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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Thomas Mann</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Sensationell: Goethe, Heine und Mann in eine Talk-Show zu Shakespeare und Cervantes</title>
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		<pubDate>Mon, 02 May 2016 10:49:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
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		<description><![CDATA[Miguel de Cervantes und William Shakespeare oder: Was mit Rittern und so&#8230; Als rasendem investigativen Literaturreporter fiel mir die Aufzeichnung einer bislang noch nicht gesendeten Talk-Show aus Anlass des 400. Todestages von Miguel de Cervantes und William Shakespeare in die &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1754">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Miguel de Cervantes und William Shakespeare oder: Was mit Rittern und so&#8230;<br />
</strong></h1>
<h2><strong>Als rasendem investigativen Literaturreporter fiel mir die Aufzeichnung einer bislang noch nicht gesendeten Talk-Show aus Anlass des 400. Todestages von Miguel de Cervantes und William Shakespeare in die Hände. Sensationelles Material, denn die Gäste dieser Talk-Show sind drei der besten und bekanntesten Schriftsteller der deutschen Literaturgeschichte: Goethe, Heinrich Heine und Thomas Mann! Ich zögere natürlich nicht, diesen hoch brisanten Beitrag zur Fernsehkultur hier zu leaken und damit nachträglich dem Jubiläum und der beiden Schriftsteller zu gedenken. Die Abschrift folgt, ganz großes Ehrenwort, Wort für Wort der Aufzeichnung.</strong></h2>
<p>Wir befinden uns in einem Fernsehstudio mit vier schweren Ledersesseln. Der Moderator, so um die Dreißig, geht an den Kameras vorbei auf den letzten freien Sessel zu und begrüßt die Zuschauer seiner Talk-Show:</p>
<p><strong>Moderator:</strong> Hallo Leute! Vor 400 Jahren hatte die Literatur einen echt superschwarzen Tag. Am 23. April 1616 gingen gleich zwei der größten Dichter aller Zeiten in die ewigen Jagdgründe der Poesie ein: Miguel de Cervantes und William Shakespeare. Der eine hat den Bestseller „Don Quijote“ geschrieben, mit Rittern und so, der andere lauter Theaterstücke. Manche auch mit Rittern. Um über die beiden alten Knaben zu reden, haben wir drei supertolle Schriftsteller eingeladen: äh&#8230; (liest von seinen Notizen ab) Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Heinrich Heine (1797-1856) und Thomas Mann (1875-1955)&#8230;</p>
<div id="attachment_1755" class="wp-caption alignright" style="width: 383px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/CHANDOS3.jpg"><img class="size-full wp-image-1755" title="CHANDOS3" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/CHANDOS3.jpg" alt="" width="373" height="480" /></a><p class="wp-caption-text">Das sogenannte Chandos-Porträt von William Shakespeare, um 1610</p></div>
<p><strong>Thomas Mann</strong> (unterbricht): Verzeihen Sie, junger Mann, eine winzige Korrektur, die Sie mir wohl nachsehen wollen: Cervantes Stunde schlug am 23. April nach dem gregorianischen Kalender – und damit zehn Tage vor der Shakespeares, der am 23. April nach dem julianischen Kalender starb. Wenn es also nur die Koinzidenz der Daten war, die Sie unseren kleinen Gesprächszirkel einberufen ließ, sollten wir die Runde rasch aufheben.</p>
<p>(Goethe, Heine, Mann stehen auf, wollen das Studio verlassen)</p>
<p><strong>Moderator</strong> (verdattert): Also nein&#8230; Sie können doch nicht &#8230; Wir sind live!</p>
<p><strong>Johann Wolfgang von Goethe:</strong> Live?</p>
<p><strong>Moderator:</strong> Ja, Millionen schauen uns zu! Jetzt! Millionen, die Ihre Bücher in der Schule gelesen haben.</p>
<p><strong>Heinrich Heine:</strong> In der Schule? Die Ärmsten.</p>
<p>(Goethe, Heine, Mann lassen sich wieder in ihre Sessel fallen.)</p>
