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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Robert Musil</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Ernst Rowohlt wird 125 Jahre alt</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Jun 2012 16:50:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Abenteuer namens Rowohlt Ein Verlag, drei Männer und drei Temperamente, wie es sie in Deutschland nur selten gibt: Ernst Rowohlt, der Gründervater und unbeirrte Immer-wieder-Gründer des Rowohlt Verlags, würde heute (am 23. Juni) 125 Jahre alt. Hier ein Porträt &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=425">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Das Abenteuer namens Rowohlt</strong><strong></strong></h2>
<h3><strong> Ein Verlag, drei Männer und drei Temperamente, wie es sie in Deutschland nur selten gibt: Ernst Rowohlt, der Gründervater und unbeirrte Immer-wieder-Gründer des Rowohlt Verlags, würde heute (am 23. Juni) 125 Jahre alt. Hier ein Porträt von ihm und seinen ebenso unterhaltsamen wie höchst schätzenswerten beiden Söhnen Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt und Harry Rowohlt<br />
</strong></h3>
<div id="attachment_430" class="wp-caption alignleft" style="width: 190px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/ErnstRowo1.jpg"><img class="size-medium wp-image-430" title="ErnstRowo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/ErnstRowo1-180x300.jpg" alt="" width="180" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Die Ernst-Rowohlt-Monographie, erschienen im gleichnamigen Verlag</p></div>
<p>Die Rowohlts sind eine deutsche Dynastie, eine Büchermacherfamilie  von nicht eben landestypischem Temperament. Wo ein Rowohlt war oder ist,  da war oder ist etwas los. Über ein dreiviertel Jahrhundert gehören  sie nun schon zu den Kraftwerken des literarischen Lebens hierzulande, und der von  ihnen geschaffene und immer wieder neu geschaffene Verlag schnurrt bis  heute weiter. 1908 brachte Ernst Rowohlt im Alter von nur 21 Jahren sein  erstes Buch auf den Markt, den schmalen Lyrikband eines heute komplett  unbekannten Klassenkameraden. Im gleichen Jahr brachte die  Schauspielerin Maria Ledig den ersten Sohn Rowohlts zur Welt, Heinrich  Maria Ledig-Rowohlt. Das Abenteuer namens Rowohlt konnte beginnen.</p>
<p>Die Biographie Ernst Rowohlts mit ihren diversen Verzweigungen ist  ein gutes Beispiel dafür, wie viel Leidenschaft und Geld ein  Verlegerleben braucht und verbraucht. 1910, nachdem er schon ein paar  Bücher gemacht hatte, gründete Rowohlt in Leipzig zum ersten Mal seinen  Verlag – zusammen mit dem gleichaltrigen Kurt Wolff, der keine  Kenntnisse der Buchbranche, wohl aber eine Menge Geld mit einbrachte.</p>
<p>Die beiden Teilhaber verstanden sich erst glänzend und publizierten mehr  als 30 Titel jährlich. Doch schon 1912 kam es zum Bruch, nicht zuletzt  weil der feingeistige Wolff die Energieausbrüche und permanente  Partystimmung seines Partners nicht ertrug. Er zahlte Rowohlt aus,  machte den Verlag unter eigenem Namen zum bis heute legendären  Kristallisationspunkt des Expressionismus, errang höchste Anerkennung  und verlor zugleich sein gesamtes Vermögen. Nach 1920 konnte er keine  literarischen Werke mehr verlegen, 1930 musste es sein Haus endgültig  schließen.</p>
<p><strong>Ernst Rowohlt &#8211; ein Mann der roaring twenties</strong></p>
<p>Rowohlt machte nach der ersten nur kurzen Zeit der  Selbstständigkeit zunächst Zwischenstationen als Prokurist des  S.Fischer- und Geschäftsführer des Hyperion-Verlags. 1919 dann, mit  Beginn der Weimarer Republik, gründete er seinen Verlag zum zweiten Mal,  jetzt in Berlin. Die Stadt, der Mann und die Epoche – die roaring twenties – passten perfekt zueinander. Seine Neigung zu großen  Auftritten machte ihn schnell stadtbekannt und sein Einfallsreichtum in  Sachen PR bald zu einer zentralen Figur des Literaturbetriebs.</p>
