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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Otto Waalkes</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Komiker mit 64: Otto Waalkes hat Geburtstag</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Jul 2012 08:43:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ortsbesichtigung. Atlas der Autoren]]></category>
		<category><![CDATA[Otto Waalkes]]></category>

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		<description><![CDATA[When I&#8217;m Sixty-Four Heute vor 64 Jahren wurde Otto Waalkes, der Vater der neuen deutschen Comedy, im ostfriesischen Emden, Stadtteil Transvaal, geboren. &#8220;Will you still need me / Will you still feed me / When I&#8217;m Sixty-Four&#8221;, sangen einst vier &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=561">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>When I&#8217;m Sixty-Four</strong></h2>
<h3><strong><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08353.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-572" title="DSC08353" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08353-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a>Heute vor 64 Jahren wurde Otto Waalkes, der Vater der neuen deutschen Comedy, im ostfriesischen Emden, Stadtteil Transvaal, geboren. &#8220;Will you still need me / Will you still feed me / When I&#8217;m Sixty-Four&#8221;, sangen einst vier Philosophen aus Liverpool. Fragen, die es in sich haben an einem Geburtstag, der es in sich hat. Deshalb soll die Suche nach den Ursprüngen eines großen Komikers hier beginnen mit einem höchst autobiographischen von Waalkes über die eigenen Ursprünge. Ein Gedicht, das der Musik jener vier Weisen aus England ebenfalls verpflichtet ist.<br />
</strong></h3>
<h2><strong>Mein Transvaal</strong></h2>
<h3><em>Ein Gedicht von Otto Waalkes<br />
(Zu singen auf die Melodie des Beatles-Songs „Penny Lane“ von John Lennon und Paul McCartney)</em></h3>
<p>In meiner Heimatstadt in Emden gibt es ein Quartier<br />
Die Eingebor’nen nennen es Transvaal<br />
In diesem ganz normalen Kral<br />
Lebte ich einmal</p>
<p>Godfried-Bueren-Straße heißt’s, wo ich geboren bin<br />
In einem Reihenhaus aus rotem Klinkerstein<br />
Ich ritzte da meinen Namen rein<br />
Ja, das musste sein<br />
In Fiftynine</p>
<p>Mein Transvaal, denk ich an dich, dann wird mir heiß<br />
Das singe ich ganz laut und denke leis’<br />
Was soll der Scheiß?</p>
<p>An der Ecke gab’s ne Kneipe Zum Klabautermann<br />
Da versoffen die Matrosen Haus und Boot<br />
Und dann torkelten sie an Bord im Morgenrot<br />
Müde und halbtot</p>
<p>Mein Transvaal, denk ich an dich, dann wird mir heiß<br />
Das singe ich ganz laut und denke leis’<br />
Was soll der Scheiß?</p>
<p>Nachbar Kuhlmann hatte Töchter, die war’n wunderschön<br />
Auf dem Hinterhof ham wir Versteck gespielt<br />
Dabei hab ich ihnen ganz gezielt<br />
Untern Rock geschielt</p>
<p>Bei dem kleinen Luftschutzbunker war ne Bäckerei<br />
Da gab es manchmal Brötchen, manchmal nicht<br />
Bäcker Behrens tat nicht immer seine Pflicht<br />
Denn er hatte Gicht<br />
Bedauerlich</p>
<p>Mein Transvaal, denk ich an dich, dann wird mir heiß<br />
Das singe ich ganz laut und denke leis’<br />
Was soll der Scheiß?</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08331.jpg"><img class="alignleft size-large wp-image-573" title="DSC08331" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08331-1024x768.jpg" alt="" width="640" height="480" /></a></p>
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<h2><strong>Klinker kann sehr kalt sein</strong></h2>
<p><strong>Erinnerung an einen Ausflug nach Emden-Transvaal / Von Uwe Wittstock<br />
</strong></p>
<p>Die Bäckerei ist lang schon geschlossen, der Bäcker tot. Aber der  kleine Bunker ist noch da. Die Bäckerwitwe wuchtet den Elektromäher in  den Vorgarten, obwohl der Rasen kurz ist wie eine Nagelbürste. Ja, an  den jungen Otto Waalkes erinnert sie sich: „War so’n Hampelmann.“ Ihr  Mann und sie standen immer im Laden. Nix da Gicht. Ihre Töchter sind mit  Otto Rollschuh gelaufen, tagelang. Drei Häuser weiter rauf, rechter  Hand, hat er gewohnt. Dann schimpft sie noch über den Bunker. Sie zeigt  eine Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger: Soo eine Akte hat sie im  Haus, kann sie mir gern holen. Aber wegreißen will die Stadt den Bunker  nicht, dabei steht er auf ihrem Grundstück.</p>
