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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Max Frisch</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Gespräch mit Peter Frisch über seinen Vater Max Frisch</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Jul 2016 14:04:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
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		<description><![CDATA[»Fahr zur Olympiade und hol Gold« Kürzlich war der 105. Geburtstag von Max Frisch zu feiern. Sein Sohn Peter Frisch ist Segelsportler und als Händler von Segelzubehör ein erfolgreicher Unternehmer in München. Ich sprach mit ihm über seinen Vater, dessen &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1855">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>»Fahr zur Olympiade und hol Gold«</strong></h1>
<h2><strong>Kürzlich war der 105. Geburtstag von Max Frisch zu feiern. Sein Sohn Peter Frisch ist Segelsportler und als Händler von Segelzubehör ein erfolgreicher Unternehmer in München. Ich sprach mit ihm über seinen Vater, dessen Wunsch etwas Großes zu machen und etwas Besonderes zu sein sowie darüber, wie es der Sohn lernte sich aus dem Schatten des berühmten Vaters zu befreien.</strong></h2>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> Was ist Ihre früheste Erinnerung an Max Frisch?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Das Klappern seiner Schreibmaschine oben in der Mansarde über unserer Wohnung. Und der Kran, den er aus dem Märklin-Baukasten mit mir zusammen baute. Das konnte er sehr gut &#8211; da merkte man den Architekten.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Es heißt, Ihr Vater hat Ihnen das Segeln beigebracht. Stimmt das?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Ja, aber er war kein großer Segler. Er nahm mich ab und zu mit dem Boot eines Freundes mit auf den Zürichsee. Erst hat er mir das Prinzip des Segelns an einem kleinen Modell erklärt. Das konnte er gut. Ich habe das später bei meinen Kindern auch so gemacht, das ist gar nicht so leicht. Aber beim praktischen Segeln, bei der Bedienung des Bootes, war mein Vater nur mäßig.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> War das Segeln so etwas wie die verbindende Gemeinsamkeit zwischen Vater und Sohn?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Nein, das nicht. Sicher, er hat mit mir bei einem Urlaub auf Sylt mal ein Boot gebastelt, ganz primitiv, aus einem Brett und einer Handtuchstange. Es kippte sofort um und war nicht zu gebrauchen. Am Segeln interessierte ihn das Meer, die Weite, das Offene. Verbunden hat uns das Segeln nicht, eher im Gegenteil: Er fand das seltsam, dass der Sohn so viel segeln geht und nichts Gescheites macht. Als ich ihm erklärte, Segeln sei mein Sport, meinte er: Gut, dann fährst du zur Olympiade und holst die Goldmedaille. Er hatte sehr hohe Ansprüche. Was man macht, musste man in seinem Augen ganz und gar machen.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Sie wurden tatsächlich ein exzellenter Segler: 1976 Deutscher Meister im Flying Dutchman.</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Das ist immer die Frage nach den Maßstäben. Ich war ganz gut, aber nicht gut genug, um ein Leben, einen Beruf darauf aufzubauen. Eine Goldmedaille habe ich nicht gewonnen.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Was sagte Ihr Vater, als Sie Deutscher Meister wurden?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Ich bin mir nicht sicher, ob er dazu viel gesagt hat. Der Titel fiel in eine schwierige Zeit unseres Verhältnisses. Er war ja nicht der große Kinder-Vater. Seine Hauptsorge war: Macht der Junge was Vernünftiges, etwas, von dem er leben kann? Als ich dann Segelzubehör zu verkaufen begann, sah er das nur als kleines Zubrot. Das war es zu Anfang auch. Er hatte in seinem Beruf das höchste Niveau erreicht, und er wollte, dass ich in meinem genauso viel erreiche.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Sie haben &#8211; wie Ihr Vater und Ihr Großvater &#8211; Architektur studiert.</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Und jetzt studiert mein Sohn ebenfalls Architektur: An der ETH Zürich, wie sein Großvater Max.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Eine Architekten-Dynastie. Warum entschieden Sie sich für die Architektur?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Meine Mutter war ja auch Architektin. Ich war oft im Büro meines Vaters, sah seine Entwürfe, ging mit ihm auf die Baustellen. Die Arbeit begann mich zu interessieren, und sie hat ja auch etwas sehr Schönes: Man sitzt vor einem weißen Blatt Papier, man weiß, was entstehen soll, und muss dafür die beste und attraktivste Form finden.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Klingt wie die Arbeit eines Schriftstellers.</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Kreativität gibt es ja auf ganz verschiedenen Ebenen. Auf dem leeren Blatt kann ein Roman entstehen, ein Haus oder ein Marketingkonzept. Bei all dem geht es darum, sich etwas Komplexes auszudenken, das in sich stimmig und hoffentlich schön ist und das die Menschen überzeugt. Die Architektur ist dafür eine gute Schule.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Was sagte Ihr Vater, als Sie sich entschieden, Ihren Beruf als Architekt aufzugeben?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Das war eine ziemliche Enttäuschung für ihn. Er glaubte nicht, dass ich aus meiner kleinen Segelfirma etwas Richtiges machen könnte, etwas, das über das reine Geldverdienen hinausging. Eine Sache richtig zu machen, etwas Großes zu machen und deshalb etwas Besonderes zu sein, stand für ihn immer im Mittelpunkt. Geld war für ihn eher unwichtig. Wenn er mit seiner Arbeit Geld verdiente, dann hat er das gern genommen, aber das war nicht das Entscheidende. Seine Freude über meine Firma kam erst sehr spät. Er war schon sehr, sehr alt, als er sagte, es sei schon wahnsinnig gut, dass ich mit Erfolg in einem Beruf arbeite, der vor den Gesetzen der Realität standhalten muss, während alle anderen in der Familie sich damit selten beschäftigten.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Warum haben Sie sich gegen die Architektur entschieden?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Ich war gerade mit dem Studium fertig, als mir mein Professor einen ersten Auftrag vermittelte: Der Bildhauer Bernhard Heiliger hatte ein Grundstück im Tessin gekauft, nicht weit von dem Haus meines Vaters in Berzona. Heiliger wollte dort ein Haus bauen, ich sollte es ihm entwerfen. Ich war ein naiver Student und stolz, dass ich, Peter Frisch, diesen Auftrag erhielt. Doch dann las ich in einer Zeitung: Bernhard Heiliger baut im Tessin ein Atelierhaus, und der Architekt ist der Sohn von Max Frisch. Das hat mich wahnsinnig geärgert. Ich wollte da lesen: Der Architekt ist Peter Frisch. Da wurde mir klar, dass ich in jedem künstlerischen Beruf immer der Sohn meines Vaters bleiben würde.