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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Dante Alighieri</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Dan Brown über seine Schreibgeheimnisse</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Nov 2014 16:12:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Dan Brown]]></category>
		<category><![CDATA[Dante Alighieri]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Gibt es einen Masterplan?&#8220; Dan Brown, der Großmeister der Spannungsliteratur, gewährt Einblick in seine Schreibwerkstatt. Im jüngsten Roman Inferno schickt Dan Brown seinen Helden Robert Langdon auf eine abenteuerliche Hetzjagd durch Florenz. Vor dem Hintergrund von Dantes legendärer Göttlichen Komödie &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=927">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Gibt es einen Masterplan?</strong>&#8220;</h1>
<h2><strong>Dan Brown, der Großmeister der Spannungsliteratur, gewährt Einblick in seine Schreibwerkstatt. Im jüngsten Roman <em>Inferno</em> schickt Dan Brown seinen Helden Robert Langdon auf eine abenteuerliche Hetzjagd durch Florenz. Vor dem Hintergrund von Dantes legendärer <em>Göttlichen Komödie</em> kommt der Symbolforscher einer haarsträubenden Verschwörung auf die Spur, die Millionen Menschen das Leben kosten kann.</strong></h2>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> Mr Brown, weshalb lieben es die Menschen, Bücher zu lesen, die von<br />
Geheimnissen handeln?</p>
<div id="attachment_1031" class="wp-caption alignright" style="width: 292px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/11/DanBrown.jpg"><img class="size-full wp-image-1031" title="DanBrown" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/11/DanBrown.jpg" alt="" width="282" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Dan Brown: &quot;Inferno&quot; Thriller. Bastei Lübbe Verlag, 688 Seiten, 9,99 Euro</p></div>
<p><strong>Dan Brown:</strong> Der menschliche Verstand möchte sich nicht mit dem zufriedengeben, was er bereits kennt. Wir fragen uns immer: Gibt es da nicht noch etwas? Etwas Unbekanntes? Etwas Neues, das sich zu wissen lohnt? Und dann machen wir uns daran, das bislang noch Verborgene, Geheime zu erforschen. Das beginnt mit banalen Dingen. Wenn wir in einem Raum sind, und es gibt eine verschlossene Tür, dann möchten wir irgendwann rauskriegen, wohin sie führt. Und das geht weiter bis zu den anspruchsvollsten Fragen: Ist die Welt, die wir kennen, tatsächlich alles, was wir kennen können? Gibt es neben dem Diesseits noch ein Jenseits?</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Hinter der Neugier, Geheimnisse aufzudecken, steckt also ein religiöses Bedürfnis?</p>
<p><strong>Dan Brown:</strong> Das Bedürfnis, Fragen zu stellen und Antworten zu finden, ist ein wesentlicher Motor des menschlichen Denkens. Es treibt uns immer weiter. Nichts ist aufregender als das, was wir noch nicht wissen. Und dieser permanente Wunsch, Antworten zu bekommen, ist auch ein Antrieb, der die Religion zu einem so wichtigen Thema für uns macht. Wir fragen uns: Hat das alles einen Sinn? Gibt es eine höhere Ordnung? Gibt es Gott?“ Das alles wächst aus unserer unstill­baren Neugier.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Wie reizen Sie diese Neugier durch Ihre Romane?</p>
<p><strong>Dan Brown:</strong> Eine ganz wichtige Frage beim Schreiben ist: Welche Informationen muss ich dem Leser geben, um sein Interesse zu wecken, und welche Informationen muss ich ihm – noch – vorenthalten, damit er neugierig bleibt? Das ist eine heikle Balance. Was ich erzähle, ist genauso wichtig, wie das, was ich vorerst noch nicht erzähle. Ich muss den Leser locken und zugleich warten lassen. Er muss das sichere Gefühl bekommen, dass all die vorläufigen Hinweise und Indizien, die ich ihm in der Story liefere und die er noch nicht versteht, sich für ihn später zu einem Bild zusammenfügen werden.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Er muss Vertrauen dazu fassen, dass sich die zunächst wirren Handlungsfäden zu einem sinnvollen Ganzen verknüpfen lassen.</p>