<div id="attachment_563" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08345.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-563" title="DSC08345" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08345-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Jugendzentrum Emden-Transvaal</p></div>
<p>Maria sitzt in der „Pinte“ an der Dollartstraße. Die „Pinte“ ist,  sagt Maria, eine Arbeiterkneipe. Sie macht einen selbst gezimmerten  Eindruck: ein Schankraum hinter einem Kiosk, kein Zapfhahn, nur  Flaschenbier, zwei Daddelautomaten, ein Kicker, ein Fernseher, ein  Tisch, an dem ein paar Männer um Korn würfeln. Maria kann sich bestens  an Otto erinnern. Sie ist drei Jahre jünger als er. Er war Betreuer  ihrer Gruppe im Jugendheim: „Hat bei jeder Gelegenheit auf seiner  Gitarre geklimpert und Faxen gemacht.“ Am schönsten aber war, sagt  Maria, ohne dass ich sie fragen müsste, das Versteckspiel in den  Hinterhöfen: „Nachts mit Taschenlampe“. Eins, zwei, drei für Eckstein,  alles muss versteckt sein, summt sie mit den Händen vor den Augen.  Davon, dass die Jungs den Mädchen untern Rock schielten, erzählt sie  nichts. „Godfried-Bueren-Straße 56, da wohnte Otto, weiß ich noch.“</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08320.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-564" title="DSC08320" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08320-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a>Die Godfried-Bueren-Straße ist lang und schnurgerade. An ihrem oberen  Ende, näher zur Innenstadt Emdens, stehen kleine  Klinker-Einfamilienhäuser, an ihrem unteren Ende kleine  Klinker-Wohnblocks mit je vier Parteien. Der ganze Stadtteil Transvaal  wirkt wie ein Häuser-Fließband in Klinker-Rot. Mal drei- oder  vierstöckige Mietskasernen, mal ein- oder zweistöckige Reihenhäuser,  immer Klinker. Zusammen mit dem Rasen der Vorgärten, den Hecken und  Bäumen in den Höfen ergibt das eine Welt ganz aus rot und grün. Es sind  stille Straßen, in denen man das Meer riecht und ab und zu das Warnhorn  der Güterzüge vor den Bahnübergängen hört.</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08329.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-566" title="DSC08329" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08329-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a>Von Marias Erinnerungen gelenkt, gehe ich an der Ottifanten-Plastik  vorbei, das Otto seinem Transvaal gestiftet hat, nehme in der  Godfried-Bueren-Straße die Parade der geraden Hausnummern ab und  entdecke zwischen der 60 und der 48 eine Straßenkreuzung, aber kein Haus  mit der Nummer 56. Gelenkt von den Erinnerungen der Bäckerwitwe, zähle  ich von der alten Bäckerei drei Häuser weiter rauf, finde Haus 46, dort  aber kein Anzeichen, dass hier jemals eine Familie Waalkes gelebt haben  könnte, gesegnet mit einem blonden, faxenmachenden Sohn, der einen  Schlag hatte bei den Nachbarstöchtern nicht nur beim Rollschuhlaufen.</p>
<p>„Otto Waalkes?“ brummt der gebeugte ältere Mann vor Nummer 62, der im  Blaumann, mit Bartstoppeln und Friesenplatt ein bisschen aussieht wie  ein Arbeiterdenkmal: „Klar, da.“ Er deutet auf Nummer 68. Dort tritt,  sobald ich ankomme, der Hausherr aus der Tür und wehrt, sobald ich  frage, mit voller Gewissheit ab: Nein, nein, ganz falsch, auf der  anderen Straßenseite wohnte Otto, da hinten irgendwo – und holt rufend  Bestätigung ein bei der Nachbarin, die gerade vom Einkauf heimkommt. Sie  steht unter ihrer Hausnummer 70 und stimmt fröhlich zu: Felsenfest  stehe, dass Familie Waalkes schräg gegenüber gewohnt habe in der Nummer  70, bei den ungeraden Ziffern, eben da drüben.</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08336.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-567" title="DSC08336" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08336-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a>Einen fabelhaften Augenblick lang liegt der Verdacht nahe, in einen  von der Nachbarschaft einstudierten Otto-Sketch geraten zu sein. Ich  suche das Fenster, hinter dem sich der Kameramann versteckt. Doch dann,  neben der Haustür von Nummer 67, findet sich ein dritter Beweis dafür,  wie eng Lyrik und Leben bei Waalkes ineinander verstrickt sein können.  In mittlerer Höhe, bequem erreichbar für einen Halbwüchsigen, der auf  der obersten Treppenstufe sitzt, ist in den Klinkerstein geritzt: „O.  Waalkes 13. 10. 63“. Ein Indiz, dass Otto schon als Fünfzehnjähriger zu  den Menschen gehörte, die um jeden Preis Spuren auf dieser Welt  hinterlassen wollten. Ein Beleg aber auch, dass Otto mit fünfzehn an  Gewitztheit noch ein wenig zulegen konnte, hatte er seinen Eltern doch  nicht nur den Hauseingang verschrammt, sondern den Namen des Täters  gleich mitgeliefert.</p>
