolstoi, seine Werke sind ein literarischer Maßstab, aber für diesen Anfangssatz von <em>Anna Karenina</em> verehre ich ihn nicht. Denn ich halte ihn für falsch oder zumindest für reichlich unklar. Zunächst einmal ist es schwer, als Außenstehender zu beurteilen, ob eine Familie zu den glücklichen oder zu den unglücklichen gehört, oder zu jenen, deren Befindlichkeit irgendwo in der himmelweiten Spanne zwischen Glück und Unglück beheimatet ist. Ein Zwischenzustand, der mir weit verbreitet erscheint, der aber in Tolstois apodiktischem Satz gar nicht vorkommt.</p>
<p>Zum anderen glaube ich bei Familien, die ich als glücklich bezeichnen würde, erhebliche Konstruktionsunterschiede feststellen zu können: Mal sind sie aus einer ersten, mal aus einer zweiten Ehe entstanden und manchmal haben sie mit Ehe absolut nichts im Sinn. Mal begegnen sich die Partner auf Augenhöhe, mal scheint zwischen ihnen ein gewisses Machtgefälle zu existieren. Mal haben sie viele Kinder, mal nur eins. Kurz: Diese glücklichen Familien sind sich untereinander nicht sehr ähnlich. Im Gegensatz dazu sind Ursachen für familiäres Unglück keineswegs immer so individuell, wie Tolstois Satz es behauptet. Nein, unter bestimmten gesellschaftlichen Umständen und in bestimmten Zeitphasen scheint es mitunter recht weit verbreitete Unglücksverhältnisse zu geben.</p>
<div id="attachment_844" class="wp-caption alignleft" style="width: 196px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/38034654z1.jpg"><img class="size-medium wp-image-844" title="38034654z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/38034654z1-186x300.jpg" alt="" width="186" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Sarah Stricker: &quot;Fünf Kopeken&quot;. Roman. Eichborn Verlag, Köln 2013. 19,99 Euro</p></div>
<p>Von einem solchen charakteristischen Unglücksverhältnis erzählt Sarah Stricker in ihrem Roman <em>Fünf Kopeken</em>, den wir heute feiern. Die Grundstruktur ihrer drei Generationen überspannende Familiengeschichte klingt zumal in Deutschland vertraut. Der Großvater war einst Soldat in Hitlers Armee, dann Kriegsgefangener. Bei seiner Heimkehr fand er ein moralisch abgewirtschaftetes, materiell zerstörtes Land vor. Ideale Voraussetzungen für den Heimkehrer, um mit der verinnerlichten soldatischen Disziplin und Organisationskraft nach dem militärischen Misserfolg nun den geschäftlichen Erfolg zu suchen. Der Großvater gehört, formelhaft gesagt, zur Wirtschaftswunder-Generation, sein Leben wird zu einem pausenlosen Gefecht um den ökonomischen Nutzen. Zweifel oder Zögern kennt er nicht, sondern nur den ewigen Imperativ des finanziellen Höher-Schneller-Weiter. „Er ging nicht“, schreibt Sarah Stricker über ihn, „er rannte. Er fuhr nicht, er raste. Er überlegte nicht, er wusste. Vor allem: es besser.“</p>
<p>Und seine Frau, die Großmutter dieser Romanfamilie, hat den Krieg als jugendliches Opfer des Bombenkriegs erlebt. Alles was eben noch verlässlich erschien, alles was ihrem Leben Form und Halt gegeben hatte, sah sie über Nacht in Rauch aufgehen: Ihre Familie, ihre Stadt, ja ihr ganzes Land mitsamt seiner staatlichen Ordnung. Es gab für sie, musste sie lernen, nichts, mit dem sie rechnen, nichts auf das sie bauen konnte. Also wurde, wie Sarah Stricker schreibt, die Angst „die erste und einzige wahre Liebe meiner Großmutter &#8230; Alles was danach kam, waren nur Variationen.“</p>
<p>Das ist zweifellos eine unheilvolle Ausgangslage. Doch zu den vertrackten Eigenschaften der Menschennatur gehört, wie gut sie sich einzurichten versteht, selbst wenn alles in Trümmern liegt. Hätte Sarah Stricker es sich literarisch leicht gemacht, hätte sie das weitere Leben dieses vom Krieg geprägten Paares als eine Art permanenten emotionalen Lazarettaufenthalt beschrieben. Aber sie beweist ihre Qualitäten als Erzählerin nicht zuletzt, indem sie zeigt, dass die beiden ihr Leben nicht als Ausnahmezustand, sondern als ihre spezifische Normalität empfinden – und folglich überhaupt keine Hemmungen haben, ihre Werte, Vorstellungen und Ziele, die sie für ebenso normal halten, an ihre Tochter weiterzugeben.</p>
