<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Bertolt Brecht</title>
	<atom:link href="http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;tag=bertolt-brecht" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://blog.uwe-wittstock.de</link>
	<description>Über Literatur und Literaten</description>
	<lastBuildDate>Fri, 17 Apr 2026 14:12:18 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.5</generator>
		<item>
		<title>Helmut Winkelmann ist tot</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2405</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2405#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 31 Aug 2018 06:41:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Bertolt Brecht]]></category>
		<category><![CDATA[Fritz Kortner]]></category>
		<category><![CDATA[Helmut Winkelmann]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Härtling]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2405</guid>
		<description><![CDATA[Helmut Winkelmann ist tot Der Schauspieler und Sprecher Helmut Winkelmann ist am 19. August gestorben. Man kennt seine markante Stimme von zahllosen Hörbüchern und von unübersehbar vielen Sendungen der Kulturmagazine &#8220;ttt&#8221; oder &#8220;Kulturzeit&#8221;. Vor allem aber war er ein großartiger &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2405">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Helmut Winkelmann ist tot</strong></h1>
<h2><strong>Der Schauspieler und Sprecher Helmut Winkelmann ist am 19. August gestorben. Man kennt seine markante Stimme von zahllosen Hörbüchern und von unübersehbar vielen Sendungen der Kulturmagazine &#8220;ttt&#8221; oder &#8220;Kulturzeit&#8221;. Vor allem aber war er ein großartiger Mensch, ein wunderbarer Freund und Kollege. Gestern, am 30. August fand die Trauerfeier zu seinen Ehren in Frankfurt am Main statt. Ich durfte eine der Reden auf ihn halten.</strong></h2>
<h2><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/Anzeige.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2406" title="Anzeige" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/Anzeige.jpg" alt="" width="540" height="372" /></a>Liebe Jutta, liebe Mieka, lieber Malte,<br />
liebe Familie von Helmut,<br />
liebe Freunde, Kollegen, Nachbarn,</h2>
<p>Abschiednehmen ist nie leicht. Und manchmal ist es sehr schwer.</p>
<p>Zu dem Kreis der Freunde, Kollegen, Nachbarn von Helmut zähle ich mich auch, mein Arbeitszimmer auf dem Heilsberg liegt keine achtzig Schritte entfernt von Helmuts Arbeitszimmer. Aber mir kommt im Kreis der Freunde, Kollegen, Nachbarn keine besondere Rolle zu. Wenn ich hier zum Abschied von Helmut spreche, bitte ich, darin keine Anmaßung zu sehen, sondern es als Wunsch von Jutta, Mieka und Malte zu betrachten. Ich möchte gern von meiner Freundschaft mit Helmut erzählen, und hoffe, dass meine Erinnerungen an ihn einen Raum bieten, in dem andere ihre Erinnerungen wiederkennen.</p>
<div id="attachment_2407" class="wp-caption alignright" style="width: 337px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/41MOkkG4XQL._AC_US327_QL65_.jpg"><img class="size-full wp-image-2407" title="41MOkkG4XQL._AC_US327_QL65_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/41MOkkG4XQL._AC_US327_QL65_.jpg" alt="" width="327" height="327" /></a><p class="wp-caption-text">E.T.A.Hoffmann: &quot;Der Sandmann&quot;. Sprecher: Helmut Winkelmann. Legato Verlag</p></div>
<p>Das erste, was ich von Helmut kennenlernte, war seine Stimme. Ich konnte ihn nicht sehen, ich konnte ihn nur hören. Es war vor gut 20 Jahren, Helmut saß in einer etwas unübersichtlichen Bürgerversammlung weit hinten, es ging um die Pläne der Stadt Bad Vilbel mit den Häuser auf dem Heilsberg, und natürlich gab es Ärger. Helmut hatte sich zu Wort gemeldet, stand auf und sagte seine Meinung, sehr klar und sehr entschieden und mit einer Stimme, die nicht zu überhören war.  Sie grollte erst wie ein Unwetter und versuchte dann sanft wie das Schnurren eines Kätzchens unsere Kleinstadtpolitiker zurückzulocken auf einen Pfad der Vernunft. Wie gesagt, ich kannte Helmut vorher nicht und konnte ihn von meinem Platz aus zunächst nicht sehen, aber nach dem Mann mit dieser Stimme drehte ich mich um.</p>
<p>Bald merkten Helmut und ich, wie viel wir gemeinsam hatten. Das waren vor allem anderen: Kinder ungefähr im gleichen Alter. Bei Jutta und Helmut also Mieka und Malte, bei Annette und mir Nicolas, Marten und Lennart. Kinder bilden, gleichgültig wo sie sind, eine schier grenzenlose Gemeinschaft des Spielens, die auch ihren Eltern wunderbare Chancen zu neuen Freundschaften eröffnet. Doch schnell kam vieles andere hinzu: Wir hatten beide in Köln studiert: Helmut in den sechziger Jahren Theaterwissenschaft und Germanistik. Ich Germanistik und Theaterwissenschaft in den siebziger Jahren. Helmut war Schauspieler und Sprecher geworden, Sprache war sein tägliches Handwerkszeug. Ich Journalist und Literaturkritiker, was Sprache auch für mich zum täglichen Arbeitsmaterial machte.</p>
