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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Charlie Caplin</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>J.D.Salinger und Charles Chaplin</title>
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		<pubDate>Sat, 21 Apr 2018 09:47:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Charles Chaplin]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Dichter und die jungen Frauen Heute hat J. D. Salinger Geburtstag. Den 104. Sein &#8220;Fänger im Roggen&#8221; war einer der erfolgreichsten Romane des 20. Jahrhunderts. In ihrer Biografie „Salinger. Ein Leben“ zeigen David Shields und Shane Salerno, wie brutal &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2348">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Der Dichter und die jungen Frauen<br />
</strong></h1>
<h2><strong>Heute hat J. D. Salinger Geburtstag. Den 104. Sein &#8220;Fänger im Roggen&#8221; war einer der erfolgreichsten Romane des 20. Jahrhunderts. In ihrer Biografie „Salinger. Ein Leben“ zeigen David Shields und Shane Salerno, wie brutal Salinger in das Grauen des 20. Jahrhunderts verstrickt war &#8211; und dass er eine Neigung zu sehr jungen Frauen hatte.<br />
</strong></h2>
<div id="attachment_2350" class="wp-caption alignright" style="width: 297px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/04/11919067z1.jpg"><img class="size-full wp-image-2350" title="11919067z" alt="" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/04/11919067z1.jpg" width="287" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">J.D.Salinger: &#8220;Der Fänger im Roggen&#8221;. Roman. Übersetzung: Eike Schönfeld. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 10 Euro</p></div>
<p>Er gehört zu den rätselhaftesten, aber auch erfolgreichsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. J. D. Salingers Kultroman „Der Fänger im Roggen“ erschien 1951, erreichte bislang eine Auflage von mehr als 65 Millionen und gilt als ein literarischer Ausgangspunkt der endlosen Jugendrebellionen gegen Establishment und Erwachsenenwelt, die seither regelmäßig die westliche Welt erschüttern.</p>
<p>Salinger wuchs in New York als Sohn eines erfolgreichen jüdischen Geschäftsmanns in ebenjenem Milieu wohlhabender Bürger auf, gegen deren Heuchelei Holden Caulfield, der Held des „Fängers im Roggen“, in seinem 200-seitigen Monolog tobt und wütet. Schon mit 21 hatte Salinger die ersten Kurzgeschichten veröffentlicht und lernte 1941 das It-Girl jener Jahre kennen und lieben: die engelhaft schöne und von Klatschreportern umschwärmte 16-jährige Oona O’Neill, Tochter des Literaturnobelpreisträgers Eugene O&#8217;Neill. Die Affäre der beiden war nur ein paar Monate kurz und allen Anzeichen nach keusch &#8211; aber folgenreich.</p>
<p>Salinger wurde bald zur US-Army eingezogen und verlor Oona an den größten Kinokomiker aller Zeiten: an den damals 53-jährigen Charlie Chaplin, ebenfalls ein entschiedener Liebhaber von Mädchen auf der Schwelle zwischen Pubertät und Erwachsensein. Schon seinerzeit erlebte Chaplin wegen dieser Neigung in der Öffentlichkeit mitunter wütenden Gegenwind, welchen Sturm er heute ernten würde, mag man sich nicht vorstellen. Oona, die von ihrem Vater kaum je beachtet worden war, genoss die Aufmerksamkeit des genialen Filmers. Trotz 36 Jahren Altersunterschied heiratete das Paar an Oonas 18. Geburtstag, bekam acht Kinder und blieb bis zu Chaplins Tod 1977 unzertrennlich.</p>
<p>(Kleine Abschweifung: Ich hatte einmal die großartige Chance, Geraldine Chaplin über Ihre Eltern zu interviewen. Sie erzählte mir, welche innige und zärtliche Liebe ihren Vater und ihre Mutter verbunden hätte. Die beiden seien durch einen über Jahrzehnte andauernden tägliche Flirt verbunden gewesen. Was Chaplin allerdings nicht davon abhielt, gelegentlich auch mal Pointen auf Kosten seiner Frau zu machen. Die beiden hatten acht Kinder zusammen. Als das jüngste 1962 geboren wurde, meinte der 73-jährige Chaplin, er hätte ja gern noch mehr Kinder gehabt, aber seine Frau sei jetzt einfach zu alt dafür.)</p>