<div id="attachment_1032" class="wp-caption alignleft" style="width: 211px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/11/dengbrobnTB.jpg"><img class="size-full wp-image-1032" title="dengbrobnTB" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2014/11/dengbrobnTB.jpg" alt="" width="201" height="346" /></a><p class="wp-caption-text">Dan Brown: &quot;Inferno&quot;. Novel. Anchor</p></div>
<p><strong>Dan Brown:</strong> Genau. Und hier sehe ich auch die Pa­rallele zu religiösen Empfindungen: Zum menschlichen Wesen gehört das Bedürfnis, all die zufälligen, konfusen, verworrenen Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, in einen inneren Zusammenhang zu bringen. Wir fragen nach dem Sinn, nach dem Zweck unseres Lebens. Die schrecklichste Vorstellung ist nicht das Sterben, sondern dass nach dem Tod nichts mehr kommt und dass im Leben ziellose Willkür herrschte.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Ihre Romane entwerfen lauter Verschwörungstheorien. Warum sind solche Theorien so faszinierend für viele Leser?</p>
<p><strong>Dan Brown:</strong> Aus den gleichen Gründen: Wir wollen verstehen, was mit uns und um uns herum geschieht. Wir sehnen uns nach einer begreifbaren Ordnung. Wir möchten wissen, weshalb in der ­ Welt ständig widersprüchliche und chaotische Dinge passieren. Also beginnen wir uns zu fragen, ob diese Dinge nicht doch einer höheren oder geheimen Ordnung folgen. Ob da vielleicht ein Masterplan existiert, der diesen chaotischen Ereignissen zu Grunde liegt. Es ist für uns einfacher zu glauben, dass es irgendwelche finsteren Machthaber gibt, die unsere Welt lenken, indem sie an Fäden ziehen wie Marionettenspieler, als zu akzeptieren, dass es planloser Zufall ist, der das Leben regiert.<strong></strong></p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Ihr Romanheld Robert Langdon ist Fachmann für Symbole aller Art und kommt deshalb Verschwörungen auf die Spur. Warum sind Symbole so wichtig für Menschen?<br />
<strong></strong></p>
<p><strong>Dan Brown:</strong> In gewisser Hinsicht engt uns die Sprache ein. Symbole sind viel weniger begrenzt, das macht ihre ungeheure Kraft aus. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn wir beide über unsere religiösen Erfahrungen als Christen sprechen würden, wäre die Gefahr von Meinungsverschiedenheiten relativ hoch: Wir sprechen nicht die gleiche Sprache, wir haben unterschiedliche kulturelle Vorstellungen und wurden von ganz individuellen Erlebnissen geprägt. Wenn wir aber ein Symbol betrachten, das Kruzifix, dann sind wir uns in Verehrung dieses Symbols einig, auch wenn wir es, genau betrachtet, unterschiedlich interpretieren.<br />
<strong></strong></p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Wir haben einen gemeinsamen Punkt, an dem wir uns treffen.</p>
<p><strong>Dan Brown:</strong> Es ist wie mit der Musik: Sie ist eine universelle Sprache. Auch wenn wir nicht das Gleiche dabei empfinden, hören wir doch dieselbe Musik. Sobald wir aber zu argumentieren und unsere Empfindungen auf den Begriff zu bringen versuchen, geraten wir in Kontroversen, die sich zu Konflikten oder Kriegen auswachsen können. Die Freimaurer versuchen, diese Kraft der Symbole zu nutzen, indem sie sagen: Wir alle verehren Gott, die einen sehen in ihm den christlichen, die anderen den jüdischen, die dritten den muslimischen Gott. Über die Differenzen zwischen unseren Religionen geraten wir immer wieder in Streit. Aber wenn es gelingt, ein allumfassendes Symbol für Gott zu finden, dann kann das jeder auf seine Weise verehren, ohne dass es zu Konflikten kommt.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Aber Symbole werden ja nicht nur in der Religion, sondern auch in der Kunst benutzt.</p>