<div id="attachment_2409" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/41YNRbum-cL._SY494_BO1204203200_1.jpg"><img class="size-medium wp-image-2409" title="41YNRbum-cL._SY494_BO1,204,203,200_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/41YNRbum-cL._SY494_BO1204203200_1-300x297.jpg" alt="" width="300" height="297" /></a><p class="wp-caption-text">Honoré de Balzac: &quot;Tobias Guanerius&quot;. Sprecher: Helmut Winkelmann. Legato Verlag</p></div>
<p>Und noch etwas: Helmut stammt aus Neuss am Rhein, ich wuchs nur 40 Kilometer rheinaufwärts in Köln auf. Wir waren zwei Rheinländer im hessischen Exil. Es ist ein sehr freundliches, ein selbstgewähltes Exil, aus dem wir uns aber im Gespräch dennoch gern fortschlichen in die rheinische Grundhaltung, möglichst nichts allzu ernst zu nehmen.</p>
<p>Mein Gott, wie gern hat Helmut gelacht, mein Gott, wie großartig konnte Helmut lachen und vergnügt in sich hineinkichern. Mir kam es oft vor, als würde er in solchen Momenten ein wenig wachsen, sein Oberkörper hob sich, wippte auf und ab, während er lachte, und Helmut schien für einen Augenblick einen Fingerbreit über dem Boden zu schweben.</p>
<p>Auch Abschieden, die nie leicht und manchmal sehr schwer sind, hat er gerne mit einem Scherz und einem Lachen etwas von ihrem Gewicht genommen. Vermutlich wäre es in Helmuts Sinne, wenn wir auch am Ende dieser Abschiedsfeier lachen und möglichst nichts allzu ernst nähmen.</p>
<p>Zu meinen schönsten Erinnerungen an Helmut gehören einige abendliche und nächtliche Autofahrten durch das Rhein-Main-Gebiet und Hessen. Wir waren damals unterwegs zu den wechselnden Aufnahmeorten von <a href="http://https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_H%C3%A4rtling">Peter Härtling</a>s langjähriger Radiosendung <a href="http://http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/die-radiosendung-literatur-im-kreuzverhoer-mit-peter-haertling-laeuft-zum-letzten-mal-13923322.html">„Literatur im Kreuzverhör“</a>. Härtling, der im vergangenen Sommer gestorben ist, hatte kurze literarische Texte ausgewählt, die Helmut in der Sendung vortrug. Ich gehörte zu der fünfköpfigen Raterunde, die zu erraten hatte, von welchen Autoren diese Textausschnitte stammten.</p>
<div id="attachment_2410" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51OecJEmv0L._SY424_BO1204203200_.jpg"><img class="size-medium wp-image-2410" title="51OecJEmv0L._SY424_BO1,204,203,200_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51OecJEmv0L._SY424_BO1204203200_-300x255.jpg" alt="" width="300" height="255" /></a><p class="wp-caption-text">Fritrz Kortner: &quot;Aller Tage Abend&quot;. Alexander Verlag</p></div>
<p>Das bot auf der Heimfahrt dann den perfekten Anlass, über die vorgelesenen Autoren und die gehörten Textsplitter zu reden. Wunderbar, wie viel ich von Helmut über das Theater gelernt habe, über seine Zeit am <a href="http://http://www.maxreinhardtseminar.at/">Max Reinhardt Seminar</a> in Wien, über seine Engagements in der Schweiz, dann in Nürnberg, wo er Jutta kennenlernte, und vor allem <a href="http://https://www.echo-online.de/freizeit/kunst-und-kultur/kulturnachrichten/in-den-achtzigern-hatte-helmut-winkelmann-die-markanteste-stimme-des-darmstadter-schauspiels_15940790">über die zehn Jahre am Staatstheater in Darmstadt</a>. Zu Hamlet und Macbeth macht man sich auch als Literaturkritiker seine Gedanken, aber was man mit diesen riesenhaften Figuren erlebt, wenn man sie auf der Bühne verkörpert, das kann einem nur ein Schauspieler erzählen, der sie gespielt hat. Ich werde nicht vergessen, wie Helmut mir <a href="http://https://www.deutsche-biographie.de/sfz44606.html">Fritz Kortner</a>s Memoiren „Aller Tage Abend“ ans Herz legte und mir dabei erklärte, wie wichtig das richtige Timing ist für jeden professionellen Sprecher. Kortners großes Vorbild sei, sagte Helmut, der Langstreckenläufer Nurmi gewesen: „Denn der schaute beim Laufen auf die Uhr – um zu sehen, ob er nicht zu schnell ist.“</p>
<p>Wie sehr habe ich Helmut bewundert für seine Präzision als Sprecher – nicht nur, wenn er für Härtling kurze Ausschnitte, sondern wenn er ganze Bücher vorlas. Es war wie ein Zauberkunststück: Aus seinem Mund wurde jeder Text vollkommen klar, verständlich und transparent. Er hatte es zu seiner Kunst entwickelt, dem Zuhörer beim Lesen exakt die Betonungen zu liefern und kleinen Pausen zu verschaffen, die es braucht, um den Gedanken, der in dem Text steckt, tatsächlich verfolgen und begreifen zu können. Ein Kunststück, das ihm auch deshalb so gut gelang, weil er sich beim Lesen nie in den Vordergrund drängte, sondern bewusst hinter das Vorgelesene zurücktrat. Er nutzte seine Stimme, an der man sich als Zuhörer wärmen konnte wie im Winter an einer frisch gebrühten Tasse Tee, um den Text ins beste Licht zu rücken, nicht sich selbst. Diese Fähigkeit steht im Theater heute nicht immer hoch in Kurs. In Nürnberg soll ihn ein Regisseur einmal getadelt haben: „Helmut, Du sprichst so gut, schluder’ doch mal ein bisschen.“</p>
