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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Martin Walser</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Martin Walser</title>
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		<pubDate>Fri, 29 Jan 2016 16:53:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Walser]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Gespräch mit Martin Walser über den Tod, die Flüchtlinge, Angela Merkel und sich selbst als Roman sowie &#8220;Ein sterbender Mann&#8221;. Das Interview aus dem heute erschienenen, aktuellen Heft des FOCUS „Was Angela Merkel gemacht hat“, sagt der Schriftsteller Martin &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1603">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Ein Gespräch mit Martin Walser über den Tod, die Flüchtlinge, Angela Merkel und sich selbst als Roman sowie &#8220;Ein sterbender Mann&#8221;</strong>.</h1>
<h2><strong>Das Interview aus dem heute erschienenen, aktuellen Heft des FOCUS</strong></h2>
<p>„Was Angela Merkel gemacht hat“, sagt der Schriftsteller Martin Walser im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin FOCUS zur Flüchtlingskrise: „war großartig. Ganz großartig. In Deutschland wurde zum ersten Mal weltbewegend menschlich reagiert“. In seinem neuen Buch „Ein sterbender Mann“ habe er nicht widerstehen können, seinen Romanhelden einen „Bericht an die Regierung“ schreiben zu lassen, in dem er vorschlägt, jeder deutsche „Hausbesitzer solle einen Flüchtling aufnehmen: eine Million Hausbesitzer bringen eine Million Flüchtlinge unter.“</p>
<p>Angela Merkels Satz „Wir schaffen das!“ stimmt Walser ausdrücklich zu: „Es ist doch klar, wir haben doch gar keine andere Möglichkeit mehr, als es zu schaffen. Alles andere wäre viel schlimmer. Wir haben nach 1945 viel mehr schaffen müssen und wir haben es geschafft in einer viel, viel schlechteren wirtschaftlichen Lage.“ Das Wort „Integration“ bezeichnet Walser als „widerlich“ und berichtet von einer Farbigen, die er kennenlernte: „Sie telefonierte und sprach ein wundervolles Deutsch. Sie hat lauter Worte und Wendungen benutzt, die man nur benutzt, wenn man in Deutschland ganz und gar zu Hause ist. Zu Hause ist! Ihre Heimat ist hier. Wer so in der Sprache angekommen ist wie diese Frau, ist ein Einheimischer.</p>
<p>Walser betrachtet sich als sehr heimatverbundenen Schriftsteller, den seine Geburtsstadt Wasserburg am Bodensee igeprägt hat. Aber: „Mein Wasserburg gibt es nicht mehr“, die Veränderungen der Zeit seien unaufhaltsam: „Heute ist Wasserburg die Heimat anderer Menschen, und die haben ein Recht darauf, es zu ihrer Heimat zu machen, so wie ich damals Wasserburg zu meiner machte.“ Sich dagegen zu sperren, habe keinen Sinn: „Wenn es heute heißt, unser Land wird sich verändern, kann ich nur antworten: Aber ja. Es hat sich immer verändert und wird sich immer weiter verändern.“</p>
<p>Ganz entschieden plädiert Walser für die Chancen, die sich dem Land durch die zuwandernden Flüchtlinge eröffnen: „In 20 Jahren wird es Romane und Gedichte dieser Menschen geben in einer deutschen Sprache, die es zuvor noch gar nicht geben konnte, und das wird ein Reichtum sein! Es ist ein Reichtum, der uns bevorsteht, und keine Beraubung!“</p>
<p>Das Interview mit Walser ist erhältlich bei Blendle unter:</p>
<p>https://blendle.com/i/focus/das-bin-ich-als-roman/bnl-focusde-20160129-125792_das_bin_ich_als_roman</p>
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		<title>Guppe 47 geht in Pension</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 05:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ortsbesichtigung. Atlas der Autoren]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Andersch]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Döblin]]></category>
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		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
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		<category><![CDATA[Walter Jens]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfdietrich Schnurre]]></category>

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		<description><![CDATA[Kleines Haus, großes Dach Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt. Eine Ortsbesichtigung Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kleines Haus, großes Dach</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt.</strong></h3>
<h3><strong> Eine Ortsbesichtigung</strong></h3>
