<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; F.K. Waechter</title>
	<atom:link href="http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;tag=f-k-waechter" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://blog.uwe-wittstock.de</link>
	<description>Über Literatur und Literaten</description>
	<lastBuildDate>Fri, 19 Dec 2025 08:01:46 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.5</generator>
		<item>
		<title>F.W.Bernstein alias Fritz Weigle zum Geburtstag</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2169</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2169#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 04 Mar 2017 17:11:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Jarry]]></category>
		<category><![CDATA[F.K. Waechter]]></category>
		<category><![CDATA[F.W. Bernstein]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Valentin]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Gernhardt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2169</guid>
		<description><![CDATA[Der allerschärfste Kritiker der Elche Um ein Haar hätte ich es verpasst. Aber F.W. Bernstein feiert heute Geburtstag, und zwar den 79. Eine gute Gelegenheit den Grandseigneur des Grotesken nach besten Kräften zu feiern. Hier meine Verbeugung vor dem Nonsens-Lyriker &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2169">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Der allerschärfste Kritiker der Elche</strong></h1>
<div>
<h2><strong>Um ein Haar hätte ich es verpasst. Aber F.W. Bernstein feiert heute Geburtstag, und zwar den 79. Eine gute Gelegenheit den Grandseigneur des Grotesken nach besten Kräften zu feiern. Hier meine Verbeugung vor dem Nonsens-Lyriker und Absurditäts-Dramatiker und Bildergeschichten-Zeichner und Gentleman und großartigen Künstler im komischen Fach:</strong></h2>
<div id="attachment_2170" class="wp-caption alignright" style="width: 271px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/47024193z.jpg"><img class="size-full wp-image-2170" title="47024193z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/47024193z.jpg" alt="" width="261" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Seine taufrischen Gedichte, gerade eben erst erschienen: F.W.Bernstein &quot;Frische Gedichte&quot; Kunstmnann Verlag. 18 Euro</p></div>
<p>Es gibt nur wenige, aber Fritz Weigle, genannt F.W. Bernstein, ist einer davon, einer von jenen freien Geistern, die soviel Talent, Verstand und Glück haben, dass sie sich nie in irgendein Schema fügen müssen und allen Zwängen die Zunge rausstrecken können. Der Zeichner, Karikaturist, Cartoonist, Dichter, Dramatiker Bernstein gehört zu den fabelhaft Vielfachbegabten der inzwischen legendären Neuen Frankfurter Schule.</p>
<p>Er hat einen entscheidenden Teil seiner Biografie im tänzelnden Gleichschritt mit Robert Gernhardt verbracht. Geboren in Göppingen, traf er Gernhardt 1956, studierte mit ihm in Stuttgart und Berlin, wurde im Doppelpack mit ihm 1964 als Redakteur für das Satiremagazin &#8220;Pardon&#8221; engagiert, veröffentlichte mit ihm den Lyrikband &#8220;Besternte Ernte&#8221; und dazu noch mit Gernhardt und F.K. Waechter die ebenso hochkomische wie fiktive Biografie &#8220;Die Wahrheit über Arnold Hau&#8221;.</p>
<p>Neben seiner künstlerischen Karriere verfolgte Bernstein, anders als das übrige Neue Frankfurter Schulpersonal, auch eine bürgerliche Laufbahn. Er begann Mitte der Sechzigerjahre als Kunsterzieher, schrieb über seine einschlägigen Erfahrungen &#8220;Die Lehrprobe&#8221;, einen satirischen &#8220;Report aus dem Klassenzimmer&#8221;, wechselte dann an die Pädagogische Hochschule in Göttingen, bevor er 1984 die deutschlandweit einzige Professur für Karikatur und Bildergeschichte an der Kunsthochschule in Berlin übernahm.</p>