<div id="attachment_2411" class="wp-caption alignleft" style="width: 337px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51P+0Bn096L._AC_US327_QL65_.jpg"><img class="size-full wp-image-2411" title="51P+0Bn096L._AC_US327_QL65_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51P+0Bn096L._AC_US327_QL65_.jpg" alt="" width="327" height="327" /></a><p class="wp-caption-text">Wilhelm von Sternburg: &quot;Die Geschichte der Deutschen&quot;. Sprecher: Helmut Winkelmann. Campus Verlag</p></div>
<p>Zu den üblichen Vorurteilen über Schauspieler gehört, dass sie unsagbar eitel sind. Vielleicht kann das auch nicht anders sein, wenn man einen Beruf ausübt, der es verlangt, sich selbst mit Haut und Haar öffentlich auszustellen. Aber ich habe nie einen uneitleren Schauspieler kennengelernt als Helmut. Vielleicht war auch das einer der Gründe, weshalb er sich von der Bühne verabschiedet und <a href="http://https://www.youtube.com/watch?v=ggXk5tvAZ2E">seinen Platz hinter dem Mikrophon des professionellen Sprechers</a> eingenommen hat. Er liebte es mehr,  Literatur zu präsentieren als sich selbst. Der Text war ihm wichtiger, als das eigene Gesicht in eine Kamera zu halten.</p>
<p>Helmut war für mich immer ein Mann mit ganz besonderen Fähigkeiten und Talenten. Und die größte seiner Begabungen war für mich seine Fähigkeit, trotz seines außerordentlichen Könnens kein Aufhebens um sich zu machen. Er hatte die erstaunliche und sehr seltene Gabe, von sich selbst abzusehen. Er liebte seine Arbeit, sie war seine Passion, in ihr konnte er aufgehen. Er selbst kam erst danach.</p>
<p>Abschiednehmen ist nie leicht und manchmal ist es schwer. Als Annette und ich vor vier Wochen das letzte Mal bei ihm waren, fühlte ich, wie meine Bewunderung für Helmut immer weiter wuchs. Seine Ruhe, seine Gelassenheit, ja seine Heiterkeit trotz der Krankheit haben mich umgehauen. Auch in dieser Situation hatte er die Kraft, von sich selbst abzusehen. Brecht hat <a href="http://https://www.neues-deutschland.de/artikel/713646.als-ich-in-weissem-krankenzimmer-der-charite.html">in einem seiner letzten Gedichten</a> davon geschrieben, er freue sich nicht nur an den Vögeln, die er vor seinem Fenster singen höre, sondern er freue sich auch an dem Gesang der Vögel, die noch dann vor seinem Fenster singen werden, wenn er nicht mehr da sei. Etwas von dieser erstaunlichen, dieser selbstlosen Freude am Leben habe ich bei diesem Besuch bei Helmut gespürt.</p>
<div id="attachment_2412" class="wp-caption alignright" style="width: 337px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51FWCRYBAGL._AC_US327_QL65_.jpg"><img class="size-full wp-image-2412" title="51FWCRYBAGL._AC_US327_QL65_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/08/51FWCRYBAGL._AC_US327_QL65_.jpg" alt="" width="327" height="327" /></a><p class="wp-caption-text">Umberto Eco, T.C.Boyle et.al.: &quot;Ziemlich komisch&quot;. Sprecher: Helmut Winkelmann. Hörbuch Verlag</p></div>
<p>Eine Rede auf Helmut sollte nicht, ja darf nicht in düsterer Tonlage schließen. Dafür hat er viel zu gern gelacht und das Leben genossen. Ich erinnere mich an unsere nächtliche Autofahrt, als mir Helmut von Wien und Fritz Kortner erzählte. Einmal sei, sagte Helmut, Kortner nach dem Unterschied zwischen dem Berliner Schillertheater und dem Wiener Burgtheater gefragt worden. Der Unterschied, antwortete Kortner, sei nicht groß: „An beiden Theatern wird miserabel gespielt. Aber am Burgtheater sind sie stolz darauf.“</p>
<p>Doch die beste Geschichte, die Helmut mir damals erzählte, ist die von dem alten Kortner, der nachts im Zug sitzt und sein müdes, kränkliches Gesicht im spiegelnden Fenster studiert. Bis ihn ein Fremder anspricht und sagt:<br />
„Sie sehen aus wie Fritz Kortner, aber ich weiß, Sie können es nicht sein.“<br />
„Warum nicht?“, fragte Kortner.<br />
„Weil“, so der Mitreisende, „meine Frau mir unlängst erzählt hat, dass Kortner tot ist.“<br />
Kortner zuckte die Achseln: „Sagen Sie ihrer Frau, Kortner lebt.“<br />
Als sein Blick dann wieder auf sein Spiegelbild im Fenster fiel, fügte er schnell hinzu: „Aber sagen Sie es ihr bald!“</p>
<p>Lieber Helmut, nach dieser mustergültigen Pointe lachten wir beide lauthals nachts auf dieser Heimfahrt im Wagen, und wir hätten, ein wenig Licht vorausgesetzt, unsere Gesichter in den Seitenscheiben des Autos studieren können. Wir wussten das, aber es machte nichts. Wir lachten und genossen den Moment, und ich schwöre, für einen winzigen Augenblick schwebte unser Wagen einen Fingerbreit über dem Boden.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;p=2405</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Guppe 47 geht in Pension</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 05:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ortsbesichtigung. Atlas der Autoren]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Andersch]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Döblin]]></category>
		<category><![CDATA[Arno Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Bertolt Brecht]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Dürrenmatt]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Sieburg]]></category>