<p>Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder am  Hennenkopf. Was sind schon sechzig Jahre für Felsriesen wie sie.  Ansatzlos steigen sie aus den Feldern um den Bannwaldsee auf fast  zweitausend Meter. Auch an St. Coloman, der Wallfahrtskirche, dürfte  sich wenig verändert haben. Unwirklich schön steht sie in ihrer barocken  Pracht samt Zwiebelturm inmitten der sattgrünen Wiesen vor dem  Alpenhorizont. Aber sonst. Sonst ist nichts wie damals. Vermutlich lässt  sich Vergänglichkeit nicht eindringlicher spürbar machen als durch die  Verwandlung eines einst wichtigen, vielleicht historischen Ortes in  einen Campingplatz.</p>
<p>Hier haben selbst die Häuser Räder. Hier ist alles beweglich,  flüchtig, immer auf dem Sprung, hier bleibt nichts. Vielleicht ist das  ja das passende architektonische Symbol für eine Epoche, die  Flexibilität, Tempo, eifrigen Wandel zu ihren Lieblingstugenden zählt:  der Campingplatz. In einem der wenigen festen Häuser hier, das sich  dreißig Meter vorm Bannwaldsee unter sein Dach duckt wie unter einen zu  großen Hut und das heute von Caravans umzingelt ist, kamen vor sechzig  Jahren acht Männer, zwei Frauen und drei Paare für ein Wochenende  zusammen, um sich aus ihren Manuskripten vorzulesen. Und um über das  Gelesene zu reden. Mehr nicht.</p>
<div id="attachment_661" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus.jpg"><img class="size-medium wp-image-661" title="Gruppe47Haus" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das Haus am Bannwaldsee: Ort des ersten Treffens der Gruppe 47 am 6. und 7. September 1947 (Rs-Foto)</p></div>
<p>Bald nannten sie sich Gruppe 47, verabredeten sich wieder in  wechselnden Besetzungen an wechselnden Orten – auch sie beweglich, immer  auf dem Sprung. Ihre Treffen wuchsen in wenigen Jahren zu der  dominierenden literarischen Institution der Bundesrepublik heran. Der  Aufstieg Heinrich Bölls begann mit dem Preis der Gruppe, der unbekannte  Günter Grass las vor ihr aus seiner „Blechtrommel“ und war am Tag danach  ein Schriftsteller mit Weltruhm.</p>
<p><strong>Trainingslager der Demokratie ?</strong></p>
<p>Die Debatten über die Gruppe finden bis heute kein Ende. Sie wird  gefeiert und verteufelt, mal ist sie eine der unersetzlichen  Pflanzschulen demokratischen Geistes in der jungen Bundesrepublik, mal  eine Versammlung unbewusst antisemitischer Alt-Landser mit Neigung zum  literaturpolitischen Machiavellismus. Auch das Hin- und Herwogen unserer  Meinungen legt beachtliches Tempo vor.</p>
<p>„Unterkunft für 10 Personen ab 6.September reserviert“, telegrafierte  Ilse Schneider-Lengyel am 25. August 1947 an Hans Werner Richter. Sie  war Lyrikerin, Fotografin, Ethnologien und vor den Nazis emigriert.  Zurückgekehrt suchte sie im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an  den Kulturbetrieb. Sie schrieb für Richters „Ruf“ und als der die  Zeitschrift „Skorpion“ plante und künftige Mitarbeiter zu einer Art  gemeinsamer Lektoratssitzung zusammenholen wollte, bot sie ihm ihr Haus  am Bannwaldsee als Treffpunkt an. Sie hatte in den zwanziger Jahren bei  dem Bauhaus-Lehrer Lászlo Moholy-Nagy studiert und in Paris einige der  großen Surrealisten kennengelernt. Manche ihre Gedichte quollen über vor  surrealistischen Bildern – jede Zeile ein Seziertisch, auf dem sich  Nähmaschine und Regenschirm begegnen. Sie muss sich empfindlich fremd  gefühlt haben, zwischen den jungen Leuten, die ihr da ins Haus kamen und  auf Hitlers Schulen von der Moderne nichts gehört hatten.</p>
<p><strong>Häuptling Richter</strong></p>
<p>Niemand wird behaupten wollen, Hans Werner Richter, der zum  unumstrittenen Spiritus movens, zum „Chef“ und „Häuptling“ der Gruppe  wurde, habe je einen objektiven Blick auf ihre Mitglieder gehabt. Aber  zumindest deren Anfänge hat er nie beschönigt. Später nannte er die  Autoren, die er an den Bannwaldsee eingeladen hatte, „literarische  Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens“. Unter dem Vorgelesenen  gab es „keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge,  dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung  verratend.“</p>
<p>Sofort jedoch erblickte das später legendäre Ritual der Gruppe das  Licht der Welt: Die Lesung auf dem gefürchteten „Elektrischen Stuhl“  samt unmittelbar folgender, wenig schonungsvoller Stehgreif-Kritik, wie  sie bis heute im Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis fortlebt.  „Es gibt“, erinnerte sich Richter, „keine Zwischenrufe, keine  Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweils  Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach  der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sage ich: ‚Ja, bitte  zur Kritik. Was habt ihr dazu zu sagen?’ Und nun beginnt, was keiner in  dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau,  die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor  den Mund.“</p>
