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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Christoph Ransmayr</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Christoph Ransmayr: &#8220;Cox oder Der Lauf der Zeit&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Nov 2016 08:02:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Christoph Ransmayr]]></category>

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		<description><![CDATA[Kommt Qualität von quälen? Christoph Ransmayr ist einer der Größten unserer Gegenwartsliteratur und wurde für seine Bücher vielstimmig gepriesen – und war doch lange gefangen in einer katastrophalen Depression. Jetzt hat er sich aus seinem selbst errichteten Kerker herausgeschrieben und &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2087">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Kommt Qualität von quälen? </strong></h1>
<h2><strong>Christoph Ransmayr ist einer der Größten unserer Gegenwartsliteratur und wurde für seine Bücher vielstimmig gepriesen – und war doch lange gefangen in einer katastrophalen Depression. Jetzt hat er sich aus seinem selbst errichteten Kerker herausgeschrieben und präsentiert seinen neuen Meisterroman „Cox oder Der Lauf der Zeit</strong><strong>“. Ich habe ihn in Wien besucht.</strong><strong></strong></h2>
<p>„Einige Monate“, antwortet Christoph Ransmayr.</p>
<p>Genauer gesagt: Ransmayr lässt diese Antwort auf meine Frage, wie lange er denn gearbeitet habe am ersten Satz seines neuen Romans, nebenbei einfließen irgendwo halb versteckt in seinen amüsanten kleinen Bericht über seine Suche nach dem Anfang, nach dem Tor, das mich ins Innere meines Romans führt“.</p>
<p>Einige Monate. Für einen Satz.</p>
<div id="attachment_2088" class="wp-caption alignright" style="width: 287px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/11/44955537z.jpg"><img class="size-full wp-image-2088" title="44955537z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/11/44955537z.jpg" alt="" width="277" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Christoph Ransmayr: &quot;Cox oder Der Lauf der Zeit&quot;. Roman. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 22 Euro</p></div>
<p>Mit so etwas muss man rechnen bei Ransmayr. Er ist ein literarischer Perfektionist. Zeit spielt für ihn bei seiner Arbeit keine Rolle. Er „verschwindet“, sagt er, in seinen Geschichten. Er lebt in ihnen. Sie sind sein Zuhause. Warum also sollte er hetzen beim Schreiben, wenn doch die Geschichten seine eigentliche Heimat sind? Ransmayr ist der Beethoven der deutschen Gegenwartsliteratur, der jede seiner Arbeiten mit unbeirrbarer Kraft in Richtung Vollendung vorantreibt. Vier große Romane hat er so geschrieben in über 30 Jahren. Jetzt ist der fünfte fertig.</p>
<p>Cox heißt der Held der Geschichte, er ist Schöpfer der präzisesten und prächtigsten Uhren des 18. Jahrhunderts und folgt einer Einladung, die ihn aus England an den Hof von Peking führt: „Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qiánlóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Staatsbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ.“</p>
<p>Ein Auftakt-Akkord, den man so rasch nicht vergisst. Natürlich ist auch Cox ein Perfektionist und natürlich darf man Ransmayrs Roman über ihn getrost lesen als Geschichte über den Stolz, die Not und den Irrsinn eines jeden Künstlers, der seine Arbeit in Richtung Vollendung vorantreibt. Cox baut für den Kaiser eine Uhr, die dem Perpetuum Mobile, also einer physikalischen Unmöglichkeit, so nahe kommt, wie man ihm auf Erden nur nahe kommen kann. Und baut sich dabei zugleich selbst eine Falle, der er lebend zu entkommen nur noch wenig Aussicht hat.</p>