<p>Mit  Autoren wie Robert Musil, Kurt Tucholsky, Hans Fallada, Alfred Polgar  und Walter Benjamin erwarb er beträchtliches Ansehen, mit Ernest  Hemingway, Sinclair Lewis und Thomas Wolfe entdeckte er die  amerikanische Literatur für die Deutschen, mit der von Willy Haas  geleiteten <em>Literarischen Welt</em> gab er zudem seit 1925 eine der  meinungsbildenden Zeitschriften der Buchbranche heraus.</p>
<div id="attachment_432" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/LedigRowo.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-432" title="LedigRowo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/LedigRowo-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Die Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Monographie, erschienen im fast gleichnamigen Verlag</p></div>
<p>Doch selbst ein Bestseller-Autor wie Emil Ludwig konnte den Verlag  wirtschaftlich nicht langfristig stabilisieren. Spätestens nach der  Weltwirtschaftskrise 1929 spitzte sich die Lage zu. Als Heinrich Maria  Ledig-Rowohlt 1931 als Pressechef in den Verlag eintrat, stand der  bereits vor der Insolvenz. Gerettet wurde er schließlich durch die  Familie Ullstein, die einen Anteil von 60 Prozent erwarb und ihn so  mehrheitlich ihren Zeitungskonzern einverleibte. Doch kaum hatte Rowohlt  die ökonomischen Turbulenzen überstanden, geriet er durch die  Machtübernahme der Nazis in politische Schwierigkeiten.</p>
<p><strong>Diktatur, Krieg &#8211; und immer wieder Krisen</strong></p>
<p>Seine Sympathien galten in der Weimarer Republik eher der Linken, und  er war mit zahllosen jüdischen Schriftstellern befreundet, doch hatte  Rowohlt daneben auch so rechtslastige Autoren wie Arnolt Bronnen  verlegt. Daran knüpfte er nach 1933 zunächst an, brachte nun  Landserromane heraus, Sachbücher wie <em>Woher kommt das Hakenkreuz?</em> oder  den Bildband <em>Ein Volk steht auf. 53 Tage nationaler Revolution</em>. Doch  die Nazis ließen sich weder davon, noch von Rowohlts Eintritt in die  NSDAP 1937 täuschen, beschlagnahmten 140 Titel des Verlagsprogramms und  erteilten Rowohlt schließlich 1938 Berufsverbot, weil er hartnäckig an  seinen jüdischen Autoren und Mitarbeitern festhielt.</p>
<p>Nach dem Krieg, in dem Ledig-Rowohlt als Soldat schwer verwundet  worden war, gründeten Sohn und Vater – der 1945 mit der Schauspielerin  Maria Pierenkämper seinen zweiten Sohn Harry bekam – den Rowohlt Verlag  umgehend zum dritten Mal, nun in Hamburg und Stuttgart. Sie druckten  unter anderem zu Pfennigpreisen Bücher auf dem Papier und in dem Format  von Zeitungen, „Rowohlts Rotations Romane“ genannt, und erzielten damit  in kürzester Zeit Millionenverkäufe. Dennoch geriet der Verlag mit der  Währungsreform wieder in eine Finanzkrise – und musste diesmal durch  vier Hamburger Geschäftsleute gerettet werden.</p>
<p><strong>Diese amerikanische Erfindung: Taschenbuch</strong></p>
<p>Erst als Ledig-Rowohlt aus Amerika mit der Idee zurückkehrte, ein  umfangreiches Taschenbuchprogramm zu starten, stabilisierte sich die  Situation. Mit diesen billigen Ausgaben erzielte der Verlag schnell  sensationelle Auflagen und konnte mit Büchern von Hemingway und  Graham Greene, von Sartre, Camus, de Beauvoir und später Henry Miller,  die lange aus Deutschland ausgesperrte Literatur des westlichen Auslands  popularisieren. Mit dem Start von „Rowohlt Deutscher Enzyklopädie“ 1955  und der „Rowohlt Monographien“ 1958  verfolgte der Verlag im Taschenbuch-Programm zugleich einen  volkspädagogischen Bildungsanspruch, der sich zumindest in den ersten  Jahren als sehr einträglich erwies.</p>