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Haben Sie sehr darunter gelitten?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Gelitten nicht. Ich habe ein dickes Fell gehabt. Aber genervt hat es schon. In der Schule hat der Deutschlehrer was Besonderes erwartet, wenn er Aufsätze von mir las, oder der Französischlehrer hat mich als Grammatikübung den Titel „Mein Name sei Gantenbein“ übersetzen lassen. Konnte er sich nicht was anderes einfallen lassen?</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Haben Sie trotz allem ein Lieblingsbuch von Max Frisch?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Natürlich, aber das wechselt. Zurzeit ist mir „Stiller“ das liebste. Überhaupt, die Romane mag ich sehr, weil sie seine Sprechweise einfangen, weil ich ihn beim Lesen reden höre. Wenn man im Tessin zusammengesessen hat am Abend, dann kam es immer zu Gesprächen, die an die Themen seiner Romane erinnerten. Wobei die Gespräche immer von meinen Geschichten weggingen hin zu seinen Geschichten. Das war schon interessant: Ich versuchte, eine Geschichte zu erzählen, und er nahm sie auf, drehte sie um, und es war seine Geschichte. Großartig und sehr lehrreich, aber es war nicht mehr meine Geschichte.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> So ist das oft bei Schriftstellern.</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Er war eine dominante Ich-Person. Nicht nur mir gegenüber. Allen Freunden ging es so, wenn sie mit ihm zusammen waren.</p>
<div id="attachment_1856" class="wp-caption alignright" style="width: 274px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/07/29727618z.jpg"><img class="size-full wp-image-1856" title="29727618z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/07/29727618z.jpg" alt="" width="264" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">Ursula Priess: &quot;Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandsaufnahme&quot;. btb, 8,99 Euro</p></div>
<p><strong>Wittstock:</strong> Ihre Schwester Ursula hat 2010 ein Buch über ihr Verhältnis zum Vater geschrieben. Werden Sie irgendwann einmal ein Buch über Max Frisch schreiben?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Nein, ganz sicher nicht. Das Schreiben ist nicht meine Stärke.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong> Ihre Schwester war verletzt wegen eines Satzes Ihres Vaters: “. . . die schlichte Nachricht, dass ein Kind gezeugt worden ist, hat mich gefreut: der Frau zuliebe . . .“ Was denken Sie über den Satz Ihres Vaters?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Das ist ein typischer Satz meines Vaters. Er lässt mich völlig unberührt. Das verletzt mich überhaupt nicht. Wir Kinder hatten oft Spaß mit ihm, aber er war nicht der Kinder-Papa. Ich kann das verstehen: Als ich jünger war, spielten Kinder für mich keine so große Rolle wie später. Mit 30 Jahren war ich noch viel mehr mit mir selbst beschäftigt, ich wollte etwas aus mir machen. Das Kind war ja gut versorgt bei der Mutter. Es war nett, ein Kind zu haben, aber es hatte nicht diese Wichtigkeit. Als ich 30 war, war es mir wichtiger, Deutscher Meister als Vater einer einjährigen Tochter zu sein. So war das bei ihm auch: Ihm war wichtig, wie kommt der nächste Roman an, wie die nächste Theaterpremiere &#8211; und, ach ja, Kinder habe ich auch noch.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Sind Sie Ihrem Vater ähnlich? Erkennen Sie an sich Züge, die Sie an ihn erinnern?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Ja. Es gibt viele Ähnlichkeiten. Nur nicht das Schreiben. Aber zum Beispiel die Stimme: Am Telefon ist meine der seinen offenbar zum Verwechseln ähnlich. Dann meine Sehnsucht nach Großzügigkeit, nach offenen, freien Räumen. Er hat gern und sehr gut gekocht. Ich koche auch gern. Und hoffentlich gut.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Aber auch Ihre Direktheit und Klarheit erinnert an Ihren Vater. Zum Beispiel der Satz eben: Mit 30 sei es für Sie wichtiger gewesen, Deutscher Meister als Vater zu sein.</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Ich glaube, es ist nicht egoistisch, wenn man mit 30 unbedingt Deutscher Meister sein will. Es ist nur ehrlich, wenn man das zugibt und ausspricht. Man darf darüber aber nicht rücksichtslos werden anderen gegenüber.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> War Max Frisch nach der Scheidung von Ihrer Mutter oft für Sie da?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Wir waren regelmäßig an Wochenenden bei ihm. Und dann hat er sich sehr um uns gekümmert. Dann waren wir in den Bergen, und er hat Wasserräder am Bach mit uns gebaut oder Ähnliches. Einmal hat er eine kleine Modellbühne gebastelt, um sich Gedanken für das Bühnenbild seines nächsten Theaterstücks zu machen. Und ich habe ihm geholfen und kleine Stühle für die Bühne gemacht. Vielleicht habe ich auf diese Weise sogar mehr von meinem Vater gehabt als mancher andere. Denn wenn er in die Verantwortung genommen wurde, hat er sich sehr bemüht. Das war typisch für ihn: Wenn er etwas machte, dann machte er es richtig.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> In jedem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern gibt es gelegentlich Streit. War das bei Ihnen und Ihrem Vater genauso?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Streit gab es eigentlich selten. Das lag sicher auch daran, dass wir uns nur jedes zweite Wochenende sahen. In dieser kurzen Zeit kann man Streit leichter vermeiden, als wenn man immerzu zusammenlebt. Zu Konflikten kam es, als er mir klarzumachen versuchte, ich müsse einen richtigen Beruf haben, nicht dieses bisschen Segeln da. Das war die Zeit, in der wir uns wenig gesehen haben. Ich habe ihn wohl zwei Jahre lang nicht besucht, er hat sowieso nie angerufen &#8211; bis er dann mal einen Brief geschrieben hat.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Ist Ihr Vater ein Vorbild für Sie?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>In vielen Punkten ist er ein Vorbild. Ich will etwas ganz Banales sagen: sein Auftreten zum Beispiel. Er wusste, wie man, ohne zu protzen, großzügig ist. Er konnte sehr gut umgehen mit Menschen, er hatte Charme. Er war ein Grandseigneur.