<p><strong>Dan Brown:</strong> Ja, doch diese beiden Symbolsprachen sind auf vielfältige Weise verbunden. Unter anderem aus ganz offensichtlichen Gründen: Die großen Künstler der Renaissance waren zumeist Freidenker, die der Kirche skeptisch gegenüberstanden. Aber damals waren es die Päpste, Kardinäle und Bischöfe, die das Geld hatten, an Künstler lukrative Aufträge zu vergeben. Diese Kirchenfürsten bestellten bei ihnen eine Kreuzigungsszene oder ein Bildnis der Jungfrau Maria – also lieferten die Maler eine Kreuzigung oder ein Marienporträt. Doch haben sie dabei – oft unbemerkt von ihren Auftraggebern – eine heimliche Symbolsprache entwickelt, in der sie ihre religiöse Skepsis verschlüsselt zum Ausdruck brachten. Man kann diese Bilder also auf verschiedenen Ebenen interpretieren – sowohl als Bilder des Glaubens wie auch als Bilder der Glaubensskepsis, und genau das ist es, was meinen Helden Robert Langdon so fasziniert.</p>
<p><em>Mein Gespräch mit Dan Brown wurde zuerst veröffentlicht in dem Heft Focus-Spezial </em><strong>Die besten Bücher 2013</strong>. <em>Das Heft erschien am 15. November 2013.<br />
</em></p>
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		<title>Marcel Reich-Ranicki</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Sep 2012 12:47:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Dante Alighieri]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Paul Sartre]]></category>
		<category><![CDATA[Leo Tolstoi]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Sibylle Lewitscharoff]]></category>

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		<description><![CDATA[»Näher kann der Tod nicht kommen« Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki spricht über seine Angst vor dem Sterben, darüber, warum er nicht an das Jenseits glaubt und was ihm das Wichtigste war in seinem Leben Marcel Reich-Ranicki sitzt in seinem Wohnzimmer in &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=684">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>»Näher kann der Tod nicht kommen«</strong></h2>
<h3><strong>Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki spricht über seine Angst vor dem Sterben, darüber, warum er nicht an das Jenseits glaubt und was ihm das Wichtigste war in seinem Leben</strong></h3>
<p>Marcel Reich-Ranicki sitzt in seinem Wohnzimmer in einem hohen schwarzen Sessel. Hinter seinem Rücken ragt eine Bücherwand auf, die inzwischen halb Deutschland kennt aus den Fernsehinterviews mit ihm. Sakine, seine Haushälterin, hat uns Wasser gebracht und von Tosia Reich-Ranicki erzählt, die sie vor deren Tod im April 2011 hingebungsvoll betreute. Dann geht sie und schließt die Tür.</p>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> Herr Reich-Ranicki, vor mehr als einem Jahr starb Ihre Frau. Sie waren fast 70 Jahre verheiratet. Ist Ihnen der Gedanke an den Tod seither näher gekommen?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki:</strong> Nein. Wenn man wie ich über 90 Jahre alt ist, steht einem der Tod immerzu vor Augen. Noch näher kann er nicht kommen. Natürlich fehlt mir meine Frau, sie fehlt mir jeden Tag, jeden Augenblick. Es ist, als wäre ein Körperteil abgeschnitten.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Haben Sie Angst vor dem Tod?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Ja, sehr. Aber die Formulierung der Frage missfällt mir. Ich fürchte nicht den Tod. Ich habe Angst vor dem Nicht-mehr Existieren.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Sie waren im Warschauer Ghetto als junger Mann stärker mit dem Tod konfrontiert als andere Menschen in ihrem ganzen Leben. Hat das Ihre Einstellung zum Tod verändert?</p>
<p><strong> </strong></p>