<p><strong>Das Wunder der Gruppe 47</strong></p>
<p>Zum Rätsel, zum Wunder der Gruppe 47 gehört, wie es ihr gelang, aus  diesen zufälligen, dürftigen Anfängen zur machtvollsten Vereinigung des  bundesdeutschen Literaturbetriebs zu werden. Bis heute hat keine  Akademie, kein Schriftstellerverband oder PEN-Club je wieder ihre  Ausstrahlungskraft erreicht. Hans Werner Richter, dieses – wie Grass es  nannte – „Genie der Freundschaft“, verstand es, eine nachwachsende Elite  von Autoren und Kritikern an die Gruppe zu binden. Grass, Böll,  Schnurre, Alfred Andersch, Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser,  Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Walter Jens, Hans Mayer, Marcel  Reich-Ranicki, Joachim Kaiser.</p>
<p>Natürlich gab es in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auch eine  deutsche Literatur jenseits der Gruppe 47. Die großen Emigranten, Thomas  Mann, Döblin, Brecht hatten sie als Podium nicht nötig und hätten sich  eher die Zunge abgebissen, als für sie zu lesen. Auch jüngere Autoren  wie Max Frisch oder Dürrenmatt machten ohne sie ihren Weg. Arno Schmidt  weigerte sich, vor der Gruppe aufzutreten, obwohl Gerüchte umgingen, er  stünde als ihr Preisträger so gut wie fest: „Ich eigne mich nicht als  Mannequin.“</p>
<p>Man war für die Gruppe, man war gegen sie, wichtige Kritiker wie  Friedrich Sieburg bekämpften sie. Aber gleichgültig ließ sie niemanden.  Sie polarisierte die gesamte Buchbranche und rückte schon deshalb immer  mehr in deren Mittelpunkt.</p>
<p><strong>Wanderzirkus der Literatur</strong></p>
<p>Zu den Erfolgsgeheimnissen der Gruppe zählt das Desaster, das die  Nazis hinterlassen hatten. Nie zuvor waren Land und Kulturbetrieb so  gründlich zerstört, nie war das Bedürfnis nach moralischer  Wiederaufrichtung so groß. Doch in zwölf Jahren Diktatur hatte sich das  alte literarische Leben desavouiert, es gab keine kulturelle Metropole  mehr, keine eingeübten Mechanismen, über die Autoren zu Verlegern  fanden, keine Orientierungspunkte, an denen Kritiker ihr Urteil hätten  schärfen können. Da bot sich die Gruppe als Treffpunkt an, als  Drehscheibe, als luftiges Wanderzentrum, in dem der Literaturbetrieb  sich neu finden und erfinden konnte.</p>
<p>Wie für Gründerzeiten üblich, wurden auch in dieser dann Karrieren  gemacht, die von nachgeborenen Autoren bestaunt, aber wohl nicht  eingeholt werden können. In kurzer Zeit wurde ein mediales  Aufmerksamkeits-Kapital aufgehäuft, das sich bis heute in vielen Fällen  recht mühelos verzinst. Der Unmut mancher jüngerer Schriftsteller über  die Gruppe 47 sollte also niemanden verwundern. Unterschiedlicher können  Autoren-Generationen kaum sein: Die ältere hatte aus dem Krieg einen  ungeheueren Erfahrungsdruck mitgebracht, aber oft wenig literarische  Bildung. Für die heute jungen Autoren hält das Leben gewöhnlich alle  literarischen Bildungschancen bereit, doch nur selten Erfahrungen, die  sich in ihrer Dringlichkeit mit denen der Alten messen können.</p>
<p><strong>Nonkonformisten im Gleichschritt</strong></p>
<p>Zum ideologischen <em>think tank</em> wollte Richter seine Gruppe nie  machen. Er wachte bei den Tagungen eisern darüber, dass sie jede  politische Festlegung vermied – denn das hätte sich als Sprengsatz  erweisen können, der die 47er auseinanderriss. Doch von Beginn an  herrschte in ihren Reihen ein eher sozialistischer als  sozialdemokratischer Konsens, und nachdem die Gruppe zur literarischen  Großmacht aufstieg, beherrschte dieser Konsens lange auch das Klima der  Buchbranche. Die Autoren, die sich in Adenauers Deutschland selbst gern  als Nonkonformisten bezeichneten, hatten einen neuen geistigen  Konformismus geboren, der erst in den neunziger Jahren  auseinanderzubröckeln begann.</p>
<p>Das Ende lässt etwas von Größe und Geist der Gruppe erkennen.  Ungezählte Kulturinstitutionen leben fort und fort, obwohl ihre Funktion  längst erfüllt und ihre Zeit vorbei ist. Richter dagegen rief, nachdem  studentenbewegte Demonstranten 1967 gegen ein Gruppentreffen  protestierten, seine Autoren nicht wieder zusammen. Einige von ihnen  hatten sich gleich eilfertig mit den Demonstranten solidarisiert. Es war  überdeutlich, dass der allmähliche Abstieg der Schriftsteller als  öffentliche Orientierungsfiguren und der Aufstieg anderer Vordenker  begonnen hatte. Da die Gruppe in diesem Augenblick die Kraft zu einem  selbstgezogenen Schlussstrich fand, vermied sie, zu einem Schatten ihrer  selbst zu verkümmern und wurde damit endgültig legendenfähig.</p>