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Ihr Vater war ein Mann der Frauen. Er hatte viele Partnerinnen, viele Geliebte. Hat das Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater beeinflusst?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Eher positiv. Natürlich war es schmerzhaft, dass er nicht mehr mit meiner Mutter zusammen war, aber daran hat man sich irgendwann gewöhnt. Und mit den späteren Partnerinnen meines Vaters bin ich durchweg gut zurechtgekommen. Vor allem mit Marianne, seiner zweiten Ehefrau, habe ich mich sehr gut verstanden, sie war nicht viel älter als ich. Das war eine tolle Frau. Auch als ich mich eine Zeit lang nur schlecht mit meinem Vater verstand, hat eine seiner Frauen dafür gesorgt, dass der Kontakt zwischen uns beiden wieder aufgenommen wurde.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Sie haben mal gesagt, die Liebe zur Schönheit hätten Sie von Ihrem Vater geerbt. Ist diese Liebe Genuss oder Last für Sie?</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Last? Warum sollte das eine Last sein? Schöne Dinge anzuschauen ist doch ein Genuss</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Aber es gibt so wenig davon.</p>
<p><strong>Peter Frisch: </strong>Nein, das finde ich nicht. Das ist doch eine Frage des Blickwinkels: Schaue ich aus dem Fenster und suche nach den hässlichen Sachen, werde ich eine Menge finden. Schaue ich hinaus und konzentriere mich auf die schönen Dinge, die es auch gibt, habe ich die Möglichkeit, sie zu genießen. Zum Genussmenschen gehört halt, dass er sich die Dinge sucht, die er genießen kann.</p>
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		<title>Kurt Wolff &#8211; ein großer Verleger der deutschen Literatur</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Mar 2016 11:42:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Aufbruch, Aufbruch, immer wieder Aufbruch Kurt Wolff war der wichtigste Verlege des deutschen Expressionismus, einer der bedeutendsten Verleger der deutschen Literaturgeschichte. Heute könnte er seinen Geburtstag feiern, Grund genug an ihn und seine Arbeit zu erinnern, aber auch an seine &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1648">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Aufbruch, Aufbruch, immer wieder Aufbruch</strong></h1>
<h2><strong>Kurt Wolff war der wichtigste Verlege des deutschen Expressionismus, einer der bedeutendsten Verleger der deutschen Literaturgeschichte. Heute könnte er seinen Geburtstag feiern, Grund genug an ihn und seine Arbeit zu erinnern, aber auch an seine Frau Helen Wolff, die mit ihm gemeinsam Großartiges geleistet hat, wenn es darum ging, deutsche Literatur nach Amerika zu vermitteln. Ein Loblied.<br />
</strong></h2>
<p>Ja, wenn man solche Postkarten bekommt! Da muss das Verlegerleben doch die reine Lust sein. „Sehr geehrter Verlag“, steht da in geschwungener, klarer Handschrift, „gleichzeitig schicke ich Ihnen express-rekommand das Manuskript der ‚Strafkolonie’ mit einem Brief. Hochachtungsvoll ergeben Dr. Kafka. 19/XI/18.“</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/11559892689.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1649" title="11559892689" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/11559892689.jpg" alt="Franz Kafkas Erzählung &quot;Die Verwandlung&quot;, 1915 veröffentlicht im Verlag Kurt Wolff" width="270" height="397" /></a>So bescheiden und unprätentiös eine der berühmtesten und meistgelesenen Erzählungen des 20. Jahrhunderts frei Haus geliefert zu kriegen – kann es für einen Verleger größeres Glück geben? Welche Sorgen sollten ihn da noch drücken? Doch leider sind die Realitäten des Verlagsgeschäfts andere.</p>
<p>Kafkas Postkarte war 2007  Teil einer Ausstellung zu Ehren Kurt Wolffs in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Sie war nicht zuletzt ein Resultat des Bemühens, für die Verlagsgeschichte etwas zu erreichen, was für die vor den Nazis ins Exil geflohenen Schriftsteller schon vor Jahrzehnten geleistet wurde: Sie wieder mit ihrer ganzen Lebensleistung als Teil deutscher Literaturgeschichte bewusst zu machen.</p>
<p>Kurt Wolff, am 3. März 1887 in Bonn geboren, wuchs in einer bildungsgesättigten Atmosphäre auf, von der man heute nur noch träumen kann. Der Vater war Professor und Musikdirektor der Stadt, die Mutter, die früh starb und dem Sohn ein Vermögen hinterließ, entstammte einer alten jüdischen Familie, die zum Freundesumkreis der Familie Goethes zählte.</p>
<div id="attachment_1650" class="wp-caption alignleft" style="width: 138px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22490265z.jpg"><img class="size-full wp-image-1650" title="22490265z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22490265z.jpg" alt="" width="128" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Herausgeber: Barbara Weidle, Ursula Seeber: &quot;Kurt Wolff - Ein Literat und Gentleman&quot;. Begleitbuch zur Frankfurter Ausstellung 2007. Weidle Verlag, 25 Euro</p></div>
<p>Als Wolff – gerade mal 23jährig – mit Ernst Rowohlt seinen ersten Verlag gründete, verfügte er über souveräne Kenntnissen in Musik, Kunst, Literatur, hatte bereits literaturhistorische Bücher ediert und eine kostbare 12.000 Bände zählende Bibliothek mit Erstausgaben aufgebaut.</p>
<p>Selbst die größten Verleger sind selten länger als zehn, zwanzig Jahre auf dem Höhepunkt ihrer Fähigkeiten. In dieser Zeit verstehen sie es, wie die Beispiele von Samuel Fischer bis Siegfried Unseld zeigen, wichtige Autoren ihrer Generation an sich zu bindenden, bevor dann die nächste Generation nachrückt, zu der sie nur selten noch fruchtbare Kontakte herstellen können.</p>
<p>Die Ungunst der Epoche wollte es, das Kurt Wolff diesen Gipfel seiner Ausstrahlungskraft schon früh, als noch unerfahrener Mann und dazu in wirtschaftlich katastrophalen Zeiten erreichte. Er war nur 25 Jahre alt, als er sich 1912 von Rowohlt trennte, zwei der hellhörigsten jungen Literaten der Zeit, Kurt Pinthus und Franz Werfel, als Lektoren einstellte und mit uferloser Energie über den Buchmarkt herfiel.</p>
<div id="attachment_1651" class="wp-caption alignright" style="width: 136px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22816991z.jpg"><img class="size-full wp-image-1651" title="22816991z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22816991z.jpg" alt="" width="126" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfram Göbel: &quot;Der Kurt Wolff Verlag&quot;. Allitera Verlag 2007. 42 Euro</p></div>
