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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Ernest Hemingway</title>
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		<title>Doris Knecht &#8220;Besser&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Nov 2013 10:34:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
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		<description><![CDATA[Ist es okay, die Putzfrau schwarz zu bezahlen? Und andere ewige Fragen Expedition in heike Territorien der Literatur: Die Wiener Schriftstellerin Doris Knecht wirft in ihrem Roman Besser einen tiefen Blick ins zeitgenössische Familienseelenleben. Dafür erhielt sie den Buchpreises der &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=815">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Ist es okay, die Putzfrau schwarz zu bezahlen? Und andere ewige Fragen</strong></h2>
<h3><strong>Expedition in heike Territorien der Literatur: Die Wiener Schriftstellerin Doris Knecht wirft in ihrem Roman <em>Besser </em>einen tiefen Blick ins zeitgenössische Familienseelenleben. Dafür erhielt sie den Buchpreises der Stiftung Ravensburger 2013. Ich wurde gebeten, die Laudatio zu halten, was ich gern getan habe, denn schon Doris Knechts erster Roman <em>Gruber geht </em>(2011) hat mir sehr gut gefallen</strong></h3>
<p>Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Doris Knecht,</p>
<p>Schriftsteller haben es niemals leicht und Autoren von Familienromanen haben es schwer. Denn sie schreiben für ein Experten-Publikum. Fast alle Menschen sind in Familien aufgewachsen, mögen es große Familien gewesen sein oder kleine, und viele von ihnen haben selbst Familien gegründet, kleine oder große, glückliche oder nicht so glückliche, kurz gesagt: Fast alle Menschen haben die Tiefs und Hochs des Familienlebens am eigenen Leib erfahren. Das stellt besondere Anforderungen an den Schriftsteller, wenn er mit dem, was er über Familie erzählen möchte, glaubwürdig bleiben, Klischees umschiffen und die einzige literarische Todsünde vermeiden will, die es gibt, nämlich: seine Leser zu langweilen.</p>
<div id="attachment_817" class="wp-caption alignleft" style="width: 163px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/11/KnechtBesser.jpg"><img class="size-full wp-image-817" title="KnechtBesser" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/11/KnechtBesser.jpg" alt="" width="153" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Doris Knecht: &quot;Besser&quot; Roman. Verlag Rowohlt Berlin, 288 Seiten, 19,95 Euro</p></div>
<p>Andere Themen bringen da größere literarische Spielräume mit sich: Ich bewundere Hemingway für das, was er über Großwildjagd schrieb, aber – um ehrlich zu sein – ich habe von Großwildjagd keinen blassen Schimmer. Ein so suggestiver Autor wie Hemingway kann mir da viel erzählen. Ebenso bin ich ein großer Verehrer des jungen John le Carré, doch ob es in der Welt der Geheimdienste tatsächlich so zuging, wie dieser Meister des Spionageromans es darstellte, kann ich nicht überprüfen. Die jüngere deutschsprachige Literatur hält für ihre Leser erstaunlich vielen Polar-Expeditionen, Himalaya-Besteigungen oder Aufenthalte in psychiatrischen Anstalten bereit. Viele dieser Bücher habe ich mit Vergnügen und Neugier gelesen. Doch ob und in wie weit das, was ich da las, seinen Ursprung in dichterischer Freiheit oder sorgfältiger Recherche, in Erfindung oder Erfahrungen hatte, bleibt für mich weitgehend im Dunkeln.</p>
<p>Doris Knecht hat wenig übrig für Themen wie diese. Die Jagd auf Großwild, auf Spione oder 8000-Gipfel reizt sie augenscheinlich nicht. Sie hält sich – zumindest in ihren ersten beiden Romanen – an klassische Themen des psychologischen Romans. In „Gruber geht“, ihrem Debüt, erzählt sie von Krankheit und von Liebe und davon, welchen Umgang zwei Menschen mit diesen Grunderfahrungen des Lebens pflegen, die geprägt sind durch die Moden, Marotten und Ideen unserer Gegenwart. In <em>Besser</em>, dem Roman, den es hier zu feiern gilt, beschreibt sie Zweifel am traditionellen Familienleben, die mir eng mit diesem Geist unserer Zeit und einem bestimmten kulturellen Milieu verknüpft zu sein scheinen, mit Leuten, die unverkennbar im Hier und Heute beheimatet sind, im deutschsprachigen Raum der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts.</p>
<div id="attachment_819" class="wp-caption alignright" style="width: 161px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/11/KnechtGruber1.jpg"><img class="size-full wp-image-819" title="KnechtGruber" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/11/KnechtGruber1.jpg" alt="" width="151" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Doris Knecht: &quot;Gruber geht&quot;. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 237 Seiten, 8,99 Euro</p></div>