<p>Zeit spielt für Ransmayr bei seiner Arbeit keine Rolle, in seiner Arbeit aber ist die Zeit ein beherrschendes Thema: Wie nur wenige andere vermag er in seinen Romanen das langsame Versiegen der Zeit für den Wartenden zu beschwören, das Rasen der Zeit für den Geängstigten oder auch den Stillstand der Zeit in Sekunden des Glücks. Es muss also niemand überrascht sein, wenn er jetzt einen Uhrmacher zur Hauptfigur macht, der mit seinen hochartifiziellen  Chronographen sogar diesen Spielarten des subjektiven Zeiterlebens gerecht zu werden versucht.</p>
<p>Wir sitzen im Restaurant Schnattl in Wiens 8. Bezirk. Wirtin und Wirt begrüßen Ransmayr ebenso herzlich wie vertraut. Auf der Mittagskarte steht österreichische Küche, zwei Gänge, großartig gekocht, aber doch sehr günstig. Ich erinnere ihn an seinen ersten Roman, in der Polarforscher das allmähliche Einfrieren ihres Zeitgefühls oder an seinen zweiten Roman, in dem Seeleute das atemlose Voranstürmen der Zeit während eines Orkans erleben, und Ransmayr kann die entsprechenden Stellen aus dem Kopf seitenlang zitieren. Er arbeitet derart besessen an seinen Romanen, dass er auch Jahrzehnte später noch ganze Kapitel auswendig beherrscht.</p>
<p>Ein Leidenschaft, die für die Leser herrliche Folgen zeitigt: Ransmayrs Romane sind durchkomponiert wie Symphonien. In jedem Satz, in jedem Absatz spürt man Musikalität und Rhythmus.</p>
<p>Ein Leidenschaft, die für den Autor lange fürchterliche Folgen zeitigte: Er schrieb, feilte, änderte, verbesserte bis er, wie er erzählt, „in einem katastrophalen Ausmaß der Depression verfallen war“. Der jeweils nächste Roman wurde für ihn buchstäblich zur Existenzfrage: „Wenn es mir nicht gelang, diesen Roman in der Form zu schreiben, die ich mir vorgenommen hatte, dann wäre ich kein Schriftsteller. Und könnte ich kein Schriftseller sein, dann wollte ich gar nicht mehr sein, denn ich hatte keine anderen Pläne für mich.“</p>
<div id="attachment_2090" class="wp-caption alignleft" style="width: 323px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/11/06445407z.jpg"><img class="size-full wp-image-2090" title="06445407z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/11/06445407z.jpg" alt="" width="313" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr&quot;. Herausgegeben von Uwe Wittstock. Fischer Taschenbuch Verlag. 12,90 Euro</p></div>
<p>Das Schreiben nahm Züge der Selbstqual, der Selbstzerstörung an. Er schrieb nicht einfach nur den nächsten Absatz, was bei seinen Qualitätsansprüchen schwer genug ist. Nein, er schrieb jeden Absatz in bis zu zwanzig Versionen neu, um alle vorstellbaren Varianten zu erproben, und um sich gegen jede mögliche Kritik unangreifbar zu machen. Bis er begriff, dass der Wunsch unangreifbar zu sein, „keine Haltung ist, mit der man schreiben sollte, jedenfalls nicht, wenn man überleben möchte.“</p>
<p>Was ihm den Ausweg aus der selbstgemauerten Sackgasse gewiesen hat? Ransmayr nennt es: „Strampeln.“ Es gab keinen klar abgezirkelten Weg in die Freiheit, sondern nur verzweifelte Fluchtversuche in alle Richtungen: „Strampeln, eben.“ Heute kann er, wenn erst einmal ein makelloser Absatz auf dem Papier steht, zu sich selbst sagen: „Lass es gut sein“ – und muss nicht mehr zwanghaft dutzende von Varianten entwerfen.</p>
<p>Der Intensität seiner Geschichten, der Schönheit seiner Sprache hat das nicht geschadet. Im Gegenteil, vielleicht ist seine Prosa heute sogar noch etwas überraschender, leuchtender als zuvor. 2012 erschien, wie zum Zeichen, dass er erste tastende Schritte aus dem durch die eigenen Besessenheit errichteten Kerker machte, ein fabelhafter Band mit Reise-Erzählungen von ihm. Wenn er heute, nur vier Jahre später, einen neuen Roman beendet hat, so ist das nach seinen Maßstäben ein geradezu atemberaubendes Produktionstempo.</p>
<p>Cox, sein Romanheld, entpuppte sich dabei als unerwarteter Helfer. Denn, sagt Ransmayr, als wie nach dem Essen noch beim Kaffee sitzen, „es sind nicht nur die Autoren, die ihre Figuren verändern. Auch die Figuren verändern manchmal die Autoren.“ Und Cox, dieser Perfektionist, der selbst den Hinterhalt legt, in den er zu gehen droht, sei vor allem eines gewesen: die perfekte Mahnung.</p>