<p>Ihnen fehlt vor allem die Fähigkeit zur Freude, zum Genuss, zum sinnfreien Wohlgefühl. Was vielleicht kein Wunder ist nach dem totalen Zusammenbruch, den sie erlebten. Denn zur echten Hingabe an die Lebenslust gehört wohl auch eine Bereitschaft zum vorübergehenden Kontrollverlust. Aber wer sich einmal so gründlich wie sie dem unkontrollierbaren Chaos eines Kriegs ausgeliefert sah, dem ist der Spaß daran, die Zügel auch nur zeitweise aus der Hand zu legen, möglicherweise für immer vergangen.</p>
<div id="attachment_845" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Sarah-Stricker_Copyright-Olivier-Favre1.jpg"><img class="size-medium wp-image-845" title="Sarah Stricker_Copyright Olivier Favre" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/Sarah-Stricker_Copyright-Olivier-Favre1-300x212.jpg" alt="" width="300" height="212" /></a><p class="wp-caption-text">Sarah Stricker, geboren 1980 in Speyer, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und lebt seit 2009 in Tel Aviv. Copyright für das Foto: Oliver Favre</p></div>
<p>Wenn es unter diesen Umständen auch ihre Tochter nicht leicht hat mit der Lust, muss das niemanden überraschen. Von Kindesbeinen an wird von den Eltern ihr Verstand gefeiert und gefördert, ihre Leistungsfähigkeit bejubelt, ihre Hingabe an die Ziele der Familie verherrlicht. Aber alles andere, ihr Körper, ihre Gefühle, ihre Wünsche werden nicht weiter beachtet und sind schließlich auch ihr selbst fremder als das fernste Ausland. Sie erlebt das klassische Drama des begabten Kindes, das Anerkennung nur dann erhält, wenn es die Bedürfnisse seiner Eltern erfüllt, nie aber eine Chance hat, die eigenen Bedürfnisse zu entdecken.</p>
<p>Wodurch nicht zuletzt ihr Liebesleben zum Desaster wird. Denn als sie Arno kennenlernt, einem Mann, der nichts von ihr fordert, sondern ihr seine Zuneigung bedingungslos entgegenbringt, ist sie überrascht, irritiert, ja sogar abgestoßen und kann in ihm nur einen Schwächling sehen. Wogegen sie ihrem Nachbarn Alex sofort verfällt, denn der nimmt sich von ihr rücksichtslos nur das, was er haben will und kümmert sich ansonsten nicht um sie. Damit kommt sie gut zurecht, bei ihm fühlt sie sich sofort Zuhause, denn dieses Verhalten ist sie von Kindesbeinen an gewohnt.</p>
<p>Sarah Stricker hat aus dem, was man im Jargon der Psychologen eine dysfunktionale Familie nennen würde, nicht nur ein temperamentvolles Familienspektakel gemacht, sondern auch eine tieftraurige Liebesgeschichte über ein Mädchen, das Liebe nicht erträgt und einen hinreißendes Porträt der wilden Stadt Berlin um die Jahrtausendwende. Ihr Buch ist ein fabelhaftes Beispiel dafür, dass ein Roman über triste Lebensverhältnisse keineswegs ein trister Roman sein muss, sondern vom Autor auf rasante und rhetorisch pointierte Weise mit gelegentlich sogar komödiantischen Zügen erzählt werden kann.</p>
<p>In den sechziger Jahren produzierte der Hessische Rundfunk eine herrliche Fernsehserie, „Die Firma Hesselbach“, die bis heute bei Kennern einigen Ruhm genießt. Die Firma Mode-Schneider, die von Sarah Strickers Romangroßvater gegründet und schließlich von der Pfalz nach Berlin umgesiedelt wird, hat gelegentlich Hesselbachsche Züge. Wenn Tante Gundl bei dieser Übersiedlung buchstäblich auf der Strecke bleibt, ist das von haarsträubender Komik und Tragik zugleich. Man kann nur bewundern, mit welcher Sicherheit es Sarah Stricker gelingt, Elemente des Volkstheaters mit präziser psychologischer Analyse und einem kritischen Blick auf deutsche Realitäten und Mentalitäten zur Zeit der Wiedervereinigung zu verbinden. Es ist ihre Sprache, die ihrer Familiengeschichte alle idyllischen, aber auch alle in Schwermut schwelgenden Töne austreibt. Sie erzählt mit Intelligenz und Witz und Verve und mit einem gnadenlosen Biss, mit dem es in meinen Augen in erzähltechnischer Hinsicht eine besondere Bewandtnis hat.</p>
<p>Doch bevor ich auf diesen Punkt eingehe, möchte ich noch ein kleine literarische Reminiszenz einflechten. Denn nicht nur durch den Inhalt von Sarah Strickers Roman, sondern mindestens ebenso so durch seinen Tonfall fühlte ich mich beim Lesen immer wieder an das Gedicht <em>This Be The Verse</em> des großen britischen Lyrikers Philip Larkin erinnert. Es ist gerade zwölf Zeilen lang und hat eine unvergessliche Anfangszeile:</p>
<p>They fuck you up, your mum and dad.<br />
They may not mean to, but they do.<br />
They fill you with the fault they had<br />