<div id="attachment_1756" class="wp-caption alignleft" style="width: 340px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/330px-Cervates_jauregui.jpg"><img class="size-full wp-image-1756" title="330px-Cervates_jauregui" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/05/330px-Cervates_jauregui.jpg" alt="" width="330" height="433" /></a><p class="wp-caption-text">Es gibt leider kein gesichertes Porträt von Cervantes. Es wird aber allgemein angenommen, dass dieses Porträt Cervantes zeigt</p></div>
<p><strong>Moderator</strong> (erleichtert): Herr Goethe. Stichwort: Theater. Sie haben ja auch Stücke geschrieben. Mit Rittern oder so. Da war Shakespeare bestimmt eine Super-Inspiration für Sie?</p>
<p><strong>Goethe</strong>: <em>Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein Blindgeborener, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Das Gesicht?</p>
<p><strong>Heine</strong>: Geheimrat Goethe meint: Augen, Sehkraft! Sie Schwachkopf.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Ach so. Und Cervantes? Hat der Sie auch dermaßen umgehauen?</p>
<p><strong>Goethe</strong>: Ich habe <em>an den Novellen des Cervantes einen wahren Schatz gefunden, sowohl der Unterhaltung als der Belehrung. Wie sehr freut man sich, wenn man das anerkannte Gute auch anerkennen kann.</em></p>
<p><strong>Mann</strong> (zum Moderator): Sie sollten, junger Mann, nicht übersehen, welch bedeutende Verknüpfung zwischen dem Dichter eines Abenteuers wie Don Quijote und dem unsterblichen Barden der Briten besteht: Denn es gilt <em>zu bedenken, dass Shakespeare nur auf unvergleichlich geniale Weise tat, was vor ihm viele auf eine sehr simple und mechanische Weise getan hatten. Das Drama entstand, indem man den von Handlung wuchernden Abenteuerroman für die leibliche Vorstellung auf der Schaubühne übersetzte.</em></p>
<p><strong>Heine</strong>: <em>Der Spaniern gebührt der Ruhm, den besten Roman hervorgebracht zu haben, wie man den Engländern den Ruhm zusprechen muss, dass sie im Drama das Höchste geleistet. Und den Deutschen, welche Palme bleibt ihnen übrig? Nun, wir sind die besten Liebesdichter dieser Erde. Cervantes, Shakespeare und Goethe bilden das Dichtertriumvirat, das in den drei Gattungen poetischer Darstellung, im Epischen, Dramatischen und Lyrischen, das Höchste hervorgebracht.</em></p>
<p>(Heine nickt Goethe zu, Goethe erwidert das Nicken huldvoll)</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Die TopDrei der Literaturgeschichte! Super! Ich hab vor der Sendung mal reingelesen in diesen „Don Quijote“. Ist ja mehr so ein Mittelalter-Nerd als ein Ritter. Was ist so toll an ihm, Herr Mann?</p>
<p><strong>Mann</strong>: Das Buch <em>zeigt, wie aus bescheidener Konzeption, einer lustig lebensgesegneten Satire, bei welcher der Dichter sich ursprünglich nicht viel gedacht hat, ein Volks- und Menschheitsbuch wird. Don Quijote ist zwar närrisch, doch nicht im mindesten unklug, was freilich der Dichter selbst im voraus nicht so recht gewusst hat. Seine Achtung vor dem Geschöpf seiner eigenen komischen Erfindung ist während der Erzählung ständig im Wachsen, &#8211; dieser Prozess ist vielleicht das Fesselndste am ganzen Roman.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Was? Dieser Cervantes hat erst beim Schreiben kapiert, sie super sein Don Quijote ist? Echt wahr? Aber Shakespeare, the King of Drama, hatte seine Figuren besser Griff?</p>
<p><strong>Heine</strong>: Im Gegenteil. <em>Der große Brite ist nicht bloß Dichter, sondern auch Historiker. Die Aufgabe Shakespeares war nicht bloß die Poesie, sondern auch die Geschichte. Er konnte die gegebenen Stoffe nicht willkürlich modeln, er konnte nicht die Ereignisse und Charaktere nach Laune gestalten. Dennoch: In dieses Geschichtsdramen strömt die Poesie reichlicher und gewaltiger und süßer als in den Tragödien jener Dichter, die ihre Fabeln entweder selbst erfinden oder nach Gutdünken umarbeiten.</em></p>