<p>Schon im ersten Jahr als alleinverantwortlicher Verleger produzierte er mehr Titel als der bislang bedeutendste Großverlag S.Fischer. Wie ein Magnet zog Wolff die wichtigsten Autoren des literarischen Expressionismus an sich. Bei ihm erschien alles, was bis heute die Literaturgeschichte dieser Zeit prägt: Werfel, Trakl, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, Karl Kraus, Robert Walser, Arnold Zweig. Allein 1916 kamen Bücher heraus von Kafka, Carl Sternheim, Werfel, Gottfried Benn und Johannes R.Becher, dazu der Bestseller „Golem“ von Gustav Meyrink. Gleichsam auf Vorrat hatte Wolff im selben Jahr den während des Ersten Weltkriegs wegen der Zensur undruckbaren Roman „Der Untertan“ von Heinrich Mann eingekauft.</p>
<p>Doch so blitzartig Wolffs Aufstieg war, so rapide war sein Absturz. Die meisten seiner Autoren, darunter Kafka, fanden zunächst kaum Leser. Dennoch kaufte Wolff, wie manisch getrieben, zahlreiche andere Verlage, wechselte mehrfach den Hauptsitz seiner Firma, produzierte kostspielige Kunstbände, obwohl sich der Buchmarkt nach dem Ersten Weltkrieg und während der Inflationszeit im freien Fall befand.</p>
<div id="attachment_1652" class="wp-caption alignleft" style="width: 105px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/12399950m.jpg"><img class="size-full wp-image-1652" title="12399950m" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/12399950m.jpg" alt="" width="95" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Kurt Wolff: &quot;Autoren - Bücher - Abenteuer. Betrachtungen und Erinnerungen eines Verlegers&quot;. Verlag Klaus Wagenbach 2004. 9,90 Euro</p></div>
<p>Der Rheinländer Wolff war eher zu emphatischen Aufbrüchen begabt – darin vielen seiner expressionistischen Autoren verwandt – als dazu, seinen Unternehmungen Kontinuität und Dauer zu verleihen. Schon nach 1920 publizierte er kaum noch literarische Titel und als er seinen Verlag 1930 mit Anfang Vierzig aufgeben musste, hatte er sein Vermögen und große Teile der Mitgift seiner ersten Frau aufgebraucht.</p>
<p>Zusammen mit seiner zweiten Frau Helen floh er 1941 vor den Nazis nach New York, und gründete dort den Verlag Pantheon Books. Zu ihnen stieß ein anderer Exilant, der in Russland geborene Jacques Schiffrin, der in Frankreich die weltberühmte Sammlung „La Pléiade“ aus der Taufe gehoben hatte, die bis heute vom Verlag Gallimard fortgeführt wird. Zusammen spezialisierten sie sich darauf, große europäische Literatur auf den amerikanischen Buchmarkt zu bringen, auch wenn die keine großen Markterfolge garantierte. „Doch wie auch immer die aktuellen Verkaufsziffern ausfielen“, schrieb später Jacques Schiffrins Sohn André, „die Büroräume des Verlags am Washington Square bildeten für die Emigranten in New York eine Oase der Glückseligkeit, stilvoll in einer der prachtvollen Stadtvillen untergebracht, die früher die Südseite des Parks begrenzten.“</p>
<div id="attachment_1653" class="wp-caption alignright" style="width: 292px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/00753378z.jpg"><img class="size-full wp-image-1653" title="00753378z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/00753378z.jpg" alt="" width="282" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Kurt Pinthus: &quot;Menschheitsdämmerung. Ein Dokument des Expressionismus&quot;. Rowohlt Taschenbuch Verlag. 9,90 Euro</p></div>
<p>Ökonomisch wirklich erfolgreich wurde Pantheon Books erst in den fünfziger Jahren mit einem Beststeller von Anne Morrow Lindbergh: „Muscheln in meiner Hand“ und der amerikanischen Lizenz von Boris Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“. Dennoch wurden Kurt und Helen Wolff bald darauf aus dem Verlag gedrängt, der ihren literarischen Qualitätsvorstellungen immer weniger entsprach.</p>
<p>Helen Wolff ist bis zu ihrem Tod 1994 eine wer wichtigsten Vermittelrinnen europäischer Literatur nach Amerika geblieben. Sie brachte in einem speziell auf sie zugeschnittenen Imprint-Verlag unter anderem Uwe Johnson, Grass, Frisch, Jurek Becker, Walter Benjamin, Karl Jaspers und Umberto Eco heraus.</p>
<p>Kurt Wolff starb, wie er gelebt hatte, im Dienst der Literatur. 1963 wurde er auf dem Weg zu einer Ausstellung expressionistischer Literatur in Marbacher Schiller Nationalmuseum von einem Lastwagen überfahren. Man beerdigte ihn in Marbach, wo zwölf Jahre später auch sein alter Lektor Kurt Pinthus beisetzte wurde, dessen legendäre Anthologie „Menschheitsdämmerung“ wie keine andere den Geist der frühen Autoren Kurt Wolffs bewahrte. Doch diese Sammlung war erst 1920, also nach der kurzen, explosionsartigen Blüte von Wolffs Verlag fertig geworden – und erschien deshalb schon im Verlag seines alten Konkurrenten Rowohlt.</p>
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		<title>Lob und Preis für Sten Nadolny</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Nov 2012 15:11:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Familie, ein Knäuel Gestern erhielt Sten Nadolny für seinen Roman &#8220;Weitlings Sommerfrische&#8221; in Berlin dem mit 12.000 Euro dotierten Buchpreis der Stiftung Ravensburger. Ich durfte bei der Veranstaltung das Loblied auf Nadolny anstimmen, was ich mit großem Vergnügen tat, &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=704">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Die Familie, ein Knäuel</strong></h2>
<h3><strong>Gestern erhielt Sten Nadolny für seinen Roman &#8220;Weitlings Sommerfrische&#8221; in Berlin dem mit 12.000 Euro dotierten Buchpreis der Stiftung Ravensburger. Ich durfte bei der Veranstaltung das Loblied auf Nadolny anstimmen, was ich mit großem Vergnügen tat, da ich Buch und Autor sehr mag. Hier die Laudatio in Textform:</strong></h3>
<p>Meine sehr geehrten Damen und Herren,</p>
<p>was kann ich Ihnen berichten über einen Schriftsteller, der einen weltweit verehrten Vorkämpfer der Langsamkeit erfunden hat, diesen Helden in seinem Roman aber sterben lässt, weil es ihm nicht gelingt, seine Leute zu schnellst möglichem Handeln anzutreiben? Was kann ich ihnen sagen zu einem Romancier, der über den Gesellschaftsumbruch von 1968 einen deutschen Gesellschaftsroman mit türkischer Hauptfigur geschrieben hat? Was über einen Autor, dessen Romanheld Ole Reuter ein Ziel für sein Leben zu finden versucht, indem er sich mit Bundesbahn-Netzkarte auf eine Reise macht, die kein Ziel, sondern nur eine endlose Vielfalt von Verbindungen kennt? Und das gleich zwei Mal.</p>
<div id="attachment_706" class="wp-caption alignright" style="width: 192px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/11/Nadolny1.jpg"><img class="size-medium wp-image-706" title="Nadolny" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/11/Nadolny1-182x300.jpg" alt="" width="182" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Sten Nadolny: &quot;Weitlings Sommerfrische&quot;. Roman. Piper Verlag, München 2012, 16,99 Euro</p></div>