And add some extra, just for you.</p>
<p>But they were fucked up in their turn<br />
By fools in old-style hats and coats,<br />
Who half the time were soppy-stern<br />
And half at one another’s throats.</p>
<p>Man hands on misery to man.<br />
It deepens like a coastel shelf.<br />
Get out as early as you can,<br />
And don’t have any kids yourself.</p>
<div id="attachment_846" class="wp-caption alignright" style="width: 133px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/34933584n.jpg"><img class="size-full wp-image-846" title="34933584n" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/01/34933584n.jpg" alt="" width="123" height="187" /></a><p class="wp-caption-text">Philip Larkin: &quot;The Complete Poems&quot;. Herausgegeben von Archie Burnett. Farrar, Strauss &amp; Giroux. 27, 95 Euro</p></div>
<p>Larkins Anfangszeile ist bis heute wunderbar provokativ und sie muss in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als Larkin sein Gedicht schrieb, noch ein wenig provokativer gewirkt haben also heute, weil er den Mut hatte, eine dem Alltagsslang entlehnte, betont vulgäre Phrase wie „fuck up“ in die noblen Sphären des lyrischen Sprechens und der dichterischen Lebensweisheiten einzuführen.</p>
<p>Auch Sarah Strickers Roman hat einen provokativen Auftakt. Ich habe keine Rezension gelesen, in der die ersten zwei Sätze des Buches nicht zitiert worden wären. Die wollte sich kein Rezensent entgehen lassen. Sie lauten: „Meine Mutter war sehr hässlich. Etwas anderes hätte mein Großvater ihr nie erlaubt.“ Zwei großartige Sätze, und zwar nicht nur weil sie bei Leser von Beginn an jede Schläfrigkeit verscheuchen, da sie offenbar, wie Sarah Stricker in einem Interview sagt, an ein Tabu rühren, nämlich das Tabu, die eigene Mutter öffentlich nicht allzu ruppigen ästhetischen Urteilen zu unterwerfen.</p>
<p>Literarisch großartig ist dieser Auftakt auch, weil hier mit nur zwei Sätzen gleich drei Hauptfiguren des Romans in wesentlichen Punkten gekennzeichnet werden. Im Grunde hat der Leser mit diesen beiden Sätzen das Familiendrama des Romans bereits vor Augen: Nämlich eine Frau, die offenkundig wenig Glück hat im Leben; dazu ihren Vater, der, ohne großes Interesse am Wohlergehen seiner Tochter, unerbittlich Macht über sie ausübt. Und schließlich lassen die zwei Sätze Rückschlüsse zu über jenes Mädchen, von dem die Sätze stammen, Rückschlüsse über die Enkelin des genannten Großvaters: Sie nämlich, so teilt uns schon der Ton der Sätze mit, nimmt für sich in Anspruch, das Familiendrama genau durchschauen und ungeschminkt darüber Auskunft geben zu können.</p>
<p>Wir erfahren im Roman nicht viel über diese Enkelin: Sie ist die Tochter von Arno, jenem demütig liebenden Mann, den ihre Mutter als Schwächling verachtet, sie wurde nach der deutschen Wiedervereinigung geboren und sie ist inzwischen alt genug, ihre ersten beruflichen Schritte als Journalisten zu tun. Ansonsten verrät uns diese Erzählerin kaum etwas über sich. Wir hören von ihr nur, mit welcher Gnadenlosigkeit sie die Fehler der anderen aufspießt, ihre Schwächen offenlegt und über deren lebenslange Unbelehrbarkeit den Kopf schüttelt.</p>
<p>Eine wirklich sympathische Figur ist diese Erzählerin nicht, und ich halte das für einen literarisch höchst gewitzten und geschickten Kunstgriff Sarah Strickers. Denn mit der Bissigkeit ihrer Urteile über Mutter und Großvater, mit ihrer entschiedenen Überzeugung, die Familienmitglieder durchschauen zu können, mit eben dieser Haltung erweist sie sich als perfekte Enkelin ihres Großvaters. Denn so wie sie es ihm nachsagt, kennt sie kein Zweifeln und kein Zögern, so wie er weiß sie nicht nur alles, sondern „vor allem: es besser“.</p>
<p>Eine Pointe dieses Romans über eine unglückliche Familienkonstellation ist also, dass dieses Unglück keineswegs nach zwei Generationen sein Ende findet. „Man hands on misery to man“, sagt Philip Larkin.  Auch in der dritten Generation pflanzt es sich fort. Doch diese allmählich milder werdende Stufe des Familienunglücks nicht in der Romanhandlung zur Sprache zu bringen, sondern in der Romansprache deutlich zu machen, also nicht durch das was erzählt wird, sondern dadurch wie erzählt wird, ist eine glänzende literarische Leistung. Ich gratuliere der Jury des Mara-Cassens-Preises zu ihrer Entscheidung, Sarah Stricker diese Auszeichnung zuzusprechen und möchte Sarah Stricker zu dem Preis, aber vor allem zu ihrem beeindruckenden Debüt beglückwünschen.</p>
