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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Peter Handke</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Über Saskia Lukas sehr politisch-unpolitischen Roman &#8220;Tag für Tag&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 14 Oct 2021 06:53:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Jugoslawienkriege]]></category>
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		<description><![CDATA[Im November 2019 hielt ich eine Laudatio auf Saskia Luka anlässlich der Verleihung des Buchpreises der Stiftung Ravensburger für ihren Roman „Tag für Tag“. In der Zeit danach bin ich so vollständig von der Arbeit an meinem Buch &#8220;Februar 33&#8243; &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2548">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Im November 2019 hielt ich eine Laudatio auf Saskia Luka anlässlich der Verleihung des Buchpreises der Stiftung Ravensburger für ihren Roman „Tag für Tag“. In der Zeit danach bin ich so vollständig von der Arbeit an meinem Buch &#8220;Februar 33&#8243; verschlungen worden, dass ich weder die Zeit noch die Energie fand, die Rede online zu stellen. Das tat mir vor allem leid, weil Saskia Lukas Roman über drei Frauengenerationen und die Jugoslawienkriege ein sehr bedenkenswerter literarischer Versuch über eine unpolitische Haltung in hochpolitischen Zeiten ist. Ich stelle die Laudatio deshalb jetzt nachträglich auf meine Blog und zur Diskussion.</h2>
<h1><strong>&#8220;Das geht mich nichts an&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Ist Politik die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht ?</strong></h2>
<h2>Sehr geehrte Damen und Herren,</h2>
<div id="attachment_2549" class="wp-caption alignleft" style="width: 252px"><img class="size-full wp-image-2549" alt="Saskia Luka: &quot;Tag für Tag&quot;. Roman. Verlag Kein &amp; Aber. 14 Euro" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/10/60547483n.jpg" width="242" height="386" /><p class="wp-caption-text">Saskia Luka: &#8220;Tag für Tag&#8221;. Roman. Verlag Kein &amp; Aber. 14 Euro</p></div>
<p>die Kriege im ehemaligen Jugoslawien sind zu einem großen Thema der deutschsprachigen Literatur geworden. Das klingt im ersten Augenblick paradox, doch das ist es nicht. Die Debatte um Peter Handkes Verteidigung serbischer Nationalisten und den ihm zugesprochenen Nobelpreis hat 2019 nicht nur im Literaturbetrieb unversöhnliche Gegensätze aufgerissen. Sie zeigte, wie nah uns diese Kriege sind, auch wenn sie inzwischen zwanzig Jahre oder mehr zurückliegen und jenseits der deutschen Landesgrenzen stattfanden. Die Zahl der Romane, Erzählungen, Theaterstücke oder Gedichte in deutscher Sprache – von Saša Stanišićs „Herkunft“ bis Oliver Bottinis „Der kalte Traum“, von Nicol Ljubićs „Meeresstille“ bis Marco Dinić „Die guten Tage“ – die von Erfahrungen aus diesen Kriegen erzählen und literarisch zu verarbeiten versuchen, ist inzwischen fast unabsehbar geworden.</p>
<p>Saskia Luka, die mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger auszeichnet wird, entwirft in ihrem großartigen Familienroman „Tag für Tag“ die Geschichte dreier Generationen, deren Leben auf jeweils ganz unterschiedliche Weise durch diese Kriege geprägt, verformt, und zerrissen wird. Das Besondere und Riskante an Saskia Lukas Roman wird sofort deutlich, sobald man sich vor Augen stellt, was in diesem Roman NICHT vorkommt. In ihrem Roman spielt Politik fast keine Rolle. All jene Fragen, die in der Debatte um Handke im Zentrum stehen, also wie der Krieg begann, wer wann welches Massaker aus welchen Gründen beging, ob es ein Rache-Massaker war oder ein versuchter Genozid, kurz: wer die Schuld trägt – all diese Fragen haben in diesem Buch keinen Platz. Dieser Roman erzählt von den gleichen Kriegen, aber er erzählt eine andere Geschichte. Eine Familiengeschichte.</p>