<p><strong>Mann</strong>: Shakespeare, das ist <em>der ungeheuerste Fall von Dichtertum, den die Erde sah. So besaß er ohne Zweifel, wie er alles besaß, auch Erfindung. Aber noch sicherer ist, dass er nicht viel Gewicht darauf legte und nicht viel Gebrauch davon machte. Hat er je eine Fabel erfunden? Auch die krausen Intrigen seiner Lustspiele sind nicht von ihm erdacht. Er arbeitete nach alten Theaterstücken, nach italienischen Novellen. Er fand viel lieber, als dass er erfand<br />
</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Klar, super Typ, dieser Shakespeare. Aber übertreiben Sie nicht? Es gibt jede Menge Fehler in seinen Stücken. Können Sie mal bei Wikipedia nachlesen. (schaut triumphierend)</p>
<p><strong>Mann</strong>: Wiki&#8230; Wer bitte?</p>
<p><strong>Heine</strong> (wütend): <em>Überall Kleinigkeitskrämerei, selbstbespiegelnde Seichtigkeit, gelehrter Aufgeblasenheit, die vor Wonne fast zu platzen droht, wenn sie dem armen Dichter irgendeinen antiquarischen, geographischen oder chronologischen Schnitzer nachweisen.</em></p>
<p><strong>Goethe</strong>: <em>Niemand hat das materielle Kostüm mehr verachtet als Shakespeare. Er kennt recht gut das innere Menschenkostüm, und hier gleichen sich alle. Man sagt, er habe die Römer vortrefflich dargestellt. Ich finde es nicht. Es sind lauter eingefleischte Engländer. Aber freilich Menschen sind es, Menschen von Grund aus, und denen passt wohl auch die römische Toga. Hat man sich einmal hierauf eingerichtet, so findet man seine Anachronismen höchst lobenswürdig, und gerade dass er gegen das äußere Kostüm verstößt, das ist es, was seine Werke so lebendig macht.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Also echt Leute, das sollen die Größten in eurem Gewerbe sein? Der eine kapiert erst beim Schreiben, was er schreibt. Der andere wird für seine Fehler gelobt?</p>
<p><strong>Mann</strong>: Junger Mann, Ihr Vorwurf lässt Ihre Ahnungslosigkeit erkennen. <em>Man muss an dieser Stelle begreifen, dass es eine objektive Erkenntnis im Reiche der Kunst überhaupt nicht gibt, sondern nur eine intuitive.</em></p>
<p><strong>Heine</strong> (fixiert den Moderator): <em>Natürlich verzeihe ich meinen Feinden. Aber erst an dem Tag, an dem ich sie hängen sehe.</em></p>
<p><strong>Mann</strong> (fixiert den Moderator): Vergessen Sie nicht junger Mann: <em>Ein Künstler muss in derselben Verfassung an sein Werk gehen, in der der Verbrecher seine Tat begeht.</em></p>
<p><strong>Goethe</strong> (fixiert den Moderator): <em>Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong> (schwitzt, seine Karteikarten fallen ihm aus der Hand, hektisch): Vielen Dank, ich freue mich, dass Sie in unserer Sendung waren.</p>
<p>Bei Abschrift der Sendung fiel mir auf, dass die Herren Goethe, Heine, Mann in ihren Antworten wörtlich auf Gedanken ihrer Essays zurückgriffen. Um die übernommenen Sätze kenntlich zu machen, haben ich die Zitate kursiv gedruckt.</p>
<p>Aufgezeichnet von Uwe Wittstock</p>
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		<title>Guppe 47 geht in Pension</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 05:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ortsbesichtigung. Atlas der Autoren]]></category>
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		<description><![CDATA[Kleines Haus, großes Dach Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt. Eine Ortsbesichtigung Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kleines Haus, großes Dach</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt.</strong></h3>
<h3><strong> Eine Ortsbesichtigung</strong></h3>
