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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Friedrich Dürrenmatt</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Büchnerpreis 2014 für Jürgen Becker</title>
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		<pubDate>Fri, 30 May 2014 12:53:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
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		<description><![CDATA[Ängstlich und bedenkenträgerisch Heute gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt bekannt, den Georg-Büchnerpreis in diesem Jahr dem Kölner Lyriker und Prosaautor Jürgen Becker zu verleihen. Was ist von dieser Entscheidung zu halten? Als Friedrich Dürrenmatt 1986 &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=990">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Ängstlich und bedenkenträgerisch<br />
</strong></h2>
<h3><strong>Heute gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt bekannt, den Georg-Büchnerpreis in diesem Jahr dem Kölner Lyriker und Prosaautor Jürgen Becker zu verleihen. Was ist von dieser Entscheidung zu halten?</strong></h3>
<p>Als Friedrich Dürrenmatt 1986 den Büchnerpreis erhielt, sagte er bei einer der vielen Reden, die ein Büchnerpreisträger halten muss: &#8220;Preise bekommt man immer erst dann, wenn man keine mehr braucht.&#8221;</p>
<div id="attachment_992" class="wp-caption alignleft" style="width: 295px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/05/J%C3%BCrgenBecker.jpg"><img class="size-full wp-image-992" title="JürgenBecker" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/05/J%C3%BCrgenBecker.jpg" alt="" width="285" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Jürgen Becker: &quot;Wie es weiterging. Ein Durchkang - Prosa aus fünf Jahrzehnten&quot;. Suhrkamp Verlag. 21,95 Euro</p></div>
<p>Nun kann jeder Schriftsteller Preise gebrauchen, und Jürgen Becker wird für die Verwendung der Preissumme von 50.000 Euro auch etwas gutes einfallen. Da bin ich mir sicher. Gemeint hat der damals 65-igjährige Dürrenmatt mit seinem Satz aber wohl etwas anderes. Für einen etablierten Autor im Rentenalter hat ein Preis eine andere Bedeutung, als für einen jungen Autor, der noch um Anerkennung für seine Arbeit kämpfen muss. Hier kann ein wichtige Auszeichnung zugleich zu einer wichtigen Zäsur im Lebensweg und im Werk des Schriftstellers werden.</p>
<p>In der Satzung des Büchnerpreises heißt es: &#8220;Zur Verleihung können Schriftsteller und Dichter vorgeschlagen werden, die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben.&#8221;</p>
<p>Ich kenne Jürgen Becker ein wenig, er ist ein ungemein sympathischer Mann und ich freue mich für ihn, wenn er im Herbst den Büchnerpreis entgegennehmen kann. Aber bei allem Freude &#8211; ich würde nie behaupten, dass sein Werk &#8220;an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil&#8221; hat. Seine Bücher waren in den sechziger und siebziger Jahren wichtig. Vielleicht hätte man ihm in diesen Jahren den Büchnerpreis geben sollen.</p>
<p>Der Büchnerpreis hatte seine beste Zeiten den sechziger Jahren, als einige sehr frühe und mutige Entscheidungen getroffen wurden: Enzensberger, Bachmann, Grass erhielten die Auszeichnung in aufeinander folgenden Jahren (1963 &#8211; 1965), obwohl sie erst Mitte Dreißig waren. Wenn die Akademie heute den Mut hätte, sich unter den Mitte Vierzigjährigen umzuschauen, würden mir Daniel Kehlmann, Ingo Schulze, Judith Herrmann oder &#8211; postum &#8211; Wolfgang Herrndorf einfallen. Mag sein, dass die literarischen Fähigkeiten dieser Autoren nicht grenzenlos sind. Aber das sind die von Jürgen Becker oder Walter Kappacher (Büchnerpreis 2009) auch nicht. Aber die jüngeren Autoren haben einen spürbaren Einflüss auf die Gegenwartsliteratur &#8211; wie es die Büchnerpreis-Satzung verlangt. Und für sie und ihre weitere literarische Arbeit hätte diese Auszeichnung eine außerordentlich hohe Bedeutung.</p>