<p>Das ist alles andere als leicht und birgt für den Schriftsteller erhebliche Risiken. Ich weiß nicht, wie sich Jäger unterhalten, die gerade irgendeinem Großwild den Garaus gemacht oder Bergsteiger, die ihr Biwak an einer vermutlich recht zugigen Hochgebirgswand aufgeschlagen haben. Aber die Tonlage, in der die unbürgerlichen Bürgersleut unserer Epoche miteinander reden, kenne ich haargenau. Ich weiß, wie man in diesem Milieu über Kindererziehung spricht oder über Seitensprünge, über einen Karriereknick oder die ewige Frage, ob es okay ist, die Putzfrau schwarz zu bezahlen. Denn dieses Milieu ist mein Milieu. Und das Milieu vieler Hunderttausender anderer Zeitgenossen und Bücherleser. Es kann heute und hierzulande besichtigt werden: im Restaurant am Nebentisch, wo zwei Paare vom jüngsten Urlaub schwärmen, im Büro, wo Kollegen vorm nächsten Meeting noch ein paar Bemerkungen über die neue Staffel von „Homeland“  austauschen oder auf Straßenfesten, bei gymnasialen Elternsprechtagen, in Fitness-Clubs oder diesem netten neuen Bio-Supermarkt in der Nachbarschaft.</p>
<p>Wehe dem Schriftsteller, der über solche ganz und gar vertrauten und landläufigen Lebensformen schreibt, und den Tonfall nicht zu hundert Prozent trifft. Wehe dem, der uns literarisch zu porträtieren versucht und dem dabei auch nur ein Strich um eine Winzigkeit verrutscht. Er wird gnadenlos gerichtet, denn jeder Fehler fällt so gnadenlos auf wie der Pfiff mit einer Trillerpfeife während eines Kammerkonzerts.</p>
<p>Also stürzt sich jeder Autor, der einen zeitgenössischen bürgerlichen Familienroman schreibt, in haarsträubende literarische Gefahren. Denn er oder sie schreibt zwangsläufig für Experten im doppelten Sinne, in Familien- und Milieufragen, für Fachleute, denen ureigene lebenslange Erfahrungen das Ohr sensibilisiert, den Blick geschärft und den Verstand hellwach gemacht haben für eben dieses Thema.</p>
<p>Doris Knecht hat sich in das Abenteuer gestürzt und es nicht nur glänzend bestanden, sondern auf ihrer Expedition in jene heiklen Territorien der Literatur eine bemerkenswerte Trophäe erbeutet.  Mit ihrem prüfenden Blick ins heutige Familienseelenleben, spürte sie eine spezifische Gefahr für eben jenes Familienleben auf, die in anderen Epochen vielleicht nur schwer vorstellbar gewesen wäre.</p>
<p>Die Hauptfigur und Erzählerin ihres Romans Antonia betrachtet sich, wie sie selbst sagt, als Teil einer glücklichen Familie. Sie hat einen wohlhabenden Mann, der ihr sogar Wünsche von den Augen abliest, von denen sie bezweifelt, sie je gehabt zu haben. Zwei kleine Kinder, die sie über alle Maßen liebt, obwohl deren Trotzphasen sie naturgemäß an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen. Einen Beruf als Künstlerin, der ihr große Freiheiten lässt. Einen Liebhaber für die leidenschaftlichen Momente des Lebens und dazu noch eine Kreditkarte mit großzügig bemessenem Finanzrahmen.</p>
<p>Alles in allem kein übles Arrangement. Wenn Antonia um sich blickt, kann sie wenig entdecken, das einem handfesten Problem ähnlich sieht. Nur wenn sie in sich blickt, entdeckt sie einen wirklich gefährlichen Gegenspieler ihres Glücks: Sich selbst. Sie ist fest davon überzeugt, nicht zu ihrer fabelhaften Familie zu passen, denn sie ist nicht fabelhaft. Sie hat Fehler, ja schlimmer noch, sie hat Vergangenheit: Eine Mutter, die Alkoholikerin war, einen Jugendfreund, der im Gefängnis landete und dazu ein paar Erfahrungen mit Drogen, die sie problemlos hätten das Leben kosten können.</p>
<p>Nein, Antonia ist davon überzeugt, nicht in die perfekte Welt zu gehören, in die sie da durch Heirat hineingeriet, sie ist nicht aufrichtig, sie hat Geheimnisse, sie hat gelegentlich eine schwer bezähmbare Wut auf ihre trotzigen Kinder, ja sie hat sogar einen Liebhaber. All das gibt ihr ein merkwürdiges Gefühl von Unter- und Überlegenheit zur selben Zeit:  Sie glaubt die bedrohlich scharfen Kanten der Realität besser zu kennen als die vermeintlich so behütet aufgewachsenen Wohlstandsbürger um sich her. Und zugleich glaubt sie, schlechter zu sein, weil sie Lügen mit sich herumschleppt und niemals so wahrhaftig, so glaubwürdig, so moralisch auftreten kann wie die anderen.</p>
<p>Mit anderen Worten, Antonia fehlt etwas, das heute wie eine Kardinaltugend gehandelt und ungeniert eingefordert wird: Sie ist nicht authentisch, sie ist nie ganz und gar sie selbst. Sie kennt vielmehr den Unterschied zwischen Sein und Schein nur allzu genau, sie spürt den Bruch, der sich durch ihre Existenz zieht, nur allzu deutlich.</p>
<p>Lange Zeit sieht es in Doris Knechts Roman so aus, als würde Antonias glückliche Familie irgendwann scheitern an dieser mangelnden Authentizität Antonias. Doch so leicht hat es sich Doris Knecht nicht gemacht. Zu den klugen Wendungen ihres Romans, die aus dem Roman einem wirklich starken Roman machen, gehören zwei Einsichten Antonias: Nämlich, dass die anderen ebenfalls ihre kleinen oder größeren Geheimnisse, ihre charakterlichen Brüche und gegebenenfalls nebenehelichen Affären haben. Auch sie sind nicht so authentisch, aufrichtig, wahrhaftig, wie sie im ersten Moment scheinen – ja vielleicht gibt es das wahrhaft authentische Leben gar nicht so oft und vielleicht ist es auch gar nicht so beneidenswert, wie uns die Mode einreden will. Zum anderen begreift Antonia, wie widerstandsfähig, wie belastbar und tolerant das Lebenskonzept Familie sein kann. Ist ihr Mann tatsächlich so ahnungslos, wie sie glaubt, oder hat er einfach gelernt, sie mitsamt ihren Schwächen zu akzeptieren?</p>
