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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Paul Celan</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Paul Celans Liebe zu Brigitta Eisenreich</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Nov 2015 11:43:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Brigitta Eisenreich]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Celan]]></category>

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		<description><![CDATA[Du meine Königin, Du meine Freiheit! Aus Anlass des 95. Geburtstags von Paul Celan: Brigitta Eisenreich erzählt in ihren Buch &#8220;Celans Kreidestern&#8221; von ihrer geheimen Liebe mit dem Dichter und Verführer Celan. Ein Buch, das erstaunliche Seiten der Biographie des &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1467">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Du meine Königin, Du meine Freiheit!</strong></h1>
<h2 id="artAbstract"><strong>Aus Anlass des 95. Geburtstags von Paul Celan: </strong></h2>
<h2><strong>Brigitta Eisenreich erzählt in ihren Buch &#8220;Celans Kreidestern&#8221; von ihrer geheimen Liebe mit dem Dichter und Verführer Celan. Ein Buch, das erstaunliche Seiten der Biographie des großen Lyrikers enthüllt und noch einmal zeigt, welche katastrophale Wirkung die Affäre um die Plagiatsvorwürfe von Claire Goll auf Celan hatte.</strong></h2>
<p>Das Zentralgestirn dieses Buches heißt Paul Celan. Kaum ein Satz, der nicht auf ihn oder sein Werk zielte. Aber dennoch ist es nicht Celan, der den stärksten Eindruck hinterlässt, sondern der Trabant, der um das Gestirn kreist. Dieser Trabant trägt den Namen Brigitta Eisenreich. Von 1953 bis 1962 hatte Brigitta Eisenreich in Paris ein Verhältnis mit Celan, und als ihr Jahrzehnte nach seinem Tod klar wurde, dass im Deutschen Literaturarchiv zusammen mit dem Nachlass Celans Briefe und Gedichte von ihr aus jener Zeit verwahrt werden, entschloss sie sich, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Sie selbst nennt ihr Buch nüchtern &#8220;Bericht&#8221;, doch es ist weit mehr als das: Es ist die Geschichte einer außerordentlichen Liebe und vor allem die Geschichte einer klugen, furchtlosen, großmütigen Geliebten.</p>
<p id="p1"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/32454129z.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1468" title="32454129z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/32454129z.jpg" alt="Brigitte Eisenreich: &quot;Celans Kreidestern&quot;. Bericht. Suhrkamp Verlag, Berlin. 9,95 Euro" width="294" height="475" /></a>Damit kein falscher Eindruck entsteht: An keiner Stelle spielt sich Brigitta Eisenreich unangemessen in den Vordergrund, sie hat nahezu jeden Anflug von Eitelkeit aus ihren Erinnerungen getilgt. Wer sentimentale Plaudereien, wer wortreich beschworene Liebesstürme oder nachträgliche Klagelieder über das Los der verheimlichten Geliebten erwartet, wird in diesem Buch nicht auf seine Kosten kommen. Das Auf und Ab der eigenen Gefühle erwähnt Brigitta Eisenreich, die Celan konsequent in den Mittelpunkt stellt, allenfalls am Rande. Oft genug lässt es sich nur aus Andeutungen erschließen. Doch das macht ihre Rolle in diesen Erinnerungen umso eindrucksvoller und stellt Celan, auf den sie alle Aufmerksamkeit zu lenken sich bemüht, schließlich in den Schatten.</p>