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		<title>Gespräch mit Christoph Ransmayr zu &#8220;Der fliegende Berg&#8221;</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Mar 2016 09:23:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Christoph Ransmayr]]></category>
		<category><![CDATA[Reinhold Messner]]></category>

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		<description><![CDATA[“Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel…” Der Schriftsteller Christoph Ransmayr im Gespräch über seinen Roman &#8220;Der fliegende Berg&#8221;, den Freund Reinhold Messner und das Abenteuer des Schreibens sowie die schwierige Rückkehr aus unbekannten und neu eroberten Territorien in die &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1678">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>“Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel…”</strong></h1>
<h2><strong>Der Schriftsteller Christoph Ransmayr im Gespräch über seinen Roman &#8220;Der fliegende Berg&#8221;, den Freund Reinhold Messner und das Abenteuer des Schreibens sowie die schwierige Rückkehr aus unbekannten und neu eroberten Territorien in die vertraute Welt und zu den Menschen. Heute feiert Christoph Ransmayr Geburtstag.<br />
</strong></h2>
<div id="attachment_1688" class="wp-caption alignleft" style="width: 198px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22812492z1.jpg"><img class="size-medium wp-image-1688" title="22812492z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22812492z1-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Christoph Ransmayr: “Der fliegende Berg”. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2007, 9,95 Euro</p></div>
<p><em>Im Mai und Juni 1970 nahm der Bergsteiger Reinhold Messner an einer Expedition zum Nanga Parbat teil, in deren Verlauf zum ersten Mal die so genannte Rupal-Wand durchstiegen werden sollte. Reinhold Messner brach allein vom letzten Höhenlager auf, sein Bruder Günther konnte ihm folgen. Gemeinsam standen sie am 27. Juni auf dem Gipfel. Nach einer Notbiwakierung entschlossen sie sich, nicht auf demselben Weg, sondern über die Diamir-Wand abzusteigen. Beim diesem Abstieg starb Günther Messner. Reinhold überlebte mit starken Erfrierungen. Über die Katastrophe am Nanga Parbat hat es viele Spekulationen gegeben. Bei Malik ist  Messners Buch “Die rote Rakete am Nanga Parbat” erschienen. Josef Vilsmaier hat das Messner-Drama verfilmt. Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr schrieb seinen Roman “Der fliegende Berg” über das tödlich endende Abenteuer eines Bergsteiger-Brüderpaars im Transhimalaya. Ein Gespräch mit Ransmayr über den komplexen Zusammenhang zwischen Leben und  Literatur. </em></p>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong>   Sie sind mit Reinhold Messner befreundet. In Ihrem Roman “Der fliegende Berg” erzählen Sie von zwei Brüdern, die im Transhimalaya einen unzugänglichen Gipfel besteigen. Beim Abstieg kommt einer der beiden Brüder um. Die Parallelen zum Drama um die Nanga-Parbat-Besteigung der Messner-Brüder 1970, das 2010 von Josef Vilsmaier verfilmt wurde, liegen auf der Hand. Was hat Sie gereizt an diesem Stoff, den ihr Freund Messner erlebte?</p>
<p><strong>Christoph Ransmayr: </strong>  Die Tragödie am Nanga Parbat war immer wieder Thema auf vielen unserer gemeinsamen Reisen, nach Tibet, Nepal, Indien und in andere Weltgegenden. Dadurch ist mir diese Geschichte so vertraut geworden, als wäre sie Teil meiner eigenen Familienchronik. Aus dieser Vertrautheit heraus ist dann auch das Bedürfnis entstanden, eine Brudergeschichte zu schreiben.</p>
<div id="attachment_1689" class="wp-caption alignright" style="width: 207px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/39976197z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1689" title="39976197z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/39976197z-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Christoph Ransmayr: &quot;Atlas eines ängstlichen Mannes&quot;. Fischer Taschenbuch Verlag. 10,99 Euro</p></div>