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		<title>Philip Larkin: 90. Geburtstag</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Aug 2012 09:58:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
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		<category><![CDATA[David Lodge]]></category>
		<category><![CDATA[Dietrich Schwanitz]]></category>
		<category><![CDATA[Ezra Pound]]></category>
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		<description><![CDATA[Plädoyer für das literarische „Pleasure Principle“ Heute vor 90 Jahre wurde Philip Larkin (1922-1985) geboren. Er war ein großartiger Lyriker, der nur wenige Gedichte veröffentlichte, gleichwohl aber als einer der bedeutendsten englischen Dichter des 20. Jahrhunderts gilt. Gemeinsam mit seinem &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=622">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Plädoyer für das literarische „Pleasure Principle“<br />
</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute vor 90 Jahre wurde Philip Larkin (1922-1985) geboren. Er war ein  großartiger Lyriker, der nur wenige Gedichte veröffentlichte, gleichwohl aber als einer der bedeutendsten englischen Dichter des 20. Jahrhunderts gilt. Gemeinsam mit  seinem Freund, dem Erzähler Kingsley Amis, den hierzulande viele nur als Vater des Romanciers Martin Amis kennen, ebnete er der englischen Literatur wichtige neue Wege. Deshalb hier eine Erinnerung  an Philip Larkin, an Kingsley Amis und an die nach wie vor erstaunliche breite Kluft zwischen englischer und  deutscher Literatur</strong></h3>
<p>Oxford 1941: Zwei Studenten, beide 19 Jahre alt, begegnen sich zum   ersten Mal. Nach einem mit dem Zeigefinger der rechten Hand angedeuteten   Pistolenschuss greift sich der eine ohne Zögern an die Brust, verzerrt   das Gesicht in Todesqualen, bricht zusammen, springt dann wieder auf  und  imitiert seinerseits Schussgeräusche, mal mit, mal ohne  Querschläger.  Der andere ist tief beeindruckt: „Zum ersten Mal hatte  ich das Gefühl,  mich in Gegenwart eines Talents zu befinden, das größer  war als das  meine.“</p>
<p>Eine etwas alberne Anekdote, zugegeben, aber sie gewinnt ihren Reiz   durch die Tatsache, dass aus den beiden bald eng befreundeten Studenten   zwei der vielleicht einflussreichsten Schriftsteller der englischen   Nachkriegsliteratur wurden: Philip Larkin (der Mann mit den ausgeprägten   Empfinden für das eigene Talent) und Kingsley Amis (der Mann, mit der   Begabung für Schussgeräusche).</p>
<p>Philip Larkin (1922 – 1985) wollte Romancier werden und entwickelte   sich zu einem der bedeutendsten und beliebtesten Lyriker des Landes.   Kinsley Amis (1922 – 1995) begann mit Gedichten und wurde einer der   wichtigsten und meistgelesenen Erzähler Englands. Auch wenn Larkin   seinen Wohnort Hull später kaum je verließ, verloren sich die beiden   zeitlebens nicht aus den Augen: Amis macht Larkin zum Paten seines   ersten Sohnes Philip (der zweite Sohn Martin Amis gehört heute zu den   prominentesten Schriftstellern des britischen Literaturbetriebs) und   hielt 1985 die Grabrede auf Larkin. Ihre jeweils ersten Romane sind 2010  in deutscher Übersetzung erschienen und beide Bücher bieten nicht  nur  beträchtliches Lesevergnügen, sondern lassen zugleich erkennen,  welche  diametral entgegengesetzten Wege die Literatur in Deutschland und   Großbritannien nach 1945 für lange Zeit beschritt.</p>
<p><strong>Jill und Jim</strong></p>
<p>Sowohl Larkin als auch Amis siedelten ihre Debüts im  Universitäts-Milieu an. Die Hauptfigur aus Larkins Roman <em>Jill</em> ist  Student in Oxford und man spürt sofort die Atmosphäre der typisch   englischen College- und Internatsgeschichten, von der noch heute J. K.   Rowlings Harry-Potter-Bücher zehren. Der Held aus Amis’ Roman <em>Jim im  Glück</em> ist Assistent eines halb vertrottelten Professors an einer  Provinz-Uni  und man kann das Buch als einen der ersten Campus-Romane  betrachten,  wie sie bis heute David Lodge oder Alison Lurie schreiben  und wie sie  Dietrich Schwanitz in Deutschland heimisch zu machen  versuchte.</p>