<p>Doris Knechts Roman ist nicht zuletzt deshalb ein starker Roman, weil die Verhältnisse, die sie in ihrer Geschichte schildert, nie rundum gut sind, dafür aber immerhin ein wenig besser werden – worauf der Romantitel anspielt. Antonia ist nicht gut, ihre Familie auch nicht in jedem einzelnen Punkt und ihr Freundes- und Bekanntenkreis erst recht nicht. Aber sie alle, Antonia, ihre Familie und Freunde haben die Chance, besser zu werden und manchmal bringen sie die Kraft auf, diese Chance tatsächlich zu ergreifen.</p>
<p>Zugegeben, einen heroischen Eindruck macht das nicht. Aber wenn nur Helden oder rundum gute, perfekte Menschen würdig wären, Familien zu gründen und in Familien zu leben, wäre dieses Lebensmodell vermutlich längst verschwunden. Doris Knechts Familienroman zeigt, dass Familie nichts Perfektes sein muss, dass Familienmitglieder nicht authentisch oder fehlerlos sein müssen – und eine Familie dennoch wunderbar funktionieren kann.</p>
<p>Isaiah Berlin, der große Ideengeschichtler aus Oxford, hat einmal gesagt, der Mensch sei aus einem krummen Holz geschnitzt, allzu viel Gerades darf man nicht von ihm erwarten. Doris Knecht porträtiert in ihrem Roman ein solches krummes Holz und zeigt, welche erstaunliche Fähigkeit Familie hat, es mit anderen, ebenfalls nicht vollkommen geraden Hölzern zu einem Ganzen zusammenzufügen. Dafür wird sie heute Abend mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet und ich gratuliere ihr sehr herzlich.</p>
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		<title>Raymond Chandler wird 125</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Jul 2013 07:41:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein weißer Ritter ganz aus Sprache namens Philip Marlowe Vor 125 Jahren wurde Raymond Chandler, der große Schriftsteller der Weltwirtschaftskrise, geboren. Er hat der Lesewelt nicht nur einen unvergesslichen Helden geschenkt und ein paar der schönsten Kriminalromane geschrieben, sondern ein &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=793">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Ein weißer Ritter ganz aus Sprache namens Philip Marlowe</strong></h2>
<h3><strong> Vor 125 Jahren wurde Raymond Chandler, der große Schriftsteller der Weltwirtschaftskrise, geboren. Er hat der Lesewelt nicht nur einen unvergesslichen Helden geschenkt und ein paar der schönsten Kriminalromane geschrieben, sondern ein paar bemerkenswerte Dinge über die Gesellschaft während der Turbulenzen eines Finanzdisasters literarisch festgehalten. Wer will, kann auf eigene Gefahr Parallelen zur Gegenwart ziehen.<br />
</strong></h3>
<p>Es war ein Sturz ins Bodenlose. Während der zwanziger Jahre, der  Roaring Twenties, reckten sich in USA alle Wachstumskurven dem Himmel  entgegen, ein goldenes Zeitalter schien angebrochen. Dann machte der  Börsenkrach am 24. Oktober 1929 das Land zur Ruine. Die Löhne halbierten  sich, die Arbeitslosenrate stieg auf 25 Prozent, immer mehr Menschen  hatten buchstäblich nichts zu Essen, ein Fünftel der Kinder litt an  Unterernährung, an den Stadträndern bildeten sich Favelas, in denen  Hunderttausende unter Wellblechdächern hausten. Auf dem Höhepunkt der  Krise 1932 verlor irgendwo in Los Angeles auch der Manager einer Ölfirma  seinen Job. Er war 44 Jahre alt, hatte früher sentimentale Gedichte  geschrieben, inzwischen eine ausgeprägte Vorliebe für Alkohol und  realistisch betrachtet keine Chance mehr, je wieder auf die Beine zu  kommen.</p>
<div id="attachment_795" class="wp-caption alignleft" style="width: 133px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/BriefeGr.jpg"><img class="size-full wp-image-795" title="BriefeGr" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/BriefeGr.jpg" alt="" width="123" height="187" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;The Raymond Chandler Papers&quot; Selected Letters and Nonfiction 1909-1959 Herausgegeben von Tom Hiney und Frank MacShane. Grove 2002, 12.95 Euro</p></div>
<p>Was dem Mann, er hieß Raymond Chandler, außer der Ehe mit einer 18  Jahre älteren Frau noch blieb, war seine Leidenschaft für Sprache. Er  war derart hingerissen von dem lakonischen Ton dieses literarischen  Jungstars namens Hemingway, der seine Sentimentalität so perfekt hinter  knappen, scheinbar kaltschnäuzigen Sätzen verbergen konnte, dass er  dessen Stil in einer kleinen Parodie nachzuahmen versuchte. Die  einzigen, denen in Chandlers Augen etwas Ähnliches gelang wie Hemingway,  waren die Autoren von billigen Heftchen-Krimis, die unter dem Titel  „Black Mask“ erschienen – allen voran Dashiell Hammett. Also ließ er  seinen Namen im Telefonbuch mit dem Zusatz „Schriftsteller“ versehen,  setzte sich hin und schrieb seine erste Crime-Story für „Black Mask“.  Sie erschien im Dezember 1933. Das Honorar betrug 180 Dollar, ein Cent  pro Wort.</p>