<p>Es gibt eine Szene in Saskia Lukas Roman, die diesen Gegensatz mit charakteristischer Offenheit klarstellt. Es ist bezeichnenderweise eine häusliche Szene. Die in Jugoslawien geborenen Maria und ihr deutscher Mann Georg, der dann viel zu früh stirbt, leben in einer glücklichen Ehe, Streit kennen sie kaum. Doch als die Kämpfe in Jugoslawien aufflammen, bricht auch ein Konflikt zwischen ihnen auf – daheim im friedlichen Deutschland. Und zwar weil sich Maria nicht für den Krieg interessiert, der ihr Geburtsland zerstört, sie will keine Nachrichten hören, sie will keine Position beziehen, sie sagt: „Das geht mich nichts an.“ Georg ist daraufhin außer sich: „Wie kannst Du so gleichgültig sein?“ Sie könne doch nicht einfach so weiterleben wie zuvor. „Doch“, antwortet Maria, „das können wir. Das tun alle anderen auch.“ Ihr Mann hält das für Wahnsinn, und Maria entgegnet ihm, der Krieg sei Wahnsinn. Vor Zorn wirft Georg erst die Zeitung, dann Bücher durch den Raum und schließlich alles, was er zu fassen kriegt. „Ich möchte hier glücklich sein“, bekennt Maria. „Um glücklich zu sein“, erwidert ihr Mann, „musst du erst einmal etwas empfinden.“</p>
<div id="attachment_2550" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2550" alt="Saskia Luka  (Foto: Katarina Ivanisevic)" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/10/aa5e82d355ad1dbbe3762be7dce6fd62-300x197.jpg" width="300" height="197" /><p class="wp-caption-text">Saskia Luka (Foto: Katarina Ivanisevic)</p></div>
<p>Kurz: Der Krieg geht auch an Maria in Deutschland nicht spurlos vorüber. Zumindest die Atmosphäre der Aggression und der Wut schwappt über die Landesgrenzen hinweg bis in ihre Ehe hinein. Obwohl sie versucht, sich und die Ihren aus allem herauszuhalten, fliegen plötzlich Zeitungen, Bücher und andere Gegenstände durch die Wohnung und wird ihr von ihrem Mann die Fähigkeit zum Empfinden und Mitempfinden abgesprochen. Aber das ändert an ihrer Haltung nichts. Dieser Krieg ist nicht ihr Krieg, sie will mit ihm nichts zu tun haben.</p>
<p>Womit aber will sie stattdessen etwas zu tun haben?</p>
<p>Ich möchte, bevor ich dieser Frage weiter nachgehe, kurz an den französischen Philosoph und Schriftsteller Paul Valéry (1871-1945) erinnern. Valéry hatte die Gewohnheit, morgens um fünf Uhr aufzustehen, um noch vor Tau und Tag ebenso ungeschützt wie ungeordnet in simple Schulheften zu notieren, was ihm durch den Kopf ging. In einem der Hefte findet sich ein Gedanke, der berühmt wurde und der im radikalen Widerspruch zu allem zu stehen scheint, was wir heute unter staatsbürgerlicher Verantwortung in einer freiheitlichen Demokratie verstehen. „Politik“, schrieb Valéry, „Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.“</p>
<div id="attachment_2551" class="wp-caption alignleft" style="width: 226px"><img class="size-medium wp-image-2551" alt="Paul Valéry (Foto: Pierre Choumoff)" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/10/Choumoff_-_Paul_Valéry-216x300.jpg" width="216" height="300" /><p class="wp-caption-text">Paul Valéry (Foto: Pierre Choumoff)</p></div>