<p>Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder am  Hennenkopf. Was sind schon sechzig Jahre für Felsriesen wie sie.  Ansatzlos steigen sie aus den Feldern um den Bannwaldsee auf fast  zweitausend Meter. Auch an St. Coloman, der Wallfahrtskirche, dürfte  sich wenig verändert haben. Unwirklich schön steht sie in ihrer barocken  Pracht samt Zwiebelturm inmitten der sattgrünen Wiesen vor dem  Alpenhorizont. Aber sonst. Sonst ist nichts wie damals. Vermutlich lässt  sich Vergänglichkeit nicht eindringlicher spürbar machen als durch die  Verwandlung eines einst wichtigen, vielleicht historischen Ortes in  einen Campingplatz.</p>
<p>Hier haben selbst die Häuser Räder. Hier ist alles beweglich,  flüchtig, immer auf dem Sprung, hier bleibt nichts. Vielleicht ist das  ja das passende architektonische Symbol für eine Epoche, die  Flexibilität, Tempo, eifrigen Wandel zu ihren Lieblingstugenden zählt:  der Campingplatz. In einem der wenigen festen Häuser hier, das sich  dreißig Meter vorm Bannwaldsee unter sein Dach duckt wie unter einen zu  großen Hut und das heute von Caravans umzingelt ist, kamen vor sechzig  Jahren acht Männer, zwei Frauen und drei Paare für ein Wochenende  zusammen, um sich aus ihren Manuskripten vorzulesen. Und um über das  Gelesene zu reden. Mehr nicht.</p>
<div id="attachment_661" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus.jpg"><img class="size-medium wp-image-661" title="Gruppe47Haus" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das Haus am Bannwaldsee: Ort des ersten Treffens der Gruppe 47 am 6. und 7. September 1947 (Rs-Foto)</p></div>
<p>Bald nannten sie sich Gruppe 47, verabredeten sich wieder in  wechselnden Besetzungen an wechselnden Orten – auch sie beweglich, immer  auf dem Sprung. Ihre Treffen wuchsen in wenigen Jahren zu der  dominierenden literarischen Institution der Bundesrepublik heran. Der  Aufstieg Heinrich Bölls begann mit dem Preis der Gruppe, der unbekannte  Günter Grass las vor ihr aus seiner „Blechtrommel“ und war am Tag danach  ein Schriftsteller mit Weltruhm.</p>
<p><strong>Trainingslager der Demokratie ?</strong></p>
<p>Die Debatten über die Gruppe finden bis heute kein Ende. Sie wird  gefeiert und verteufelt, mal ist sie eine der unersetzlichen  Pflanzschulen demokratischen Geistes in der jungen Bundesrepublik, mal  eine Versammlung unbewusst antisemitischer Alt-Landser mit Neigung zum  literaturpolitischen Machiavellismus. Auch das Hin- und Herwogen unserer  Meinungen legt beachtliches Tempo vor.</p>
<p>„Unterkunft für 10 Personen ab 6.September reserviert“, telegrafierte  Ilse Schneider-Lengyel am 25. August 1947 an Hans Werner Richter. Sie  war Lyrikerin, Fotografin, Ethnologien und vor den Nazis emigriert.  Zurückgekehrt suchte sie im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an  den Kulturbetrieb. Sie schrieb für Richters „Ruf“ und als der die  Zeitschrift „Skorpion“ plante und künftige Mitarbeiter zu einer Art  gemeinsamer Lektoratssitzung zusammenholen wollte, bot sie ihm ihr Haus  am Bannwaldsee als Treffpunkt an. Sie hatte in den zwanziger Jahren bei  dem Bauhaus-Lehrer Lászlo Moholy-Nagy studiert und in Paris einige der  großen Surrealisten kennengelernt. Manche ihre Gedichte quollen über vor  surrealistischen Bildern – jede Zeile ein Seziertisch, auf dem sich  Nähmaschine und Regenschirm begegnen. Sie muss sich empfindlich fremd  gefühlt haben, zwischen den jungen Leuten, die ihr da ins Haus kamen und  auf Hitlers Schulen von der Moderne nichts gehört hatten.</p>
<p><strong>Häuptling Richter</strong></p>
<p>Niemand wird behaupten wollen, Hans Werner Richter, der zum  unumstrittenen Spiritus movens, zum „Chef“ und „Häuptling“ der Gruppe  wurde, habe je einen objektiven Blick auf ihre Mitglieder gehabt. Aber  zumindest deren Anfänge hat er nie beschönigt. Später nannte er die  Autoren, die er an den Bannwaldsee eingeladen hatte, „literarische  Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens“. Unter dem Vorgelesenen  gab es „keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge,  dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung  verratend.“</p>