<p>Genre und Epoche waren wie geschaffen füreinander. Der Glaube an das  Gute im Menschen stand nicht eben hoch im Kurs. Banken und Spekulanten,  die den Crash von 1929 mitausgelöst hatten, vertrieben ganze  Völkerscharen von Schuldnern aus ihren Häusern und von ihren Farmen.  John Steinbeck beschrieb die nackte Not der zu Wanderarbeitern  degradierten Obdachlosen in „Früchte des Zorns“. Entwurzelung und Elend  steigerte nicht eben die Immunität gegen die Verlockungen des  Verbrechens.</p>
<p>In einem Rückblick auf seine frühen Geschichten schrieb Chandler,  ihre Anziehungskraft habe wohl „in der ganz eigentümlichen Atmosphäre  der Angst“ gelegen, die sie einfingen: „Ihre Gestalten lebten in einer  Welt, in der alles schiefgelaufen war, einer Welt, in der, schon lange  vor der Atombombe, die Zivilisation sich eine Maschinerie zu ihrer  eigenen Zerstörung geschaffen hatte und mit dem ganzen irren Vergnügen  damit umzugehen lernte, mit dem ein Gangster seine erste  Maschinenpistole ausprobiert.“</p>
<div id="attachment_796" class="wp-caption alignright" style="width: 163px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Schlaf.jpg"><img class="size-full wp-image-796" title="Schlaf" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Schlaf.jpg" alt="" width="153" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Raymond Chandler: &quot;Der große Schlaf&quot;. Aus dem Englischen von Gunar Ortlepp. Diogenes Verlag, Zürich 2013. 10,90 Euro</p></div>
<p>Bei all dem hatte das Vertrauen in den Saat als fürsorgende  Ordnungsmacht gelitten. Präsident Herbert C. Hoover unternahm zwischen  1929 bis 1932 wenig gegen die Wirtschaftskrise, da er fürchtete  öffentliche Hilfen für notleidende Bürger könnten den amerikanischen  Individualismus untergraben. Behörden wurden bald nicht mehr als Schutz,  sondern als Teil der umfassenden Bedrohung wahrgenommen. Wer auf eine  Polizeiwache gehe, so zitiert Chandler in einem seiner Romane einen  zeitgenössischen New Yorker Reporter, der sei „aus unsrer Welt  hinausgetreten in eine, in der es keine Gesetze gibt.“</p>
<p>Die ironische Pointe an Chandlers Büchern ist, dass sie zwar einige  der finstersten Augenblicke der amerikanischen Geschichte porträtieren –  zugleich aber den amerikanischen Mythos zutiefst bestätigen. Die  Gerechtigkeit hat in der Welt, von der seine Romane berichten, keine  Chance, es sei denn, es findet sich ein entschlossener Mann, ein  typischer amerikanischer Held, der die Sache in die Hand nimmt und sie  gegen alle Widerstände durchsetzt. Das war der weiße Ritter, von dem  Chandler schon träumte, als er noch sentimentale Verse verfasste.</p>
<p>Mit Philip Marlowe schuf er den Archetyp des Privatdetektivs, der  seither einen festen Platz im kollektiven kulturellen Gedächtnis hat.  Marlowe ist Teil seiner aus den Fugen geratenen Gesellschaft, er bewegt  sich in ihr wie ein Fisch im Wasser. Aber er ragt dennoch über sie  hinaus. Mitten in ehrloser Zeit ist er ein Mann von Ehre. Während alle  enthemmt nach Geld grabschen, nimmt er nur Honorare, die ihm nach seinem  Moralkodex zustehen. Wenn alle nur auf den eigenen Vorteil aus sind,  hält er den Kopf für die Schwachen hin.</p>
<p>Besonders glaubwürdig war diese Figur nie. Dass Chandler es dennoch  gelang, sie Millionen von Lesern als realistisches Bild eines  knallharten Kerls mit guter Seele zu verkaufen, ist letztlich wohl  allein seiner stilistischen Perfektion zu verdanken. Fast alle seiner  Sätze geben sich den Anschein, als seien sie nur auf nüchterne  Beschreibung, kalte Kalkulation der Interessen oder auf sarkastischen  Witz aus und doch glaubt man in jedem zugleich das romantische Herz  Marlowes schlagen zu hören.</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Kunst1.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-798" title="Kunst" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Kunst1.jpg" alt="Raymond Chandler: &quot;Die simple Kunst des Mordes&quot;. Briefe, Essays, Notizen, eine Geschichte und ein Romanfragment. Herausgegeben von Dorothy Gardiner und Kathrine S. Walker. Diogenes Verlag, Zürich 2009. 9,90 Euro" width="151" height="250" /></a>Da die Black-Mask-Redaktion dazu neigte, alles in einem Manuskript zu  streichen, was nicht der Spannung diente oder die Handlung vorantrieb,  entwickelte Chandler eine diskrete Kunst, Atmosphäre zu vermitteln, ohne  sie sichtbar werden zu lassen oder sie gar zu benennen: „Meine Theorie  ging dahin, dass die Leser nur meinten, sie interessierten sich nur für  die Handlung; dass sie in Wirklichkeit aber, obwohl sie es nicht  wussten, genau an dem interessiert waren, was mich auch interessierte:  an der Entstehung von Gefühl durch Dialog und Beschreibung.“</p>