<p><strong>Kraft zum Schlussstrich</strong></p>
<p>Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus alles begann, blieben zu diesem  Zeitpunkt nur noch wenige Jahre. Sie hatte an den Treffen bis 1950 und  ein letztes Mal 1957 teilgenommen. Ihr Gedichtband „september-phase“  erschien 1952, doch gelang es ihr nicht, sich wieder einzufädeln in den  literarischen Betrieb. Sie lebte allein, rauchte viel, schrieb wenig und  starb 1972 in einer psychiatrischen Klinik.</p>
<p>Die Leute vom Bannwaldsee haben ihr eine Woche vor dem 60.  Gründungsjubiläum der Gruppe eine kleine Erinnerungsfeier im Festzelt  ausgerichtet. Der 2.Bürgermeister, ein massiger Mann mit beiden Beinen  sehr fest auf dem Boden, erinnerte sich an sie, die oft auf dem Motorrad  durch den Ort fuhr, als er noch ein Bub war. Danach spielte ein Quartett, wurden einige ihrer Gedichte gelesen, kantige, spröde Verse, die  sich aneinander reiben wie an Sandpapier. Dazu trommelte Regen aufs  Zeltdach, auf die Caravans ringsum und auf das kleine Haus am See mit  seinem großen Dach.</p>
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		<title>Protokoll einer Talkshow über Marcel Reich-Ranicki</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=395</link>
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		<pubDate>Sat, 02 Jun 2012 16:27:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Kerr]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Schlegel]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich Böll]]></category>
		<category><![CDATA[Ludwig Börne]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Walser]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Musil]]></category>

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		<description><![CDATA[Kritik als geistiges Schauspiel Zur Feier des 92. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki wiederholen wir die Aufzeichnung einer Talkshow zu seinen Ehren. Hier das geheime Protokoll der ebenso denkwürdigen wie hochrangig besetzten Sendung, an der Friedrich Schlegel (1772-1829), Ludwig Börne (1786 &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=395">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kritik als geistiges Schauspiel<br />
</strong></h2>
<h3><strong>Zur Feier des 92. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki wiederholen wir die Aufzeichnung einer Talkshow zu seinen Ehren. Hier das geheime Protokoll der ebenso denkwürdigen wie hochrangig besetzten Sendung, an der Friedrich Schlegel (1772-1829), Ludwig Börne (1786 &#8211; 1837) und Alfred Kerr (1867 &#8211; 1948) teilnahmen</strong></h3>
<p><em>Es geht los: Fernsehstudio, Scheinwerfer, Kameras. Auf dem Podium ein  Moderator und drei Talkshowgäste. Als Kulisse Möbelhaus-Regale mit  Möbelhaus-Buchattrappen.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Guten Abend meine Damen und Herren, heute  feiert der wohl bekannteste Kritiker der Gegenwart, Marcel  Reich-Ranicki, seinen 92. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir drei  seiner berühmtesten deutschen Kollegen zum Gespräch eingeladen. Ich darf  vorstellen, von rechts nach links: Friedrich Schlegel (1772 – 1829),  Ludwig Börne (1786 – 1837) und Alfred Kerr (1867 – 1948).</p>
<p><em>Schlegel, Börne, Kerr nicken knapp in die Kamera.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 in Włocławek, Polen, geboren, besuchte ab 1929 in Berlin die Schule…</p>
<p><strong>Kerr</strong> <em>(unterbricht): </em>Was ist das hier? Schulfunk?</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Dafür brauchen Sie uns ja wohl nicht. Das weiß inzwischen jeder. <em>(Steht auf, will gehen).</em></p>
<p><strong>Kerr</strong>: Das weiß jeder Tankwart! Wie Reich-Ranicki so gern sagt. <em>(Will ebenfalls gehen, Börne macht Anstalten, den beiden zu folgen.)</em></p>
<p><strong>Moderator</strong> <em>(verdattert): </em>Aber meine Herren. Was wollen Sie denn?</p>
<p><strong>Kerr:</strong> Fragen. Ernste Fragen.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier.</p>