		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Eich]]></category>
		<category><![CDATA[Günter Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Magnus Enzensberger]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Mayer]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Werner Richter]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich Böll]]></category>
		<category><![CDATA[Ilse Aichinger]]></category>
		<category><![CDATA[Ilse Schneider-Lengyel]]></category>
		<category><![CDATA[Ingeborg Bachmann]]></category>
		<category><![CDATA[Joachim Kaiser]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Walser]]></category>
		<category><![CDATA[Max Frisch]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Mann]]></category>
		<category><![CDATA[Walter Jens]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfdietrich Schnurre]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655</guid>
		<description><![CDATA[Kleines Haus, großes Dach Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt. Eine Ortsbesichtigung Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kleines Haus, großes Dach</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt.</strong></h3>
<h3><strong> Eine Ortsbesichtigung</strong></h3>
<p>Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder am  Hennenkopf. Was sind schon sechzig Jahre für Felsriesen wie sie.  Ansatzlos steigen sie aus den Feldern um den Bannwaldsee auf fast  zweitausend Meter. Auch an St. Coloman, der Wallfahrtskirche, dürfte  sich wenig verändert haben. Unwirklich schön steht sie in ihrer barocken  Pracht samt Zwiebelturm inmitten der sattgrünen Wiesen vor dem  Alpenhorizont. Aber sonst. Sonst ist nichts wie damals. Vermutlich lässt  sich Vergänglichkeit nicht eindringlicher spürbar machen als durch die  Verwandlung eines einst wichtigen, vielleicht historischen Ortes in  einen Campingplatz.</p>
<p>Hier haben selbst die Häuser Räder. Hier ist alles beweglich,  flüchtig, immer auf dem Sprung, hier bleibt nichts. Vielleicht ist das  ja das passende architektonische Symbol für eine Epoche, die  Flexibilität, Tempo, eifrigen Wandel zu ihren Lieblingstugenden zählt:  der Campingplatz. In einem der wenigen festen Häuser hier, das sich  dreißig Meter vorm Bannwaldsee unter sein Dach duckt wie unter einen zu  großen Hut und das heute von Caravans umzingelt ist, kamen vor sechzig  Jahren acht Männer, zwei Frauen und drei Paare für ein Wochenende  zusammen, um sich aus ihren Manuskripten vorzulesen. Und um über das  Gelesene zu reden. Mehr nicht.</p>
<div id="attachment_661" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus.jpg"><img class="size-medium wp-image-661" title="Gruppe47Haus" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das Haus am Bannwaldsee: Ort des ersten Treffens der Gruppe 47 am 6. und 7. September 1947 (Rs-Foto)</p></div>
<p>Bald nannten sie sich Gruppe 47, verabredeten sich wieder in  wechselnden Besetzungen an wechselnden Orten – auch sie beweglich, immer  auf dem Sprung. Ihre Treffen wuchsen in wenigen Jahren zu der  dominierenden literarischen Institution der Bundesrepublik heran. Der  Aufstieg Heinrich Bölls begann mit dem Preis der Gruppe, der unbekannte  Günter Grass las vor ihr aus seiner „Blechtrommel“ und war am Tag danach  ein Schriftsteller mit Weltruhm.</p>
<p><strong>Trainingslager der Demokratie ?</strong></p>
<p>Die Debatten über die Gruppe finden bis heute kein Ende. Sie wird  gefeiert und verteufelt, mal ist sie eine der unersetzlichen  Pflanzschulen demokratischen Geistes in der jungen Bundesrepublik, mal  eine Versammlung unbewusst antisemitischer Alt-Landser mit Neigung zum  literaturpolitischen Machiavellismus. Auch das Hin- und Herwogen unserer  Meinungen legt beachtliches Tempo vor.</p>
<p>„Unterkunft für 10 Personen ab 6.September reserviert“, telegrafierte  Ilse Schneider-Lengyel am 25. August 1947 an Hans Werner Richter. Sie  war Lyrikerin, Fotografin, Ethnologien und vor den Nazis emigriert.  Zurückgekehrt suchte sie im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an  den Kulturbetrieb. Sie schrieb für Richters „Ruf“ und als der die  Zeitschrift „Skorpion“ plante und künftige Mitarbeiter zu einer Art  gemeinsamer Lektoratssitzung zusammenholen wollte, bot sie ihm ihr Haus  am Bannwaldsee als Treffpunkt an. Sie hatte in den zwanziger Jahren bei  dem Bauhaus-Lehrer Lászlo Moholy-Nagy studiert und in Paris einige der  großen Surrealisten kennengelernt. Manche ihre Gedichte quollen über vor  surrealistischen Bildern – jede Zeile ein Seziertisch, auf dem sich  Nähmaschine und Regenschirm begegnen. Sie muss sich empfindlich fremd  gefühlt haben, zwischen den jungen Leuten, die ihr da ins Haus kamen und  auf Hitlers Schulen von der Moderne nichts gehört hatten.</p>
<p><strong>Häuptling Richter</strong></p>