<p id="p2">In der Celan-Forschung, die jeden Stein im Leben ihres Dichters gleich mehrfach umdreht, war bislang wenig über Brigitta Eisenreich zu erfahren. Die Biografen erwähnen sie mit keiner Zeile. Ende 1960 hatte sie einen Leserbrief konzipiert, mit dem sie Celan gegen den hanebüchenen Vorwurf, er habe Verszeilen Ivan Golls in seinen Gedichten plagiiert, in Schutz nahm. Dieser Leserbrief wurde nie gedruckt, ging aber in die umfangreiche Dokumentation zur &#8220;Goll-Affäre&#8221; von Barbara Wiedemann ein. Viel mehr war über diese Frau, die manches Geheimnis mit einem der wichtigsten Dichter der deutschen Nachkriegsliteratur teilte, bislang nicht bekannt.</p>
<p id="p3">Es muss eine jener fabelhaft beschwingten Pariser Sommernächte gewesen sein, in der sich Brigitta Eisenreich und Paul Celan kennenlernten. Sie war 23 Jahre alt, Österreicherin, verdiente sich ihr Studium als Au-Pair-Mädchen und war oft einsam in der großen, fremden Stadt. Ihr Bruder, der Schriftsteller Herbert Eisenreich (1925-1986), besuchte sie im Juni 1952. Er war Celan kurz zuvor bei einer Tagung der Gruppe 47 begegnet und versprach ihr, sie &#8220;mit jemand durchaus Besonderem&#8221; bekannt zu machen. Einen Abend lang führte Celan die beiden aus, zeigte ihnen seine Lieblingsplätze im Quartier Latin und präsentierte sich von seiner charmantesten Seite. &#8220;Er war ein Dichter&#8221;, schreibt Brigitta Eisenreich heute, &#8220;aber auch, das steht außer Zweifel, zu jeder Zeit ein Verführer, mit einem feststehenden Repertorium an Zauberkünsten.&#8221;</p>
<p id="p4">Zunächst blieb es bei einem losen Kontakt, Celan, damals 32 Jahre alt, stellte ihr seine Verlobte Gisèle Lestrange vor, die er im Winter 1952 heiratete. Doch eines Abends im Herbst 1953 hörte Brigitta Eisenreich jemanden unter dem Fenster ihres Zimmers ein Motiv aus Schuberts &#8220;Unvollendeter&#8221; pfeifen. Sie erkannte Celan, öffnete ihm und war sich sofort klar, &#8220;dass ich in etwas Schweres hineinging&#8221;. Der Beginn der Liaison zwischen beiden fiel in eine für Celan bittere Zeit: Sein erster Sohn François war wenige Stunden nach der Geburt gestorben. Die enorme Verständnisbereitschaft Brigitta Eisenreichs für den trauernden Dichter und den Mann verrät ihr illusionsloser Satz: &#8220;Auf Celans zu diesem Zeitpunkt zwangsläufig einsamen Wanderungen durch die Stadt lag ihm meine Wohnstätte, wenn ich so sagen darf, gewissermaßen als Trost- und Haltestelle am Weg.&#8221;</p>
<div id="attachment_1469" class="wp-caption alignright" style="width: 318px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/12807801z.jpg"><img class="size-full wp-image-1469" title="12807801z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/12807801z.jpg" alt="" width="308" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Paul Celan: &quot;Todesfuge und andere Gedichte&quot;. Text und Kommentar. Kommentare von Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag. 6,50 Euro</p></div>
<p id="p5">Zurückhaltender kann man die eigene Rolle im Leben eines Geliebten kaum beschreiben und mitfühlender die Tatsache, dass Celan seine Frau nur ein Jahr nach der Hochzeit und wenige Tage nach dem Tod des ersten Kinds hinterging, nicht akzeptieren. Brigitta Eisenreich hielt ihrer beider Liebe von Beginn an frei von Besitzansprüchen und engherzigen Moralvorstellungen. Sie schuf Celan so in ihrem Studentenzimmer eine Zuflucht von fast paradiesischer Unschuld, die unbeschwert blieb von allen Verpflichtungen. Nicht einmal an Liebesäußerungen kann sie sich aus dieser Anfangszeit erinnern, wohl aber an Celans Verwirrung über die Intensität seiner Lust: &#8220;Mir war bewusst, dass die starke physische Anziehung, die Celan für mich empfand, ihn beunruhigte.&#8221;</p>