<p>Im Sinne dieser Definition scheint mir die Maria, die Saskia Luka in ihrem Roman beschreibt, ein restlos unpolitischer Mensch zu sein. Sie will sich von Politik und Krieg nicht daran hindern lassen, sich ganz entschieden um das zu kümmern, was sie in ihren Augen etwas angeht. Und das sind: Ihre Arbeit als Künstlerin, die Sorge um ihre Familie, die Liebe zu ihrem Mann, die Erziehung ihrer Tochter, die zahllosen kleinen und doch so fundamentalen Mühen des Alltags. Natürlich ist sich Maria klar darüber, dass auch sie Verantwortung trägt und Fehler gemacht hat. Sie hat als junger Frau nicht reagiert, als die verschiedenen Nationalismen im jugoslawischen Vielvölkerstaat plötzlich aufblühten, als „einige kroatische und serbische Schüler, die gestern noch Jugoslawen gewesen waren, plötzlich aufeinander losgingen“, als Mokkatassen und Feuerzeuge mit kroatischen Wappen auftauchten. Doch nachdem Jugoslawien von Fanatikern gespalten und mit populistischen Mitteln aufgehetzt wurde, ist es für sie die einzig denkbare Reaktion, sich eben nicht aufhetzen zu lassen, eben nicht Partei zu ergreifen und mitzukämpfen, sondern das Land zu verlassen, neu anzufangen und sich dort, in dem neuen Land, „um das zu kümmern, was sie angeht“.</p>
<p>Es ist eine Entscheidung, die seinerzeit viele Menschen in Jugoslawien trafen. Wenn ich hier eine kurze persönliche Erinnerung einflechten darf: Unser ältester Sohn Nicolas ging damals in den Kindergarten des Krankenhauses, für das meine Frau arbeitete. Weil in dem Krankenhaus auch zahllose Flüchtlinge aus den jugoslawischen Teilstaaten angestellt waren, traf Nicolas dort auf so viele Spielkameraden, die serbokroatisch sprachen, dass er sich schließlich bei uns beschwerte, wir hätten ihm „diese andere Sprache“ ruhig beibringen können, es sei für ihn mitunter ganz schön lästig, nur Deutsch zu können.</p>
<div id="attachment_2552" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2552" alt="Saskia Luka während der Preisverleihung 2019 in Berlin" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2021/10/Preisverleihung_Berlin2019_StiftungRavensburger-Verlag-30-300x199.jpg" width="300" height="199" /><p class="wp-caption-text">Saskia Luka während der Preisverleihung 2019 in Berlin</p></div>
<p>Unser Sohn machte damit bereits frühzeitig eine Erfahrung, die wir jetzt in der deutschen Literatur nachvollziehen können. Es ist unmöglich geworden, sich vor den Kriegen anderer Länder hinter Grenzen verschanzen zu wollen. Die Folgen dieser Kriege, die Flüchtlinge und ihre Konflikte verändern auch unser Leben. Und deshalb ist es eben nicht paradox, sondern ganz natürlich, wenn die Kriege des zerfallenden Jugoslawien heute zu den wichtigen Themen der deutschsprachigen Literatur zählen. Denn diese Kriege sind zu Geschichte geworden und zu Geschichten, die sich die Menschen hierzulande erzählen, egal ob sie erst seither oder immer schon hier lebten.</p>
<p>Die Geschichten der drei Frauengenerationen, die uns Saskia Luka in ihrem Roman erzählt, sind beides zugleich: persönlich und paradigmatisch. Da ist die Älteste, Lucia, die wie versteinert ist und Jugoslawien nicht verließ, obwohl ihr der Krieg alles genommen hat: ihr Mann ist tot, ihre beiden Söhne sind tot und ihre Tochter ist geflohen. Ihr Leben ist pures Ausharren und Erdulden. „Lucia bleibt stehen und lässt das Leben an sich vorüberziehen“, heißt es einmal in dem Roman.</p>
<p>Ihre Tochter Maria aber erweist sich als das Gegenteil, sie bleibt nicht stehen, sondern flieht und passt sich bereitwillig den neuen Lebensumständen an. Sie ist alles andere als versteinert, sondern höchst flexibel, sie ändert ihren Namen, lernt die fremde Sprache makellos, sie will ihr Geburtsland, das der nationalistischen Raserei verfallen ist, abschütteln und dort leben, wo man sie in Frieden leben lässt: „Mein Leben hat keine Nationalität“, sagt sie einmal: „Ich bin Mensch. Darüber diskutiere ich nicht mehr.“</p>
<p>Doch ausgerechnet in diesem Punkt gerät sie mit ihrer Tochter Anna aneinander. Anna ist zwar in Deutschland geboren und ihre Mutter hat ihr nie ein Wort serbokroatisch beigebracht, doch gerade sie ist mit einem Mal wie ergriffen von dem Land, in dem ihre Großmutter Lucia noch immer lebt. Sie wirft der Mutter vor, ihr die andere Sprache vorenthalten und sich viel zu schrankenlos dem neuen Land angepasst zu haben.</p>