<div id="attachment_2352" class="wp-caption alignright" style="width: 215px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/04/3Leute.jpeg"><img class="size-full wp-image-2352" title="3Leute" alt="" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/04/3Leute.jpeg" width="205" height="287" /></a><p class="wp-caption-text">J.D.Salinger: &#8220;Die jungen Leute&#8221;. Drei Stories. Piper Verlag. Derzeit offenbar nicht neu lieferbar. Seltsam.</p></div>
<p>Zurück zu Salinger: Die Liebesenttäuschung Oona an Chaplin verloren zu haben und seine Jahre als Soldat im Zweiten Weltkrieg veränderten Salinger von Grund auf. Drei seiner frühen Short Storys, die in dem schmalen Band „Die jungen Leute“ erstmals auf Deutsch erschienen sind, zeigen ihn als geschmeidigen literarischen Handwerker, aber noch wenig von der geradezu hypnotischen Suggestionskraft seiner späteren Bücher.</p>
<p>Am 6. Juni 1944, dem D-Day, landete der GI Salinger mit der 4th Infantry Division in der Normandie. Von den 3100 Soldaten seines Regiments waren am Ende des Monats nur noch weniger als 600 am Leben. Im Hürtgenwald und in den Ardennen geriet er in zwei der schwersten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Vor der Gefahr und dem Sterben seiner Kameraden flüchtete Salinger sich in die Literatur. Die ersten sechs Kapitel des „Fängers im Roggen“ hatte er schon damals bei sich, arbeitete in jeder freien Minute daran, einmal sogar, indem er während feindlichen Beschusses unter einem Tisch hockte.</p>
<p>Im Frühjahr 1945 erreichte Salinger völlig unvorbereitet als einer der ersten Befreier das KZ Kaufering IV. Es war erst kurz zuvor von der SS geräumt worden: Die Berge von Verhungerten, die übereinandergestapelt worden waren, und die verkohlten Leichen von Gefangenen, die das abrückende Wachpersonal bei lebendigem Leib verbrannt hatte, traumatisierten ihn dauerhaft.</p>
<div id="attachment_2353" class="wp-caption alignleft" style="width: 203px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/04/41742760z.jpg"><img class="size-medium wp-image-2353" title="41742760z" alt="" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/04/41742760z-193x300.jpg" width="193" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">David Shields und Shane Salerno: „Salinger. Ein Leben“. Übersetzung: Yamin von Rauch. Verlag Droemer/Kraur. 34 Euro</p></div>
<p>In ihrer hochinformativen Biografie „Salinger. Ein Leben“ weisen David Shields und Shane Salerno nach, dass sich Salinger nach Kriegsende wegen Depressionen in ein Nürnberger Krankenhaus einweisen ließ. Bald darauf heiratete er eine deutsche Ärztin, mit der er in die USA zurückkehrte &#8211; die er dann aber abrupt verließ, wohl weil er erfahren hatte, dass sie Informantin der Gestapo gewesen war.</p>
<p>Diese Ehe blieb die einzige, die Salinger je mit einer Gleichaltrigen schloss. Danach entwickelte auch er eine Obsession für sehr junge Frauen. Das Muster seiner Liebesbeziehungen, schreiben seine Biografen, war immer das gleiche: „bewunderte Unschuld, verführte Unschuld, verlassene Unschuld“. (Die Biographie ist auch formal hochinteressant: Was Shields und Salerno hier publizieren, ähnelt über weite Strecken dem, was man gern für den Zettelkasten eines Biographen halten möchte: Sie stellen die Erinnerungen und Kommentare von Zeitzeugen über Salinger unverbunden hintereinander, zumeist ohne sie zu werten oder untereinander zu verbinden. Die Dokumente sollen für sich selbst sprechen.)</p>
<p>Möglicherweise versuchte Salinger, in all seinen sehr jungen Geliebten die verlorene Oona O’Neill wiederzufinden. Mit 53 Jahren, also fast genau in dem Alter, in dem Chaplin die 18-jährige Oona geheiratet hatte &#8211; wofür Salinger ihn in Briefen lange als verantwortungslosen Lüstling beschimpfte -, ließ sich Salinger auf eine Affäre mit der 18-jährigen, späteren Schriftstellerin Joyce Maynard ein. (Auch sie hat vor rund zwanzig Jahren ein Buch über ihre Erinnerungen an Salinger geschrieben: „Tanzstunden. Mein Jahr mit Salinger“.)</p>