<p>Nach etlichen Erzählungen wagte sich Chandler 1939 an seinen ersten  Roman „The big Sleep“. Er wurde gleich zum Erfolg. Die größere Form bot  ihm den Platz, Los Angeles als Moloch zu porträtieren, der „so viel  Charakter hat wie ein Pappbecher“, als Dschungel, in dem es zuging wie  im Raubtierkäfig zur Fütterungszeit. Durch den „New Deal“ Präsident  Franklin D. Roosevelts fasste die Wirtschaft Amerikas inzwischen wieder  Tritt, doch der von Chandler um Marlowe herum erbaute rabenschwarze  literarische Kosmos hatte sich längst in den Köpfen der Leser  verselbstständigt und lebte munter fort.</p>
<div id="attachment_799" class="wp-caption alignright" style="width: 163px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Abschied.jpg"><img class="size-full wp-image-799" title="Abschied" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Abschied.jpg" alt="" width="153" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Raymond Chandler: &quot;Der lange Abschied&quot;. Aus dem Englischen von Hans Wollschläger. Diogenes Verlag, Zürich 2013. 12,90 Euro</p></div>
<p>Die Romane haben Chandler weltberühmt gemacht. Weil ihm ohne die  strenge Black-Mask-Redaktion erzählerisch alles erlaubt war, stolperte  er darin für kurze Momente aus seiner stilistischer Deckung und ließ  Marlowe kurze Predigten halten wie einen Pastor. Chandler spürte das,  konnte sich aber nicht mehr disziplinieren: „Das Ärgerliche mit diesem  Marlowe ist: man hat zuviel über ihn geschrieben und geredet. Er wird  immer selbstbewusster und versucht sein Leben so umzustellen, wie es  seinem Ruf bei den Pseudo-Intellektuellen entspricht.“</p>
<p>Doch das bleiben kleine Schwächen. Nimmt man all seine Erzählungen  und Romane zusammen, entwirft Raymond Chandler das Panorama einer  Gesellschaft quer durch alle Milieus vom Tellerwäscher bis zum  Millionär, vom Taschendieb bis zum Mörder. Es zeigt eine Gesellschaft,  die alles für möglich hält, an nichts mehr glaubt und im Begriff ist,  sich ihr Grab zu schaufeln.</p>
</div>
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		<title>Ernst Rowohlt wird 125 Jahre alt</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Jun 2012 16:50:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Abenteuer namens Rowohlt Ein Verlag, drei Männer und drei Temperamente, wie es sie in Deutschland nur selten gibt: Ernst Rowohlt, der Gründervater und unbeirrte Immer-wieder-Gründer des Rowohlt Verlags, würde heute (am 23. Juni) 125 Jahre alt. Hier ein Porträt &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=425">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Das Abenteuer namens Rowohlt</strong><strong></strong></h2>
<h3><strong> Ein Verlag, drei Männer und drei Temperamente, wie es sie in Deutschland nur selten gibt: Ernst Rowohlt, der Gründervater und unbeirrte Immer-wieder-Gründer des Rowohlt Verlags, würde heute (am 23. Juni) 125 Jahre alt. Hier ein Porträt von ihm und seinen ebenso unterhaltsamen wie höchst schätzenswerten beiden Söhnen Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt und Harry Rowohlt<br />
</strong></h3>
<div id="attachment_430" class="wp-caption alignleft" style="width: 190px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/ErnstRowo1.jpg"><img class="size-medium wp-image-430" title="ErnstRowo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/ErnstRowo1-180x300.jpg" alt="" width="180" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Die Ernst-Rowohlt-Monographie, erschienen im gleichnamigen Verlag</p></div>
<p>Die Rowohlts sind eine deutsche Dynastie, eine Büchermacherfamilie  von nicht eben landestypischem Temperament. Wo ein Rowohlt war oder ist,  da war oder ist etwas los. Über ein dreiviertel Jahrhundert gehören  sie nun schon zu den Kraftwerken des literarischen Lebens hierzulande, und der von  ihnen geschaffene und immer wieder neu geschaffene Verlag schnurrt bis  heute weiter. 1908 brachte Ernst Rowohlt im Alter von nur 21 Jahren sein  erstes Buch auf den Markt, den schmalen Lyrikband eines heute komplett  unbekannten Klassenkameraden. Im gleichen Jahr brachte die  Schauspielerin Maria Ledig den ersten Sohn Rowohlts zur Welt, Heinrich  Maria Ledig-Rowohlt. Das Abenteuer namens Rowohlt konnte beginnen.</p>
<p>Die Biographie Ernst Rowohlts mit ihren diversen Verzweigungen ist  ein gutes Beispiel dafür, wie viel Leidenschaft und Geld ein  Verlegerleben braucht und verbraucht. 1910, nachdem er schon ein paar  Bücher gemacht hatte, gründete Rowohlt in Leipzig zum ersten Mal seinen  Verlag – zusammen mit dem gleichaltrigen Kurt Wolff, der keine  Kenntnisse der Buchbranche, wohl aber eine Menge Geld mit einbrachte.</p>
<p>Die beiden Teilhaber verstanden sich erst glänzend und publizierten mehr  als 30 Titel jährlich. Doch schon 1912 kam es zum Bruch, nicht zuletzt  weil der feingeistige Wolff die Energieausbrüche und permanente  Partystimmung seines Partners nicht ertrug. Er zahlte Rowohlt aus,  machte den Verlag unter eigenem Namen zum bis heute legendären  Kristallisationspunkt des Expressionismus, errang höchste Anerkennung  und verlor zugleich sein gesamtes Vermögen. Nach 1920 konnte er keine  literarischen Werke mehr verlegen, 1930 musste es sein Haus endgültig  schließen.</p>