<p>Sofort jedoch erblickte das später legendäre Ritual der Gruppe das  Licht der Welt: Die Lesung auf dem gefürchteten „Elektrischen Stuhl“  samt unmittelbar folgender, wenig schonungsvoller Stehgreif-Kritik, wie  sie bis heute im Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis fortlebt.  „Es gibt“, erinnerte sich Richter, „keine Zwischenrufe, keine  Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweils  Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach  der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sage ich: ‚Ja, bitte  zur Kritik. Was habt ihr dazu zu sagen?’ Und nun beginnt, was keiner in  dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau,  die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor  den Mund.“</p>
<p><strong>Das Wunder der Gruppe 47</strong></p>
<p>Zum Rätsel, zum Wunder der Gruppe 47 gehört, wie es ihr gelang, aus  diesen zufälligen, dürftigen Anfängen zur machtvollsten Vereinigung des  bundesdeutschen Literaturbetriebs zu werden. Bis heute hat keine  Akademie, kein Schriftstellerverband oder PEN-Club je wieder ihre  Ausstrahlungskraft erreicht. Hans Werner Richter, dieses – wie Grass es  nannte – „Genie der Freundschaft“, verstand es, eine nachwachsende Elite  von Autoren und Kritikern an die Gruppe zu binden. Grass, Böll,  Schnurre, Alfred Andersch, Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser,  Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Walter Jens, Hans Mayer, Marcel  Reich-Ranicki, Joachim Kaiser.</p>
<p>Natürlich gab es in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auch eine  deutsche Literatur jenseits der Gruppe 47. Die großen Emigranten, Thomas  Mann, Döblin, Brecht hatten sie als Podium nicht nötig und hätten sich  eher die Zunge abgebissen, als für sie zu lesen. Auch jüngere Autoren  wie Max Frisch oder Dürrenmatt machten ohne sie ihren Weg. Arno Schmidt  weigerte sich, vor der Gruppe aufzutreten, obwohl Gerüchte umgingen, er  stünde als ihr Preisträger so gut wie fest: „Ich eigne mich nicht als  Mannequin.“</p>
<p>Man war für die Gruppe, man war gegen sie, wichtige Kritiker wie  Friedrich Sieburg bekämpften sie. Aber gleichgültig ließ sie niemanden.  Sie polarisierte die gesamte Buchbranche und rückte schon deshalb immer  mehr in deren Mittelpunkt.</p>
<p><strong>Wanderzirkus der Literatur</strong></p>
<p>Zu den Erfolgsgeheimnissen der Gruppe zählt das Desaster, das die  Nazis hinterlassen hatten. Nie zuvor waren Land und Kulturbetrieb so  gründlich zerstört, nie war das Bedürfnis nach moralischer  Wiederaufrichtung so groß. Doch in zwölf Jahren Diktatur hatte sich das  alte literarische Leben desavouiert, es gab keine kulturelle Metropole  mehr, keine eingeübten Mechanismen, über die Autoren zu Verlegern  fanden, keine Orientierungspunkte, an denen Kritiker ihr Urteil hätten  schärfen können. Da bot sich die Gruppe als Treffpunkt an, als  Drehscheibe, als luftiges Wanderzentrum, in dem der Literaturbetrieb  sich neu finden und erfinden konnte.</p>
<p>Wie für Gründerzeiten üblich, wurden auch in dieser dann Karrieren  gemacht, die von nachgeborenen Autoren bestaunt, aber wohl nicht  eingeholt werden können. In kurzer Zeit wurde ein mediales  Aufmerksamkeits-Kapital aufgehäuft, das sich bis heute in vielen Fällen  recht mühelos verzinst. Der Unmut mancher jüngerer Schriftsteller über  die Gruppe 47 sollte also niemanden verwundern. Unterschiedlicher können  Autoren-Generationen kaum sein: Die ältere hatte aus dem Krieg einen  ungeheueren Erfahrungsdruck mitgebracht, aber oft wenig literarische  Bildung. Für die heute jungen Autoren hält das Leben gewöhnlich alle  literarischen Bildungschancen bereit, doch nur selten Erfahrungen, die  sich in ihrer Dringlichkeit mit denen der Alten messen können.</p>