<p id="p6">Ganz falsch wäre es, sich Brigitta Eisenreich als ein entsagungsvoll auf ihren Liebhaber wartendes Mauerblümchen vorzustellen. Sie war eine rotblonde Schönheit, lebte ein sehr selbstständiges Leben, arbeitete viel, reiste kreuz und quer durch Europa, trieb ihr Studium voran und übernahm später als Ethnologin im Wissenschaftsbetrieb Frankreichs wichtige Funktionen. Doch bei all dem reservierte sie Celan einen Platz in ihrem Herzen. &#8220;Du meine Weiße&#8221; nannte er sie, &#8220;Du meine Freiheit&#8221; und &#8220;Königin&#8221;. Wenn er sie besuchte, hörten sie Musik, sangen zusammen (!), sprachen über Literatur und nicht zuletzt über Celans Gedichte. Als Dichter deutscher Sprache fehlte Celan in Paris das alltägliche Bad im gesprochenen Deutsch. &#8220;Zu mir kam er wohl auch&#8221;, resümiert Brigitta Eisenreich, &#8220;und vielleicht sogar in erster Linie, um für dieses Fehlende einen Ersatz zu finden.&#8221;</p>
<p id="p7">Der Preis, den sie dafür zahlen musste, war nicht klein. Ende 1955 wurde sie schwanger. Da Celan verheiratet und sie beruflich völlig ungesichert war, blieb nur eine Abtreibung. Celan beschaffte das Geld, Brigitta Eisenreich fuhr allein nach Berlin in eine Klinik und nach dem Eingriff allein wieder zurück. Später zeigte sich Celan allerdings von einer wenig ritterlichen Seite und fragte sie, ob jenes nie geborene Kind tatsächlich von ihm gewesen sei. Doch selbst dafür setzt ihn Brigitta Eisenreich in ihrem Buch nicht auf die Anklagebank.</p>
<p id="p8">Am deutlichsten wird die besondere Zuneigung, die sie sich für Celan bis heute bewahrt hat, wenn sie Indizien dafür anführt, dass er seiner Frau Gisèle innerlich auf seine Weise trotz allem die Treue gehalten habe. Brigitta Eisenreich war klar und sie akzeptierte, dass sie in Celans Leben nicht zu den Hauptpersonen gehörte, sondern eine &#8211; gern besuchte &#8211; Randfigur blieb. Ab einem bestimmten Zeitpunkt spielte Celan, dem als Dichter nichts so sehr verhasst war wie die Lüge, seiner Frau gegenüber mit offeneren Karten: Er gestand ihr das Wiederaufflammen seiner Affäre mit Ingeborg Bachmann 1957 ein und bald darauf offenbar auch die Beziehung zu Brigitta Eisenreich (was er der allerdings lange verschwieg). 1961 versuchte er sogar zwischen beiden ein Verhältnis wie zwischen &#8220;Schwestern&#8221; zu stiften und arrangierte zwei Abendessen zu dritt &#8211; doch die beiden Frauen blieben distanziert.</p>
<p id="p9">Hans-Georg Gadamer schrieb einmal, dass &#8220;uns manches Gedicht Celans erst dann aufgehen wird&#8221;, wenn uns &#8220;aus der Kenntnis von Freunden&#8221; dieses Autors neue Informationen über ihn &#8220;zugeflossen sind&#8221;. Schon allein in diesem Sinne ist Brigitta Eisenreichs Buch eine unerhörte Fundgrube. Natürlich wird nicht jeder Celan-Leser einverstanden sein, wenn Brigitta Eisenreich in manchen Gedichten Hinweise auf ihre mit Celan verbrachte Zeit zu entdecken glaubt. Doch das macht nichts, der Celan-Interpret, mit dem die ganze Celan-Gemeinde einverstanden wäre, muss erst noch geboren werden. Abgesehen davon sind diese Aufzeichnungen ein unvergleichlicher Schatz für jeden, der sich ein Bild davon machen will, was für ein Mensch dieser Dichter war.</p>
<div id="attachment_1471" class="wp-caption alignleft" style="width: 188px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/08942778z1.jpg"><img class="size-medium wp-image-1471" title="08942778z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/11/08942778z1-178x300.jpg" alt="" width="178" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Paul Celan - Die Goll-Affäre&quot;. Dokumente zu einer &quot;Infamie&quot;. Zusammengestellt und kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag. 82 Euro</p></div>