<p>Die diesjährige Entscheidung der Akademie ist ängstlich und bedenkenträgerisch. Mag sein, dass die Jury wegen ihrer Entscheidung für Sibylle Lewitscharoff im vergangenen Jahr (nach der &#8220;Halbwesen&#8221;-Rede Lewitscharoffs) Kritik einstecken musste. Aber ich halte es für viel angemessener, einem umstrittenen Autor den <strong>Büchner</strong>preis zuzuerkennen, als einem vollkommen Unumstrittenen, dessen Werk in der Literaturgeschichte eine größere Rolle spielt als in der literarischen Gegenwart.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Guppe 47 geht in Pension</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 05:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ortsbesichtigung. Atlas der Autoren]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Andersch]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Döblin]]></category>
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		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
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		<category><![CDATA[Wolfdietrich Schnurre]]></category>

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		<description><![CDATA[Kleines Haus, großes Dach Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt. Eine Ortsbesichtigung Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kleines Haus, großes Dach</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt.</strong></h3>
<h3><strong> Eine Ortsbesichtigung</strong></h3>
<p>Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder am  Hennenkopf. Was sind schon sechzig Jahre für Felsriesen wie sie.  Ansatzlos steigen sie aus den Feldern um den Bannwaldsee auf fast  zweitausend Meter. Auch an St. Coloman, der Wallfahrtskirche, dürfte  sich wenig verändert haben. Unwirklich schön steht sie in ihrer barocken  Pracht samt Zwiebelturm inmitten der sattgrünen Wiesen vor dem  Alpenhorizont. Aber sonst. Sonst ist nichts wie damals. Vermutlich lässt  sich Vergänglichkeit nicht eindringlicher spürbar machen als durch die  Verwandlung eines einst wichtigen, vielleicht historischen Ortes in  einen Campingplatz.</p>
<p>Hier haben selbst die Häuser Räder. Hier ist alles beweglich,  flüchtig, immer auf dem Sprung, hier bleibt nichts. Vielleicht ist das  ja das passende architektonische Symbol für eine Epoche, die  Flexibilität, Tempo, eifrigen Wandel zu ihren Lieblingstugenden zählt:  der Campingplatz. In einem der wenigen festen Häuser hier, das sich  dreißig Meter vorm Bannwaldsee unter sein Dach duckt wie unter einen zu  großen Hut und das heute von Caravans umzingelt ist, kamen vor sechzig  Jahren acht Männer, zwei Frauen und drei Paare für ein Wochenende  zusammen, um sich aus ihren Manuskripten vorzulesen. Und um über das  Gelesene zu reden. Mehr nicht.</p>
<div id="attachment_661" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus.jpg"><img class="size-medium wp-image-661" title="Gruppe47Haus" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das Haus am Bannwaldsee: Ort des ersten Treffens der Gruppe 47 am 6. und 7. September 1947 (Rs-Foto)</p></div>
<p>Bald nannten sie sich Gruppe 47, verabredeten sich wieder in  wechselnden Besetzungen an wechselnden Orten – auch sie beweglich, immer  auf dem Sprung. Ihre Treffen wuchsen in wenigen Jahren zu der  dominierenden literarischen Institution der Bundesrepublik heran. Der  Aufstieg Heinrich Bölls begann mit dem Preis der Gruppe, der unbekannte  Günter Grass las vor ihr aus seiner „Blechtrommel“ und war am Tag danach  ein Schriftsteller mit Weltruhm.</p>
<p><strong>Trainingslager der Demokratie ?</strong></p>
<p>Die Debatten über die Gruppe finden bis heute kein Ende. Sie wird  gefeiert und verteufelt, mal ist sie eine der unersetzlichen  Pflanzschulen demokratischen Geistes in der jungen Bundesrepublik, mal  eine Versammlung unbewusst antisemitischer Alt-Landser mit Neigung zum  literaturpolitischen Machiavellismus. Auch das Hin- und Herwogen unserer  Meinungen legt beachtliches Tempo vor.</p>
