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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Teofila Reich-Ranicki</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Teofila Reich-Ranicki, geb. Langnas (1920-2011)</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Apr 2012 22:25:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Teofila Reich-Ranicki]]></category>

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		<description><![CDATA[Dinge die man mitteilen, aber nicht teilen kann Heute vor einem Jahr starb Teofila Reich-Ranicki. Sie war mehr als &#8220;die Frau an seiner Seite&#8221;, sie war eine Künstlerin &#8211; die keinen Pinsel mehr anrührte, nachdem sie die Verfolgung durch die &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=267">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
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<h2><strong>Dinge die man mitteilen, aber nicht teilen kann</strong></h2>
<h3><strong>Heute vor einem Jahr starb Teofila Reich-Ranicki. Sie war mehr als &#8220;die Frau an seiner Seite&#8221;, sie war eine Künstlerin &#8211; die keinen Pinsel mehr anrührte, nachdem sie die Verfolgung durch die Nazis, das Warschauer Ghetto und den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte.<br />
</strong></h3>
<p>Manchmal sind es wenige Wochen, wenige Tage, die über ein Leben  entscheiden. Im Sommer 1939 stand der jungen Polin Teofila Langnas die  Welt offen. Sie hatte Abitur gemacht, war die Tochter eines wohlhabenden  Kaufmanns in Lodz und sehr begabt. Die Eltern hatten nicht vor, an  ihrer Ausbildung zu sparen und wollten sie nach Paris schicken, damit  sie dort Graphik und Kunstgeschichte studiere. Was für eine Zukunft vor  ihr lag, wie viele Versprechen das Leben bereitzuhalten schien. Doch der  Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1.September machte allen  Plänen ein Ende. Was ihr blieb, war fünf endlose Jahre lang nichts als  der Wunsch zu überleben.</p>
<p>Von den Deutschen als Jüdin ins Warschauer Getto gezwungen, mußte sie  mit ansehen, wie ihr Vater sich umbrachte und ihre Mutter ermordet  wurde. Welches Talent damals in ihr darauf wartete, sich entfalten zu  dürfen, lassen die Zeichnungen ahnen, mit denen sie als gerade  Zwanzigjährige das Grauen des Gettos festhielt. Es sind schmucklose,  nüchterne, registrierende Bilder, denen jede Effekthascherei fremd  ist und die doch, oder gerade deshalb dem Betrachter das Elend, die  Hoffnungslosigkeit, das rasende Entsetzen der Abgebildeten ungemildert  vor Augen stellen.</p>
<p><strong>Kein weg zurück zur Kunst</strong></p>
<p>Überlebt hat Teofila Langnas, genannt Tosia, den  nationalsozialistischen Terror gemeinsam mit ihrem Mann Marcel  Reich-Ranicki, der wegen seiner exzellenten Deutschkenntnisse zum  Chefdolmetscher des Gettos ernannt wurde – und später, wegen seiner  exzellenten Kenntnisse der deutschen Literatur zum einflußreichsten und  populärsten Literaturkritiker des Landes aufstieg. Doch anders als er,  der die quälenden Erinnerungen an die überstandenen Schrecken in  Arbeitswut verwandelte, fand sie keinen Weg zurück zu ihrer Kunst. Nach  dem Ende des Kriegs rührte sie keinen Pinsel, keinen Stift mehr an.</p>
<p>In seiner so erfolgreichen Autobiographie <em>Mein Leben</em> hat Marcel  Reich-Ranicki beschrieben, wie und unter welchen Torturen das Paar nicht  allein die Verfolgung durch die Nazis, sondern auch die durch die  Stalinisten überstand. Es war diese zweite, die wiederkehrende  Verfolgung, der seine Frau Ende der vierziger Jahre nichts mehr  entgegenzusetzen hatte. Sie erlitt, wie ihr Mann schrieb, einen  „schweren, äußerst heftigen Nervenzusammenbruch“, von dem sie sich nur  langsam erholte, und der sie bis zum Ende ihres Lebens immer wieder dazu  zwang, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.</p>
<p><strong>&#8220;Dass ich alt werden durfte, ist ein Wunder&#8221;</strong></p>
<p>Das Leben einer Frau an der Seite eine großen Mannes ist  üblicherweise nicht leicht, und es besteht kein Anlaß zu der Vermutung,  daß Tosia Reich-Ranickis Leben eine Ausnahme von dieser Regel war. Aber  sie ist immer eine sehr warmherzige, eine den Menschen zugewandte Frau  gewesen. Wer Dinge erlitten hat wie sie, der kann seine Erfahrungen  vielleicht mitteilen, doch tatsächlich teilen kann er sie mit niemanden –  und so bleibt er unheilbar einsam. Daß sie nicht einfach überlebte,  sondern gemeinsam mit ihrem Mann überlebte und alt werden durfte,  empfand sie, wie sie oft sagte, als ein Wunder. So sehr Marcel  Reich-Ranicki auch in der Öffentlichkeit steht und sie mit ihm nicht  selten stand, so sehr bewohnte das Paar doch fast sieben Jahrzehnte lang  zusammen eine Welt, in die ihnen kein anderer folgen konnte.</p>
<p>Das Schicksal Tosia Reich-Ranickis zeigt auch, wie empörend alle  Versuche waren – und bis heute sind –, hierzulande einen Schlußstrich  unter die Verbrechen der Nationalsozialisten ziehen zu wollen. Denn es  sind die Opfer, die zeitlebens keine Wahl zwischen Gedenken oder  Vergessen hatten und haben, sondern festgezurrt bleiben im Gefängnis  ihrer Erinnerungen und tagtäglich bis ins Alter, ja nicht selten im  Alter mehr und mehr an den Folgen dessen zu leiden haben, was ihnen  Deutsche im Namen Deutschlands antaten. Am 29. April 2011 starb Teofila  Reich-Ranicki, sie war eine große, eine beeindruckende Persönlichkeit.</p>
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