<p id="p10">Das betrifft keineswegs nur sein Liebesleben. Brigitta Eisenreichs Erinnerungen bestätigen noch einmal, welche katastrophale Wirkung die &#8220;Goll-Affäre&#8221; auf Celan hatte. Die Verfolgungsängste aus der Nazi-Zeit, in der seine Eltern ermordet und er selbst in ein Arbeitslager verschleppt worden war, brachen wieder auf. Die Sprache war für den Heimatlosen nach dem Krieg zu einer letzten, innersten Freistatt geworden. Doch gerade aus ihr musste er sich durch die Behauptung, er sei ein Plagiator Ivan Golls, vertrieben fühlen. Er reagierte mit aggressivem Misstrauen auch gegen Freunde, auch gegen Brigitta Eisenreich. Was ihn für sie liebenswert machte, verschwand, er &#8220;wurde fordernd und fast gewalttätig&#8221;. Er ließ sie oft lange ohne Nachricht, stand dann &#8220;mit einer halbgeleerten Flasche Cognac&#8221; vor ihrer Tür und machte ihr Eifersuchtsszenen. Nach ein, zwei ratlosen Jahren trennte sie sich 1962 von ihm. Celan fand aus seiner Krise nie wieder heraus, griff seine Frau mit einem Messer an und verbrachte viele Monate in psychiatrischen Kliniken.</p>
<p id="p11">Im Jahr nach der Trennung heiratete Brigitta Eisenreich einen Österreicher und bekam eine Tochter. Sie blieben in Frankreich, doch in den ersten ruhelosen Jahren war die kleine Familie zu vielen Umzügen gezwungen. Als Brigitta Eisenreich im November 1969 Celan ein letztes Mal traf, aus Zufall, wohnte sie in Thiais im Süden von Paris. Einige Monate später schickte ihre Mutter ihr aus Österreich eine Zeitungsmeldung vom Selbstmord Paul Celans. Er war, ohne dass sie es ahnte, ganz in ihrer Nähe auf dem Friedhof von Thiais begraben worden.</p>
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		<title>Der vergessene Dichter Wolfgang Bächler</title>
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		<pubDate>Thu, 24 May 2012 06:42:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten Vor fünf Jahren starb der ebenso hochbegabte wie unglückliche Schriftsteller Wolfgang Bächler. Er war eines der größten lyrischen Talente der Nachkriegsjahre und zugleich ein spätes Opfer des Zweiten Weltkriegs. Erinnerungen an einen Vergessenen &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=349">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<div>
<h2><strong>Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten</strong></h2>
<h3><strong>Vor fünf Jahren starb der ebenso hochbegabte wie unglückliche Schriftsteller Wolfgang Bächler. Er war eines der größten lyrischen Talente der Nachkriegsjahre und zugleich ein spätes Opfer des Zweiten Weltkriegs. Erinnerungen an einen Vergessenen<br />
</strong></h3>
<div id="attachment_354" class="wp-caption alignleft" style="width: 124px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/Bächler1.jpg"><img class="size-full wp-image-354" title="Bächler" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/Bächler1.jpg" alt="" width="114" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Türen aus Rauch&quot;. Gedichte. Verlag Buch &amp; Media. 19 Euro</p></div>
<p>Talent und Tragödie sind mitunter Nachbarn. Bei kaum einem anderen  Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur lässt sich diese  traurige Konstellation so deutlich studieren wie bei Wolfgang Bächler.  1925 in Augsburg geboren, wurde er achtzehnjährig in Wehrmacht  eingezogen, schon bald darauf in Frankreich schwer verwundet und geriet  in Gefangenschaft. Bereits seine ersten, nach Kriegsende noch in  Zeitschriften verstreut veröffentlichten Gedichten verschafften ihm den  Ruf, einer der wesentlichen neuen Autoren der Zeit zu sein. Kein Zufall, dass er, als sich die Gruppe 47 unter Hans Werner Richter  zusammenfand, als jüngster Autor zum Gründungstreffen eingeladen wurde.</p>