<p>Es ist die alte Frage nach dem richtigen Weg zwischen notwendiger Integration in die Verhältnisse eines Gastlandes und der vielleicht übertriebenen Assimilation an dieses Gastland, die hier von Saskia Luka mit großer Sensibilität als Konflikt zwischen Mutter und Tochter ausgebreitet wird. Die richtige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Auch das beschreibt Saskia Lukas Roman. Denn die richtige Antwort kann nur individuell von jedem Einzelnen für sich selbst gegeben werden.</p>
<p>Aber ihr Roman zeigt auch, und das hat mich besonders für ihn eingenommen, dass die Anpassungsbereitschaft Marias keine Einbahnstraße ist. Nachdem Lucia gestorben ist und Maria nach Kroatien fährt, um sie dort zu beerdigen, beginnt sie sich diesem Land wieder anzunähern. Vielleicht hat sie tatsächlich keine Nationalität, wie sie es von sich behauptet, aber sie hat Erinnerungen und die werden bei ihren Besuch so stark, dass es ihr immer schwerer fällt, sich wieder von ihrem Geburtsland zu lösen. „Heimat“, denkt sie, „dieses Wort knirschte zwischen den Zähnen wie Sand.“</p>
<p>Saskia Lukas Roman „Tag für Tag“ ist ein konfliktreiches Buch über ein konfliktreiches Thema. Es liefert keine Antworten und erst recht keine Patentrezepte, welche Form von Integration richtig und welcher Grad an Assimilation übertrieben ist. Es zeigt mit großer Ehrlichkeit Menschen, die sich nicht um Politik kümmern wollen, sondern nur um das, was sie persönlich angeht. Auch dies sicher kein Patentrezept, aber zweifellos ein Teil der Realität, in der wir leben. „Tag für Tag“ ist ein Roman, der mit beeindruckender Einfühlungskraft die Lebenserfahrungen einer von Migration geprägten Familie einfängt und dafür wird Saskia Luka mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger ausgezeichnet. Ich gratuliere Ihnen, Frau Luka, sehr herzlich und danke Ihnen, meine Damen und Herren, für Ihre Aufmerksamkeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Gespräch mit Ernst Augustin</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Oct 2015 16:17:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Augustin]]></category>
		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Handke]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Bis 12 Uhr war ich ein Literatur-Star&#8221; Ernst Augustin im Gespräch über seinen Roman “Schönes Abendland” von 2007, die Gruppe 47 und das Schreiben allein in der Wüste sowie die Schwarze Romantik. Der Schriftsteller Ernst Augustin feiert heute seinen 88. &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1450">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Bis 12 Uhr war ich ein Literatur-Star&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Ernst Augustin im Gespräch über seinen Roman “Schönes Abendland” von 2007, die Gruppe 47 und das Schreiben allein in der Wüste sowie die Schwarze Romantik.</strong></h2>
<div>
<h2><strong>Der Schriftsteller Ernst Augustin feiert heute seinen 88. Geburtstag und fällt aus der Reihe. Schon sein Haus im Münchner Stadtteil Neuhausen sticht heraus: Zwischen gleichförmigen Fassaden wirkt es von den Bäumen des eigenen Gartens wie umhüllt und verborgen. Sein Treppenhaus ist bis in den dritten Stock hoch ausgemalt von Augustins Ehefrau, der Malerin Inge Augustin. Der Hausherr, für den Architektur nicht nur in seinen Romanen eine große Rolle spielt, hat es mit Dachterrasse und Keller-Disko, mit Kajützimmer und privater Nachtbar, mit verschwiegenen Gängen und geheimen Türen zu einem sehr persönlichen Wunderhaus umgestaltet. Zur Feier seines Geburtstags hier ein Gespräch mit ihm über seinen großen Roman &#8220;Schönes Abendland&#8221;.</strong></h2>