<p><em>Schlegel, Börne, Kerr lassen sich zurück in ihre Sessel fallen.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong> <em>(eifrig): </em>Also Fragen! Zum Beispiel: Wie konnte Reich-Ranicki die herausragende Position erreichen, die er heute hat?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Blöde Frage.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_397" class="wp-caption alignleft" style="width: 230px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne1.jpg"><img class="size-full wp-image-397" title="220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne1.jpg" alt="" width="220" height="278" /></a><p class="wp-caption-text">Ludwig Börne, Gemälde von Moritz Oppenheim, Öl auf Leinwand (1827)</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Börne</strong>: Das ist viel zu pauschal und undifferenziert  gefragt. Ich will Ihnen trotzdem eine Teilantwort geben: Als  Reich-Ranicki 1958 in die Bundesrepublik kam, hatte die Literatur eine  ganz andere Funktion als heute. Sie war ein Leitmedium mit großem  Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein des Landes. Von der Kultur  erwartete man nach dem Nazi-Desaster politisch-moralische Orientierung.  Reich-Ranicki hat damals in seinen Kritiken oft wie ein Anwalt  argumentiert. Er hat manchen Autoren nachgewiesen, wie tief sie noch –  unbewusst – im Nazi-Denken stecken geblieben waren. Solche Rezensionen  von ihm erschütterten den Kulturbetrieb wie Erdbeben. Dazu machte er,  der eben aus dem Ostblock gekommen war, den ahnungslosen Westdeutschen  klar, was literarisch in der DDR lief und dass dort keineswegs nur  dumpfe Parteischriftsteller schrieben.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Mein lieber Börne, ich verstehe: Ihnen als  dem politischen Zuchtmeister unter den deutschen Großkritikern gefällt  dieser Aspekt an Reich-Ranickis Laufbahn besonders. Aber hinzufügen  sollten Sie, wie wenig Reich-Ranicki sich aus politischen Gründen in  seinem literarischen Urteil beirren ließ. Seine Verrisse von Heinrich  Bölls Romanen sind legendär. Obwohl er Böll politisch verteidigte, ging  er mit ihm literarisch ins Gericht.</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Kritik als geistiges Schauspiel! Großes öffentliches Spektakel. Jeder Artikel ein Drama!</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber andere Kritiker dieser Zeit haben auch politisch argumentiert. Warum wurde gerade Reich-Ranicki so populär?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Der Mann hat sagenhaftes Temperament. Seine  Kritiken sind keine gelehrten Erörterungen, sondern Brandreden. Er ist  ein Volkstribun. Ein Volkstribun der Kritik. So etwas liebt das  Publikum. Ich bin Theaterkritiker. Ich weiß das.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber wurde er von seinem Temperament nicht auch zu Fehlern hingerissen? Hat er nicht auch Autoren verkannt?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Blöde Frage. Natürlich.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Kein Kritiker ist allen Spielarten der  Literatur gewachsen. Dazu ist Literatur viel zu komplex. „Was man sagt,  stimmt nie“, meinte Robert Musil einmal, „das Phänomen ist immer  vielseitiger als die Kritik.“ Also macht jeder Kritiker Fehler. Wie  könnte es anders sein? Wenn selbst Ärzte, Apotheker, Architekten Fehler  machen, warum sollten gerade Kritiker unfehlbar sein? Kerr hielt Brecht  für eine Niete. Schlegel schieb herablassend über Lessings Stücke…</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: …und von Ihnen, lieber Börne, stammt der Satz: „Seit ich fühle, habe ich Goethe gehasst, seit ich denke, weiß ich warum.“</p>
<p><strong>Börne</strong> <em>(mürrisch): </em>Ja, sicher. Wie ich sage:  Kein Kritiker ist unfehlbar. Jeder verkennt irgendwann mal einen Autor.  Wird ein Kritiker so stark wahrgenommen wie Reich-Ranicki, werden auch  seine Fehlurteile stark wahrgenommen. Der Ruhm wirkt wie ein  Vergrößerungsglas. Die Missgriffe unbekannter Kritiker werden  achselzuckend übergangen und vergessen.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber warum hatte und hat Reich-Ranicki  dann so viele Gegner und oft auch Feinde? Erst kürzlich hat Martin  Walser in seinem Tagebuch…</p>