<div id="attachment_685" class="wp-caption alignright" style="width: 209px"><strong><strong><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/MRR.jpg"><img class="size-medium wp-image-685" title="MRR" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/MRR-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" /></a></strong></strong><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock: &quot;Marcel Reich-Ranicki. Geschichte eines Lebens&quot; Biographie. Pantheon Verlag. 287 Seiten, 11,90 Euro</p></div>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Der Tod war eine reale Erfahrung im Ghetto. Wenn meine Frau und ich morgens aus dem Haus gingen, mussten wir über Leichen steigen, die auf den Straßen lagen. Sie wurden in offenen Holzkarren abgeholt. Tosia und ich lernten uns mit 19 kennen an dem Tag, an dem sich Tosias Vater im Ghetto an seinem Hosengürtel erhängt hatte. Er lag tot im Nebenzimmer. Tosia hatte ihn erst Minuten vorher entdeckt. Zwei Jahre später mussten wir uns von meinen Eltern Helene und David trennen, als sie aus dem Ghetto abtransportiert wurden. Wenige Tage darauf hörten Tosia und ich, dass sie in den Gaskammern von Treblinka ermordet worden waren. Der Tod ist für mich so etwas sehr Reales geworden.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Der Tod gehört zu den wichtigsten Themen der Literatur. Was kann man aus der Literatur über den Tod lernen?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Einem wirklichen Schriftsteller kann es gelingen, uns an den Tod zu erinnern. An unseren ganz persönlichen Tod. Jeder weiß, dass das Leben irgendwann endet. Aber selten machen wir uns klar, dass wir selbst es sind, die sterben werden. Während die Welt ungerührt weiterexistiert. Literatur öffnet uns manchmal für Momente die Augen für diese Wahrheit, vor der wir sie sonst zumeist schließen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Hilft Ihnen die Literatur, um mit dem Gedanken an den eigenen Tod fertigzuwerden?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Mit dem Gedanken an den Tod kann man nicht fertigwerden. Er ist völlig sinnlos und vernichtend. Die Literatur hilft vielleicht dabei, sich das unvermeidliche Ende des Lebens bewusst zu machen. Aber damit fertigwerden? Es gibt Menschen, die sich selbst töten, wie Kleist, Tucholsky, Hemingway. Sie wollen nicht mehr leben. Aber ich bezweifle, dass sie mit dem Tod fertiggeworden sind. Sich mit dem Tod auszusöhnen ist unmöglich. Selbstmörder wählen den Tod, weil er für sie das kleinere Übel ist als ein unerträgliches Dasein.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es ein Buch über den Tod, das Sie besonders beeindruckt hat?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki:</strong>Viele große Schriftsteller erzählen vom Sterben. Stark berührt hat mich das Buch <em>Der Tod des Iwan Iljitsch</em> von Leo Tolstoi. Es ist kein Roman, sondern eine lange Erzählung. Aber wie Tolstoi darin die Gedanken eines Menschen einfängt, der tödlich erkrankt ist, eines Menschen, der nicht glauben will und kann, dass er selbst mit all seinen Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen sterben muss und dabei alles zerstört wird, was ihn ausmacht, das ist grandios. Tolstoi konnte die Seele, die Psyche des Menschen so genau beschreiben wie kaum ein anderer Schriftsteller. Er zeigt die Angst seines Helden Iwan Iljitsch, seine hilflose Wut, seine Ungläubigkeit, als er erfährt, dass er todkrank ist. Am Schluss beschreibt er, wie in einem drei Tage dauernden Todeskampf das Leben aus Iwan Iljitsch langsam und unaufhaltsam förmlich herausgepresst wird. Ein ungeheuerliches, unvergleichliches Buch.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es etwas, das über den eigenen Tod hinwegtrösten kann?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Nein. Es gibt nichts.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Wie stellen Sie sich das Jenseits vor?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Es gibt kein Jenseits. Es gibt kein Leben nach dem Tod. Also hat es auch keinen Sinn, sich das Jenseits auszumalen. Der Tod ist der Schlusspunkt.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Es gibt viele Beschreibungen des Jenseits in der Literatur: Dantes <em>Göttliche Komödie</em> oder Sartres <em>Geschlossene Gesellschaft</em>. Sibylle Lewitscharoff entwirft in ihren Romanen immer wieder Jenseits-Landschaften, in denen sich Tote bewegen.