<p><strong>Nonkonformisten im Gleichschritt</strong></p>
<p>Zum ideologischen <em>think tank</em> wollte Richter seine Gruppe nie  machen. Er wachte bei den Tagungen eisern darüber, dass sie jede  politische Festlegung vermied – denn das hätte sich als Sprengsatz  erweisen können, der die 47er auseinanderriss. Doch von Beginn an  herrschte in ihren Reihen ein eher sozialistischer als  sozialdemokratischer Konsens, und nachdem die Gruppe zur literarischen  Großmacht aufstieg, beherrschte dieser Konsens lange auch das Klima der  Buchbranche. Die Autoren, die sich in Adenauers Deutschland selbst gern  als Nonkonformisten bezeichneten, hatten einen neuen geistigen  Konformismus geboren, der erst in den neunziger Jahren  auseinanderzubröckeln begann.</p>
<p>Das Ende lässt etwas von Größe und Geist der Gruppe erkennen.  Ungezählte Kulturinstitutionen leben fort und fort, obwohl ihre Funktion  längst erfüllt und ihre Zeit vorbei ist. Richter dagegen rief, nachdem  studentenbewegte Demonstranten 1967 gegen ein Gruppentreffen  protestierten, seine Autoren nicht wieder zusammen. Einige von ihnen  hatten sich gleich eilfertig mit den Demonstranten solidarisiert. Es war  überdeutlich, dass der allmähliche Abstieg der Schriftsteller als  öffentliche Orientierungsfiguren und der Aufstieg anderer Vordenker  begonnen hatte. Da die Gruppe in diesem Augenblick die Kraft zu einem  selbstgezogenen Schlussstrich fand, vermied sie, zu einem Schatten ihrer  selbst zu verkümmern und wurde damit endgültig legendenfähig.</p>
<p><strong>Kraft zum Schlussstrich</strong></p>
<p>Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus alles begann, blieben zu diesem  Zeitpunkt nur noch wenige Jahre. Sie hatte an den Treffen bis 1950 und  ein letztes Mal 1957 teilgenommen. Ihr Gedichtband „september-phase“  erschien 1952, doch gelang es ihr nicht, sich wieder einzufädeln in den  literarischen Betrieb. Sie lebte allein, rauchte viel, schrieb wenig und  starb 1972 in einer psychiatrischen Klinik.</p>
<p>Die Leute vom Bannwaldsee haben ihr eine Woche vor dem 60.  Gründungsjubiläum der Gruppe eine kleine Erinnerungsfeier im Festzelt  ausgerichtet. Der 2.Bürgermeister, ein massiger Mann mit beiden Beinen  sehr fest auf dem Boden, erinnerte sich an sie, die oft auf dem Motorrad  durch den Ort fuhr, als er noch ein Bub war. Danach spielte ein Quartett, wurden einige ihrer Gedichte gelesen, kantige, spröde Verse, die  sich aneinander reiben wie an Sandpapier. Dazu trommelte Regen aufs  Zeltdach, auf die Caravans ringsum und auf das kleine Haus am See mit  seinem großen Dach.</p>
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		<title>Der vergessene Dichter Wolfgang Bächler</title>
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		<pubDate>Thu, 24 May 2012 06:42:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten Vor fünf Jahren starb der ebenso hochbegabte wie unglückliche Schriftsteller Wolfgang Bächler. Er war eines der größten lyrischen Talente der Nachkriegsjahre und zugleich ein spätes Opfer des Zweiten Weltkriegs. Erinnerungen an einen Vergessenen &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=349">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
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<div>
<h2><strong>Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten</strong></h2>
<h3><strong>Vor fünf Jahren starb der ebenso hochbegabte wie unglückliche Schriftsteller Wolfgang Bächler. Er war eines der größten lyrischen Talente der Nachkriegsjahre und zugleich ein spätes Opfer des Zweiten Weltkriegs. Erinnerungen an einen Vergessenen<br />
</strong></h3>