<p>Larkin war das Opfer einer unerträglichen Kindheit: Sein Vater muss   ein Monster an Pedanterie und seelischer Brutalität gewesen sein. Als   hoher Beamter Coventrys sympathisierte er mit den deutschen  Nationalsozialisten (!). Zwar  förderte er seinen Sohn Philip nach Kräften,  verachtete aber Frau und  Tochter offen und schuf in der Familie ein  Klima von Kälte und  Menschenfeindschaft. Wenn also Larkins erster Roman  <em>Jill</em> nicht gerade  überbordet vor Lebenszuversicht, sollte das niemanden wundern.</p>
<p>Sein Held Jack stammt aus einfachen Verhältnissen und kommt durch ein   Stipendium an eine der traditionsreichen Schulen Oxfords. Dort   bewundert er den sorglosen Snobismus seiner Mitschüler aus vermögendem   Hause, doch die machen sich nur lustig über ihn. In seiner Not erfindet   er sich eine Freundin, tauft sie Jill, schreibt sich selbst in ihrem   Namen Briefe und führt für sie ein mädchenhaftes Tagebuch – bis ihm eine   Schülerin namens Gillian begegnet, die der herbei phantasierten Jill   bis aufs Haar gleicht.</p>
<p>Das klingt zunächst wie der Entwurf zu einem Entwicklungsroman: Aus   einem noch unsicheren jungen Mann wird nach Ablenkungen von außen   (hochnäsige Mitschüler) und innen (ersehnter Geliebte) schließlich ein   gefestigter Charakter mit Uni-Abschluss und Traumfrau Gillian. Doch so   heiter und hoffnungsfroh geht es in Larkins literarischem Kosmos nicht   zu: Sein anfangs so verzagter Hauptdarsteller ist auch am Ende verzagt   und ob er sein Mädchen je bekommt, bleibt offen.</p>
<p>1947, nur ein Jahr nach <em>Jill</em>, veröffentlichte Larkin ein ähnlich  gestrickten Roman <em>A Girl in Winter</em>:  Hier ist es eine Bibliothekarin,  die sich aus ihrem tristen Leben in  die schwärmerische Erinnerung an  einen Urlaubsflirt flüchtet, sich  dadurch immer stärker isoliert und so  in ihrem freudlosen Alltag  steckenbleibt. Bei aller Ironie und  erzählerischen Präzision Larkins,  die seine Bücher zu einem  intellektuellen Genuss machen, vermitteln sie  einen recht skeptischen  Blick auf die Glücksmöglichkeiten der  unglücklich Geborenen.</p>
<p><strong>Klassiker der komischen Romanliteratur in England</strong></p>
<p>Schon der Titel <em>Jim im Glück</em> verrät, dass es bei Kingsley  Amis  optimistischer zugeht. In England gilt sein Erstling als moderner   Klassiker der komischen Romanliteratur. Amis hat ihn Larkin gewidmet  und  hatte Grund dazu: In den Briefen der beiden lässt sich nachlesen,  mit  welcher Sorgfalt und Ausdauer Larkin seinen Freund als –  unbezahlter –  Lektor bei der Arbeit an dem Manuskript beriet.</p>
<p>Kingsley Amis stilisiert den Titelheld seines Buches nicht zum   Waisenknabe: Jim hat spürbar mehr Interesse am Bier als an seiner   wissenschaftlichen Arbeit und dazu ein beeindruckendes Talent, sich in   sagenhaft peinliche Situationen zu bringen. Komisch wird die Geschichte   nicht zuletzt deshalb, weil Amis das alte universitäre Machtgefälle   zwischen Lehrstuhlinhabern und ihren Assistenten mit gnadenloser   Offenheit beschreibt. Jim wird von seinem Professor rücksichtslos für   dessen schrullige Hobbys eingespannt und Jim antwortet darauf mit einem   mühsam verborgenen, flammenden Hass, dem er durch groteske   Ersatzhandlungen heimlich Luft macht.</p>
<p>In einem Punkt sind sich beide Romane auffällig ähnlich: Die Figuren   orientieren sich in Liebesdingen nicht an ihren Leidenschaften, sondern   an Konventionen: Sie tun, was ihnen – angeblich – die Situation   diktiert, anstatt den eigenen Impulsen zu folgen. Larkins Held droht   darüber seine große Liebe zu versäumen und Amis’ Held besinnt sich erst   im letzten Moment eines besseren. Von derart wohlerzogenen Rücksichten   hielten diese beiden Schriftsteller rein gar nichts, sie gaben keinen   Pfifferling auf den so genannten Guten Ton: Larkin inszenierte sich   lustvoll als verbohrter Einsiedler und Menschenfeind, Amis machte nie   ein Geheimnis aus seinem ausgeprägten Bedürfnis nach Alkohol und Sex.</p>
<p><strong>Für das Publikum, das aus Vergnügen liest</strong></p>