<div id="attachment_433" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/HarryRowo.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-433" title="HarryRowo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/HarryRowo-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Die nicht-weggeschmissenen Briefe Harry Rowohlts, nicht erschienen im gleichnamigen Verlag</p></div>
<p>Nach dem Tode Ernst Rowohlts 1960 leitete Ledig-Rowohlt den Verlag  weitgehend allein, auch wenn seinem erst fünfzehnjährigen Bruder Harry  nun 49 Prozent des Unternehmens gehörten. Beide hatten zwar nicht den  kraftstrotzenden Körper ihres Vaters, wohl aber manches von seinem  trink- und feierfreudigen Charakter geerbt. So versorgten auch sie den  Literaturbetrieb regelmäßig mit gern kolportierten Anekdoten oder  Bonmots. Den Familientraditionen auf der Spur absolvierte Harry Rowohlt  eine Verlagsausbildung bei Suhrkamp in Frankfurt und Grove Press in New  York. Doch die Führung der Rowohlt-Geschäfte wollte er nicht übernehmen,  sondern widmete sich lieber seinen ungewöhnlichen Talenten als  Übersetzer, Vortragskünstler, Autor und Schauspieler.</p>
<p>Also verkaufen die beiden Brüder 1982 – Ledig-Rowohlt war inzwischen  knapp 75 – ihren Verlag über Vermittlung des befreundeten Werner  Schoenicke an die Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe. Seither wird er von  wechselnden Verlagsleitern mit naturgemäß wechselnden Erfolgen geleitet,  unter anderem von Matthias Wegner, Michael Naumann (dem späteren  Kulturstaatsminister, Mitherausgeber der <em>Zeit</em>, Hamburger  SPD-Spitzenkandidaten und <em>Cicero</em>-Chefs), Nicolaus Hansen, Peter Wilfert bis hin zu  Alexander Fest heute. Ledig-Rowohlts Leben endete – fast möchte man  sagen: standesgemäß – 1992 auf einem Internationalen Verlegerkongress in  Neu-Dehli. Harry Rowohlt, 1996 zum &#8220;Ambassador of Irish Whiskey&#8221; ernannt,  sammelte für seine Übersetzungen und Bücher vom Jugendliteraturpreis  bis zum Brüder-Grimm-Preis, von der Goldenen Schallpatte für seine <em>Pu,  der Bär</em>-Lesung bis zum Göttinger Elch einige der schönsten  Auszeichnungen hierzulande. Das vergangene Jahrhundert der deutschen  Literatur, ohne die Rowohlts ist es schwer vorstellbar.</p>
</div>
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		<title>Protokoll einer Talkshow über Marcel Reich-Ranicki</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Jun 2012 16:27:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
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		<description><![CDATA[Kritik als geistiges Schauspiel Zur Feier des 92. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki wiederholen wir die Aufzeichnung einer Talkshow zu seinen Ehren. Hier das geheime Protokoll der ebenso denkwürdigen wie hochrangig besetzten Sendung, an der Friedrich Schlegel (1772-1829), Ludwig Börne (1786 &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=395">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kritik als geistiges Schauspiel<br />
</strong></h2>
<h3><strong>Zur Feier des 92. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki wiederholen wir die Aufzeichnung einer Talkshow zu seinen Ehren. Hier das geheime Protokoll der ebenso denkwürdigen wie hochrangig besetzten Sendung, an der Friedrich Schlegel (1772-1829), Ludwig Börne (1786 &#8211; 1837) und Alfred Kerr (1867 &#8211; 1948) teilnahmen</strong></h3>