<div id="attachment_2354" class="wp-caption alignright" style="width: 272px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/04/09013348z.jpg"><img class="size-full wp-image-2354" title="09013348z" alt="" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/04/09013348z.jpg" width="262" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Joyce Maynard: &#8220;Tanzstunden. Mein Jahr mit Salinger&#8221;. Piper Verlag. Nur gebraucht lieferbar</p></div>
<p>Aus der tiefen Nachkriegsdepression rettete sich Salinger durch seine literarische Arbeit und eine intensive Gottsuche auf den Spuren der hinduistischen Lehre des Vedanta. Diese Lehre befahl ihm einen radikalen Rückzug aus dem öffentlichen Leben. Als er nach dem Welterfolg vom „Fänger im Roggen“ von New York ins einsame New Hampshire übersiedelte, war das für seine Fans nur konsequent: Wie sein Held Holden Caulfield wandte er sich von der Verlogenheit der Gesellschaft ab. Der Salinger-Mythos war geboren.</p>
<p>Tatsächlich, so zeigen Shields und Salerno, lagen die Dinge etwas anders: Er reiste viel und achtete darauf, die Welt nie vergessen zu lassen, dass er sich von ihr zurückgezogen hatte.</p>
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		<title>Michael Köhlmeier: &#8220;Zwei Herren am Strand&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 25 Jun 2016 14:58:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Charlie Caplin]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Köhlmeier]]></category>
		<category><![CDATA[Winston Churchill]]></category>

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		<description><![CDATA[Zwei Genies in Not Der Tramp und der Premierminister: Michael Köhlmeier hat einen hinreißenden Roman über die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Charlie Chaplin und Winston Churchill geschrieben. Die Handlung von &#8220;Zwei Herren am Strand&#8221; ist angesiedelt in der Halbwelt zwischen Fakten &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1806">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Zwei Genies in Not</strong></h1>
<p><strong>Der Tramp und der Premierminister: Michael Köhlmeier hat einen hinreißenden Roman über die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Charlie Chaplin und Winston Churchill geschrieben. Die Handlung von &#8220;Zwei Herren am Strand&#8221; ist angesiedelt in der Halbwelt zwischen Fakten und Fiktionen.</strong></p>
<p><strong> Eine Begegnung mit Köhlmeier in Bregenz am Bodensee<br />
</strong></p>
<p>Es ist, als würde er Scheinwerfer einschalten. Michael Köhlmeier gehört nicht zu den auffälligen Menschen. Er ist weder groß noch laut, noch fuchtelt er rum. Wenn er nicht redet, kann man ihn leicht übersehen. Aber sobald er erzählt, sobald er eine Geschichte beginnt, Figuren auftreten lässt, Handlungsfäden aufnimmt und fortstrickt: Dann ist es, als knipste jemand das Licht an, das Licht auf einer Bühne, die man nur mit inneren Augen sieht und auf der Köhlmeier ein kleines Welttheater dirigiert. Zu einem auffälligen Menschen macht ihn das allerdings noch immer nicht. Im Gegenteil, er verschwindet dann ganz und gar hinter seiner Geschichte.</p>
<div id="attachment_1807" class="wp-caption alignright" style="width: 318px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/42639678z.jpg"><img class="size-full wp-image-1807" title="42639678z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/42639678z.jpg" alt="" width="308" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Michael Köhlmeier: &quot;Zwei Herren am Strand&quot;. dtv. 9,90 Euro</p></div>
<p>In seinem neuen Roman „Zwei Herren am Strand“ (Hanser) erzählt Köhlmeier von zwei Genies. Von Winston Churchill und Charlie Chaplin und ihrer erstaunlichen Freundschaft. Beide bekämpften denselben Feind: Hitler. Churchill als Premierminister Großbritanniens, Chaplin als Regisseur seines Meisterwerks „Der große Diktator“. Beide rangen aber auch mit dem gleichen inneren Feind, denn beide litten an Depressionen.</p>