<p><strong>Kerr</strong> <em>(unterbricht): </em>Saublöde Frage.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Verächtlich ist der Kritiker, der keine Feinde hat.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_398" class="wp-caption alignleft" style="width: 93px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/83px-Schlegel1790.jpg"><img class="size-full wp-image-398" title="83px-Schlegel1790" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/83px-Schlegel1790.jpg" alt="" width="83" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Friedrich Schlegel 1790</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Sich Feinde zu machen, gehört zum Handwerk  eines unabhängigen Kritikers. Nur wer so urteilt wie alle anderen  Kritiker auch, hat keine Feinde. Denn der geht ängstlich inmitten der  Herde in Deckung. Aber Deckung hat Reich-Ranicki nie gesucht. Im  Gegenteil. Wer eigenständige und entschiedene Urteile fällt, hat schnell  eine eigenständige und entschiedene Kollektion von Feinden. Bei  Reich-Ranicki kommt aber vielleicht noch ein zweiter Umstand hinzu. Er  selbst hat das beschrieben: Reich-Ranicki zeichnet sich durch eine  Eigenschaft aus, die oft bei Juden auffällt, sei es günstig, sei es  ungünstig, und die zur Folge hat, dass sie, die Juden, für manche  Menschen in ihrer Umgebung nicht so leicht erträglich sind und ihnen  vielleicht sogar auf die Nerven gehen. Was ich meine, lässt sich mit  Worten wie „Intensität“ oder „Heftigkeit“ andeuten. Reich-Ranicki  besitzt Intensität in hohem Maße.</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Intensität? Leidenschaft! Verbunden mit dem festen Glauben an Vernunft und Argument.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber von Politik ist in seinen Kritiken heute keine Rede mehr.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Ja, weil die Welt sich dreht und die Dinge sich wandeln. Und mit ihnen die Literatur.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Spätestens mit den achtziger Jahren hatte  sich die Funktion der Literatur in Deutschland geändert. Die einzige  intellektuelle Gewissheit war nun, dass es keine intellektuellen  Gewissheiten mehr gibt. Dass es nur noch konkurrierende Denkformen gibt,  die alle ein gewisses Recht für sich beanspruchen können. Man hat das  „postmodern“ genannt, aber es sieht manchen Überzeugungen aus meiner  Epoche um 1800 zum Verwechseln ähnlich. Reich-Ranicki hat das gespürt.  Also feierte er die Literatur als ein Vergnügen, als ein ironisches  Spiel, bei dem Weltsichten erprobt werden, der Autor aber augenzwinkernd  zu verstehen gibt, dass man alles das mit gleichem Recht auch aus  anderer Sicht betrachten könnte. Mit Beliebigkeit hat das nichts zu tun.  Denken Sie daran, wie oft er sich trotzdem mit anderen im Literarischen  Quartett in die Haare geriet.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Gut, dass Sie das Quartett ansprechen. Hat er damit die Literaturkritik endgültig an die Fernsehunterhaltung verkauft?</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_399" class="wp-caption alignleft" style="width: 72px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/62px-Alfred_Kerr_by_Lovis_Corinth_1907.jpg"><img class="size-full wp-image-399" title="62px-Alfred_Kerr,_by_Lovis_Corinth,_1907" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/62px-Alfred_Kerr_by_Lovis_Corinth_1907.jpg" alt="" width="62" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Alfred Kerr, porträtiert von Lovis Corinth (1907)</p></div>
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<p><strong>Kerr</strong>: Bravo, das ist Ihre schwachsinnigste Frage.  Das Quartett war Streit um die Literatur vor Kameras. Reich-Ranicki  hatte den Mut und das Talent, das zu inszenieren. Hat bis jetzt kein  anderer gekonnt. Eingehende, gründliche Literaturkritik war das nicht.  Die findet auch weiterhin auf Papier statt. Reich-Ranicki war der erste,  der das betonte. Aber der Kritiker darf neue Medien nicht scheuen. Ich  habe in meiner Zeit das Radio für die Kritik erprobt. Mit Erfolg, es hat  dem Theater Zuschauer gebracht. So wie das Literarische Quartett der  Literatur Leser brachte.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Das Quartett war fabelhaft, weil es  demonstrierte, dass zu jedem Buch mehrere Urteile zugleich möglich sind.  Wenn ein Kritiker schreibt, will er allein seine Ansichten gelten  lassen. Wenn er aber im Quartett mit anderen sprach, musste er sich die  Ansichten der anderen anhören. Den Zuschauern wurde gezeigt, dass es  auch in der Literatur keine Gewissheiten gibt, sondern nur Meinungen. So  lieferte das Literarische Quartett ein Bild seiner Zeit.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Dazu lieferte es einen Beweis: Nämlich wie  lehrreich Fernsehen sein kann, wenn Moderatoren ausnahmsweise etwas vom  Thema ihrer Sendung verstehen. <em>(Sieht den Moderator an.) </em>Reich-Ranicki  hat Beispielloses geleistet für Literatur und Kritik in Deutschland.  Nicht zuletzt hat er immer wieder an uns, an die Kollegen Schlegel, Kerr  und mich erinnert. Weshalb es für uns ein Leichtes war, diese Talkshow  unter anderem mit Worten zu bestreiten, die er über uns schrieb oder aus  unseren Werken zitierte.</p>