<div id="attachment_2171" class="wp-caption alignleft" style="width: 275px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/06438671z.jpg"><img class="size-full wp-image-2171" title="06438671z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/06438671z.jpg" alt="" width="265" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">F.W.Bernstein / Robert Gernhardt: &quot;Besternte Ernte&quot;. Fischer Taschenbuch Verlag. 7,95 Euro</p></div>
<p>Aber auch den Zwängen einer solchen akademischen Existenz entzog er sich schließlich wieder und gab sein Amt 1999 auf. Als Praktiker und Pädagoge eines Zeichnens, das auf die Lachlust zielt, ist es ihm gelungen, die Grundlagen dieser Kunst auf das nach ihm benannte Bernsteinsche &#8220;Gesetz von den drei großen G der Karikatur&#8221; zu bringen: &#8220;Gritik, Gomik und Graphik&#8221;. Entgangen ist ihm dabei allerdings ein vierter entscheidender G-Faktor, nämlich: Graft. Bernstein ist mit Stift, Kreide, Pinsel unermüdlich, arbeitet buchstäblich pausenlos, und hat allein oder in Zusammenarbeit mit anderen eine schier unübersehbare Zahl von Büchern herausgegeben oder illustriert. Vor allem &#8220;Bernsteins Buch der Zeichnerei&#8221;, ein, wie es im Untertitel heißt, &#8220;Lehr-, Lust-, Sach-, und Fach-Buch sondergleichen&#8221;, ist eine so umfassende wie inspirierende Einführung in die Geheimnisse der Karikatur.</p>
<p>Als Dichter ist Bernstein ein Meister der Nonsens-Lyrik. &#8220;Horch – ein Schrank geht durch die Nacht, / voll mit nassen Hemden … / den hab ich mir ausgedacht, um euch zu befremden.&#8221; Er ist ein Sprachjongleur, der die formalen Ansprüche der Gattung leichthändig erfüllt, auf deren hartnäckige Tendenz zur Sinnstiftung aber allemal mit der Freude an der Unsinnstiftung antwortet. &#8220;Erwin aus der Unterschicht / liebt die Oberklasse nicht. / Doch vom Chef die Tochter / sah er gern und mocht er.&#8221;</p>
<div id="attachment_2172" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/08349741z.jpg"><img class="size-full wp-image-2172" title="08349741z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/08349741z.jpg" alt="" width="200" height="332" /></a><p class="wp-caption-text">F.W.Bernstein: &quot;Der Untergang Göttingens und andere Kunststücke in Wrt &amp; Bld&quot;. Herausgegeben von Peter Köhler. Salzwerk Verlag. 15 Euro</p></div>
<p>Seinem poetischen Genie verdankt die Neue Frankfurter Schule nicht zuletzt ihren heute wohl bekanntesten und geflügeltsten Zweizeiler: &#8220;Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.&#8221;</p>
<p>Eine ganz eigene, schwer vergleichbare Form der Komik hat Bernstein mit seinen kurzen &#8220;Dramen in unordentlichem Zustand&#8221; für sich erobert. Sie versetzen den Leser in eine aberwitzige Welt, die irgendwo zwischen den literarischen Ländereien von Karl Valentin und Alfred Jarry angesiedelt ist. Ob da ein Städter mit Sehnsucht nach dem Landleben vor einem strengen bäurischen Prüfer eine Dialektprüfung ablegen muss, ob ein Starpianist namens Franz Liszt sich von einem Reporter nach seinen Geliebten befragen lassen muss oder ob ein Ministerialdirektor fröhlich die komplette Vernichtung Göttingens organisiert – die Stücke sind allesamt von betörend verwirrendem Witz.</p>