<p><strong>Ernst Rowohlt &#8211; ein Mann der roaring twenties</strong></p>
<p>Rowohlt machte nach der ersten nur kurzen Zeit der  Selbstständigkeit zunächst Zwischenstationen als Prokurist des  S.Fischer- und Geschäftsführer des Hyperion-Verlags. 1919 dann, mit  Beginn der Weimarer Republik, gründete er seinen Verlag zum zweiten Mal,  jetzt in Berlin. Die Stadt, der Mann und die Epoche – die roaring twenties – passten perfekt zueinander. Seine Neigung zu großen  Auftritten machte ihn schnell stadtbekannt und sein Einfallsreichtum in  Sachen PR bald zu einer zentralen Figur des Literaturbetriebs.</p>
<p>Mit  Autoren wie Robert Musil, Kurt Tucholsky, Hans Fallada, Alfred Polgar  und Walter Benjamin erwarb er beträchtliches Ansehen, mit Ernest  Hemingway, Sinclair Lewis und Thomas Wolfe entdeckte er die  amerikanische Literatur für die Deutschen, mit der von Willy Haas  geleiteten <em>Literarischen Welt</em> gab er zudem seit 1925 eine der  meinungsbildenden Zeitschriften der Buchbranche heraus.</p>
<div id="attachment_432" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/LedigRowo.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-432" title="LedigRowo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/LedigRowo-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Die Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Monographie, erschienen im fast gleichnamigen Verlag</p></div>
<p>Doch selbst ein Bestseller-Autor wie Emil Ludwig konnte den Verlag  wirtschaftlich nicht langfristig stabilisieren. Spätestens nach der  Weltwirtschaftskrise 1929 spitzte sich die Lage zu. Als Heinrich Maria  Ledig-Rowohlt 1931 als Pressechef in den Verlag eintrat, stand der  bereits vor der Insolvenz. Gerettet wurde er schließlich durch die  Familie Ullstein, die einen Anteil von 60 Prozent erwarb und ihn so  mehrheitlich ihren Zeitungskonzern einverleibte. Doch kaum hatte Rowohlt  die ökonomischen Turbulenzen überstanden, geriet er durch die  Machtübernahme der Nazis in politische Schwierigkeiten.</p>
<p><strong>Diktatur, Krieg &#8211; und immer wieder Krisen</strong></p>
<p>Seine Sympathien galten in der Weimarer Republik eher der Linken, und  er war mit zahllosen jüdischen Schriftstellern befreundet, doch hatte  Rowohlt daneben auch so rechtslastige Autoren wie Arnolt Bronnen  verlegt. Daran knüpfte er nach 1933 zunächst an, brachte nun  Landserromane heraus, Sachbücher wie <em>Woher kommt das Hakenkreuz?</em> oder  den Bildband <em>Ein Volk steht auf. 53 Tage nationaler Revolution</em>. Doch  die Nazis ließen sich weder davon, noch von Rowohlts Eintritt in die  NSDAP 1937 täuschen, beschlagnahmten 140 Titel des Verlagsprogramms und  erteilten Rowohlt schließlich 1938 Berufsverbot, weil er hartnäckig an  seinen jüdischen Autoren und Mitarbeitern festhielt.</p>
<p>Nach dem Krieg, in dem Ledig-Rowohlt als Soldat schwer verwundet  worden war, gründeten Sohn und Vater – der 1945 mit der Schauspielerin  Maria Pierenkämper seinen zweiten Sohn Harry bekam – den Rowohlt Verlag  umgehend zum dritten Mal, nun in Hamburg und Stuttgart. Sie druckten  unter anderem zu Pfennigpreisen Bücher auf dem Papier und in dem Format  von Zeitungen, „Rowohlts Rotations Romane“ genannt, und erzielten damit  in kürzester Zeit Millionenverkäufe. Dennoch geriet der Verlag mit der  Währungsreform wieder in eine Finanzkrise – und musste diesmal durch  vier Hamburger Geschäftsleute gerettet werden.</p>
<p><strong>Diese amerikanische Erfindung: Taschenbuch</strong></p>
<p>Erst als Ledig-Rowohlt aus Amerika mit der Idee zurückkehrte, ein  umfangreiches Taschenbuchprogramm zu starten, stabilisierte sich die  Situation. Mit diesen billigen Ausgaben erzielte der Verlag schnell  sensationelle Auflagen und konnte mit Büchern von Hemingway und  Graham Greene, von Sartre, Camus, de Beauvoir und später Henry Miller,  die lange aus Deutschland ausgesperrte Literatur des westlichen Auslands  popularisieren. Mit dem Start von „Rowohlt Deutscher Enzyklopädie“ 1955  und der „Rowohlt Monographien“ 1958  verfolgte der Verlag im Taschenbuch-Programm zugleich einen  volkspädagogischen Bildungsanspruch, der sich zumindest in den ersten  Jahren als sehr einträglich erwies.</p>
<div id="attachment_433" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/HarryRowo.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-433" title="HarryRowo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/HarryRowo-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Die nicht-weggeschmissenen Briefe Harry Rowohlts, nicht erschienen im gleichnamigen Verlag</p></div>