<p><em>Der Moderator schwitzt, gibt der Regie ein Zeichen, die Kamera schwenkt auf die Buchattrappen, der Abspann beginnt.</em></p>
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		<title>Der vergessene Dichter Wolfgang Bächler</title>
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		<pubDate>Thu, 24 May 2012 06:42:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten Vor fünf Jahren starb der ebenso hochbegabte wie unglückliche Schriftsteller Wolfgang Bächler. Er war eines der größten lyrischen Talente der Nachkriegsjahre und zugleich ein spätes Opfer des Zweiten Weltkriegs. Erinnerungen an einen Vergessenen &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=349">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
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<h2><strong>Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten</strong></h2>
<h3><strong>Vor fünf Jahren starb der ebenso hochbegabte wie unglückliche Schriftsteller Wolfgang Bächler. Er war eines der größten lyrischen Talente der Nachkriegsjahre und zugleich ein spätes Opfer des Zweiten Weltkriegs. Erinnerungen an einen Vergessenen<br />
</strong></h3>
<div id="attachment_354" class="wp-caption alignleft" style="width: 124px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/Bächler1.jpg"><img class="size-full wp-image-354" title="Bächler" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/Bächler1.jpg" alt="" width="114" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Türen aus Rauch&quot;. Gedichte. Verlag Buch &amp; Media. 19 Euro</p></div>
<p>Talent und Tragödie sind mitunter Nachbarn. Bei kaum einem anderen  Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur lässt sich diese  traurige Konstellation so deutlich studieren wie bei Wolfgang Bächler.  1925 in Augsburg geboren, wurde er achtzehnjährig in Wehrmacht  eingezogen, schon bald darauf in Frankreich schwer verwundet und geriet  in Gefangenschaft. Bereits seine ersten, nach Kriegsende noch in  Zeitschriften verstreut veröffentlichten Gedichten verschafften ihm den  Ruf, einer der wesentlichen neuen Autoren der Zeit zu sein. Kein Zufall, dass er, als sich die Gruppe 47 unter Hans Werner Richter  zusammenfand, als jüngster Autor zum Gründungstreffen eingeladen wurde.</p>
<p>Als dann 1950 sein erster Gedichtband <em>Die Zisterne</em> erschien, war  dies ein Ereignis. Gottfried Benn schrieb damals: „Wolfgang Bächler  gehört zu den ganz wenigen neuen Lyrikern, die mich interessieren, an  deren Weg ich glaube. Er hat persönliches Erleben und Mut zu offener,  sammelnder wie zerstörerischer Form…“. Und Thomas Mann nannte ihn einen  Dichter mit „echter Lebensinbrunst“, der „viel von der Qual und  Zerrüttung der Zeit“ in seinen Versen eingefangen habe.</p>
<p>In jenen Jahren stellte man Bächler ganz selbstverständlich auf eine  Stufe mit Lyrikern wie Günter Eich, Paul Celan oder Ingeborg Bachmann.  Er brachte die Erfahrungen seiner Generation poetisch zur Sprache. Einer  Generation, deren kindlicher Idealismus von den Nationalsozialisten  missbraucht worden war und die, als sie von den Schlachtfeldern  zurückkehrten, nur noch Trümmerlandschaften sowohl materieller wie  moralischer Art vorfanden. „Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten“,  heißt es in einem seiner frühen Gedichte, „die Wiesen grünen wieder Jahr  für Jahr. / Die Qualen bleiben, die wir einst erlitten, / ins Antlitz,  in das Wesen eingeschnitten. / In unsren Träumen lebt noch oft, was  war.“</p>
<p>Aus seinen Gedichten sprachen vor allem der Schock des Krieges und  die Erkenntnis, dass letztlich nicht nur die Opfer, sondern auch die  Täter den zerstörerischen Folgen der Gewalt nicht entgehen. Wenn es so  etwas wie einen pazifistischen Grundkonsens in jenen frühen Jahren der  Bundesrepublik gab, fand er nicht zuletzt in der Lyrik Bächlers seinen  literarischen Ausdruck. Das Gedicht wurde dabei für ihn eine Art bessere  Gegenwelt, es war für ihn, wie er schrieb, „der einzige Weg zu  Augenblicken des Glücks und der Befreiung, zu einer Ordnung und Lösung,  die Freiheit schafft.“</p>
<p>Doch: Die Verletzungen des Kriegs reichen tief, und nicht wenige  fallen ihnen noch lange</p>
<div id="attachment_357" class="wp-caption alignright" style="width: 154px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerSchlaf.jpg"><img class="size-full wp-image-357" title="BächlerSchlaf" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerSchlaf.jpg" alt="" width="144" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Im Schlaf&quot;. Traumprosa. S.Fischer Verlag. 16 Euro</p></div>