<p>Als dann 1950 sein erster Gedichtband <em>Die Zisterne</em> erschien, war  dies ein Ereignis. Gottfried Benn schrieb damals: „Wolfgang Bächler  gehört zu den ganz wenigen neuen Lyrikern, die mich interessieren, an  deren Weg ich glaube. Er hat persönliches Erleben und Mut zu offener,  sammelnder wie zerstörerischer Form…“. Und Thomas Mann nannte ihn einen  Dichter mit „echter Lebensinbrunst“, der „viel von der Qual und  Zerrüttung der Zeit“ in seinen Versen eingefangen habe.</p>
<p>In jenen Jahren stellte man Bächler ganz selbstverständlich auf eine  Stufe mit Lyrikern wie Günter Eich, Paul Celan oder Ingeborg Bachmann.  Er brachte die Erfahrungen seiner Generation poetisch zur Sprache. Einer  Generation, deren kindlicher Idealismus von den Nationalsozialisten  missbraucht worden war und die, als sie von den Schlachtfeldern  zurückkehrten, nur noch Trümmerlandschaften sowohl materieller wie  moralischer Art vorfanden. „Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten“,  heißt es in einem seiner frühen Gedichte, „die Wiesen grünen wieder Jahr  für Jahr. / Die Qualen bleiben, die wir einst erlitten, / ins Antlitz,  in das Wesen eingeschnitten. / In unsren Träumen lebt noch oft, was  war.“</p>
<p>Aus seinen Gedichten sprachen vor allem der Schock des Krieges und  die Erkenntnis, dass letztlich nicht nur die Opfer, sondern auch die  Täter den zerstörerischen Folgen der Gewalt nicht entgehen. Wenn es so  etwas wie einen pazifistischen Grundkonsens in jenen frühen Jahren der  Bundesrepublik gab, fand er nicht zuletzt in der Lyrik Bächlers seinen  literarischen Ausdruck. Das Gedicht wurde dabei für ihn eine Art bessere  Gegenwelt, es war für ihn, wie er schrieb, „der einzige Weg zu  Augenblicken des Glücks und der Befreiung, zu einer Ordnung und Lösung,  die Freiheit schafft.“</p>
<p>Doch: Die Verletzungen des Kriegs reichen tief, und nicht wenige  fallen ihnen noch lange</p>
<div id="attachment_357" class="wp-caption alignright" style="width: 154px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerSchlaf.jpg"><img class="size-full wp-image-357" title="BächlerSchlaf" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerSchlaf.jpg" alt="" width="144" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Im Schlaf&quot;. Traumprosa. S.Fischer Verlag. 16 Euro</p></div>
<p>nach der Heimkehr zum Opfer. Ab Mitte der  fünfziger Jahre begann Bächler unter schweren Depressionen zu leiden,  abgelöst von manischen Phasen. Ein zermürbendes Auf und Ab begann, dass  ihn bis zu seinem Tod nicht mehr verließ, und dass seine literarische  Arbeitkraft immer mehr einschränkte. Er versank mal wie gelähmt in sich  selbst und wurde dann wieder zu einem überreizten Sucher, zu einem  fieberhaft Getriebenen, der nirgends mehr Ruhe finden konnte. Die zehn  besten Jahre, die ihm noch blieben, lebte er, mit einer Französin  verheiratet, in Frankreich. 1967 kehrte er nach Deutschland zurück und  verbrachte, wenn er nicht ärztliche Hilfe benötigte, viel Zeit auf  ausgedehnten Reisen.</p>