<p><em>Es geht los: Fernsehstudio, Scheinwerfer, Kameras. Auf dem Podium ein  Moderator und drei Talkshowgäste. Als Kulisse Möbelhaus-Regale mit  Möbelhaus-Buchattrappen.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Guten Abend meine Damen und Herren, heute  feiert der wohl bekannteste Kritiker der Gegenwart, Marcel  Reich-Ranicki, seinen 92. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir drei  seiner berühmtesten deutschen Kollegen zum Gespräch eingeladen. Ich darf  vorstellen, von rechts nach links: Friedrich Schlegel (1772 – 1829),  Ludwig Börne (1786 – 1837) und Alfred Kerr (1867 – 1948).</p>
<p><em>Schlegel, Börne, Kerr nicken knapp in die Kamera.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 in Włocławek, Polen, geboren, besuchte ab 1929 in Berlin die Schule…</p>
<p><strong>Kerr</strong> <em>(unterbricht): </em>Was ist das hier? Schulfunk?</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Dafür brauchen Sie uns ja wohl nicht. Das weiß inzwischen jeder. <em>(Steht auf, will gehen).</em></p>
<p><strong>Kerr</strong>: Das weiß jeder Tankwart! Wie Reich-Ranicki so gern sagt. <em>(Will ebenfalls gehen, Börne macht Anstalten, den beiden zu folgen.)</em></p>
<p><strong>Moderator</strong> <em>(verdattert): </em>Aber meine Herren. Was wollen Sie denn?</p>
<p><strong>Kerr:</strong> Fragen. Ernste Fragen.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier.</p>
<p><em>Schlegel, Börne, Kerr lassen sich zurück in ihre Sessel fallen.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong> <em>(eifrig): </em>Also Fragen! Zum Beispiel: Wie konnte Reich-Ranicki die herausragende Position erreichen, die er heute hat?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Blöde Frage.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_397" class="wp-caption alignleft" style="width: 230px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne1.jpg"><img class="size-full wp-image-397" title="220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne1.jpg" alt="" width="220" height="278" /></a><p class="wp-caption-text">Ludwig Börne, Gemälde von Moritz Oppenheim, Öl auf Leinwand (1827)</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Börne</strong>: Das ist viel zu pauschal und undifferenziert  gefragt. Ich will Ihnen trotzdem eine Teilantwort geben: Als  Reich-Ranicki 1958 in die Bundesrepublik kam, hatte die Literatur eine  ganz andere Funktion als heute. Sie war ein Leitmedium mit großem  Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein des Landes. Von der Kultur  erwartete man nach dem Nazi-Desaster politisch-moralische Orientierung.  Reich-Ranicki hat damals in seinen Kritiken oft wie ein Anwalt  argumentiert. Er hat manchen Autoren nachgewiesen, wie tief sie noch –  unbewusst – im Nazi-Denken stecken geblieben waren. Solche Rezensionen  von ihm erschütterten den Kulturbetrieb wie Erdbeben. Dazu machte er,  der eben aus dem Ostblock gekommen war, den ahnungslosen Westdeutschen  klar, was literarisch in der DDR lief und dass dort keineswegs nur  dumpfe Parteischriftsteller schrieben.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Mein lieber Börne, ich verstehe: Ihnen als  dem politischen Zuchtmeister unter den deutschen Großkritikern gefällt  dieser Aspekt an Reich-Ranickis Laufbahn besonders. Aber hinzufügen  sollten Sie, wie wenig Reich-Ranicki sich aus politischen Gründen in  seinem literarischen Urteil beirren ließ. Seine Verrisse von Heinrich  Bölls Romanen sind legendär. Obwohl er Böll politisch verteidigte, ging  er mit ihm literarisch ins Gericht.</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Kritik als geistiges Schauspiel! Großes öffentliches Spektakel. Jeder Artikel ein Drama!