<p>Niemand wird behaupten wollen, Hans Werner Richter, der zum  unumstrittenen Spiritus movens, zum „Chef“ und „Häuptling“ der Gruppe  wurde, habe je einen objektiven Blick auf ihre Mitglieder gehabt. Aber  zumindest deren Anfänge hat er nie beschönigt. Später nannte er die  Autoren, die er an den Bannwaldsee eingeladen hatte, „literarische  Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens“. Unter dem Vorgelesenen  gab es „keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge,  dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung  verratend.“</p>
<p>Sofort jedoch erblickte das später legendäre Ritual der Gruppe das  Licht der Welt: Die Lesung auf dem gefürchteten „Elektrischen Stuhl“  samt unmittelbar folgender, wenig schonungsvoller Stehgreif-Kritik, wie  sie bis heute im Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis fortlebt.  „Es gibt“, erinnerte sich Richter, „keine Zwischenrufe, keine  Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweils  Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach  der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sage ich: ‚Ja, bitte  zur Kritik. Was habt ihr dazu zu sagen?’ Und nun beginnt, was keiner in  dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau,  die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor  den Mund.“</p>
<p><strong>Das Wunder der Gruppe 47</strong></p>
<p>Zum Rätsel, zum Wunder der Gruppe 47 gehört, wie es ihr gelang, aus  diesen zufälligen, dürftigen Anfängen zur machtvollsten Vereinigung des  bundesdeutschen Literaturbetriebs zu werden. Bis heute hat keine  Akademie, kein Schriftstellerverband oder PEN-Club je wieder ihre  Ausstrahlungskraft erreicht. Hans Werner Richter, dieses – wie Grass es  nannte – „Genie der Freundschaft“, verstand es, eine nachwachsende Elite  von Autoren und Kritikern an die Gruppe zu binden. Grass, Böll,  Schnurre, Alfred Andersch, Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser,  Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Walter Jens, Hans Mayer, Marcel  Reich-Ranicki, Joachim Kaiser.</p>
<p>Natürlich gab es in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auch eine  deutsche Literatur jenseits der Gruppe 47. Die großen Emigranten, Thomas  Mann, Döblin, Brecht hatten sie als Podium nicht nötig und hätten sich  eher die Zunge abgebissen, als für sie zu lesen. Auch jüngere Autoren  wie Max Frisch oder Dürrenmatt machten ohne sie ihren Weg. Arno Schmidt  weigerte sich, vor der Gruppe aufzutreten, obwohl Gerüchte umgingen, er  stünde als ihr Preisträger so gut wie fest: „Ich eigne mich nicht als  Mannequin.“</p>
<p>Man war für die Gruppe, man war gegen sie, wichtige Kritiker wie  Friedrich Sieburg bekämpften sie. Aber gleichgültig ließ sie niemanden.  Sie polarisierte die gesamte Buchbranche und rückte schon deshalb immer  mehr in deren Mittelpunkt.</p>
<p><strong>Wanderzirkus der Literatur</strong></p>
<p>Zu den Erfolgsgeheimnissen der Gruppe zählt das Desaster, das die  Nazis hinterlassen hatten. Nie zuvor waren Land und Kulturbetrieb so  gründlich zerstört, nie war das Bedürfnis nach moralischer  Wiederaufrichtung so groß. Doch in zwölf Jahren Diktatur hatte sich das  alte literarische Leben desavouiert, es gab keine kulturelle Metropole  mehr, keine eingeübten Mechanismen, über die Autoren zu Verlegern  fanden, keine Orientierungspunkte, an denen Kritiker ihr Urteil hätten  schärfen können. Da bot sich die Gruppe als Treffpunkt an, als  Drehscheibe, als luftiges Wanderzentrum, in dem der Literaturbetrieb  sich neu finden und erfinden konnte.</p>
<p>Wie für Gründerzeiten üblich, wurden auch in dieser dann Karrieren  gemacht, die von nachgeborenen Autoren bestaunt, aber wohl nicht  eingeholt werden können. In kurzer Zeit wurde ein mediales  Aufmerksamkeits-Kapital aufgehäuft, das sich bis heute in vielen Fällen  recht mühelos verzinst. Der Unmut mancher jüngerer Schriftsteller über  die Gruppe 47 sollte also niemanden verwundern. Unterschiedlicher können  Autoren-Generationen kaum sein: Die ältere hatte aus dem Krieg einen  ungeheueren Erfahrungsdruck mitgebracht, aber oft wenig literarische  Bildung. Für die heute jungen Autoren hält das Leben gewöhnlich alle  literarischen Bildungschancen bereit, doch nur selten Erfahrungen, die  sich in ihrer Dringlichkeit mit denen der Alten messen können.</p>
<p><strong>Nonkonformisten im Gleichschritt</strong></p>
<p>Zum ideologischen <em>think tank</em> wollte Richter seine Gruppe nie  machen. Er wachte bei den Tagungen eisern darüber, dass sie jede  politische Festlegung vermied – denn das hätte sich als Sprengsatz  erweisen können, der die 47er auseinanderriss. Doch von Beginn an  herrschte in ihren Reihen ein eher sozialistischer als  sozialdemokratischer Konsens, und nachdem die Gruppe zur literarischen  Großmacht aufstieg, beherrschte dieser Konsens lange auch das Klima der  Buchbranche. Die Autoren, die sich in Adenauers Deutschland selbst gern  als Nonkonformisten bezeichneten, hatten einen neuen geistigen  Konformismus geboren, der erst in den neunziger Jahren  auseinanderzubröckeln begann.</p>