<p>Für Churchill war es der „schwarze Hund“, der ihn zeitlebens bedrohte, ihn oft an den Rand des Selbstmords trieb und den er mit Alkohol betäubte. Chaplin war vor allem gefährdet, wenn er Filme fertiggestellt hatte und von der Vorstellung geplagt wurde, sie erfüllten seine Ansprüche nicht und seien misslungen.</p>
<p>Der Roman hält sich nicht in allen Punkten an die biografischen Tatsachen. Köhlmeiers Lust am Fabulieren ist viel zu groß, als dass er nur von dem erzählte, was die Historiker über seine zwei Helden in Erfahrung bringen konnten. Bei ihm lernen sich die beiden bei einer Schauspielerin in Santa Monica kennen, machen einen Strandspaziergang und schließen einen geheimen Pakt: Wann immer, wo immer einer von ihnen akuten Beistand braucht gegen die Depression, soll der andere alles stehen und liegen lassen und ihm zu Hilfe eilen.</p>
<p>Einfach haben sie es mit ihrer Freundschaft nicht. Beide sind sie, auch wenn sie einen Diktator bekämpfen, selbst Diktatoren: Der eine am Filmset, der andere in seiner Partei. Klug zeigt Köhlmeier, wie schwer es ihnen fällt, ein anderes, ähnlich großes Genie in ihrer Nähe zu akzeptieren.</p>
<div id="attachment_1809" class="wp-caption alignleft" style="width: 206px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/hqdefault1.jpg"><img class="size-full wp-image-1809" title="hqdefault" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/hqdefault1.jpg" alt="" width="196" height="110" /></a><p class="wp-caption-text">Charles Chaplin und Winston Churchill</p></div>
<p>Wunderbar ist die Szene, in der Churchill mit seiner Saufleidenschaft im Begriff ist, Chaplin endgültig zu verprellen. Bis sich Churchills kleine Tochter Sarah zu ihnen setzt und Chaplin in den dem dröhnenden Machtmenschen Churchill plötzlich den zärtlich besorgten Vater entdeckt. Was ihn mit dessen Charakterschwächen sofort versöhnt.</p>
<p>Köhlmeier und ich haben uns ebenfalls zu einem Strandspaziergang verabredet, in Bregenz am Bodensee. Leider regnet es, und wir beschränken uns notgedrungen darauf, unter Schirmen die Uferpromenade entlangzubummeln. „Es gibt Figuren in der Literatur“, sagt Köhlmeier, „die jeder kennt, wie Romeo und Julia, wie Huckleberry Finn oder Don Quijote, Figuren, die selbst den Leuten bekannt sind, die nie die Geschichten gelesen haben, für die sie erfunden wurden.“</p>
<p>Köhlmeier nennt sie: mythische Figuren. Sie haben ihre Bücher verlassen, den Buchdeckel hinter sich zugeschlagen und einen Platz direkt im kollektiven Bewusstsein der Menschen gefunden. Autoren mit solcher Erfindungskraft bewundert er maßlos. „Ich würde“, sagt er „einen Finger dafür geben, eine solche Figur zu erfinden.“ Dann lacht er: „Ach was, eine ganze Hand würde ich geben.“</p>
<p>Chaplin hat das geschafft. „Sein kleiner Tramp ist längst ein Mythos“, meint Köhlmeier. „Jeder erkennt ihn, jeder liebt ihn. Seine Eleganz, seinen Witz, seinen Kampf als David gegen all die Goliaths dieser Welt.“ Bei Churchill ist es ähnlich. Als Politiker mit Charisma hat er sich selbst zu einer Art Kunstfigur stilisiert: Das Foto vom unbeugsamen Mann mit Anzug und Zigarre, der zwei Finger zum Victory-Zeichen gespreizt in die Kamera hält, wurde zur Ikone des Widerstands gegen Hitler.</p>
<p>Köhlmeiers Roman erzählt von dem Preis, den beide für ihre enorme Begabung zahlten, von der seelischen Finsternis, in die sie gelegentlich stürzten. Und von dem Beistandspakt zwischen diesen zwei so ungleichen Männern. Churchill, der dem höchsten Adel Englands, Chaplin, der dem hoffnungslosesten Elend Londons entstammte.</p>
<p>Es ist eine ungeheuer suggestive Geschichte, die auf einem schmalen Grat zwischen Fakten und Fiktionen entlangbalanciert. Sie strickt fort an den Mythen von Chaplin und Churchill. Vielleicht ist nicht alles genau so gewesen, wie Köhlmeier es erzählt. Aber er erzählt es so gut und glaubwürdig, dass man in seiner Geschichte mehr Wahrheit findet als in den nackten Tatsachen.</p>
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