<p>Nach dem Tode Ernst Rowohlts 1960 leitete Ledig-Rowohlt den Verlag  weitgehend allein, auch wenn seinem erst fünfzehnjährigen Bruder Harry  nun 49 Prozent des Unternehmens gehörten. Beide hatten zwar nicht den  kraftstrotzenden Körper ihres Vaters, wohl aber manches von seinem  trink- und feierfreudigen Charakter geerbt. So versorgten auch sie den  Literaturbetrieb regelmäßig mit gern kolportierten Anekdoten oder  Bonmots. Den Familientraditionen auf der Spur absolvierte Harry Rowohlt  eine Verlagsausbildung bei Suhrkamp in Frankfurt und Grove Press in New  York. Doch die Führung der Rowohlt-Geschäfte wollte er nicht übernehmen,  sondern widmete sich lieber seinen ungewöhnlichen Talenten als  Übersetzer, Vortragskünstler, Autor und Schauspieler.</p>
<p>Also verkaufen die beiden Brüder 1982 – Ledig-Rowohlt war inzwischen  knapp 75 – ihren Verlag über Vermittlung des befreundeten Werner  Schoenicke an die Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe. Seither wird er von  wechselnden Verlagsleitern mit naturgemäß wechselnden Erfolgen geleitet,  unter anderem von Matthias Wegner, Michael Naumann (dem späteren  Kulturstaatsminister, Mitherausgeber der <em>Zeit</em>, Hamburger  SPD-Spitzenkandidaten und <em>Cicero</em>-Chefs), Nicolaus Hansen, Peter Wilfert bis hin zu  Alexander Fest heute. Ledig-Rowohlts Leben endete – fast möchte man  sagen: standesgemäß – 1992 auf einem Internationalen Verlegerkongress in  Neu-Dehli. Harry Rowohlt, 1996 zum &#8220;Ambassador of Irish Whiskey&#8221; ernannt,  sammelte für seine Übersetzungen und Bücher vom Jugendliteraturpreis  bis zum Brüder-Grimm-Preis, von der Goldenen Schallpatte für seine <em>Pu,  der Bär</em>-Lesung bis zum Göttinger Elch einige der schönsten  Auszeichnungen hierzulande. Das vergangene Jahrhundert der deutschen  Literatur, ohne die Rowohlts ist es schwer vorstellbar.</p>
</div>
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		<title>Wovon wir reden, wenn wir von Carver reden</title>
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		<pubDate>Tue, 08 May 2012 16:41:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Ernest Hemingway]]></category>
		<category><![CDATA[Gordon Lish]]></category>
		<category><![CDATA[Ingo Schulze]]></category>
		<category><![CDATA[Judith Hermann]]></category>
		<category><![CDATA[Raymond Carver]]></category>

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		<description><![CDATA[Harte Schnitte Raymond Carver gilt als bester amerikanischer Short-Story-Autor seit Hemingway. Doch fast alle seine Geschichten aus der vielgerühmten Sammlung Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden wurden brutal gekürzt. Jetzt erscheinen sie unter dem Titel Beginners im Original. &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=304">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Harte Schnitte</strong></h2>
<h3><strong>Raymond Carver gilt als bester amerikanischer Short-Story-Autor seit Hemingway. Doch fast alle seine Geschichten aus der vielgerühmten Sammlung <em>Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden</em> wurden brutal gekürzt. Jetzt erscheinen sie unter dem Titel <em>Beginners</em> im Original. Wie klang der legendäre Carver-Sound wirklich?</strong></h3>
<p>Vom 7. auf den 8. Juli 1980 fand Raymond Carver keinen Schlaf. Morgens um 8 Uhr quälte er sich aus dem Bett, setzte sich an den Arbeitstisch und schrieb an seinen Lektor Gordon Lish. Es wurde kein gewöhnlicher Brief, es wurde ein Hilferuf, ein Verzweiflungsschrei.</p>
<p>Dabei ging es Carver besser als je zuvor. Er hatte seine schwere Alkoholsucht, die ihn um ein Haar ins Grab gebracht hätte, seit drei Jahren hinter sich gelassen. Die Kritiker bejubelten sein erstes Buch mit Kurzgeschichten <em>Würdest Du bitte still sein, bitte</em> (1976). Die Syracus University wollte ihn als Literatur-Dozent haben. Und Alfred A. Knopf, einer der besten US-Verlage, gab ihm einen Vertrag für sein zweites Buch, wieder eine Sammlung mit Short Stories.</p>
<div id="attachment_312" class="wp-caption alignleft" style="width: 130px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/120px-Raymond_Carver.jpg"><img class="size-full wp-image-312" title="120px-Raymond_Carver" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/120px-Raymond_Carver.jpg" alt="" width="120" height="118" /></a><p class="wp-caption-text">Raymond Carver, Photo by Marion Ettlinger/Vintage Contemporaries</p></div>
<p>Doch nun war das vom Lektor überarbeitete Manuskript dieses zweiten Buchs bei Carver eingetroffen. Lish hatte ganze Arbeit geleistet. Viele Geschichten hatte er um die Hälfte gekürzt, manche um 60 Prozent oder mehr, bei einer waren von 40 Seiten nur 9 übrig geblieben. Einige Figuren waren nach Lishs Änderungen aus dem Buch verschwunden, andere tauchten unter neuen Namen auf. Oft hatte Lish Geschichten seitenweise umgeschrieben, hier einen Mord gestrichen, da einen Selbstmord weggelassen, bei einigen Stories die entscheidende Schlusswendung neu erfunden.</p>