<p>Das Ende lässt etwas von Größe und Geist der Gruppe erkennen.  Ungezählte Kulturinstitutionen leben fort und fort, obwohl ihre Funktion  längst erfüllt und ihre Zeit vorbei ist. Richter dagegen rief, nachdem  studentenbewegte Demonstranten 1967 gegen ein Gruppentreffen  protestierten, seine Autoren nicht wieder zusammen. Einige von ihnen  hatten sich gleich eilfertig mit den Demonstranten solidarisiert. Es war  überdeutlich, dass der allmähliche Abstieg der Schriftsteller als  öffentliche Orientierungsfiguren und der Aufstieg anderer Vordenker  begonnen hatte. Da die Gruppe in diesem Augenblick die Kraft zu einem  selbstgezogenen Schlussstrich fand, vermied sie, zu einem Schatten ihrer  selbst zu verkümmern und wurde damit endgültig legendenfähig.</p>
<p><strong>Kraft zum Schlussstrich</strong></p>
<p>Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus alles begann, blieben zu diesem  Zeitpunkt nur noch wenige Jahre. Sie hatte an den Treffen bis 1950 und  ein letztes Mal 1957 teilgenommen. Ihr Gedichtband „september-phase“  erschien 1952, doch gelang es ihr nicht, sich wieder einzufädeln in den  literarischen Betrieb. Sie lebte allein, rauchte viel, schrieb wenig und  starb 1972 in einer psychiatrischen Klinik.</p>
<p>Die Leute vom Bannwaldsee haben ihr eine Woche vor dem 60.  Gründungsjubiläum der Gruppe eine kleine Erinnerungsfeier im Festzelt  ausgerichtet. Der 2.Bürgermeister, ein massiger Mann mit beiden Beinen  sehr fest auf dem Boden, erinnerte sich an sie, die oft auf dem Motorrad  durch den Ort fuhr, als er noch ein Bub war. Danach spielte ein Quartett, wurden einige ihrer Gedichte gelesen, kantige, spröde Verse, die  sich aneinander reiben wie an Sandpapier. Dazu trommelte Regen aufs  Zeltdach, auf die Caravans ringsum und auf das kleine Haus am See mit  seinem großen Dach.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;p=655</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wehmütiger Rückblick auf 2001-Kultur</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=580</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=580#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 27 Jul 2012 09:31:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Arno Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Bertolt Brecht]]></category>
		<category><![CDATA[F.K. Waechter]]></category>
		<category><![CDATA[F.W. Bernstein]]></category>
		<category><![CDATA[Franz Kafka]]></category>
		<category><![CDATA[Gilbert Shelton]]></category>
		<category><![CDATA[Gunter Rambow]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Kraus]]></category>
		<category><![CDATA[Lutz Kroth]]></category>
		<category><![CDATA[Lutz Reinecke]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Proust]]></category>
		<category><![CDATA[Pit Knorr]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Crump]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Gernhardt]]></category>
		<category><![CDATA[Siegfried Unseld]]></category>
		<category><![CDATA[Walter Treumann]]></category>
		<category><![CDATA[William Shakespeare]]></category>
		<category><![CDATA[Wolf Wondratschek]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.uwe-wittstock.de/?p=580</guid>
		<description><![CDATA[Kafka komplett zum Preis einer Packung Kaffee Der Verlag und Versand “Zweitausendeins” steht für eine ganz besondere, eigenwillige Medien-Kultur. Man kann in ihr so etwas wie den strikt antiautoritären und lebenslustigen Gegenentwurf zur vielgerühmten &#8220;Suhrkamp-Kultur&#8221; der alten Bundesrepublik sehen. Gestern &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=580">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Kafka komplett zum Preis einer Packung Kaffee</strong></h2>
<h3><strong>Der Verlag und Versand “Zweitausendeins” steht für eine ganz besondere, eigenwillige Medien-Kultur. Man kann in ihr so etwas wie den strikt antiautoritären und lebenslustigen Gegenentwurf zur vielgerühmten &#8220;Suhrkamp-Kultur&#8221; der alten Bundesrepublik sehen. Gestern wurde bekannt, dass &#8220;Zweitausendeins&#8221; bis Ende 2016 alle seine Buchhandlungen schließen will/muss. Das Unternehmen wird sich auf den Buchversand konzentrieren. Hier ein Rückblick auf die &#8220;2001&#8243;-Kultur nicht ohne Nostalgie.</strong></h3>
<p>Natürlich wollen Verleger bedeutende Bücher machen, Bücher von denen  man noch nach Jahren spricht. Natürlich müssen Verleger ihre Bücher  verkaufen können, müssen fähig sein, aus Geist Geld zu machen. In  Tiefsten ihres Herzens aber wollen Verleger zu all dem noch etwas  anderes: Sie möchten erkannt werden, sie möchten sich mit ihrer Arbeit  vor den Augen der Leser erkennbar machen. Das ist die Krönung eines  Verlegerlebens: Nicht nur ein gutes Programm gut zu verkauft, sondern  ihm dazu noch die persönliche intellektuelle und ästhetische  Physiognomie mitzugeben, einen ureigenen literarischen Charakter, der  vom Publikum angenommen, geschätzt, ja genossen wird.</p>
<div id="attachment_585" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/logo1.gif"><img class="size-medium wp-image-585" title="logo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/logo1-300x26.gif" alt="" width="300" height="26" /></a><p class="wp-caption-text">Zu Ehren ihrer Firma sei, behauptet die 2001-Crew, vor 11 Jahren weltweit ein ganzes Jahr nach ihnen benannt worden</p></div>