<p>Dieser Schriftsteller, er heißt Sten Nadolny, ist offenbar ein Skeptiker, der sich sogar in unserer Epoche der Höchtsgeschwindigkeiten nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist ein Ironiker, für den das Sinnsuchen wichtiger ist als das Sinnfinden, ist ein Mann der paradoxen Interventionen, der viel zu viel weiß über das paradoxe Naturell des Menschen, als dass er auf eine so abwegige Idee verfiele, sie seien auf direktem Wege zu erreichen.</p>
<p>Vielleicht sollte ich Ihnen, meine Damen und Herren, berichten, dass dieser Schriftsteller, seinen 70. Geburtstag vor Augen, der sehr naheliegenden Versuchung widerstanden hat, eine Autobiographie zu schreiben. Und dass dieser Ironiker stattdessen den verständlichen Impuls, Lebensbilanz zu ziehen, genutzt hat, um davon zu erzählen, wie leicht es hätte geschehen können, dass er gar nicht er selbst, sondern ein ganz anderer geworden wäre. Eben kein Schriftsteller, sondern ein Richter. Also kein Mann des Erzählens, sondern ein Mann der Entscheidung, keiner des Beschreiben, sondern einer des Beschlusses.</p>
<p>Beides liegt nicht so weit auseinander, wie man im ersten Augenblick vielleicht vermutet. Er habe, erklärt uns jener fiktive Jurist, zu dem Sten Nadolny vielleicht geworden wäre, wenn er nicht Sten Nadolny geworden wäre, er habe den Beruf des Richters gewählt, „weil dort die Freude winkte, zu richtigen, angemessenen, klugen Urteilen zu kommen. Das traute“ er sich „zu, denn es war etwas für einen Zauderer, der nichts unbeachtet ließ, bevor er handelte.“ Klingt das nicht sehr nach dem realen, dem ganz und gar nicht fiktiven Schriftsteller Sten Nadolny, nach diesem Zauderer, der nur alle gefühlten zehn Jahre mal einen neuen Roman veröffentlicht, weil er nichts unbeachtet lässt, bevor er ein Buch aus der Hand gibt, dann aber rundum richtige, angemessene, kluge Geschichten abliefert.</p>
<p><strong>Biographie. Ein Spiel</strong></p>
<p>Nadolny treibt, wie schon sein Erzähler-Kollege Max Frisch, mit der Biographie ein Spiel. „Ich bin nicht Stiller“, erklärt Max Frischs berühmteste Romanfigur apodiktisch. Soviel Bestimmtheit passt nicht zu Nadolnys Held Weitling. Der würde eher mit sanftmütiger Überraschtheit fragen: „Wie? Ich bin nicht Richter Weitling?“ Bei Frisch nimmt der Zweifel an der Identität schnell eine kämpferische, dramatische oder gar tragische Klangfarbe an. Nadolnys Weitling dagegen kämpft fast gar nicht um seine Identität als Richter, sondern nur um die Frau, die er als Richter geheiratet hat – und sobald er mit ihr wieder zusammenlebt, scheint er seinen Identitätswechsel in eine andere, unbekannte Lebensgeschichte eher als Bereicherung, denn als Bedrohung zu empfinden.</p>
<p>Doch „Weitlings Sommerfrische“ ist nicht nur ein autobiographischer Roman, der die Regeln des autobiographischen Romans ironisch unterläuft. Das Buch zeigt außerdem, fast wie Romane aus Lateinamerika, die für ihren magischen Realismus gelobt werden, eine Freude an Ausflügen ins Fantastische oder Science-Fictionartige, wie sie in der deutschen Literatur nur selten ist. Es dürfte, vermute ich, Nadolny ein heimliches und zugleich unheimliches Vergnügen bereitet haben, in seinem Roman manche kleine Hommage an Hollywood-Blockbuster zu verstecken, bis hin zu den von Tommy Lee Jones und Will Smith gespielten „Men in Black“ samt ihrem bewusstseinsveränderndem Blitzdings.</p>
<p><strong>Die Eltern lieben &#8211; und eine Rechnung offen haben mit ihnen</strong></p>
<p>Vor allem aber ist „Weitlings Sommerfrische“ ein Familienroman, der den fast grenzenlosen Einfluss vorführt, den Familienkonstellationen auf Kinder haben. Wenn Richter Weitling einen Identitätswechsel erlebt hin zum Schriftsteller Weitling, dann weil sich während seiner Zeitreise in die eigene Jugend die Familienverhältnisse verändern, unter denen er aufwuchs. Nüchtern betrachtet, erzählt das Buch, das so leicht und vergnüglich daherkommt, von einer keineswegs immer leichten und vergnüglichen Kindheit. Sondern es erzählt von einer Mutter, die bei Kriegsende durch die Geburt eines zweiten, kranken Kindes überfordert ist und das erste Kind deshalb vorübergehend in ein Kinderheim gibt. Es erzählt von einem Vierjährigen, dessen Vertrauen nicht nur in die Mutter, sondern auch ins Leben während dieser Monate im Kinderheim einen spürbaren Knacks davonträgt. Es erzählt von einem, wie Nadolny schreibt, „sonderbaren Jungen“, der später dauerhaft schwankt „zwischen größenwahnsinnigen Träumen und tiefer Trübseligkeit“, der „krankhaft schüchtern“ und „ständig in irgendeiner Versagensangst befangen“ ist.</p>
<p>Kurz: Der Roman erzählt von einem Mann, der seine Eltern liebt, zugleich aber eine Rechnung offen hat mit ihnen. Wen sollte es wundern, wenn er einige seiner wesentlichen Lebensentscheidungen in Opposition zu ihnen trifft. Entwickelt sich der Vater beispielsweise zu einem erfolgreichen Schriftsteller, der Bestseller schreibt, vielfach gefeiert wird und Juristen mit seiner Verachtung verfolgt – dann entscheidet sich der Sohn zum Entsetzen des Vaters, Richter zu werden und verteidigt die Jurisprudenz ebenso scharfsinnig wie scharfzüngig gegen dessen Angriffe. Entwickelt sich dann aber in einem anderen Leben Weitlings seine Mutter zur Bestsellerautorin, die von ihren Lesern für ihre frohgemuten Familienromane ins Herz geschlossen wird, dann entscheidet sich der Sohn, nicht Richter zu werden, sondern Schriftsteller, um in seinen Romanen behutsam, aber doch übersehbar anzudeuten, dass es in Familien nicht immer so frohgemut zugeht, wie es die Mutter behauptete.</p>
<p><strong>Zeitreise mit Blitzdings</strong></p>
<p>Sicher, Nadolny ist nicht der erste Schriftsteller, der davon erzählt, wie unbeständig, schwer greifbar und ambivalent unser Ich ist. Aber da er das Ich seines Helden sowohl aus den Nährboden der Familie wachsen, als auch im Widerstand gegen die Familie sich entwickeln lässt, zeigt er uns Weitlings Werdegang in einem wunderbaren und delikaten literarischen Gleichgewicht: Nie ist Weitling nur das Produkt der Familienverhältnisse, andererseits aber auch nie frei von diesen Familienverhältnissen. Oder um es positiv zu formulieren: Nadolnys als Zeitreise getarnter meisterlicher kleiner Familienroman zeigt, was Familie ausmacht: Sie ist ein Knäuel ineinander verschlungener Schicksale, keines ohne die anderen denkbar, jedes von den anderen mitgeprägt und seinerseits die anderen mitprägend.</p>