<p>Zum Ungewöhnlichen des Künstlers F.W. Bernstein gehört, dass er nicht nur von den Zwängen der literarischen Sinnstiftung oder des bürgerlichen Karriere-Ehrgeizes frei zu sein scheint, sondern auch von jenem Drang zum Ruhm, der so viele Künstler lebenslang quält. Anstatt von Kollegen, Kritikern oder Publikum mit der Besessenheit des Egozentrikers Anerkennung einzufordern, ist ihm die so menschenfreundliche Fähigkeit zur Bewunderung gegeben. Fast nie spricht er von der eigenen Arbeit, umso häufiger stimmt er Hymnen der Begeisterung und des Lobes auf andere an. Er ist ein Gentleman des Gags, ein Grandseigneur des Grotesken, der nichts so sehr genießt wie &#8220;die Lust, sich über die Wirklichkeit lustig zu machen.&#8221;</p>
<div id="attachment_2173" class="wp-caption aligncenter" style="width: 331px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/34511552z.jpg"><img class="size-full wp-image-2173" title="34511552z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2017/03/34511552z.jpg" alt="" width="321" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">W.P. Fahrenberg (Hrsg.): &quot;Meister der komischen Kunst: F.W.Bernstein&quot;. Kunstmann Verlag. 16 Euro</p></div>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;p=2169</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wehmütiger Rückblick auf 2001-Kultur</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=580</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=580#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 27 Jul 2012 09:31:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Arno Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Bertolt Brecht]]></category>
		<category><![CDATA[F.K. Waechter]]></category>
		<category><![CDATA[F.W. Bernstein]]></category>
		<category><![CDATA[Franz Kafka]]></category>
		<category><![CDATA[Gilbert Shelton]]></category>
		<category><![CDATA[Gunter Rambow]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Kraus]]></category>
		<category><![CDATA[Lutz Kroth]]></category>
		<category><![CDATA[Lutz Reinecke]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Proust]]></category>
		<category><![CDATA[Pit Knorr]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Crump]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Gernhardt]]></category>
		<category><![CDATA[Siegfried Unseld]]></category>
		<category><![CDATA[Walter Treumann]]></category>
		<category><![CDATA[William Shakespeare]]></category>
		<category><![CDATA[Wolf Wondratschek]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.uwe-wittstock.de/?p=580</guid>
		<description><![CDATA[Kafka komplett zum Preis einer Packung Kaffee Der Verlag und Versand “Zweitausendeins” steht für eine ganz besondere, eigenwillige Medien-Kultur. Man kann in ihr so etwas wie den strikt antiautoritären und lebenslustigen Gegenentwurf zur vielgerühmten &#8220;Suhrkamp-Kultur&#8221; der alten Bundesrepublik sehen. Gestern &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=580">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Kafka komplett zum Preis einer Packung Kaffee</strong></h2>
<h3><strong>Der Verlag und Versand “Zweitausendeins” steht für eine ganz besondere, eigenwillige Medien-Kultur. Man kann in ihr so etwas wie den strikt antiautoritären und lebenslustigen Gegenentwurf zur vielgerühmten &#8220;Suhrkamp-Kultur&#8221; der alten Bundesrepublik sehen. Gestern wurde bekannt, dass &#8220;Zweitausendeins&#8221; bis Ende 2016 alle seine Buchhandlungen schließen will/muss. Das Unternehmen wird sich auf den Buchversand konzentrieren. Hier ein Rückblick auf die &#8220;2001&#8243;-Kultur nicht ohne Nostalgie.</strong></h3>