<div id="attachment_1454" class="wp-caption alignright" style="width: 308px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/29748241z.jpg"><img class="size-full wp-image-1454" title="29748241z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/29748241z.jpg" alt="" width="298" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Ernst Augustin: &quot;Schönes Abendland&quot;. Roman. dtv. 12,90 Euro</p></div>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> 2007 erschien ihr Roman „Schönes Abendland“, eine Neufassung ihres Romans „Mamma“ von 1970. Was für Erfahrungen haben Sie bei der Arbeit an diesem fast vier Jahrzehnte alten Buch gemacht?</p>
<p><strong>Ernst Augustin:</strong> Ich habe das Buch immer geliebt, aber es wurde nicht geliebt. Dann habe ich es noch einmal durchgelesen, und ich muss sagen, es war misslungen. Ich erzählte nacheinander die sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten von Drillingen. Aber die Reihenfolge war falsch. Ich habe die jetzt umgestellt, vieles neue geschrieben und verändert. Einer der drei Helden wird General, dessen Lebensgeschichte stand früher zu Anfang. Marcel Reich-Ranicki hat das Buch damals schroff abgelehnt, er fand es militaristisch. Offenbar hatte er nur den Anfang gelesen und die Ironie der Geschichte nicht verstanden. Heute würde er, mit dem Kaufmann beginnend, vielleicht mehr Stimmigkeit entdecken.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> „Schönes Abendland“ ist ein großer, anspruchsvoller Titel. Fast, als enthielte der Roman eine Art Weltformel, eine Erklärungsformel fürs gesamte Abendland.</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Es ist ein abendländisches Gleichnis. Es beginnt in der Renaissance-Zeit, in der drei Männer, der Kaufmann, der General und der Arzt für allzu großes Gewaltstreben hingerichtet werden. Sie werden auf der Stelle wiedergeboren – dieses Mal in unserer Zeit – und wieder streben sie mit allen Mitteln, die ihre Gesamtexistenz in sich trägt, nach Reichtum, Macht, Wissen. Im Übermaß. Ich habe diese drei Lebensläufe als eine Art absurde Kultur- und Sittengeschichte geschrieben: Absurdität des Habenwollens, der maßlosen Aufstiegs- (und Abstiegs-) Möglichkeiten, und der daraus resultierenden ziemlich tödlichen Ergebnisse. So erscheinen sie mir doch sehr abendländisch.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Wie war das Echo damals? Aus heutiger Sicht hat man nicht den Eindruck, dass ein so ironisch flirrendes, phantastisches, schrilles Buch gut in die Hochzeit der Studentenbewegung passte.</p>
<div id="attachment_1455" class="wp-caption alignleft" style="width: 485px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/22802790z.jpg"><img class="size-full wp-image-1455" title="22802790z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/22802790z.jpg" alt="" width="475" height="356" /></a><p class="wp-caption-text">Ernst Augustin: &quot;Romane und Erzählungen&quot; In acht Bänden. Verlag C.H.Beck. 78 Euro</p></div>
<p><strong>Augustin:</strong> Ich habe auch Zustimmung bekommen, größtenteils aber Ablehnung geerntet. Der Werbemann meines damaligen Verlages, Suhrkamp, hatte den Slogan geprägt: Man erzählt wieder. Das klang wie: Man trägt wieder Hut und kam gar nicht gut an. Der Roman passte wohl tatsächlich nicht in diese Zeit eines teilweise politischen, teilweise literarisch formalistischen Avantgardismus. Ich wollte erzählen, ich bin ein Erzähler. Vielleicht trifft das Buch heute auf offnere Ohren.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Sie haben aus diesem Roman auch 1966 in Princeton bei der Gruppe 47 gelesen?