<p>Gleiches galt für sie ebenso in literarischen Fragen, auch hier gaben   sie nicht viel auf den Guten Ton ihrer Zeit. Denn die stand ganz im   Zeichen einer Moderne, wie sie von Avantgardisten wie Ezra Pound, James   Joyce oder T. S. Eliot in der ersten Jahrhunderthälfte geprägt worden   war. Die universitäre Welt, der auch Larkin und Amis entstammten, lag   der hochgradig verschlüsselten und kommentierungsbedürftigen  Literatur  zu Füßen.</p>
<p>Doch die beiden hatten nur Spott und Verachtung für sie übrig – und   waren nicht nur beim Publikum, sondern auch bei vielen Kritikern   erfolgreich damit. Larkin verkündete das „Pleasure Principle“, also das   Spaß- und Genussprinzip der Poesie und gewann Zehn-, ja Hunderttausende   von Lesern für seine keineswegs gefälligen, immer aber   allgemeinverständlichen Gedichte. Amis wiederum war sich als anerkannter   Romancier nicht zu schade, Science Fiction-Stories oder nach dem Tod   von Ian Fleming einen Fortsetzungsband für dessen James-Bond-Serie zu   schreiben.</p>
<p>Schon weil die Nazis die literarische Moderne verfolgt und verboten   hatten, war sie in Deutschland in den ersten Nachkriegsjahrzehnten   nahezu sakrosankt. In England dagegen wirkte sie eher wie ein   angestaubtes Relikt der Vorkriegsjahre, wie ein kulturelles   Highbrow-Überbleibsel der alten Klassengesellschaft, die mit dem   Kriegsende endlich überwunden werden sollte.</p>
<p>Larkin und Amis waren Orientierungsfiguren dieser Rebellion gegen ein   allzu akademisches Verständnis von Literatur. Larkin schrieb damals:   „Wenn ein Dichter das Publikum verliert, das aus Vergnügen liest, hat er   das einzige Publikum verloren, das zählt.“ In Deutschland hätte sich   ein Autor mit solchen Sätzen schnell ins Abseits manövriert. In England   stiegen Larkin und Amis zu den höchsten Ehren ihres Landes auf.</p>
<p>Kingsley Amis:<br />
<em>Jim im Glück</em>. Roman<br />
Deutsch von Steffen Jacobs<br />
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin<br />
416 Seiten, 19,90 €<br />
ISBN 978-3-942048-10-1</p>
<p>Philip Larkin:<br />
<em>Jill</em>. Roman<br />
Deutsch von Steffen Jacobs<br />
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin<br />
398 Seiten, 19,90 €<br />
ISBN 978-3-942048-11-1</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Und hier die Stimme von Philip Lakin:</strong></p>
<p>http://www.youtube.com/watch?v=yDp234p_fCM</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
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		<item>
		<title>Kingsley Amis zum 90. Geburtstag</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=162</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=162#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 15 Apr 2012 20:44:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[David Lodge]]></category>
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		<category><![CDATA[T. S. Eliot]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.uwe-wittstock.de/?p=162</guid>
		<description><![CDATA[Plädoyer für das literarische „Pleasure Principle“ Am 16. April vor 90 Jahre wurde Kingsley Amis geboren. Ein großartiger, sehr komischer und sehr ernster Erzähler, der gemeinsam mit seinem Freund, dem Lyriker Philip Larkin, nach 1945 wichtige neue Wege ebnete für &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=162">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Plädoyer für das literarische „Pleasure Principle“<br />
</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Am 16. April vor 90 Jahre wurde Kingsley Amis geboren. Ein großartiger, sehr komischer und sehr ernster Erzähler, der gemeinsam mit seinem Freund, dem Lyriker Philip Larkin, nach 1945 wichtige neue Wege ebnete für die englischen Literatur. Viele kennen Kingsley Amis heute nur als Vater des Romanciers Martin Amis &#8211; deshalb hier eine Erinnerung an Kingsley Amis, an Philip Larkin und an Kluft zwischen englischer und deutscher Literatur</strong></h3>
<p>Oxford 1941: Zwei Studenten, beide 19 Jahre alt, begegnen sich zum  ersten Mal. Nach einem mit dem Zeigefinger der rechten Hand angedeuteten  Pistolenschuss greift sich der eine ohne Zögern an die Brust, verzerrt  das Gesicht in Todesqualen, bricht zusammen, springt dann wieder auf und  imitiert seinerseits Schussgeräusche, mal mit, mal ohne Querschläger.  Der andere ist tief beeindruckt: „Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl,  mich in Gegenwart eines Talents zu befinden, das größer war als das  meine.“</p>