<p>Das beliebteste Beispiel für solche verlegerische Meisterschaft ist  hierzulande die „Suhrkamp-Kultur“ Siegfried Unselds. Viel seltener wird  von einem anderen derartigen Frankfurter Geniestreich gesprochen, von  dem 2001-Versand und -Verlag, den Lutz Reinecke prägte, 2006 verkaufte und der jetzt unter neuer Leitung seine Buchhandlungen schließt. Dabei ist die „2001-Kultur“ Reineckes, der 1983 bei der  Heirat den Namen Lutz Kroth annahm, in vielerlei Hinsicht ein  überzeugender Gegenentwurf zur Suhrkamp-Kultur. Es ist eine wüste  Medien-Melange, die weit über ein Buchprogramm hinausreicht, Musik,  Comics, Filme, Software mit einschließt, aber dennoch unverwechselbar  bleibt und einen spezifischen kulturellen Stil, wenn nicht gar  Lebensstil repräsentiert.</p>
<p>Zu den kantigen Details am Rande gehört, dass 2001 ein Spross vom  Stamme Suhrkamps ist. Lutz Kroth, damals noch Reinecke, hatte als junger  Buchhändler einen von Suhrkamp ausgeschriebenen Wettbewerb um die  effektvollste Schaufenstergestaltung gewonnen. Er beeindruckte Unseld,  wurde engagiert, stieg zum Vertriebschef des Verlags auf und verließ ihn  ausgerechnet im Jahr 1968. Einen Schritt, der programmatisch  verstanden werden kann. Denn Suhrkamp als Vorzeigeunternehmen der  antiautoritären Studentenbewegung zu betrachten, war zumindest aus der  Innensicht des Verlages immer ein Irrtum. Der Patriarch Unseld gehörte  zum Geschlecht der Alpha-Männchen und führte das Personal seines Hauses  mit eher fester als pfleglicher Hand.</p>
<p>Reinecke dagegen arbeitete zunächst kurz für die Satirezeitschrift <em>Pardon</em>. Dann gründete er mit Walter Treumann den 2001-Versand, der  sich als ein betont gelassenes, allem autoritären Gehabe abholdes,  lustbetontes Unternehmen jenseits der Hochkultur darstellte – und damit  von Beginn an als Gegenbild zu den traditionellen Verlagen auftrat.  Damit stieß er naturgemäß auf gute Resonanz in einem Milieu, das gerne  als „links“, „alternativ“ oder später &#8220;grün&#8221; klassifiziert und an den subkulturellen  Rand der Gesellschaft gerückt wurde, das aber, wie sich zeigen sollte,  keineswegs randständig war.</p>
<div id="attachment_587" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Hörrohr1.jpg"><img class="size-medium wp-image-587" title="Hörrohr" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Hörrohr1-300x270.jpg" alt="" width="300" height="270" /></a><p class="wp-caption-text">Die Verbindung zwischen 2001 und alten &quot;Pardon&quot;-Mitarbeitern wie Pit Knorr und Robert Gernhardt besteht fort. Hier frühe Radio-Sketche der beiden Frankfurter Komik-Riesen: &quot;Hörrohr klar zum Gefecht&quot;, 3 CDs zum Preis von 19,99 Euro</p></div>
<p>2001 startete nicht als Verlag, der Bücher produzierte, sondern als  Versand, der die unter-schiedlichsten Produkte aus dem Umfeld der  Zeitschrift <em>Pardon</em> verkaufte, Spiele, Gimmicks oder Schallplatten  („Wir liefern jede in <em>Pardon</em> erwähnte LP – Karte genügt“). Doch  schnell weitete sich das Programm aus, es wurden ein Faksimile-Reprint  der von F.W. Bernstein, Robert Gernhardt und F.K. Waechter gestalteten <em>Pardon</em>-Beilage <em>Welt im Spiegel</em> ins Angebot genommen, dazu Comics der  amerikanischen Underground-Zeichner Robert Crump und Gilbert Shelton,  kubanische Revolutionshymnen („Kampflieder voller Liebe, Heiterkeit u.  Freiheitsdurst“), aber auch Sex-Zeichentrickfilmchen („Schneeflittchen  unter den sieben Zwergen“) und was man sonst noch als Rebell gegen  Bürgertum und Establishment in jenen Jahren dringend brauchte.</p>
<p>Ein wichtiger Bestandteil dieser Mixtur war aber immer auch Literatur  von höchstem Rang. Reinecke kaufte Restbestände bedeutender Titel aus  den Verlagslagern oder Großantiquariaten auf, um sie dem Publikum seines  Versands – zu stark herabgesetzten Preisen – anzuempfehlen. Mit  bemerkenswertem Erfolg. Das E- und U-Kultur keine Gegensätze, sondern  Ergänzungen sind, die tadellos nebeneinander im Bewusstsein jedes an  seiner Gegenwart interessierten Zeitgenossen Platz finden, musste sich  Reinecke nicht erst von den Propheten der Postmoderne vorbeten lassen.  Scheinbar schwer Verkäufliches von Marcel Proust, Arno Schmidt, William  Shakespeare oder Suhrkamps Bertolt Brecht fand so preisermäßig seinen  Platz im Medienarsenal mancher studentenbewegten Wohngemeinschaft.</p>
<div id="attachment_588" class="wp-caption alignleft" style="width: 125px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Merkheft.jpg"><img class="size-full wp-image-588" title="Merkheft" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Merkheft.jpg" alt="" width="115" height="192" /></a><p class="wp-caption-text">Das aktuelle &quot;Merkheft&quot;. Es wird inzwischen ergänzt durch regelmäßige &quot;Merkmails&quot;</p></div>