<p>nach der Heimkehr zum Opfer. Ab Mitte der  fünfziger Jahre begann Bächler unter schweren Depressionen zu leiden,  abgelöst von manischen Phasen. Ein zermürbendes Auf und Ab begann, dass  ihn bis zu seinem Tod nicht mehr verließ, und dass seine literarische  Arbeitkraft immer mehr einschränkte. Er versank mal wie gelähmt in sich  selbst und wurde dann wieder zu einem überreizten Sucher, zu einem  fieberhaft Getriebenen, der nirgends mehr Ruhe finden konnte. Die zehn  besten Jahre, die ihm noch blieben, lebte er, mit einer Französin  verheiratet, in Frankreich. 1967 kehrte er nach Deutschland zurück und  verbrachte, wenn er nicht ärztliche Hilfe benötigte, viel Zeit auf  ausgedehnten Reisen.</p>
<p>„Ich wechselte noch oft die Städte und die Länder“, schrieb er in  seinem Prosaband <em>Stadtbesetzung</em> (1979), „ich sah mich auch, der  beiderseitigen Propaganda misstrauend, hinter dem eisernen Vorhang um,  zuerst von Peter Huchel und Stephan Hermin eingeladen, dann auch von  Brecht, Bloch und Lukács angezogen und von der Wirklichkeit, die so sehr  zu ihren Ideen kontrastierte, enttäuscht. Ich führte ein schweigendes  Leben, schlug meine Zelte häufig auf und ab, ein unsteter  Einzimmerbewohner, kurzum ein unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher  Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten kann  und Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur  Verzweiflung bringt.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg sprachen viele Deutsche von ihrem Vertriebenenschicksal &#8211; was Wolfgang Bächler von seinem Leben blieb, war ein Getriebenenschicksal. Zumindest in den manischen Phasen seiner Krankheit. In den depressiven Phasen versank er in sich und in der Sprachlosigkeit.</p>
<p>Aus therapeutischen Gründen, aber auch um ein urpoetische Terrain auf  seine Weise zu erkunden, begann Bächler von den fünfziger Jahren an bis  in die achtziger Jahre hinein seine Träume zu notieren. Diese  Kurzprosastücke von einer oft erschreckender Illusionslosigkeit wurden  in den Bänden <em>Traumprotokolle</em> (1972) und <em>Im Schlaf</em> (1988)  zusammengefasst: Finstere Nachrichten aus einer labyrinthischen Welt  voller Schrecken und ohne jede Zuflucht.</p>
<p>Der oft als herzlos gescholtene Kulturbetrieb hat manches getan, um  Bächlers Los zu erleichtern. Martin Walser und Michael Krüger vor allem  setzten sich als literarische Fürsprecher für ihn ein. Regisseure wie  Fassbinder, Werner Herzog und Volker Schlöndorff gaben ihm kleine Rollen  in ihren Filmen. Am 24. Mai 2007 starb Wolfgang Bächler im Alter von 82 Jahren in  München.</p>
<div id="attachment_355" class="wp-caption alignleft" style="width: 118px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerKopf.jpg"><img class="size-full wp-image-355" title="BächlerKopf" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerKopf.jpg" alt="" width="108" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Von einem der auszog, sich köpfen zu lassen&quot; S.Fischer Verlag. 14 Euro</p></div>
<p>1990 gehörte ich zu den Menschen, die Bächler &#8211; nach seinen eigenen Worten &#8211; &#8220;durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung&#8221; brachte. Ich war Lektor des Frankfurter S. Fischer Verlags geworden und fand unter den Manuskripten, die mir mein Vorgänger hinterlassen hatte, Bächlers Roman <em>Von einem, der auszog, sich köpfen zu lassen</em>. Ein großartiges kleines Buch, das den Geist der unmittelbaren Nachkriegszeit atmete. Allerdings hatte es eine Schwäche: Es war nicht fertig. Ich besuchte Bächler in München, sprach lange mit ihm über den Text, beschwor ihn, die Geschichte zu Ende zu schreiben, schmeichelte ihm, flehte ihn an, drängte ihn, wurde ärgerlich, unterdrückte meinen Ärger, lag vor ihm auf den Knien. Er saß in einer winzigen Wohnung, umgeben von alten Büchern, alten Bildern und quälenden Erinnerungen. Er schaute auf den jungen Mann, der auf ihn einredete wegen eines Romanmanuskripts und der tatsächlich keine größeren Sorgen zu haben schien, als die Termine der Druckerei. Schließlich lieferte er ein paar abschließende Sätze, doch kamen sie mir mehr vor wie eine unduldsame Geste der Gegenwart gegenüber, die ihn aus einer ihm unendlich viel wichtigeren Vergangenheit herauszureißen versuchte. Das Buch erschien, wurde von der Gegenwart kaum bemerkt, und Wolfgang Bächler kehrte in seine Vergangenheit zurück, die ihn nie losließ.</p>
</div>
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