<p>„Unterkunft für 10 Personen ab 6.September reserviert“, telegrafierte  Ilse Schneider-Lengyel am 25. August 1947 an Hans Werner Richter. Sie  war Lyrikerin, Fotografin, Ethnologien und vor den Nazis emigriert.  Zurückgekehrt suchte sie im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an  den Kulturbetrieb. Sie schrieb für Richters „Ruf“ und als der die  Zeitschrift „Skorpion“ plante und künftige Mitarbeiter zu einer Art  gemeinsamer Lektoratssitzung zusammenholen wollte, bot sie ihm ihr Haus  am Bannwaldsee als Treffpunkt an. Sie hatte in den zwanziger Jahren bei  dem Bauhaus-Lehrer Lászlo Moholy-Nagy studiert und in Paris einige der  großen Surrealisten kennengelernt. Manche ihre Gedichte quollen über vor  surrealistischen Bildern – jede Zeile ein Seziertisch, auf dem sich  Nähmaschine und Regenschirm begegnen. Sie muss sich empfindlich fremd  gefühlt haben, zwischen den jungen Leuten, die ihr da ins Haus kamen und  auf Hitlers Schulen von der Moderne nichts gehört hatten.</p>
<p><strong>Häuptling Richter</strong></p>
<p>Niemand wird behaupten wollen, Hans Werner Richter, der zum  unumstrittenen Spiritus movens, zum „Chef“ und „Häuptling“ der Gruppe  wurde, habe je einen objektiven Blick auf ihre Mitglieder gehabt. Aber  zumindest deren Anfänge hat er nie beschönigt. Später nannte er die  Autoren, die er an den Bannwaldsee eingeladen hatte, „literarische  Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens“. Unter dem Vorgelesenen  gab es „keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge,  dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung  verratend.“</p>
<p>Sofort jedoch erblickte das später legendäre Ritual der Gruppe das  Licht der Welt: Die Lesung auf dem gefürchteten „Elektrischen Stuhl“  samt unmittelbar folgender, wenig schonungsvoller Stehgreif-Kritik, wie  sie bis heute im Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis fortlebt.  „Es gibt“, erinnerte sich Richter, „keine Zwischenrufe, keine  Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweils  Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach  der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sage ich: ‚Ja, bitte  zur Kritik. Was habt ihr dazu zu sagen?’ Und nun beginnt, was keiner in  dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau,  die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor  den Mund.“</p>
<p><strong>Das Wunder der Gruppe 47</strong></p>
<p>Zum Rätsel, zum Wunder der Gruppe 47 gehört, wie es ihr gelang, aus  diesen zufälligen, dürftigen Anfängen zur machtvollsten Vereinigung des  bundesdeutschen Literaturbetriebs zu werden. Bis heute hat keine  Akademie, kein Schriftstellerverband oder PEN-Club je wieder ihre  Ausstrahlungskraft erreicht. Hans Werner Richter, dieses – wie Grass es  nannte – „Genie der Freundschaft“, verstand es, eine nachwachsende Elite  von Autoren und Kritikern an die Gruppe zu binden. Grass, Böll,  Schnurre, Alfred Andersch, Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser,  Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Walter Jens, Hans Mayer, Marcel  Reich-Ranicki, Joachim Kaiser.</p>
<p>Natürlich gab es in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auch eine  deutsche Literatur jenseits der Gruppe 47. Die großen Emigranten, Thomas  Mann, Döblin, Brecht hatten sie als Podium nicht nötig und hätten sich  eher die Zunge abgebissen, als für sie zu lesen. Auch jüngere Autoren  wie Max Frisch oder Dürrenmatt machten ohne sie ihren Weg. Arno Schmidt  weigerte sich, vor der Gruppe aufzutreten, obwohl Gerüchte umgingen, er  stünde als ihr Preisträger so gut wie fest: „Ich eigne mich nicht als  Mannequin.“</p>
<p>Man war für die Gruppe, man war gegen sie, wichtige Kritiker wie  Friedrich Sieburg bekämpften sie. Aber gleichgültig ließ sie niemanden.  Sie polarisierte die gesamte Buchbranche und rückte schon deshalb immer  mehr in deren Mittelpunkt.</p>
<p><strong>Wanderzirkus der Literatur</strong></p>