</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Da fing das Unglück schon an. Ich las dort einen Ausschnitt aus dem Romanteil über den Arzt unter meinen drei Helden. Eine in sich geschlossene, runde Geschichte über seine kindlichen Doktorspiele. Es war ein großer Erfolg, die Geschichte kam prächtig an, wurde hoch gelobt. Damals glaubte man ja noch, dass jeder, der von der Gruppe 47 gefeiert wird, sofort der nächste Literaturstar wird. Ein Journalist der Münchner Abendzeitung telegrafierte sofort in seine Redaktion: „Ich war dabei!“ Man hat mich richtiggehend hofiert. Aber nur bis 12 Uhr mittags. Am Nachmittag kam Peter Handkes großer Auftritt, seine Kritikerbeschimpfung, seine wütende Rede gegen die Gruppe 47. Damit war ich völlig abgemeldet. Ich existierte nicht mehr. Handke war nun der große Mann.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Man merkt das ihren Büchern deutlich an: Sie haben sich nicht den damals in Deutschland verbreiteten literarischen Trends angeschlossen. Welche Vorbilder hatten Sie statt dessen?</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Ich hatte wenig Vorbilder. Ich kam ja aus der DDR. Die ganze Moderne gab es da gar nicht. Es gab keinen James Joyce, es gab noch nicht einmal Kafka. Was ich dort gelesen habe, waren die großen russischen Autoren, ich habe Gogol gelesen und sehr geliebt. Dann natürlich Thomas Mann. Und Hans Fallada, ein ausgesprochener Erzähler, den ich sehr mochte. Ansonsten aber habe ich mich vor allem mit den Romantikern beschäftigt. Mit E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Edgar Allan Poe, Melville. Die Romantiker sind für mich bis heute der wichtigste literarische Bezugspunkt.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Haben Sie damals überhaupt in Deutschland gelebt?</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Ja und nein. Ich habe ja immer einen Fuß draußen gehabt. Ich kam 1958 aus der DDR in den Westen und bin dann direkt nach Afghanistan gegangen, habe dort bis 1961 als Arzt gearbeitet für eine amerikanische Firma, die unter anderem einen Staudamm baute, Brücken und ein Bewässerungssystem. Entwicklungshilfe eben. Dort habe ich dann angefangen zu schreiben. Meinen ersten Roman „Der Kopf“. Das war geboren aus der Situation. Ich saß allein mitten in der Wüste und schrieb vor mich hin. Und habe mir so durch meine Figuren etwas Gesellschaft verschafft. Nach 1961 kam ich dann zurück nach Deutschland, bevor ich in Mittelamerika, in Costa Rica gearbeitet habe. Das Aufnahmeverfahren als DDR-Flüchtling in der Bundesrepublik habe ich erst nach meiner Rückkehr aus Afghanistan gemacht. Genau genommen war ich dort – den DDR-Pass hatte ich nicht mehr, den neuen Pass noch nicht – drei Jahre lang staatenlos.</p>
<div id="attachment_1456" class="wp-caption alignright" style="width: 284px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/41877628z1.jpg"><img class="size-full wp-image-1456" title="41877628z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/41877628z1.jpg" alt="" width="274" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Ernst Augustin&quot;. Edition Text + Kritik. Göttingen 2015. 24 Euro</p></div>
<p><strong>Wittstock:</strong> Das ist vielleicht eine bezeichnende Episode für Ihr Schicksal: Sie sind ein Sonderfall. Ihr üppiges, schwelgerisches, ebenso phantastisches wie realistisches Fabulieren passt hierzulande nicht in die üblichen Kategorien.</p>
<p><strong> Augustin:</strong> Eigentlich bin ich selbst Romantiker. Es ist ja eine sehr deutsche, eine urdeutsche literarische Veranlagung. Schwarze Romantik liegt mir am meisten. Es muss im Hintergrund immer ein schweres Gewitter aufziehen, immer schwarz bei aller Lieblichkeit im Vordergrund, bei aller Ironie und leichter Hand, die ich rüberzubringen versuche. Es ist mein Los und meine Freude.</p>
</div>
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