<p>Kurz: Der Albtraum jedes Autors. Doch Carver konnte Lish nicht kurzerhand feuern. Die beiden arbeiteten seit Jahren zusammen. Lish hatte das Talent des ewig betrunkenen Carver erkannt, hatte dessen erste Erzählungen ähnlich rigoros bearbeitet und in den besten Zeitschriften des Landes untergebracht. Carver verdankte ihm alles: „Wenn ich jetzt so etwas wie Ansehen, Geltung oder Glaubhaftigkeit in der Welt besitze, dann ist das Dein Verdienst“, bekannte er in seinem Brandbrief.</p>
<p>Carver flehte seinen gnadenlosen Lektor an, das neue Buch nicht in dieser Form zu drucken. Viele Streichungen seien „brillant“, aber wenn die Geschichten so erschienen, „kann ich mir selbst nicht in die Augen schauen und vielleicht nie wieder schreiben.“</p>
<p>Doch Carver war, nach den Worten seiner späteren Frau, „kein Kämpfer“. Schon zwei Tage später hatte Lish ihn umgestimmt, zermürbt willigte Carver in fast alle Änderungen ein. Als das zurechtgestutzte Buch 1981 unter dem Titel <em>Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden</em> herauskam, war der Erfolg sensationell: Publikum und Kritiker zeigten sich hingerissen. Seine Geschichten klangen nicht nach Literatur, sondern so hart und lakonisch wie das Leben selbst. Carver avancierte zu einem Kult-Autor, der vor allem für die Knappheit seines Stils gefeiert wurde. Dutzende von Autoren wie Ingo Schulze oder Judith Hermann eiferten seinem „Minimalismus“ nach, seiner Kunst der harten Schnitte, des Weglassens und Verschweigens.</p>
<p>Wie viel von dieser Kunst sich den Strichen Lishs verdankte, kann inzwischen überprüft werden: Carver starb 1988, seine Witwe bestand in jahrelangen Kämpfen mit den Verlag darauf, das Originalmanuskript jenes zweiten Buches zu publizieren. Jetzt liegt es unter seinem ursprünglichen Titel <em>Beginners</em> in Deutsch vor (S. Fischer, 21,99 Euro).</p>
<div id="attachment_313" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/Carvermemorial.jpg"><img class="size-medium wp-image-313" title="Carvermemorial" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/Carvermemorial-300x261.jpg" alt="" width="300" height="261" /></a><p class="wp-caption-text">Raymond Carver Park und Memorial in Clatskanie, Oregon. Photo by Richard Peterson</p></div>
<p>Die Neuausgabe ist doppelt so dick wie das alte Buch. Wer es sich leicht macht, nennt die Tonlage der Originale anders als die der gekürzten Carver-Geschichten. Wer es sich schwerer macht, fragt nach ihrer literarischen Qualität. Verglichen mit den von Lish bearbeitete Stories, wirken sie konventioneller und oft regelrecht geschwätzig. So heißt es bei Lish über den nächtlichen Streit eines Ehepaars: Der Mann „nahm das Einmachglas und warf es durch das Küchenfenster“. Carvers Fassung lautet: „Er griff nach dem Glas und schleuderte es am Kühlschrank vorbei durchs Küchenfenster. Glasscherben fielen klirrend auf Fensterbank und Fußboden.“ Doppelt so viel Text für den gleichen Vorgang.</p>
<p>Anderes Beispiel: Bei Carver tröstet ein Sohn seinen Vater: „Du kannst Dir nicht für alle Zeiten Vorwürfe machen.“ Der Vater antwortet schwer kitschverdächtig: „Für alle Zeiten. Wie lang ist das?“ Solche Dialoge vielen ausnahmslos den Strichen Lishs zum Opfer. Trost gibt es bei ihm nicht. Er sorgte dafür, dass Carvers Figuren zwar miteinander reden, dennoch aber sprachlos bleiben.</p>
<p>Wie dringend Carver seinen Lektor brauchte, zeigt mancher herbe Schnitzer. Der Anfangssatz einer Geschichte lautet bei ihm: „Ein Mann ohne Arme stand vor der Tür“.  Doch der Mann hat, so wird im Folgenden klar, lediglich seine Hände verloren und trägt stattdessen Haken an den Handgelenken. In Lishs Version lautet der Auftakt: „Ein Mann ohne Hände kam an die Tür.“</p>
<p>Dennoch wäre es falsch, Lish als das eigentliche literarische Genie zu betrachten, auf den Raymond Carvers Ruhm zurückgeht. Lish hat sich selbst als Schriftsteller versucht, aber mit den eigenen Büchern nie den Rang von Carvers Geschichten erreicht. Lish war definitiv nicht Carvers Ghostwriter. Doch zusammen waren sie offenkundig besser als jeder von ihnen allein. In der Hall of Fame der Weltliteratur werden üblicherweise nur Einzelplätze vergeben. Vielleicht wäre es in diesem Fall gerechter, einen Doppelsitz vorzusehen.</p>
<p><strong>Hier noch ein TV-Dokumentation zum Leben Raymond Carvers:</strong></p>
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<p>&nbsp;</p>
<p><iframe width="640" height="480" src="https://www.youtube.com/embed/1-9_FT2Wr8c?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><iframe width="640" height="480" src="https://www.youtube.com/embed/sqWqFnvGnug?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><iframe width="640" height="480" src="https://www.youtube.com/embed/fECTD0JCt64?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Dazu noch ein Literarischen Quartett, in dem am Ende (nach der ersten Stunde) Carvers erster Erzählungsband &#8220;Würdest Du bitte still sein, bitte&#8221; besprochen wird:</strong></p>
<p>http://www.youtube.com/watch?v=2bCSp6lUTtc</p>
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