<p>Eine etwas alberne Anekdote, zugegeben, aber sie gewinnt ihren Reiz  durch die Tatsache, dass aus den beiden bald eng befreundeten Studenten  zwei der vielleicht einflussreichsten Schriftsteller der englischen  Nachkriegsliteratur wurden: Philip Larkin (der Mann mit den ausgeprägten  Empfinden für das eigene Talent) und Kingsley Amis (der Mann, mit der  Begabung für Schussgeräusche).</p>
<p>Philip Larkin (1922 – 1985) wollte Romancier werden und entwickelte  sich zu einem der bedeutendsten und beliebtesten Lyriker des Landes.  Kinsley Amis (1922 – 1995) begann mit Gedichten und wurde einer der  wichtigsten und meistgelesenen Erzähler Englands. Auch wenn Larkin  seinen Wohnort Hull später kaum je verließ, verloren sich die beiden  zeitlebens nicht aus den Augen: Amis macht Larkin zum Paten seines  ersten Sohnes Philip (der zweite Sohn Martin Amis gehört heute zu den  prominentesten Schriftstellern des britischen Literaturbetriebs) und  hielt 1985 die Grabrede auf Larkin. Ihre jeweils ersten Romane sind 2010 in deutscher Übersetzung erschienen und beide Bücher bieten nicht  nur beträchtliches Lesevergnügen, sondern lassen zugleich erkennen,  welche diametral entgegengesetzten Wege die Literatur in Deutschland und  Großbritannien nach 1945 für lange Zeit beschritt.</p>
<p><strong>Jill und Jim</strong></p>
<p>Sowohl Larkin als auch Amis siedelten ihre Debüts im  Universitäts-Milieu an. Die Hauptfigur aus Larkins Roman <em>Jill</em> ist  Student in Oxford und man spürt sofort die Atmosphäre der typisch  englischen College- und Internatsgeschichten, von der noch heute J. K.  Rowlings Harry-Potter-Bücher zehren. Der Held aus Amis’ Roman <em>Jim im  Glück</em> ist Assistent eines halb vertrottelten Professors an einer  Provinz-Uni und man kann das Buch als einen der ersten Campus-Romane  betrachten, wie sie bis heute David Lodge oder Alison Lurie schreiben  und wie sie Dietrich Schwanitz in Deutschland heimisch zu machen  versuchte.</p>
<p>Larkin war das Opfer einer unerträglichen Kindheit: Sein Vater muss  ein Monster an Pedanterie und seelischer Brutalität gewesen sein. Als  hoher Beamter Coventrys sympathisierte er mit den deutschen Nationalsozialisten. Zwar  förderte er seinen Sohn Philip nach Kräften, verachtete aber Frau und  Tochter offen und schuf in der Familie ein Klima von Kälte und  Menschenfeindschaft. Wenn also Larkins erster Roman <em>Jill</em> nicht gerade  überbordet vor Lebenszuversicht, sollte das niemanden wundern.</p>
<p>Sein Held Jack stammt aus einfachen Verhältnissen und kommt durch ein  Stipendium an eine der traditionsreichen Schulen Oxfords. Dort  bewundert er den sorglosen Snobismus seiner Mitschüler aus vermögendem  Hause, doch die machen sich nur lustig über ihn. In seiner Not erfindet  er sich eine Freundin, tauft sie Jill, schreibt sich selbst in ihrem  Namen Briefe und führt für sie ein mädchenhaftes Tagebuch – bis ihm eine  Schülerin namens Gillian begegnet, die der herbei phantasierten Jill  bis aufs Haar gleicht.</p>
<p>Das klingt zunächst wie der Entwurf zu einem Entwicklungsroman: Aus  einem noch unsicheren jungen Mann wird nach Ablenkungen von außen  (hochnäsige Mitschüler) und innen (ersehnter Geliebte) schließlich ein  gefestigter Charakter mit Uni-Abschluss und Traumfrau Gillian. Doch so  heiter und hoffnungsfroh geht es in Larkins literarischem Kosmos nicht  zu: Sein anfangs so verzagter Hauptdarsteller ist auch am Ende verzagt  und ob er sein Mädchen je bekommt, bleibt offen.</p>
<p>1947, nur ein Jahr nach <em>Jill</em>, veröffentlichte Larkin ein ähnlich  gestrickten Roman <em>A Girl in Winter</em>: Hier ist es eine Bibliothekarin,  die sich aus ihrem tristen Leben in die schwärmerische Erinnerung an  einen Urlaubsflirt flüchtet, sich dadurch immer stärker isoliert und so  in ihrem freudlosen Alltag steckenbleibt. Bei aller Ironie und  erzählerischen Präzision Larkins, die seine Bücher zu einem  intellektuellen Genuss machen, vermitteln sie einen recht skeptischen  Blick auf die Glücksmöglichkeiten der unglücklich Geborenen.</p>
<p><strong>Klassiker der komischen Romanliteratur in England</strong></p>