<p><strong>Wittstock:</strong>   Sie wollten dem, was passiert ist, eine literarische Form geben?</p>
<p><strong>Christoph Ransmayr:</strong>  Meine erste Absicht war, eine klare, historische Darstellung der Ereignisse am Nanga Parbat zu schreiben. Mir ist aber schon bei der Vorbereitung der Schreibarbeit klar geworden, dass diese Geschichte nur einer schreiben kann, nur einer schreiben soll, nämlich Reinhold selbst. Ein Nebeneffekt meiner Vorbereitungen war aber die Entdeckung, dass unter den Menschen, die zum Rand der bekannten Welt und darüber hinausgehen, auffällig viele Brüderpaare waren – und sind. Schon im so genannten Zeitalter der Entdeckungen etwa die Brüder Corte-Real oder Nicolao und Maffeo Polo oder die Brüder Pinzón, die Columbus begleiteten und viele andere. Immer wieder brachen zwei Brüder gemeinsam auf und immer wieder geschah es, dass nur einer von ihnen zurückkam.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>  Hätte sich das Drama am Nanga Parbat anders entwickelt, wenn die beiden Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel keine Brüder gewesen wären?</p>
<p><strong>Christoph Ransmayr:</strong>  Das weiß ich nicht. Aber selbst die Geschichte der Brüder Messner ist noch mit einer weiteren Brudergeschichte verbunden: Der damalige Expeditionsleiter Karl Herrligkoffer war der Halbbruder des 1934 am Nanga Parbat umgekommenen Willy Merkl. Herrligkoffer hat mit den von ihm organisierten Expeditionen den Nanga Parbat wieder und wieder berannt, um endlich zu erreichen, zu “erobern”, wofür sein Halbbruder starb: den Gipfel. Es scheint ja, dass es bei Expeditionen ans Ende der Welt nicht ausreicht, bloß von einem Vertrauten, einem Freund begleitet zu werden, sondern dass der beste Gefährte der Bruder sein soll, ein Mensch, mit dem man nicht nur Gegenwart und die jüngste Vergangenheit teilt, sondern die ganze bisherige Lebensgeschichte bis tief in die Kindheit.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong>   Anders als mit einem Freund verbindet einen mit dem Bruder aber auch eine lebenslange Rivalität, beginnend schon mit der Rivalität um die Liebe der Eltern.</p>
<div id="attachment_1690" class="wp-caption alignleft" style="width: 207px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/06445407z1.jpg"><img class="size-medium wp-image-1690" title="06445407z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/06445407z1-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock (Hg.): &quot;Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr&quot;. Fischer Taschenbuch Verlag. 12,90 Euro</p></div>
<p><strong>Christoph Ransmayr:</strong> Diese Rivalität kann aber zu dramatisch verschiedenen Konsequenzen führen, einerseits natürlich bis zu einem Drama wie dem von Kain und Abel, andererseits aber auch über die Zähmung der Rivalität zu einer Gemeinsamkeit, die zwei Brüder etwas erreichen lässt, was für einen allein Utopie bleiben würde.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>  Das Brüderpaar Ihres Romans bricht allerdings nicht aus Südtirol auf, also aus einem Gebirge in das höchste Gebirge der Welt, dem Himalaya. Der Ausgangspunkt Ihrer Romanhelden ist eine abgelegene Insel vor Irland, also die Höhe des Meeresspiegels? Warum war diese extreme Höhendifferenz, von ganz unten – Meeresspiegel – bis ganz oben – Dach der Welt – für Sie wichtig im Roman?</p>