<p>Das, meine Damen und Herren, auf gerade mal 200 Seiten, so anschaulich und spielerisch vorzuführen, wie Nadolny in „Weitlings Sommerfrische“, das ist eine immense erzählerische Leistung. Sie ist aller literarischen Ehren wert und wird heute mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger ausgezeichnet. Dazu möchte ich Sten Nadolny sehr herzlich gratulieren.</p>
<p>Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.</p>
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		<title>Guppe 47 geht in Pension</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 05:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Kleines Haus, großes Dach Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt. Eine Ortsbesichtigung Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kleines Haus, großes Dach</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt.</strong></h3>
<h3><strong> Eine Ortsbesichtigung</strong></h3>
<p>Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder am  Hennenkopf. Was sind schon sechzig Jahre für Felsriesen wie sie.  Ansatzlos steigen sie aus den Feldern um den Bannwaldsee auf fast  zweitausend Meter. Auch an St. Coloman, der Wallfahrtskirche, dürfte  sich wenig verändert haben. Unwirklich schön steht sie in ihrer barocken  Pracht samt Zwiebelturm inmitten der sattgrünen Wiesen vor dem  Alpenhorizont. Aber sonst. Sonst ist nichts wie damals. Vermutlich lässt  sich Vergänglichkeit nicht eindringlicher spürbar machen als durch die  Verwandlung eines einst wichtigen, vielleicht historischen Ortes in  einen Campingplatz.</p>
<p>Hier haben selbst die Häuser Räder. Hier ist alles beweglich,  flüchtig, immer auf dem Sprung, hier bleibt nichts. Vielleicht ist das  ja das passende architektonische Symbol für eine Epoche, die  Flexibilität, Tempo, eifrigen Wandel zu ihren Lieblingstugenden zählt:  der Campingplatz. In einem der wenigen festen Häuser hier, das sich  dreißig Meter vorm Bannwaldsee unter sein Dach duckt wie unter einen zu  großen Hut und das heute von Caravans umzingelt ist, kamen vor sechzig  Jahren acht Männer, zwei Frauen und drei Paare für ein Wochenende  zusammen, um sich aus ihren Manuskripten vorzulesen. Und um über das  Gelesene zu reden. Mehr nicht.</p>
<div id="attachment_661" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus.jpg"><img class="size-medium wp-image-661" title="Gruppe47Haus" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das Haus am Bannwaldsee: Ort des ersten Treffens der Gruppe 47 am 6. und 7. September 1947 (Rs-Foto)</p></div>
<p>Bald nannten sie sich Gruppe 47, verabredeten sich wieder in  wechselnden Besetzungen an wechselnden Orten – auch sie beweglich, immer  auf dem Sprung. Ihre Treffen wuchsen in wenigen Jahren zu der  dominierenden literarischen Institution der Bundesrepublik heran. Der  Aufstieg Heinrich Bölls begann mit dem Preis der Gruppe, der unbekannte  Günter Grass las vor ihr aus seiner „Blechtrommel“ und war am Tag danach  ein Schriftsteller mit Weltruhm.</p>
<p><strong>Trainingslager der Demokratie ?</strong></p>
<p>Die Debatten über die Gruppe finden bis heute kein Ende. Sie wird  gefeiert und verteufelt, mal ist sie eine der unersetzlichen  Pflanzschulen demokratischen Geistes in der jungen Bundesrepublik, mal  eine Versammlung unbewusst antisemitischer Alt-Landser mit Neigung zum  literaturpolitischen Machiavellismus. Auch das Hin- und Herwogen unserer  Meinungen legt beachtliches Tempo vor.</p>
<p>„Unterkunft für 10 Personen ab 6.September reserviert“, telegrafierte  Ilse Schneider-Lengyel am 25. August 1947 an Hans Werner Richter. Sie  war Lyrikerin, Fotografin, Ethnologien und vor den Nazis emigriert.  Zurückgekehrt suchte sie im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an  den Kulturbetrieb. Sie schrieb für Richters „Ruf“ und als der die  Zeitschrift „Skorpion“ plante und künftige Mitarbeiter zu einer Art  gemeinsamer Lektoratssitzung zusammenholen wollte, bot sie ihm ihr Haus  am Bannwaldsee als Treffpunkt an. Sie hatte in den zwanziger Jahren bei  dem Bauhaus-Lehrer Lászlo Moholy-Nagy studiert und in Paris einige der  großen Surrealisten kennengelernt. Manche ihre Gedichte quollen über vor  surrealistischen Bildern – jede Zeile ein Seziertisch, auf dem sich  Nähmaschine und Regenschirm begegnen. Sie muss sich empfindlich fremd  gefühlt haben, zwischen den jungen Leuten, die ihr da ins Haus kamen und  auf Hitlers Schulen von der Moderne nichts gehört hatten.</p>
<p><strong>Häuptling Richter</strong></p>
<p>Niemand wird behaupten wollen, Hans Werner Richter, der zum  unumstrittenen Spiritus movens, zum „Chef“ und „Häuptling“ der Gruppe  wurde, habe je einen objektiven Blick auf ihre Mitglieder gehabt. Aber  zumindest deren Anfänge hat er nie beschönigt. Später nannte er die  Autoren, die er an den Bannwaldsee eingeladen hatte, „literarische  Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens“. Unter dem Vorgelesenen  gab es „keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge,  dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung  verratend.“</p>
<p>Sofort jedoch erblickte das später legendäre Ritual der Gruppe das  Licht der Welt: Die Lesung auf dem gefürchteten „Elektrischen Stuhl“  samt unmittelbar folgender, wenig schonungsvoller Stehgreif-Kritik, wie  sie bis heute im Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis fortlebt.  „Es gibt“, erinnerte sich Richter, „keine Zwischenrufe, keine  Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweils  Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach  der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sage ich: ‚Ja, bitte  zur Kritik. Was habt ihr dazu zu sagen?’ Und nun beginnt, was keiner in  dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau,  die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor  den Mund.“</p>
<p><strong>Das Wunder der Gruppe 47</strong></p>
<p>Zum Rätsel, zum Wunder der Gruppe 47 gehört, wie es ihr gelang, aus  diesen zufälligen, dürftigen Anfängen zur machtvollsten Vereinigung des  bundesdeutschen Literaturbetriebs zu werden. Bis heute hat keine  Akademie, kein Schriftstellerverband oder PEN-Club je wieder ihre  Ausstrahlungskraft erreicht. Hans Werner Richter, dieses – wie Grass es  nannte – „Genie der Freundschaft“, verstand es, eine nachwachsende Elite  von Autoren und Kritikern an die Gruppe zu binden. Grass, Böll,  Schnurre, Alfred Andersch, Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser,  Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Walter Jens, Hans Mayer, Marcel  Reich-Ranicki, Joachim Kaiser.</p>