<p>Natürlich wollen Verleger bedeutende Bücher machen, Bücher von denen  man noch nach Jahren spricht. Natürlich müssen Verleger ihre Bücher  verkaufen können, müssen fähig sein, aus Geist Geld zu machen. In  Tiefsten ihres Herzens aber wollen Verleger zu all dem noch etwas  anderes: Sie möchten erkannt werden, sie möchten sich mit ihrer Arbeit  vor den Augen der Leser erkennbar machen. Das ist die Krönung eines  Verlegerlebens: Nicht nur ein gutes Programm gut zu verkauft, sondern  ihm dazu noch die persönliche intellektuelle und ästhetische  Physiognomie mitzugeben, einen ureigenen literarischen Charakter, der  vom Publikum angenommen, geschätzt, ja genossen wird.</p>
<div id="attachment_585" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/logo1.gif"><img class="size-medium wp-image-585" title="logo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/logo1-300x26.gif" alt="" width="300" height="26" /></a><p class="wp-caption-text">Zu Ehren ihrer Firma sei, behauptet die 2001-Crew, vor 11 Jahren weltweit ein ganzes Jahr nach ihnen benannt worden</p></div>
<p>Das beliebteste Beispiel für solche verlegerische Meisterschaft ist  hierzulande die „Suhrkamp-Kultur“ Siegfried Unselds. Viel seltener wird  von einem anderen derartigen Frankfurter Geniestreich gesprochen, von  dem 2001-Versand und -Verlag, den Lutz Reinecke prägte, 2006 verkaufte und der jetzt unter neuer Leitung seine Buchhandlungen schließt. Dabei ist die „2001-Kultur“ Reineckes, der 1983 bei der  Heirat den Namen Lutz Kroth annahm, in vielerlei Hinsicht ein  überzeugender Gegenentwurf zur Suhrkamp-Kultur. Es ist eine wüste  Medien-Melange, die weit über ein Buchprogramm hinausreicht, Musik,  Comics, Filme, Software mit einschließt, aber dennoch unverwechselbar  bleibt und einen spezifischen kulturellen Stil, wenn nicht gar  Lebensstil repräsentiert.</p>
<p>Zu den kantigen Details am Rande gehört, dass 2001 ein Spross vom  Stamme Suhrkamps ist. Lutz Kroth, damals noch Reinecke, hatte als junger  Buchhändler einen von Suhrkamp ausgeschriebenen Wettbewerb um die  effektvollste Schaufenstergestaltung gewonnen. Er beeindruckte Unseld,  wurde engagiert, stieg zum Vertriebschef des Verlags auf und verließ ihn  ausgerechnet im Jahr 1968. Einen Schritt, der programmatisch  verstanden werden kann. Denn Suhrkamp als Vorzeigeunternehmen der  antiautoritären Studentenbewegung zu betrachten, war zumindest aus der  Innensicht des Verlages immer ein Irrtum. Der Patriarch Unseld gehörte  zum Geschlecht der Alpha-Männchen und führte das Personal seines Hauses  mit eher fester als pfleglicher Hand.</p>
<p>Reinecke dagegen arbeitete zunächst kurz für die Satirezeitschrift <em>Pardon</em>. Dann gründete er mit Walter Treumann den 2001-Versand, der  sich als ein betont gelassenes, allem autoritären Gehabe abholdes,  lustbetontes Unternehmen jenseits der Hochkultur darstellte – und damit  von Beginn an als Gegenbild zu den traditionellen Verlagen auftrat.  Damit stieß er naturgemäß auf gute Resonanz in einem Milieu, das gerne  als „links“, „alternativ“ oder später &#8220;grün&#8221; klassifiziert und an den subkulturellen  Rand der Gesellschaft gerückt wurde, das aber, wie sich zeigen sollte,  keineswegs randständig war.</p>
<div id="attachment_587" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Hörrohr1.jpg"><img class="size-medium wp-image-587" title="Hörrohr" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Hörrohr1-300x270.jpg" alt="" width="300" height="270" /></a><p class="wp-caption-text">Die Verbindung zwischen 2001 und alten &quot;Pardon&quot;-Mitarbeitern wie Pit Knorr und Robert Gernhardt besteht fort. Hier frühe Radio-Sketche der beiden Frankfurter Komik-Riesen: &quot;Hörrohr klar zum Gefecht&quot;, 3 CDs zum Preis von 19,99 Euro</p></div>