<p><strong>Christoph Ransmayr:</strong>  Ich wollte meine Helden die wahrhaft ganze Länge eines denkbaren Weges in die Höhe, ins Gebirge gehen lassen, also aus dem tiefsten Land bis in die Wolken, vom Meeresspiegel, von dem aus ja die Höhe noch des küstenfernsten Wüstengebirges aus gemessen wird, bis in die Höhen des Transhimalaya. Dabei ist aber der – erfundene – Berg, den meine beiden Protagonisten besteigen, für Tibet kein extrem hoher Berg, sondern kaum 7000 Meter hoch. Extreme Höhe kann ja durchaus subjektiv, also an den eigenen Kräften, der eigenen Erschöpfung gemessen, definiert werden. Wichtiger als die Gipfelhöhe war mir, dass der Weg dieser Brüder aus der virtuellen Realität ihrer Computer in die Wirklichkeit führen sollte, dorthin, wo Kälte, dünne Luft, die Erschöpfung und schließlich der Tod tatsächlich erlitten werden. Meine Figuren gehen ihren Weg aus der Virtualität in die Realität entlang einer vertikalen Linie, von ganz unten nach ganz oben.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>  Was einen Bergsteiger an der Eroberung eines Gipfels reizt, ist für Nicht-Bergsteiger oft nur schwer zu begreifen. Was reizt einen Schriftsteller an Menschen, die ihr Leben einsetzen, um auf eine lebensfeindliche, eisgepanzerte Felsspitze in 7000 Meter Höhe zu klettern?</p>
<p><strong>Christoph Ransmayr:</strong> Solche Wege, ob sie nun in die extreme Höhe oder in die extreme Weite führen, sind immer auch Wege in die eigene Geschichte, ins Innere des Gehenden, Reisenden. Wer sich der Geschichten eines oder mehrerer Menschen annimmt, wer ihre Schicksale, Dramen, Tragödien oder Komödien erzählen will, möchte dies ja mit größtmöglicher Plausibilität und Klarheit tun. Große, “dramatische”, oft menschenleere Landschaften können dieser Klarheit sehr förderlich sein. Denn dort wird die Geschichte des Einzelnen so deutlich wie vielleicht nirgendwo sonst. Zudem erscheinen aber auch seine Begegnungen mit anderen, zunächst fremden Menschen, ihre Gesellschaft, vielleicht auch ihre Hilfe, nirgendwo kostbarer als in der Verlassenheit weit draußen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>  Die Besteigung eines Berges ist ein spannendes Abenteuer. Wie wird daraus ein Thema für die Literatur? Abenteuergeschichten bringt man sonst eher mit Genre-Geschichten in Verbindung.</p>
<p><strong>Christoph Ransmayr:</strong>  Das ist für einen Erzähler keine besondere Frage. Warum sollte er sich darum kümmern, welcher Kategorie oder Schublade seine Geschichte schließlich zugeordnet wird? Auch Abenteuer-Geschichten können unzählige Ebenen haben, von denen die des reinen Geschehens bloß die einfachste und vordergründigste ist, wenn Schicht für Schicht darunter allmählich sichtbar wird, was die Protagonisten bewegt oder was sie treibt, und eine Expedition nicht nur in die Weite oder in die Höhe, sondern auch durch Seelenlandschaften führt.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong>   Wie weit gehen Sie als Schriftsteller, um die Abenteuer zu erleben, von denen Sie schreiben wollen?</p>
<p><strong>Christoph Ransmayr:</strong>  Ich nehme die Plagen und Widrigkeiten, von denen man in Wüsten, in großen Höhen oder auf dem Meer bedrängt werden kann, nur zur Not in Kauf. Meine Leidensfähigkeit ist nicht sehr ausgeprägt. Ich bin und bleibe auch in den großen Gebirgen lieber Wanderer und Spaziergänger. Es gab zwar irgendwann den Gedanken, vielleicht einen der ganz großen Berge zu besteigen. Aber als ich dann in Tibet mit Höhen von knapp 6000 Metern konfrontiert war und die Luft dünn und dünner, die Kälte schneidend und die Windstärken umwerfend wurden, war die Einsicht nahe liegend, dass solche Weg nicht meine sind.</p>
<p><strong>Wittstock:  </strong> Vielleicht ist die Arbeit als Schriftsteller schon Abenteuer genug?</p>
<p><strong>Christoph Ransmayr:</strong>  Als Schriftsteller geht man solche Wege vielleicht bis zu einem gewissen Punkt, um dann innezuhalten und sie schreibend fortzusetzen.</p>
<div id="attachment_1691" class="wp-caption alignright" style="width: 305px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/02942794z.jpg"><img class="size-full wp-image-1691" title="02942794z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/02942794z.jpg" alt="" width="295" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Christoph Ransmayr: &quot;Die Schrecken des Eises und der Finsternis&quot;. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag. 8,99 Euro</p></div>