<p>Natürlich gab es in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auch eine  deutsche Literatur jenseits der Gruppe 47. Die großen Emigranten, Thomas  Mann, Döblin, Brecht hatten sie als Podium nicht nötig und hätten sich  eher die Zunge abgebissen, als für sie zu lesen. Auch jüngere Autoren  wie Max Frisch oder Dürrenmatt machten ohne sie ihren Weg. Arno Schmidt  weigerte sich, vor der Gruppe aufzutreten, obwohl Gerüchte umgingen, er  stünde als ihr Preisträger so gut wie fest: „Ich eigne mich nicht als  Mannequin.“</p>
<p>Man war für die Gruppe, man war gegen sie, wichtige Kritiker wie  Friedrich Sieburg bekämpften sie. Aber gleichgültig ließ sie niemanden.  Sie polarisierte die gesamte Buchbranche und rückte schon deshalb immer  mehr in deren Mittelpunkt.</p>
<p><strong>Wanderzirkus der Literatur</strong></p>
<p>Zu den Erfolgsgeheimnissen der Gruppe zählt das Desaster, das die  Nazis hinterlassen hatten. Nie zuvor waren Land und Kulturbetrieb so  gründlich zerstört, nie war das Bedürfnis nach moralischer  Wiederaufrichtung so groß. Doch in zwölf Jahren Diktatur hatte sich das  alte literarische Leben desavouiert, es gab keine kulturelle Metropole  mehr, keine eingeübten Mechanismen, über die Autoren zu Verlegern  fanden, keine Orientierungspunkte, an denen Kritiker ihr Urteil hätten  schärfen können. Da bot sich die Gruppe als Treffpunkt an, als  Drehscheibe, als luftiges Wanderzentrum, in dem der Literaturbetrieb  sich neu finden und erfinden konnte.</p>
<p>Wie für Gründerzeiten üblich, wurden auch in dieser dann Karrieren  gemacht, die von nachgeborenen Autoren bestaunt, aber wohl nicht  eingeholt werden können. In kurzer Zeit wurde ein mediales  Aufmerksamkeits-Kapital aufgehäuft, das sich bis heute in vielen Fällen  recht mühelos verzinst. Der Unmut mancher jüngerer Schriftsteller über  die Gruppe 47 sollte also niemanden verwundern. Unterschiedlicher können  Autoren-Generationen kaum sein: Die ältere hatte aus dem Krieg einen  ungeheueren Erfahrungsdruck mitgebracht, aber oft wenig literarische  Bildung. Für die heute jungen Autoren hält das Leben gewöhnlich alle  literarischen Bildungschancen bereit, doch nur selten Erfahrungen, die  sich in ihrer Dringlichkeit mit denen der Alten messen können.</p>
<p><strong>Nonkonformisten im Gleichschritt</strong></p>
<p>Zum ideologischen <em>think tank</em> wollte Richter seine Gruppe nie  machen. Er wachte bei den Tagungen eisern darüber, dass sie jede  politische Festlegung vermied – denn das hätte sich als Sprengsatz  erweisen können, der die 47er auseinanderriss. Doch von Beginn an  herrschte in ihren Reihen ein eher sozialistischer als  sozialdemokratischer Konsens, und nachdem die Gruppe zur literarischen  Großmacht aufstieg, beherrschte dieser Konsens lange auch das Klima der  Buchbranche. Die Autoren, die sich in Adenauers Deutschland selbst gern  als Nonkonformisten bezeichneten, hatten einen neuen geistigen  Konformismus geboren, der erst in den neunziger Jahren  auseinanderzubröckeln begann.</p>
<p>Das Ende lässt etwas von Größe und Geist der Gruppe erkennen.  Ungezählte Kulturinstitutionen leben fort und fort, obwohl ihre Funktion  längst erfüllt und ihre Zeit vorbei ist. Richter dagegen rief, nachdem  studentenbewegte Demonstranten 1967 gegen ein Gruppentreffen  protestierten, seine Autoren nicht wieder zusammen. Einige von ihnen  hatten sich gleich eilfertig mit den Demonstranten solidarisiert. Es war  überdeutlich, dass der allmähliche Abstieg der Schriftsteller als  öffentliche Orientierungsfiguren und der Aufstieg anderer Vordenker  begonnen hatte. Da die Gruppe in diesem Augenblick die Kraft zu einem  selbstgezogenen Schlussstrich fand, vermied sie, zu einem Schatten ihrer  selbst zu verkümmern und wurde damit endgültig legendenfähig.</p>
<p><strong>Kraft zum Schlussstrich</strong></p>
<p>Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus alles begann, blieben zu diesem  Zeitpunkt nur noch wenige Jahre. Sie hatte an den Treffen bis 1950 und  ein letztes Mal 1957 teilgenommen. Ihr Gedichtband „september-phase“  erschien 1952, doch gelang es ihr nicht, sich wieder einzufädeln in den  literarischen Betrieb. Sie lebte allein, rauchte viel, schrieb wenig und  starb 1972 in einer psychiatrischen Klinik.</p>
<p>Die Leute vom Bannwaldsee haben ihr eine Woche vor dem 60.  Gründungsjubiläum der Gruppe eine kleine Erinnerungsfeier im Festzelt  ausgerichtet. Der 2.Bürgermeister, ein massiger Mann mit beiden Beinen  sehr fest auf dem Boden, erinnerte sich an sie, die oft auf dem Motorrad  durch den Ort fuhr, als er noch ein Bub war. Danach spielte ein Quartett, wurden einige ihrer Gedichte gelesen, kantige, spröde Verse, die  sich aneinander reiben wie an Sandpapier. Dazu trommelte Regen aufs  Zeltdach, auf die Caravans ringsum und auf das kleine Haus am See mit  seinem großen Dach.</p>
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		<title>Immer im Aufbruch: Kurt Wolff (1887 &#8211; 1963)</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Apr 2012 12:20:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die hellhörigsten Leser ihrer (kurzen) Epoche Kurt Wolff gehört zu meinen Lieblingsverlegern. Von Kafka bis Trakl, von Benn bis Georg Heym, von Robert Walser bis Else Lasker-Schüler: Alle ewaren sie seine Autoren. 2012 ist ein kleines Wolff-Jubiläum zu feiern: Er &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=271">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Die hellhörigsten Leser ihrer (kurzen) Epoche</strong></h2>
<h3><strong>Kurt Wolff gehört zu meinen Lieblingsverlegern. Von Kafka bis Trakl, von Benn bis Georg Heym, von Robert Walser bis Else Lasker-Schüler: Alle ewaren sie seine Autoren. 2012 ist ein kleines Wolff-Jubiläum zu feiern: Er wurde vor 125 Jahren in Bonn geboren. Grund genug für ein kleines Porträt dieses rheinischen Enthusiasten, der so hervorragend Bücher machen und so desaströs schlecht rechnen konnte.</strong></h3>
<p>Ja, wenn man solche Postkarten bekommt! Da muss das Verlegerleben doch die reine Lust sein. „Sehr geehrter Verlag“, steht da in geschwungener, klarer Handschrift, „gleichzeitig schicke ich Ihnen express-rekommand das Manuskript der <em>Strafkolonie</em> mit einem Brief. Hochachtungsvoll ergeben Dr. Kafka. 19/XI/18.“ So bescheiden und unprätentiös eine der berühmtesten und meistgelesenen Erzählungen des 20. Jahrhunderts frei Haus geliefert zu kriegen – kann es für einen Verleger größeres Glück geben? Welche Sorgen sollten ihn da noch drücken?</p>
<div id="attachment_281" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/jpeg2"><img class="size-medium wp-image-281" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/jpeg2-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Kurt Wolff um 1913 (Bild: Frank Eugene)</p></div>