<p>2001 startete nicht als Verlag, der Bücher produzierte, sondern als  Versand, der die unter-schiedlichsten Produkte aus dem Umfeld der  Zeitschrift <em>Pardon</em> verkaufte, Spiele, Gimmicks oder Schallplatten  („Wir liefern jede in <em>Pardon</em> erwähnte LP – Karte genügt“). Doch  schnell weitete sich das Programm aus, es wurden ein Faksimile-Reprint  der von F.W. Bernstein, Robert Gernhardt und F.K. Waechter gestalteten <em>Pardon</em>-Beilage <em>Welt im Spiegel</em> ins Angebot genommen, dazu Comics der  amerikanischen Underground-Zeichner Robert Crump und Gilbert Shelton,  kubanische Revolutionshymnen („Kampflieder voller Liebe, Heiterkeit u.  Freiheitsdurst“), aber auch Sex-Zeichentrickfilmchen („Schneeflittchen  unter den sieben Zwergen“) und was man sonst noch als Rebell gegen  Bürgertum und Establishment in jenen Jahren dringend brauchte.</p>
<p>Ein wichtiger Bestandteil dieser Mixtur war aber immer auch Literatur  von höchstem Rang. Reinecke kaufte Restbestände bedeutender Titel aus  den Verlagslagern oder Großantiquariaten auf, um sie dem Publikum seines  Versands – zu stark herabgesetzten Preisen – anzuempfehlen. Mit  bemerkenswertem Erfolg. Das E- und U-Kultur keine Gegensätze, sondern  Ergänzungen sind, die tadellos nebeneinander im Bewusstsein jedes an  seiner Gegenwart interessierten Zeitgenossen Platz finden, musste sich  Reinecke nicht erst von den Propheten der Postmoderne vorbeten lassen.  Scheinbar schwer Verkäufliches von Marcel Proust, Arno Schmidt, William  Shakespeare oder Suhrkamps Bertolt Brecht fand so preisermäßig seinen  Platz im Medienarsenal mancher studentenbewegten Wohngemeinschaft.</p>
<div id="attachment_588" class="wp-caption alignleft" style="width: 125px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Merkheft.jpg"><img class="size-full wp-image-588" title="Merkheft" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Merkheft.jpg" alt="" width="115" height="192" /></a><p class="wp-caption-text">Das aktuelle &quot;Merkheft&quot;. Es wird inzwischen ergänzt durch regelmäßige &quot;Merkmails&quot;</p></div>
<p>Die wichtigsten Verständigungsmittel des Versands mit seinen Kunden  wurden dabei so genannte „Wimmelanzeigen“. Sie waren von dem Designer  Gunter Rambow in schwarz-weiß und winziger Schrift als wirkungsvoller  Kontrast zur übrigen bunten und von Großbuchstaben dominierten  Reklamewelt konzipiert worden. Dazu verschickte 2001 an sämtliche Kunden  in seiner Adressenkartei alle zwei Monate ihren kleinformatigen Katalog  namens „Merkheft“, der wie ein gedruckter Flohmarkt ein schier  bodenlose Füllhorn von Buch- und Schallplattenangeboten ausschüttete.  Getextet in einem kunstvollen, nur scheinbar der Umgangssprache  abgelauschten Sound, sorgte diese, in einer Auflage von bis zu einer  halben Million verbreitete Broschüre für Unabhängigkeit vom Wohlwollen  der Feuilletons. Was immer 2001 verkaufen wollte, der Versand konnte es  seinen Interessenten schnell, ohne Umwege und präzise nach den eigenen  Vorstellungen anpreisen.</p>
<div id="attachment_589" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Wondratschek.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-589" title="Wondratschek" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Wondratschek-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Auch heute noch im aktuellen Programm: Gesammelte Gedichte von Wolf Wondratschek für nur 9,90 Euro</p></div>