<p><strong>Wittstock:</strong>   Riskieren Schriftsteller wie die Abenteurer ihr Leben bei der Arbeit? Der erste Satz von “Der fliegende Berg” heißt: “Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel…” Und man spürt, dass dieses “Ich” als erstes Wort des Buches sehr bewusst gesetzt ist.</p>
<p><strong>Christoph Ransmayr:</strong> Natürlich kann die Arbeit am Schreibtisch, an der Erzählung, an der Sprache, nicht nur zu einer sehr ernsten, sondern auch zu einer gefährlicher Angelegenheit werden, und man kann an ihr auch zugrundegehen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>  In Ihrem ersten Roman “Die Schrecken des Eises und der Finsternis” haben Sie das Abenteuer einer Nordpolar-Expedition zum Thema gemacht. Auch hier werden von den Romanhelden unter dem Einsatz des Lebens letzte weiße Flecke auf der Weltkarte erforscht – wie der unerforschte Gipfel in “Der fliegende Berg”. Weshalb sind solche weiße Flecken unbewohnbarer Landschaft für Sie als Schriftsteller ein so wichtiges Thema?</p>
<p><strong>Christoph Ransmayr:</strong>  Irgendwo allein und der erste zu sein, heißt eben auch, mit allen seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten allein zu sein und zu erfahren, wozu man im Stande ist. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere und am Ende wichtigere Seite bleibt aber die Rückkehr. Wer aufbricht ins Unbekannte, ins noch nie Erreichte, der will irgendwann nichts als zurück, nach Hause, gleichgültig ob er nun sein Ziel erreicht hat oder gescheitert ist. Das leere, unbekannte Land zeigt ja auch den Wert der Welt, die man verlassen hat. Irgendwann wird jede Expedition geradezu beseelt von dem Gedanken zurückzukehren, denn hinter jedem noch so entlegenen Ziel kommt die Sehnsucht nach dem Vertrauten zum Vorschein. Wenn alles aus dem Ruder läuft oder Sturm und Lawinen alle Absichten zunichte machen, dann wird die Sehnsucht nach dem Ort, von dem aufbrach, am größten. Nie leuchtet dieser Ort heller als in den Augenblicken, in denen er schon verloren scheint.</p>
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		<title>Christoph Ransmayr zum Geburtstag</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Mar 2016 08:57:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Reinhold Messner]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Erzähler von den Rändern der Zivilisation Wie nur ganz wenige Schriftsteller hat Christoph Ransmayr die vielfältigen &#8220;Spielarten des Erzählens&#8221; auf höchsten Niveau erkundet und erprobt. Seine Romane, Erzählungen und Reden gehören zu den erstaunlichsten, den überwältigendsten Sprachkunstwerken, die derzeit &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1675">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h1><strong>Ein Erzähler von den Rändern der Zivilisation</strong></h1>
<h2><strong>Wie nur ganz wenige Schriftsteller hat Christoph Ransmayr die vielfältigen &#8220;Spielarten des Erzählens&#8221; auf höchsten Niveau erkundet und erprobt. Seine Romane, Erzählungen und Reden gehören zu den erstaunlichsten, den überwältigendsten Sprachkunstwerken, die derzeit in deutscher Sprache geschrieben werden. Heute feiert er Geburtstag. Ihm zu Ehren hier eine Erinnerung an seinen großartigen Himalaya-Roman &#8220;Der fliegende Berg&#8221;</strong>.</h2>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_1680" class="wp-caption alignright" style="width: 309px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22812492z.jpg"><img class="size-full wp-image-1680" title="22812492z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22812492z.jpg" alt="" width="299" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Christoph Ransmayr: “Der fliegende Berg”. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2007, 9,95 Euro</p></div>