</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber andere Kritiker dieser Zeit haben auch politisch argumentiert. Warum wurde gerade Reich-Ranicki so populär?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Der Mann hat sagenhaftes Temperament. Seine  Kritiken sind keine gelehrten Erörterungen, sondern Brandreden. Er ist  ein Volkstribun. Ein Volkstribun der Kritik. So etwas liebt das  Publikum. Ich bin Theaterkritiker. Ich weiß das.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber wurde er von seinem Temperament nicht auch zu Fehlern hingerissen? Hat er nicht auch Autoren verkannt?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Blöde Frage. Natürlich.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Kein Kritiker ist allen Spielarten der  Literatur gewachsen. Dazu ist Literatur viel zu komplex. „Was man sagt,  stimmt nie“, meinte Robert Musil einmal, „das Phänomen ist immer  vielseitiger als die Kritik.“ Also macht jeder Kritiker Fehler. Wie  könnte es anders sein? Wenn selbst Ärzte, Apotheker, Architekten Fehler  machen, warum sollten gerade Kritiker unfehlbar sein? Kerr hielt Brecht  für eine Niete. Schlegel schieb herablassend über Lessings Stücke…</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: …und von Ihnen, lieber Börne, stammt der Satz: „Seit ich fühle, habe ich Goethe gehasst, seit ich denke, weiß ich warum.“</p>
<p><strong>Börne</strong> <em>(mürrisch): </em>Ja, sicher. Wie ich sage:  Kein Kritiker ist unfehlbar. Jeder verkennt irgendwann mal einen Autor.  Wird ein Kritiker so stark wahrgenommen wie Reich-Ranicki, werden auch  seine Fehlurteile stark wahrgenommen. Der Ruhm wirkt wie ein  Vergrößerungsglas. Die Missgriffe unbekannter Kritiker werden  achselzuckend übergangen und vergessen.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber warum hatte und hat Reich-Ranicki  dann so viele Gegner und oft auch Feinde? Erst kürzlich hat Martin  Walser in seinem Tagebuch…</p>
<p><strong>Kerr</strong> <em>(unterbricht): </em>Saublöde Frage.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Verächtlich ist der Kritiker, der keine Feinde hat.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_398" class="wp-caption alignleft" style="width: 93px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/83px-Schlegel1790.jpg"><img class="size-full wp-image-398" title="83px-Schlegel1790" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/83px-Schlegel1790.jpg" alt="" width="83" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Friedrich Schlegel 1790</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Sich Feinde zu machen, gehört zum Handwerk  eines unabhängigen Kritikers. Nur wer so urteilt wie alle anderen  Kritiker auch, hat keine Feinde. Denn der geht ängstlich inmitten der  Herde in Deckung. Aber Deckung hat Reich-Ranicki nie gesucht. Im  Gegenteil. Wer eigenständige und entschiedene Urteile fällt, hat schnell  eine eigenständige und entschiedene Kollektion von Feinden. Bei  Reich-Ranicki kommt aber vielleicht noch ein zweiter Umstand hinzu. Er  selbst hat das beschrieben: Reich-Ranicki zeichnet sich durch eine  Eigenschaft aus, die oft bei Juden auffällt, sei es günstig, sei es  ungünstig, und die zur Folge hat, dass sie, die Juden, für manche  Menschen in ihrer Umgebung nicht so leicht erträglich sind und ihnen  vielleicht sogar auf die Nerven gehen. Was ich meine, lässt sich mit  Worten wie „Intensität“ oder „Heftigkeit“ andeuten. Reich-Ranicki  besitzt Intensität in hohem Maße.</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Intensität? Leidenschaft! Verbunden mit dem festen Glauben an Vernunft und Argument.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber von Politik ist in seinen Kritiken heute keine Rede mehr.