<p>„Ich wechselte noch oft die Städte und die Länder“, schrieb er in  seinem Prosaband <em>Stadtbesetzung</em> (1979), „ich sah mich auch, der  beiderseitigen Propaganda misstrauend, hinter dem eisernen Vorhang um,  zuerst von Peter Huchel und Stephan Hermin eingeladen, dann auch von  Brecht, Bloch und Lukács angezogen und von der Wirklichkeit, die so sehr  zu ihren Ideen kontrastierte, enttäuscht. Ich führte ein schweigendes  Leben, schlug meine Zelte häufig auf und ab, ein unsteter  Einzimmerbewohner, kurzum ein unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher  Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten kann  und Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur  Verzweiflung bringt.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg sprachen viele Deutsche von ihrem Vertriebenenschicksal &#8211; was Wolfgang Bächler von seinem Leben blieb, war ein Getriebenenschicksal. Zumindest in den manischen Phasen seiner Krankheit. In den depressiven Phasen versank er in sich und in der Sprachlosigkeit.</p>
<p>Aus therapeutischen Gründen, aber auch um ein urpoetische Terrain auf  seine Weise zu erkunden, begann Bächler von den fünfziger Jahren an bis  in die achtziger Jahre hinein seine Träume zu notieren. Diese  Kurzprosastücke von einer oft erschreckender Illusionslosigkeit wurden  in den Bänden <em>Traumprotokolle</em> (1972) und <em>Im Schlaf</em> (1988)  zusammengefasst: Finstere Nachrichten aus einer labyrinthischen Welt  voller Schrecken und ohne jede Zuflucht.</p>
<p>Der oft als herzlos gescholtene Kulturbetrieb hat manches getan, um  Bächlers Los zu erleichtern. Martin Walser und Michael Krüger vor allem  setzten sich als literarische Fürsprecher für ihn ein. Regisseure wie  Fassbinder, Werner Herzog und Volker Schlöndorff gaben ihm kleine Rollen  in ihren Filmen. Am 24. Mai 2007 starb Wolfgang Bächler im Alter von 82 Jahren in  München.</p>
<div id="attachment_355" class="wp-caption alignleft" style="width: 118px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerKopf.jpg"><img class="size-full wp-image-355" title="BächlerKopf" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerKopf.jpg" alt="" width="108" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Von einem der auszog, sich köpfen zu lassen&quot; S.Fischer Verlag. 14 Euro</p></div>
<p>1990 gehörte ich zu den Menschen, die Bächler &#8211; nach seinen eigenen Worten &#8211; &#8220;durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung&#8221; brachte. Ich war Lektor des Frankfurter S. Fischer Verlags geworden und fand unter den Manuskripten, die mir mein Vorgänger hinterlassen hatte, Bächlers Roman <em>Von einem, der auszog, sich köpfen zu lassen</em>. Ein großartiges kleines Buch, das den Geist der unmittelbaren Nachkriegszeit atmete. Allerdings hatte es eine Schwäche: Es war nicht fertig. Ich besuchte Bächler in München, sprach lange mit ihm über den Text, beschwor ihn, die Geschichte zu Ende zu schreiben, schmeichelte ihm, flehte ihn an, drängte ihn, wurde ärgerlich, unterdrückte meinen Ärger, lag vor ihm auf den Knien. Er saß in einer winzigen Wohnung, umgeben von alten Büchern, alten Bildern und quälenden Erinnerungen. Er schaute auf den jungen Mann, der auf ihn einredete wegen eines Romanmanuskripts und der tatsächlich keine größeren Sorgen zu haben schien, als die Termine der Druckerei. Schließlich lieferte er ein paar abschließende Sätze, doch kamen sie mir mehr vor wie eine unduldsame Geste der Gegenwart gegenüber, die ihn aus einer ihm unendlich viel wichtigeren Vergangenheit herauszureißen versuchte. Das Buch erschien, wurde von der Gegenwart kaum bemerkt, und Wolfgang Bächler kehrte in seine Vergangenheit zurück, die ihn nie losließ.</p>
</div>
</div>
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