<p>Romane von Christoph Ransmayr sind Aufbrüche in den Mythos. Es sind Einladungen an den Leser, aus der Zeit zu fallen. Das hat nichts mit Flucht in esoterische Sphären zu tun, nichts mit der Entdeckung dunkel raunender, angeblich ewiger Wahrheiten. Ransmayr versteht sich vielmehr auf die rare, die erstaunliche Kunst, den Kopf literarisch bis über die Wolken zu strecken und doch mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben. Seine Bücher entfalten in der Imagination ihrer Leser eigene Welten von erstaunlicher Plastizität und Komplexität, die den Bezug zu den sogenannten Tatsachen nie verlieren, über die bloßen Tatsachen aber weit hinausreichen.</p>
<p>Ransmayrs Roman „Der fliegende Berg“ zum Beispiel signalisiert seinen Eigensinn, seinen eigenen Sinn schon in seiner formalen Gestalt. Wie bei einem Epos hat Ransmayr, dessen Prosa immer schon enorme sprachmusikalische Qualitäten hatte, seinen Text in Verse und Strophen geordnet. Er selbst spricht nüchtern nur von „Flattersatz“; wer will, braucht auf Verse oder Strophen keine große Rücksicht zu nehmen und kann den Roman lesen, wie jeden anderen auch. Doch bei genauerem Hinhören ist schnell zu spüren, dass diese Prosa bis in die Feinheiten hinein rhythmisch durchformt und durchdacht ist, ohne deshalb in eine aufdringliche, starre Metrik zu verfallen.</p>
<p>Der Stoff des Romans hat Ransmayr über ein Jahrzehnt lang beschäftigt. Erzählt wird von zwei Brüdern, die in den Osten Tibets aufbrechen, um dort den noch unbezwungenen, knapp siebentausend Meter hohen Phur-Ri, den „Fliegenden Berg“ zu besteigen. Wie während der inzwischen legendären Nanga Parbat-Expedition von Günther und Reinhold Messner 1970 kommt einer der beiden Brüder beim Abstieg vom Gipfel um.</p>
<div id="attachment_1681" class="wp-caption alignleft" style="width: 322px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/06445407z.jpg"><img class="size-full wp-image-1681" title="06445407z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/06445407z.jpg" alt="" width="312" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock (Hg.): &quot;Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr&quot;. Fischer Taschenbuch Verlag. 12,90 Euro</p></div>
<p>Doch viel weiter reichen die Parallelen nicht, Ransmayrs Figuren stammen aus Irland, nicht aus Südtirol. Ihr Vater ist ein schwärmerischer, nicht recht realitätstauglicher IRA-Fanatiker, dessen Frau mit einem Protestanten in den britischen Norden durchgebrannt ist. Liam, der ältere der beiden Brüder, hat seinen Beruf als Computer-Fachmann und Kartograph an den Nagel gehängt und ist nun Viehzüchter auf einer kleinen Insel im Südwesten Irlands. Pad, der jüngere Bruder und Ich-Erzähler des Romans, fuhr jahrelang zur See, bevor er bei seinem gleichermaßen bewunderten wie eifersüchtig bekämpften Bruder eine feste Bleibe findet.</p>
<p>Die Bildphantasie Ransmayrs ist atemraubend. Wie Liam auf nächtlichen Internet-Irrfahrten ein erstes Foto der Phur-Ri entdeckt, wie die beiden Brüder an den Insel-Steilküsten über dem Meer ihr bergsteigerisches Können trainieren, wie sie in Tibet auf ganze Felder von farbigen Gebetsfahnen stoßen, auf Nomaden, die unter freiem Himmel im Schnee Billard spielen oder auf Schmetterlinge, die von heißen Luftströmungen über Tausende von Metern bis ins ewige Eis der Gletscher gerissen werden – all das wirkt wie Szenen aus einem Film von Stanley Kubrick, die Ransmayrs auf wenigen Zeilen ebenso poetisch wie präzise vor das innere Auge des Lesers zu rücken versteht.</p>
<p>Naturgemäß wird das Leben, je weiter die beiden Brüder in die entlegenen Winkel Ost-Tibets vordringen, umso archaischer. Für Liam ist das lediglich ein unvermeidlicher, meist lästiger oder auch gefahrvoller Begleitumstand der Expedition. Für Pad jedoch wird ihr Weg zu einer Reise in eine andere, vom mythischen Denken geprägte Welt, deren Ausstrahlung er sich nicht entziehen kann und auch nicht will.</p>