</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Jetzt bringen Sie bitte nicht alles durcheinander: Die <em>Göttliche Komödie</em> stammt aus dem 14. Jahrhundert. Dante verwandelte hier Theologie in Literatur. Ob er wirklich an ein Jenseits geglaubt hat, steht auf einem anderen Blatt. Für Sartre war die <em>Geschlossene Gesellschaft</em> ein Gedankenspiel: Er wollte bestimmte philosophische Ideen in literarische Bilder umsetzen. Mit dem Glauben an ein Jenseits hat das nichts zu tun. Und wenn eine Autorin wie Sibylle Lewitscharoff heute glaubt, darüber schreiben zu müssen, wie es den Toten im Jenseits ergeht, dann ist das die Sache dieser Autorin. Ich möchte das nicht lesen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Sie sind kein religiöser Mensch. Viele Religionen versprechen ein Weiterleben nach dem Tod. Würden Sie gern in einer Religion Trost finden?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Nein. Es gibt kein Weiterleben nach dem Tod. Das ist Wunschdenken. Marx nannte Religion Opium fürs Volk. Es ist wichtig, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Auch wenn mir nicht gefällt, was ich sehe. Es hat keinen Sinn, sich selbst zu betrügen. Religion ist wie eine Brille, die den Blick auf die Wirklichkeit trübt, die bittere Realitäten hinter einem milden Schleier verschwinden lässt. Deshalb wehren sich die Anhänger der Religionen auch so vehement, diese Brille jemals abzusetzen. Aber für mich ist das nichts. Selbst im Ghetto habe ich versucht, die Dinge so zu sehen, wie sie sind und mir nichts vorzumachen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Was tun Sie, um mit dem Gedanken an den Tod fertigzuwerden?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Man wird mit dem Gedanken an den Tod nicht fertig. Darüber sprachen wir schon. Der Gedanke daran ist eine Qual, daran ist nichts zu ändern.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong>Sie sind jetzt 92 Jahre alt. Wenn Sie Resümee ziehen, was war Ihnen das Wichtigste in Ihrem Leben?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Die Liebe, die Literatur, die Musik, meine Familie, meine Frau. Nicht immer in dieser Reihenfolge. Mal war das eine wichtiger für mich, mal das andere. So etwas wechselt, je nachdem in welcher Situation man ist.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es etwas, was Sie in Ihrem Leben versäumt haben?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Es gibt immer etwas, das man versäumt hat. Zumal in sexueller Hinsicht.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es etwas, das Sie gern noch tun möchten?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>(Lange Pause) Vor allen Dingen möchte ich noch möglichst lange Zeit etwas tun können. Ich habe einmal gesagt, was mich am Tod vor allem schreckt, ist die Gewissheit, nicht mehr die Zeitungen des nächsten Tages lesen zu können. Ich möchte gern erfahren, wie es weitergeht. Ich möchte dabei sein. Ich will immer wieder die nächste Zeitung lesen. Aber das geht nicht, irgendwann ist Schluss.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Das Alter hat eine Menge Nachteile, das ist eine banale Feststellung. Aber hat das Alter aus Ihrer Sicht auch Vorteile?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Lassen Sie sich nichts erzählen von Altersweisheit oder Altersmilde. Das ist sentimentales Geschwätz. Das Alter ist fürchterlich. Es raubt einem nach und nach alles, was einem lieb und wichtig war, alles, worauf man glaubte, sich verlassen zu können. Philip Roth, der große amerikanische Schriftsteller, sagte einmal: Das Alter ist ein Massaker. Die Akademie in Stockholm soll sich schämen, dass sie ihm noch immer nicht den Nobelpreis gegeben hat. Roth hat Recht. Im Alter stehen wir einem übermächtigen Gegner gegenüber, wir sind allein und werden immer schwächer. Dieser Gegner, die Zeit, wird immer stärker, und sie vernichtet nach und nach immer mehr von uns, ohne dass wir uns wehren können, bis er uns schließlich ganz auslöscht. Einen Vorteil sehe ich da nicht.</p>
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