<div id="attachment_354" class="wp-caption alignleft" style="width: 124px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/Bächler1.jpg"><img class="size-full wp-image-354" title="Bächler" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/Bächler1.jpg" alt="" width="114" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Türen aus Rauch&quot;. Gedichte. Verlag Buch &amp; Media. 19 Euro</p></div>
<p>Talent und Tragödie sind mitunter Nachbarn. Bei kaum einem anderen  Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur lässt sich diese  traurige Konstellation so deutlich studieren wie bei Wolfgang Bächler.  1925 in Augsburg geboren, wurde er achtzehnjährig in Wehrmacht  eingezogen, schon bald darauf in Frankreich schwer verwundet und geriet  in Gefangenschaft. Bereits seine ersten, nach Kriegsende noch in  Zeitschriften verstreut veröffentlichten Gedichten verschafften ihm den  Ruf, einer der wesentlichen neuen Autoren der Zeit zu sein. Kein Zufall, dass er, als sich die Gruppe 47 unter Hans Werner Richter  zusammenfand, als jüngster Autor zum Gründungstreffen eingeladen wurde.</p>
<p>Als dann 1950 sein erster Gedichtband <em>Die Zisterne</em> erschien, war  dies ein Ereignis. Gottfried Benn schrieb damals: „Wolfgang Bächler  gehört zu den ganz wenigen neuen Lyrikern, die mich interessieren, an  deren Weg ich glaube. Er hat persönliches Erleben und Mut zu offener,  sammelnder wie zerstörerischer Form…“. Und Thomas Mann nannte ihn einen  Dichter mit „echter Lebensinbrunst“, der „viel von der Qual und  Zerrüttung der Zeit“ in seinen Versen eingefangen habe.</p>
<p>In jenen Jahren stellte man Bächler ganz selbstverständlich auf eine  Stufe mit Lyrikern wie Günter Eich, Paul Celan oder Ingeborg Bachmann.  Er brachte die Erfahrungen seiner Generation poetisch zur Sprache. Einer  Generation, deren kindlicher Idealismus von den Nationalsozialisten  missbraucht worden war und die, als sie von den Schlachtfeldern  zurückkehrten, nur noch Trümmerlandschaften sowohl materieller wie  moralischer Art vorfanden. „Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten“,  heißt es in einem seiner frühen Gedichte, „die Wiesen grünen wieder Jahr  für Jahr. / Die Qualen bleiben, die wir einst erlitten, / ins Antlitz,  in das Wesen eingeschnitten. / In unsren Träumen lebt noch oft, was  war.“</p>
<p>Aus seinen Gedichten sprachen vor allem der Schock des Krieges und  die Erkenntnis, dass letztlich nicht nur die Opfer, sondern auch die  Täter den zerstörerischen Folgen der Gewalt nicht entgehen. Wenn es so  etwas wie einen pazifistischen Grundkonsens in jenen frühen Jahren der  Bundesrepublik gab, fand er nicht zuletzt in der Lyrik Bächlers seinen  literarischen Ausdruck. Das Gedicht wurde dabei für ihn eine Art bessere  Gegenwelt, es war für ihn, wie er schrieb, „der einzige Weg zu  Augenblicken des Glücks und der Befreiung, zu einer Ordnung und Lösung,  die Freiheit schafft.“</p>
<p>Doch: Die Verletzungen des Kriegs reichen tief, und nicht wenige  fallen ihnen noch lange</p>
<div id="attachment_357" class="wp-caption alignright" style="width: 154px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerSchlaf.jpg"><img class="size-full wp-image-357" title="BächlerSchlaf" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerSchlaf.jpg" alt="" width="144" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Im Schlaf&quot;. Traumprosa. S.Fischer Verlag. 16 Euro</p></div>
<p>nach der Heimkehr zum Opfer. Ab Mitte der  fünfziger Jahre begann Bächler unter schweren Depressionen zu leiden,  abgelöst von manischen Phasen. Ein zermürbendes Auf und Ab begann, dass  ihn bis zu seinem Tod nicht mehr verließ, und dass seine literarische  Arbeitkraft immer mehr einschränkte. Er versank mal wie gelähmt in sich  selbst und wurde dann wieder zu einem überreizten Sucher, zu einem  fieberhaft Getriebenen, der nirgends mehr Ruhe finden konnte. Die zehn  besten Jahre, die ihm noch blieben, lebte er, mit einer Französin  verheiratet, in Frankreich. 1967 kehrte er nach Deutschland zurück und  verbrachte, wenn er nicht ärztliche Hilfe benötigte, viel Zeit auf  ausgedehnten Reisen.</p>