<div id="attachment_1682" class="wp-caption alignright" style="width: 307px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/03967643z.jpg"><img class="size-full wp-image-1682" title="03967643z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/03967643z.jpg" alt="" width="297" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Christoph Ransmayr: &quot;Die letzte Welt&quot;. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag. 9,99 Euro</p></div>
<p>Ransmayr gibt so dem berühmten Motiv von Joseph Conrads Reise ins „Herz der Finsternis“ eine Wendung ins Positive: Sein Held Pad verliert sich mit der zunehmenden Entfernung von der westlichen Zivilisation nicht in Wahn und Gewalt, er gelangt auch nicht zu spiritueller Erleuchtung, wie sie viele Asientouristen suchen, sondern schlicht zu einem größeren Gefasstheit und auch Gelassenheit angesichts der fundamentalen Vergeblichkeit des Lebens.</p>
<p>Bei Jean-Paul Sartre heißt es, der Mensch sei eine nutzlose Leidenschaft. Für diese Einsicht findet Ransmayr in seinem Roman ein schmerzlich schönes Bild: Als die Brüder das Ziel ihrer Leidenschaft erreicht haben, den Gipfel des Phur-Ri, schreiben sie auf diesem Nebendach der Welt ihre Namen in den Schnee, obwohl schon ein Unwetter aufzieht, dass alle Spuren unfehlbar löschen wird.</p>
<p>Doch Pad begreift inmitten der urtümlichen Landschaft, wie vorübergehend letztlich jedes Dasein ist, er begreift, dass selbst die Gebirgsgiganten des Himalaja irgendwann einmal verschwinden werden, und also, wie die tibetischen Mythen lehren, als fliegende Berge nur vorübergehend auf der Erde Platz genommen haben – was Pad mit Blick auf die eigene Vergänglichkeit zu größerer innerer Ruhe verhilft.</p>
<p>Die Helden Ransmayrs drängt es in all seinen Romanen zu den Rändern ihrer Zivilisation. Denn Zivilisation ist für Ransmayr nicht denkbar ohne Machtkampf und Zerstörung. Mit wenigen Strichen skizziert er im „Fliegenden Berg“ wie in der Vergangenheit die englischen Kolonialherren in Irland hausten und heute die chinesischen Kolonialherren in Tibet. Der unbestreitbare Glanz der siegreichen Kultur wird bezahlt mit der Verwüstung der Natur – Irland und Tibet werden von ihren Besatzern gleichermaßen abgeholzt – und dem Untergang der unterlegenen Kulturen.</p>
<div id="attachment_1683" class="wp-caption alignleft" style="width: 307px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/06995591z.jpg"><img class="size-full wp-image-1683" title="06995591z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/06995591z.jpg" alt="" width="297" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Christoph Ransmayr: &quot;Morbus Kitahara&quot;. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag. 9,95 Euro</p></div>
<p>Ein Ausweg aus diesem jahrhundertealten Reigen der Gewalt ist der Rückzug an die kaum besiedelten, nicht erforschten oder sogar noch nie betretenen Ränder der bekannten Welt, wie zu jenem Gipfel des Phur-Ri. Das ist eine Flucht, zugegeben, aber sie birgt einen Moment von Freiheit.</p>
<p>Ransmayr riskiert bei all dem literarische eine Menge. Er scheut sich nicht, die Rivalität der beiden Brüder, ihr bedingungslos aufeinander Angewiesensein während der Auf- und Abstiegs und nicht zuletzt auch die Liebesgeschichte zwischen Pad und der Tibeterin Nyema, die er während des wochenlangen Trecks zum Phur-Ri kennenlernt, als einschneidende, lebensverändernde Erfahrungen zu schildern, die große Gefühle von archaischen Dimensionen wecken. Das ist sicher nicht nach jedermanns Geschmack.</p>
<p>Wer seine Ohren ganz auf die oft kühlen, lakonischen Töne unserer Gegenwartsliteratur eingestimmt hat, kann das gelegentlich als fremd und pathetisch empfinden. Doch gehört ebendies, gehört der Abschied vom Gewohnten und die Konfrontation mit einem wiederentdeckten existentiellen Ernst zum Programm dieses Romans. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, finden in diesem Buch eine Sprache von überwältigender, von erschütternder Schönheit.</p>
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</div>
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