<p>Doch leider sind die Realitäten des Verlagsgeschäfts andere. Kurt Wolff, 1887 in Bonn geboren, wuchs in einer bildungsgesättigten Atmosphäre auf, von der man heute nur noch träumen kann. Der Vater war Professor und Musikdirektor der Stadt, die Mutter, die früh starb und dem Sohn ein Vermögen hinterließ, entstammte einer alten jüdischen Familie, die zum Freundesumkreis der Familie Goethes zählte. Als Wolff – gerade mal 23jährig – mit Ernst Rowohlt seinen ersten Verlag gründete, verfügte er über souveräne Kenntnissen in Musik, Kunst, Literatur, hatte bereits literaturhistorische Bücher ediert und eine kostbare 12.000 Bände zählende Bibliothek mit Erstausgaben aufgebaut.</p>
<div id="attachment_282" class="wp-caption alignleft" style="width: 92px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/82px-Kurt_Wolff1.jpg"><img class="size-full wp-image-282" title="82px-Kurt_Wolff" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/82px-Kurt_Wolff1.jpg" alt="" width="82" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Plakat einer Kurt-Wolff-Ausstellung in Frankfurt am Main (2007)</p></div>
<p>Selbst die größten Verleger sind selten länger als zehn, zwanzig Jahre auf dem Höhepunkt ihrer Fähigkeiten. In dieser Zeit verstehen sie es, wie die Beispiele von Samuel Fischer bis Siegfried Unseld zeigen, wichtige Autoren ihrer Generation an sich zu bindenden, bevor dann die nächste Generation nachrückt, zu der sie nur selten noch fruchtbare Kontakte herstellen können. Die Ungunst der Epoche wollte es, das Kurt Wolff diesen Gipfel seiner Ausstrahlungskraft schon früh, als noch unerfahrener Mann und dazu in wirtschaftlich katastrophalen Zeiten erreichte. Er war nur 25 Jahre alt, als er sich 1912 von Rowohlt trennte, zwei der hellhörigsten jungen Literaten der Zeit, Kurt Pinthus und Franz Werfel, als Lektoren einstellte und mit uferloser Energie über den Buchmarkt herfiel.</p>
<p>Schon im ersten Jahr als alleinverantwortlicher Verleger produzierte er mehr Titel als der bislang bedeutendste Großverlag S.Fischer. Wie ein Magnet zog Wolff die wichtigsten Autoren des literarischen Expressionismus an sich. Bei ihm erschien alles, was bis heute die Literaturgeschichte dieser Zeit prägt: Werfel, Trakl, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, Karl Kraus, Robert Walser, Arnold Zweig. Allein 1916 kamen Bücher heraus von Kafka, Carl Sternheim, Werfel, Gottfried Benn und Johannes R.Becher, dazu der Bestseller <em>Golem</em> von Gustav Meyrink. Gleichsam auf Vorrat hatte Wolff im selben Jahr den während des Ersten Weltkriegs wegen der Zensur undruckbaren Roman <em>Der Untertan</em> von Heinrich Mann eingekauft.</p>
<p>Doch so blitzartig Wolffs Aufstieg war, so rapide war sein Absturz. Die meisten seiner Autoren, darunter Kafka, fanden zunächst kaum Leser. Dennoch kaufte Wolff, wie manisch getrieben, zahlreiche andere Verlage, wechselte mehrfach den Hauptsitz seiner Firma, produzierte kostspielige Kunstbände, obwohl sich der Buchmarkt nach dem Ersten Weltkrieg und während der Inflationszeit im freien Fall befand.</p>
<div id="attachment_283" class="wp-caption alignright" style="width: 130px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/120px-Leipzig_Wolff_Verlag_Gedenktafel.jpg"><img class="size-full wp-image-283" title="120px-Leipzig_Wolff_Verlag_Gedenktafel" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/120px-Leipzig_Wolff_Verlag_Gedenktafel.jpg" alt="" width="120" height="91" /></a><p class="wp-caption-text">Gedenktafel  des Kurt-Wolff-Verlags</p></div>
<p>Der Rheinländer Wolff war eher zu emphatischen Aufbrüchen begabt – darin vielen seiner expressionistischen Autoren verwandt – als dazu, seinen Unternehmungen Kontinuität und Dauer zu verleihen. Schon nach 1920 publizierte er kaum noch literarische Titel und als er seinen Verlag 1930 mit Anfang Vierzig aufgeben musste, hatte er sein Vermögen und große Teile der Mitgift seiner ersten Frau aufgebraucht. (Bernd F. Lunkewitz, dem über ein Jahrzehnt lang der Aufbau Verlag gehörte, hat einmal gesagt, es sei überhaupt kein Problem, mit einem Verlag ein kleines Vermögen zu machen: &#8220;Man nehme ein großes Vermögen, kaufe ein Verlag und schon hat man ein kleines Vermögen.&#8221;)</p>
<p>Das weitere Verlegerleben Wolfs ist in Deutschland weit weniger bekannt als diese ersten Jahrzehnte. Zusammen mit seiner zweiten Frau Helen floh er 1941 vor den Nazis nach New York, und gründete dort den Verlag Pantheon Books. Zu ihnen stieß ein anderer Exilant, der in Russland geborene Jacques Schiffrin, der in Frankreich die weltberühmte Sammlung <em>La Pléiade</em> aus der Taufe gehoben hatte, die bis heute vom Verlag Gallimard fortgeführt wird. Zusammen spezialisierten sie sich darauf, große europäische Literatur auf den amerikanischen Buchmarkt zu bringen, auch wenn die keine großen Markterfolge garantierte. „Doch wie auch immer die aktuellen Verkaufsziffern ausfielen“, schrieb später Jacques Schiffrins Sohn André, „die Büroräume des Verlags am Washington Square bildeten für die Emigranten in New York eine Oase der Glückseligkeit, stilvoll in einer der prachtvollen Stadtvillen untergebracht, die früher die Südseite des Parks begrenzten.“</p>
<p>Ökonomisch wirklich lohnend wurde Pantheon Books erst in den fünfziger Jahren mit einem Beststeller von Anne Morrow Lindbergh: <em>Muscheln in meiner Hand</em> und der amerikanischen Lizenz von Boris Pasternaks Roman <em>Doktor Schiwago</em>. Dennoch wurden Kurt und Helen Wolff bald darauf aus dem Verlag gedrängt, der ihren literarischen Qualitätsvorstellungen immer weniger entsprach. Helen Wolff ist bis zu ihrem Tod 1994 eine wer wichtigsten Vermittelrinnen europäischer Literatur nach Amerika geblieben. Sie brachte in einem speziell auf sie zugeschnittenen Imprint-Verlag unter anderem Uwe Johnson, Grass, Frisch, Jurek Becker, Walter Benjamin, Karl Jaspers und Umberto Eco heraus.</p>
<p>Kurt Wolff starb, wie er gelebt hatte, im Dienst der Literatur. 1963 wurde er auf dem Weg zu einer Ausstellung expressionistischer Literatur in Marbacher Schiller Nationalmuseum von einem Lastwagen überfahren. Man beerdigte ihn in Marbach, wo zwölf Jahre später auch sein alter Lektor Kurt Pinthus beisetzte wurde, dessen legendäre Anthologie <em>Menschheitsdämmerung</em> wie keine andere den Geist der frühen Autoren Kurt Wolffs bewahrte. Doch diese Sammlung war erst 1920, also nach der kurzen, explosionsartigen Blüte von Wolffs Verlag fertig geworden – und erschien deshalb schon im Verlag seines alten Konkurrenten Rowohlt.</p>
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