<p>Der erste Schriftsteller, der die besonderen Qualitäten von 2001  begriff, war Wolf Wondratschek. 1974 bot er Reinecke sein neues  Lyrikmanuskript <em>Chucks Zimmer</em> an. Der griff zu und gerade mal 5 Wochen  später konnten die Kunden bereits die fertigen Bücher bei 2001  bestellen. 30.000 Exemplare wurden an die Leser gebracht – ein für  Lyrikbände astronomisches Ergebnis. Bald darauf schloss &#8220;Zweitausendeins&#8221; Kooperationen mit dem Verlag „März“, später dann mit den Verlagen  „Rogner &amp; Bernhard“ , „Haffmans“ und &#8220;Tolkemitt&#8221;, die ihre Programme bis heute über den Versand vertreiben.</p>
<p>Zu den erstaunlichsten Leistungen von 2001, die man in doppelter  Hinsicht verlegerische Großtaten nennen kann, gehören  Zeitschriften-Reprints. 20 Hefte des <em>Kursbuchs</em>, 20 Jahrgänge der <em>Akzente</em> oder die vollständige, 24.500-seitige <em>Fackel</em> von Karl Kraus  druckte Reinecke in kleinem Format nach und verkaufte sie in Auflagen,  die jedem Herausgeber einer Literaturzeitschrift ekstatische Lustschreie  entlocken können. Sogar das Gesamtwerk von Johann Sebastian Bach auf 99  LPs für 699 DM bot er an oder das Lebenswerk des Dirigenten George  Solti auf über 200 LPs für 1299 DM. Und fand tatsächlich genügend  Musikliebhaber mit Vollständigkeits-Sehnsüchten und Komplettheits-Wahn, die ihm diese  gigantomanen Editionen abnahmen.</p>
<p>Das größte 2001-Projekt aber erschien 1980. Reinecke hatte einen Tipp  bekommen und beschaffte sich in den USA eine 1400 Seiten schweren  Studie der amerikanischen Regierung über die Lebensbedingungen der Erde  bis zum Jahr 2000: „Umweltschützer wurden damals als Spinner diffamiert.  Und hier war zum ersten Mal aus regierungsamtlichen Quellen ein Beleg,  dass die Erde gefährdet wird durch unseren zerstörerischen Lebensstil.“  Reinecke ließ den Materialberg übersetzen, brachte ihn unter dem Titel <em>Global 2000</em> heraus und schließlich mit einer Gesamtauflage von über  einer halben Million Exemplaren unter die Leser. Ein Bestseller, ja mehr  noch: ein Blockbuster des ökologischen Bewusstseins hierzulande.</p>
<div id="attachment_590" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/200140.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-590" title="200140" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/200140-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Das Buch über 2001 bei 2001: Mathias Brökers beschreibt die ersten 40 Jahre Verlagsgeschichte zum Preis von 3,90 Euro</p></div>
<p>Im Januar 2007 gab Lutz Kroth, ehemals Reinecke, bekannt, dass er sich noch vor seinem 65. Geburtstag in den Ruhestand begeben werde. Er wolle versuchen, wie er  sagte, sich „aus dem Arbeitskäfig auszuwildern in das wirkliche Leben.“ Das  Unternehmen 2001 wurde vom Gründer des Filmverleihs Kinowelt Michael  Kölmel übernommen und macht weiterhin und bis heute haarsträubende Angebote: Das  Gesamtwerk von Franz Kafka zum Beispiel in einem Band für den Preis  einer Packung Kaffee, das Gesamtwerk Mozarts auf 170 CDs für den Preis  einer Tankfüllung. Man fasst es nicht.</p>
<p>Doch die Geschäfte gehen offenbar nicht mehr so gut: Laut Wikipedia wurde Anfang 2010 der Verlags- und  Marketingstandort Hamburg aufgegeben, um Kosten zu senken, und die Verwaltung in Frankfurt  konzentriert.<sup> </sup>Anfang Juni 2010 einigten sich Geschäftsführung und Betriebsrat zur  Abwendung der drohenden Insolvenz auf ein Sanierungskonzept, das unter  anderem die Entlassung von 51 der 116 Beschäftigten und die Aufgabe der  eigenen Kundenbetreuung vorsieht.<sup> </sup>Im Jahr 2011 verlegte Zweitausendeins seinen Firmensitz von Frankfurt am Main nach Leipzig. Jetzt werden die Läden geschlossen. Es ist ein Jammer. Bleibt zu hoffen, dass sich die 2001-Kultur im Netz als überlebensfähig erweist.</p>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;p=580</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