<p>„Ich wechselte noch oft die Städte und die Länder“, schrieb er in  seinem Prosaband <em>Stadtbesetzung</em> (1979), „ich sah mich auch, der  beiderseitigen Propaganda misstrauend, hinter dem eisernen Vorhang um,  zuerst von Peter Huchel und Stephan Hermin eingeladen, dann auch von  Brecht, Bloch und Lukács angezogen und von der Wirklichkeit, die so sehr  zu ihren Ideen kontrastierte, enttäuscht. Ich führte ein schweigendes  Leben, schlug meine Zelte häufig auf und ab, ein unsteter  Einzimmerbewohner, kurzum ein unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher  Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten kann  und Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur  Verzweiflung bringt.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg sprachen viele Deutsche von ihrem Vertriebenenschicksal &#8211; was Wolfgang Bächler von seinem Leben blieb, war ein Getriebenenschicksal. Zumindest in den manischen Phasen seiner Krankheit. In den depressiven Phasen versank er in sich und in der Sprachlosigkeit.</p>
<p>Aus therapeutischen Gründen, aber auch um ein urpoetische Terrain auf  seine Weise zu erkunden, begann Bächler von den fünfziger Jahren an bis  in die achtziger Jahre hinein seine Träume zu notieren. Diese  Kurzprosastücke von einer oft erschreckender Illusionslosigkeit wurden  in den Bänden <em>Traumprotokolle</em> (1972) und <em>Im Schlaf</em> (1988)  zusammengefasst: Finstere Nachrichten aus einer labyrinthischen Welt  voller Schrecken und ohne jede Zuflucht.</p>
<p>Der oft als herzlos gescholtene Kulturbetrieb hat manches getan, um  Bächlers Los zu erleichtern. Martin Walser und Michael Krüger vor allem  setzten sich als literarische Fürsprecher für ihn ein. Regisseure wie  Fassbinder, Werner Herzog und Volker Schlöndorff gaben ihm kleine Rollen  in ihren Filmen. Am 24. Mai 2007 starb Wolfgang Bächler im Alter von 82 Jahren in  München.</p>
<div id="attachment_355" class="wp-caption alignleft" style="width: 118px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerKopf.jpg"><img class="size-full wp-image-355" title="BächlerKopf" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerKopf.jpg" alt="" width="108" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Von einem der auszog, sich köpfen zu lassen&quot; S.Fischer Verlag. 14 Euro</p></div>
<p>1990 gehörte ich zu den Menschen, die Bächler &#8211; nach seinen eigenen Worten &#8211; &#8220;durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung&#8221; brachte. Ich war Lektor des Frankfurter S. Fischer Verlags geworden und fand unter den Manuskripten, die mir mein Vorgänger hinterlassen hatte, Bächlers Roman <em>Von einem, der auszog, sich köpfen zu lassen</em>. Ein großartiges kleines Buch, das den Geist der unmittelbaren Nachkriegszeit atmete. Allerdings hatte es eine Schwäche: Es war nicht fertig. Ich besuchte Bächler in München, sprach lange mit ihm über den Text, beschwor ihn, die Geschichte zu Ende zu schreiben, schmeichelte ihm, flehte ihn an, drängte ihn, wurde ärgerlich, unterdrückte meinen Ärger, lag vor ihm auf den Knien. Er saß in einer winzigen Wohnung, umgeben von alten Büchern, alten Bildern und quälenden Erinnerungen. Er schaute auf den jungen Mann, der auf ihn einredete wegen eines Romanmanuskripts und der tatsächlich keine größeren Sorgen zu haben schien, als die Termine der Druckerei. Schließlich lieferte er ein paar abschließende Sätze, doch kamen sie mir mehr vor wie eine unduldsame Geste der Gegenwart gegenüber, die ihn aus einer ihm unendlich viel wichtigeren Vergangenheit herauszureißen versuchte. Das Buch erschien, wurde von der Gegenwart kaum bemerkt, und Wolfgang Bächler kehrte in seine Vergangenheit zurück, die ihn nie losließ.</p>
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