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Ja, weil die Welt sich dreht und die Dinge sich wandeln. Und mit ihnen die Literatur.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Spätestens mit den achtziger Jahren hatte  sich die Funktion der Literatur in Deutschland geändert. Die einzige  intellektuelle Gewissheit war nun, dass es keine intellektuellen  Gewissheiten mehr gibt. Dass es nur noch konkurrierende Denkformen gibt,  die alle ein gewisses Recht für sich beanspruchen können. Man hat das  „postmodern“ genannt, aber es sieht manchen Überzeugungen aus meiner  Epoche um 1800 zum Verwechseln ähnlich. Reich-Ranicki hat das gespürt.  Also feierte er die Literatur als ein Vergnügen, als ein ironisches  Spiel, bei dem Weltsichten erprobt werden, der Autor aber augenzwinkernd  zu verstehen gibt, dass man alles das mit gleichem Recht auch aus  anderer Sicht betrachten könnte. Mit Beliebigkeit hat das nichts zu tun.  Denken Sie daran, wie oft er sich trotzdem mit anderen im Literarischen  Quartett in die Haare geriet.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Gut, dass Sie das Quartett ansprechen. Hat er damit die Literaturkritik endgültig an die Fernsehunterhaltung verkauft?</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_399" class="wp-caption alignleft" style="width: 72px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/62px-Alfred_Kerr_by_Lovis_Corinth_1907.jpg"><img class="size-full wp-image-399" title="62px-Alfred_Kerr,_by_Lovis_Corinth,_1907" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/62px-Alfred_Kerr_by_Lovis_Corinth_1907.jpg" alt="" width="62" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Alfred Kerr, porträtiert von Lovis Corinth (1907)</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Kerr</strong>: Bravo, das ist Ihre schwachsinnigste Frage.  Das Quartett war Streit um die Literatur vor Kameras. Reich-Ranicki  hatte den Mut und das Talent, das zu inszenieren. Hat bis jetzt kein  anderer gekonnt. Eingehende, gründliche Literaturkritik war das nicht.  Die findet auch weiterhin auf Papier statt. Reich-Ranicki war der erste,  der das betonte. Aber der Kritiker darf neue Medien nicht scheuen. Ich  habe in meiner Zeit das Radio für die Kritik erprobt. Mit Erfolg, es hat  dem Theater Zuschauer gebracht. So wie das Literarische Quartett der  Literatur Leser brachte.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Das Quartett war fabelhaft, weil es  demonstrierte, dass zu jedem Buch mehrere Urteile zugleich möglich sind.  Wenn ein Kritiker schreibt, will er allein seine Ansichten gelten  lassen. Wenn er aber im Quartett mit anderen sprach, musste er sich die  Ansichten der anderen anhören. Den Zuschauern wurde gezeigt, dass es  auch in der Literatur keine Gewissheiten gibt, sondern nur Meinungen. So  lieferte das Literarische Quartett ein Bild seiner Zeit.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Dazu lieferte es einen Beweis: Nämlich wie  lehrreich Fernsehen sein kann, wenn Moderatoren ausnahmsweise etwas vom  Thema ihrer Sendung verstehen. <em>(Sieht den Moderator an.) </em>Reich-Ranicki  hat Beispielloses geleistet für Literatur und Kritik in Deutschland.  Nicht zuletzt hat er immer wieder an uns, an die Kollegen Schlegel, Kerr  und mich erinnert. Weshalb es für uns ein Leichtes war, diese Talkshow  unter anderem mit Worten zu bestreiten, die er über uns schrieb oder aus  unseren Werken zitierte.</p>
<p><em>Der Moderator schwitzt, gibt der Regie ein Zeichen, die Kamera schwenkt auf die Buchattrappen, der Abspann beginnt.</em></p>
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