<p>Die wichtigsten Verständigungsmittel des Versands mit seinen Kunden  wurden dabei so genannte „Wimmelanzeigen“. Sie waren von dem Designer  Gunter Rambow in schwarz-weiß und winziger Schrift als wirkungsvoller  Kontrast zur übrigen bunten und von Großbuchstaben dominierten  Reklamewelt konzipiert worden. Dazu verschickte 2001 an sämtliche Kunden  in seiner Adressenkartei alle zwei Monate ihren kleinformatigen Katalog  namens „Merkheft“, der wie ein gedruckter Flohmarkt ein schier  bodenlose Füllhorn von Buch- und Schallplattenangeboten ausschüttete.  Getextet in einem kunstvollen, nur scheinbar der Umgangssprache  abgelauschten Sound, sorgte diese, in einer Auflage von bis zu einer  halben Million verbreitete Broschüre für Unabhängigkeit vom Wohlwollen  der Feuilletons. Was immer 2001 verkaufen wollte, der Versand konnte es  seinen Interessenten schnell, ohne Umwege und präzise nach den eigenen  Vorstellungen anpreisen.</p>
<div id="attachment_589" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Wondratschek.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-589" title="Wondratschek" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Wondratschek-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Auch heute noch im aktuellen Programm: Gesammelte Gedichte von Wolf Wondratschek für nur 9,90 Euro</p></div>
<p>Der erste Schriftsteller, der die besonderen Qualitäten von 2001  begriff, war Wolf Wondratschek. 1974 bot er Reinecke sein neues  Lyrikmanuskript <em>Chucks Zimmer</em> an. Der griff zu und gerade mal 5 Wochen  später konnten die Kunden bereits die fertigen Bücher bei 2001  bestellen. 30.000 Exemplare wurden an die Leser gebracht – ein für  Lyrikbände astronomisches Ergebnis. Bald darauf schloss &#8220;Zweitausendeins&#8221; Kooperationen mit dem Verlag „März“, später dann mit den Verlagen  „Rogner &amp; Bernhard“ , „Haffmans“ und &#8220;Tolkemitt&#8221;, die ihre Programme bis heute über den Versand vertreiben.</p>
<p>Zu den erstaunlichsten Leistungen von 2001, die man in doppelter  Hinsicht verlegerische Großtaten nennen kann, gehören  Zeitschriften-Reprints. 20 Hefte des <em>Kursbuchs</em>, 20 Jahrgänge der <em>Akzente</em> oder die vollständige, 24.500-seitige <em>Fackel</em> von Karl Kraus  druckte Reinecke in kleinem Format nach und verkaufte sie in Auflagen,  die jedem Herausgeber einer Literaturzeitschrift ekstatische Lustschreie  entlocken können. Sogar das Gesamtwerk von Johann Sebastian Bach auf 99  LPs für 699 DM bot er an oder das Lebenswerk des Dirigenten George  Solti auf über 200 LPs für 1299 DM. Und fand tatsächlich genügend  Musikliebhaber mit Vollständigkeits-Sehnsüchten und Komplettheits-Wahn, die ihm diese  gigantomanen Editionen abnahmen.</p>
<p>Das größte 2001-Projekt aber erschien 1980. Reinecke hatte einen Tipp  bekommen und beschaffte sich in den USA eine 1400 Seiten schweren  Studie der amerikanischen Regierung über die Lebensbedingungen der Erde  bis zum Jahr 2000: „Umweltschützer wurden damals als Spinner diffamiert.  Und hier war zum ersten Mal aus regierungsamtlichen Quellen ein Beleg,  dass die Erde gefährdet wird durch unseren zerstörerischen Lebensstil.“  Reinecke ließ den Materialberg übersetzen, brachte ihn unter dem Titel <em>Global 2000</em> heraus und schließlich mit einer Gesamtauflage von über  einer halben Million Exemplaren unter die Leser. Ein Bestseller, ja mehr  noch: ein Blockbuster des ökologischen Bewusstseins hierzulande.</p>
<div id="attachment_590" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/200140.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-590" title="200140" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/200140-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Das Buch über 2001 bei 2001: Mathias Brökers beschreibt die ersten 40 Jahre Verlagsgeschichte zum Preis von 3,90 Euro</p></div>
<p>Im Januar 2007 gab Lutz Kroth, ehemals Reinecke, bekannt, dass er sich noch vor seinem 65. Geburtstag in den Ruhestand begeben werde. Er wolle versuchen, wie er  sagte, sich „aus dem Arbeitskäfig auszuwildern in das wirkliche Leben.“ Das  Unternehmen 2001 wurde vom Gründer des Filmverleihs Kinowelt Michael  Kölmel übernommen und macht weiterhin und bis heute haarsträubende Angebote: Das  Gesamtwerk von Franz Kafka zum Beispiel in einem Band für den Preis  einer Packung Kaffee, das Gesamtwerk Mozarts auf 170 CDs für den Preis  einer Tankfüllung. Man fasst es nicht.</p>
<p>Doch die Geschäfte gehen offenbar nicht mehr so gut: Laut Wikipedia wurde Anfang 2010 der Verlags- und  Marketingstandort Hamburg aufgegeben, um Kosten zu senken, und die Verwaltung in Frankfurt  konzentriert.<sup> </sup>Anfang Juni 2010 einigten sich Geschäftsführung und Betriebsrat zur  Abwendung der drohenden Insolvenz auf ein Sanierungskonzept, das unter  anderem die Entlassung von 51 der 116 Beschäftigten und die Aufgabe der  eigenen Kundenbetreuung vorsieht.<sup> </sup>Im Jahr 2011 verlegte Zweitausendeins seinen Firmensitz von Frankfurt am Main nach Leipzig. Jetzt werden die Läden geschlossen. Es ist ein Jammer. Bleibt zu hoffen, dass sich die 2001-Kultur im Netz als überlebensfähig erweist.</p>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;p=580</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