<p>Schon der Titel <em>Jim im Glück</em> verrät, dass es bei Kingsley Amis  optimistischer zugeht. In England gilt sein Erstling als moderner  Klassiker der komischen Romanliteratur. Amis hat ihn Larkin gewidmet und  hatte Grund dazu: In den Briefen der beiden lässt sich nachlesen, mit  welcher Sorgfalt und Ausdauer Larkin seinen Freund als – unbezahlter –  Lektor bei der Arbeit an dem Manuskript beriet.</p>
<p>Kingsley Amis stilisiert den Titelheld seines Buches nicht zum  Waisenknabe: Jim hat spürbar mehr Interesse am Bier als an seiner  wissenschaftlichen Arbeit und dazu ein beeindruckendes Talent, sich in  sagenhaft peinliche Situationen zu bringen. Komisch wird die Geschichte  nicht zuletzt deshalb, weil Amis das alte universitäre Machtgefälle  zwischen Lehrstuhlinhabern und ihren Assistenten mit gnadenloser  Offenheit beschreibt. Jim wird von seinem Professor rücksichtslos für  dessen schrullige Hobbys eingespannt und Jim antwortet darauf mit einem  mühsam verborgenen, flammenden Hass, dem er durch groteske  Ersatzhandlungen heimlich Luft macht.</p>
<p>In einem Punkt sind sich beide Romane auffällig ähnlich: Die Figuren  orientieren sich in Liebesdingen nicht an ihren Leidenschaften, sondern  an Konventionen: Sie tun, was ihnen – angeblich – die Situation  diktiert, anstatt den eigenen Impulsen zu folgen. Larkins Held droht  darüber seine große Liebe zu versäumen und Amis’ Held besinnt sich erst  im letzten Moment eines besseren. Von derart wohlerzogenen Rücksichten  hielten diese beiden Schriftsteller rein gar nichts, sie gaben keinen  Pfifferling auf den so genannten Guten Ton: Larkin inszenierte sich  lustvoll als verbohrter Einsiedler und Menschenfeind, Amis machte nie  ein Geheimnis aus seinem ausgeprägten Bedürfnis nach Alkohol und Sex.</p>
<p><strong>Für das Publikum, das aus Vergnügen liest</strong></p>
<p>Gleiches galt für sie ebenso in literarischen Fragen, auch hier gaben  sie nicht viel auf den Guten Ton ihrer Zeit. Denn die stand ganz im  Zeichen einer Moderne, wie sie von Avantgardisten wie Ezra Pound, James  Joyce oder T. S. Eliot in der ersten Jahrhunderthälfte geprägt worden  war. Die universitäre Welt, der auch Larkin und Amis entstammten, lag  der hochgradig verschlüsselten und kommentierungsbedürftigen  Literatur zu Füßen.</p>
<p>Doch die beiden hatten nur Spott und Verachtung für sie übrig – und  waren nicht nur beim Publikum, sondern auch bei vielen Kritikern  erfolgreich damit. Larkin verkündete das „Pleasure Principle“, also das  Spaß- und Genussprinzip der Poesie und gewann Zehn-, ja Hunderttausende  von Lesern für seine keineswegs gefälligen, immer aber  allgemeinverständlichen Gedichte. Amis wiederum war sich als anerkannter  Romancier nicht zu schade, Science Fiction-Stories oder nach dem Tod  von Ian Fleming einen Fortsetzungsband für dessen James-Bond-Serie zu  schreiben.</p>
<p>Schon weil die Nazis die literarische Moderne verfolgt und verboten  hatten, war sie in Deutschland in den ersten Nachkriegsjahrzehnten  nahezu sakrosankt. In England dagegen wirkte sie eher wie ein  angestaubtes Relikt der Vorkriegsjahre, wie ein kulturelles  Highbrow-Überbleibsel der alten Klassengesellschaft, die mit dem  Kriegsende endlich überwunden werden sollte.</p>
<p>Larkin und Amis waren Orientierungsfiguren dieser Rebellion gegen ein  allzu akademisches Verständnis von Literatur. Larkin schrieb damals:  „Wenn ein Dichter das Publikum verliert, das aus Vergnügen liest, hat er  das einzige Publikum verloren, das zählt.“ In Deutschland hätte sich  ein Autor mit solchen Sätzen schnell ins Abseits manövriert. In England  stiegen Larkin und Amis zu den höchsten Ehren ihres Landes auf.</p>
<p>Kingsley Amis:<br />
<em>Jim im Glück</em>. Roman<br />
Deutsch von Steffen Jacobs<br />
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin<br />
416 Seiten, 19,90 €<br />
ISBN 978-3-942048-10-1</p>
<p>Philip Larkin:<br />
<em>Jill</em>. Roman<br />
Deutsch von Steffen Jacobs<br />
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin<br />
398 Seiten, 19,90 €<br />
ISBN 978-3-942048-11-1</p>
<p><strong>Hier ein BBC-Interview mit Kingsley Amis aus dem Jahr 1958:</strong></p>
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<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Und hier Bilder und die Stimme von Philip Lakin:</strong></p>
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