<p>„Wer heute auf Transvaal lebt“, meint Maria, „kann sich sehen lassen  in Emden.“ Aber früher war das anders. Von Hans Grigull, sagt Maria, dem  ehemaligen Bürgermeister, soll ich mir alles erklären lassen und sucht  mir aus dem Telefonbuch der „Pinte“ seine Nummer gleich raus. Grigull  wohnt noch immer auf Transvaal. Auch er erinnert sich an den jungen  Otto, aber besser noch erinnert er sich an dessen Onkel Gerd Waalkes,  der mit komischen Gedichten und Anekdoten bei Vereinsfesten auftrat. „Da  war wohl was in den Genen, bei denen.“ Wo holst Du Deine Witze bloß  immer her, hat er Gerd Waalkes mal gefragt, sagt Grigull. Die kommen  ganz von allein, war die Antwort, „wenn ich nachts so unter den Pannen  lieg.“</p>
<div id="attachment_568" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08326.jpg"><img class="size-medium wp-image-568" title="DSC08326" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08326-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Emden-Transvaal, ein Leben &quot;unter den Pannen&quot;</p></div>
<p>Transvaal wurde um 1900, nachdem man begonnen hatte, den Emdener  Hafen auszubauen, als Siedlung für Hafen- und Werftarbeiter auf die  nächstgelegene Weide gesetzt. Es waren einfache Unterkünfte, erzählt  Grigull, mit Stalltüren in den Wohnungen und nackten Eisenstangen statt  Türklinken. Wer im Parterre hoch schaute zum ersten Stock, sah keine  Decke, sondern nur die Balken samt der Bodendielen der oberen Etage. Wer  oben im Bett lag, sah über sich die bloßen Dachpfannen, er lag „unter  den Pannen“. Und wenn es im Winter schneite und stürmte, konnte er  morgens Schnee auf seiner Bettdecke finden.</p>
<p>Im Krieg wurden über die Hälfte der Häuser ausgebombt, danach  notdürftig wieder zusammengeflickt. Bald waren viele der Häuser  überaltert, verwahrlost. Niemand in Emden zog gern um nach Transvaal.  1978 sammelte Grigull als Gewerkschafter 87 Unterschriften, ging damit  zum Oberbürgermeister, und sein Kampf um ein Sanierungsprogramm begann.  50 Millionen sind schließlich in den Stadtteil gepumpt und die meisten  Häuser an deren Bewohner verkauft worden. Das Vorstadtidylle in rot und  grün begann.</p>
<div id="attachment_569" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08347.jpg"><img class="size-medium wp-image-569" title="DSC08347" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08347-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">The Rustlers, mit Gitarrist Otto Waalkes</p></div>
<p>Da lebte Otto längst in Hamburg und hatte die ersten Fernsehshows und  Goldenen Schallplatten schon hinter sich. In seiner Zeit auf Transvaal  war von Sanierung nicht die Rede. Von Vorstadtidylle auch nicht, sondern  viel eher vom rundum verklinkerten Problem-Quartier. Heute steht in  Emdens Zentrum, gleich an der Großen Straße, das „Otto-Huus“, das den  Touristen die ganze Otto-Produktpalette anbietet: T-Shirts, CDs, Filme,  Bücher, Kappen. Dort hängt neben dem Flipper im ersten Stock ein Foto  aus dem Jahr 1964 von der Band „The Rustlers“ mit einem Fünfzehnjährigen  an der Gitarre namens O. Waalkes. Oben, überm Eingang des Otto-Huus,  bricht ein Ottifant, Ottos alter ego, durch die Klinkerfassade. Als der  Fünfzehnjährige O. Waalkes seinen Namen in den roten Stein neben der  Haustür ritzte, musste er noch zehn Jahre auf seinen Ausbruch warten.  1973, mit seiner ersten LP, war es so weit. Sie kämpfte sich rauf bis an  Platz 1 der Charts, der Klinker war besiegt.</p>
<div id="attachment_570" class="wp-caption alignleft" style="width: 2314px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08311.jpg"><img class="size-full wp-image-570" title="DSC08311" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/DSC08311.jpg" alt="" width="2304" height="3072" /></a><p class="wp-caption-text">Symbolträchtiger Ausbruch aus der Klinker-Welt</p></div>
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