<p>Zu den Erfolgsgeheimnissen der Gruppe zählt das Desaster, das die  Nazis hinterlassen hatten. Nie zuvor waren Land und Kulturbetrieb so  gründlich zerstört, nie war das Bedürfnis nach moralischer  Wiederaufrichtung so groß. Doch in zwölf Jahren Diktatur hatte sich das  alte literarische Leben desavouiert, es gab keine kulturelle Metropole  mehr, keine eingeübten Mechanismen, über die Autoren zu Verlegern  fanden, keine Orientierungspunkte, an denen Kritiker ihr Urteil hätten  schärfen können. Da bot sich die Gruppe als Treffpunkt an, als  Drehscheibe, als luftiges Wanderzentrum, in dem der Literaturbetrieb  sich neu finden und erfinden konnte.</p>
<p>Wie für Gründerzeiten üblich, wurden auch in dieser dann Karrieren  gemacht, die von nachgeborenen Autoren bestaunt, aber wohl nicht  eingeholt werden können. In kurzer Zeit wurde ein mediales  Aufmerksamkeits-Kapital aufgehäuft, das sich bis heute in vielen Fällen  recht mühelos verzinst. Der Unmut mancher jüngerer Schriftsteller über  die Gruppe 47 sollte also niemanden verwundern. Unterschiedlicher können  Autoren-Generationen kaum sein: Die ältere hatte aus dem Krieg einen  ungeheueren Erfahrungsdruck mitgebracht, aber oft wenig literarische  Bildung. Für die heute jungen Autoren hält das Leben gewöhnlich alle  literarischen Bildungschancen bereit, doch nur selten Erfahrungen, die  sich in ihrer Dringlichkeit mit denen der Alten messen können.</p>
<p><strong>Nonkonformisten im Gleichschritt</strong></p>
<p>Zum ideologischen <em>think tank</em> wollte Richter seine Gruppe nie  machen. Er wachte bei den Tagungen eisern darüber, dass sie jede  politische Festlegung vermied – denn das hätte sich als Sprengsatz  erweisen können, der die 47er auseinanderriss. Doch von Beginn an  herrschte in ihren Reihen ein eher sozialistischer als  sozialdemokratischer Konsens, und nachdem die Gruppe zur literarischen  Großmacht aufstieg, beherrschte dieser Konsens lange auch das Klima der  Buchbranche. Die Autoren, die sich in Adenauers Deutschland selbst gern  als Nonkonformisten bezeichneten, hatten einen neuen geistigen  Konformismus geboren, der erst in den neunziger Jahren  auseinanderzubröckeln begann.</p>
<p>Das Ende lässt etwas von Größe und Geist der Gruppe erkennen.  Ungezählte Kulturinstitutionen leben fort und fort, obwohl ihre Funktion  längst erfüllt und ihre Zeit vorbei ist. Richter dagegen rief, nachdem  studentenbewegte Demonstranten 1967 gegen ein Gruppentreffen  protestierten, seine Autoren nicht wieder zusammen. Einige von ihnen  hatten sich gleich eilfertig mit den Demonstranten solidarisiert. Es war  überdeutlich, dass der allmähliche Abstieg der Schriftsteller als  öffentliche Orientierungsfiguren und der Aufstieg anderer Vordenker  begonnen hatte. Da die Gruppe in diesem Augenblick die Kraft zu einem  selbstgezogenen Schlussstrich fand, vermied sie, zu einem Schatten ihrer  selbst zu verkümmern und wurde damit endgültig legendenfähig.</p>
<p><strong>Kraft zum Schlussstrich</strong></p>
<p>Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus alles begann, blieben zu diesem  Zeitpunkt nur noch wenige Jahre. Sie hatte an den Treffen bis 1950 und  ein letztes Mal 1957 teilgenommen. Ihr Gedichtband „september-phase“  erschien 1952, doch gelang es ihr nicht, sich wieder einzufädeln in den  literarischen Betrieb. Sie lebte allein, rauchte viel, schrieb wenig und  starb 1972 in einer psychiatrischen Klinik.</p>
<p>Die Leute vom Bannwaldsee haben ihr eine Woche vor dem 60.  Gründungsjubiläum der Gruppe eine kleine Erinnerungsfeier im Festzelt  ausgerichtet. Der 2.Bürgermeister, ein massiger Mann mit beiden Beinen  sehr fest auf dem Boden, erinnerte sich an sie, die oft auf dem Motorrad  durch den Ort fuhr, als er noch ein Bub war. Danach spielte ein Quartett, wurden einige ihrer Gedichte gelesen, kantige, spröde Verse, die  sich aneinander reiben wie an Sandpapier. Dazu trommelte Regen aufs  Zeltdach, auf die Caravans ringsum und auf das kleine Haus am See mit  seinem großen Dach.</p>
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