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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Karl Kraus</title>
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		<title>Kurt Wolff &#8211; ein großer Verleger der deutschen Literatur</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Mar 2016 11:42:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Aufbruch, Aufbruch, immer wieder Aufbruch Kurt Wolff war der wichtigste Verlege des deutschen Expressionismus, einer der bedeutendsten Verleger der deutschen Literaturgeschichte. Heute könnte er seinen Geburtstag feiern, Grund genug an ihn und seine Arbeit zu erinnern, aber auch an seine &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1648">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Aufbruch, Aufbruch, immer wieder Aufbruch</strong></h1>
<h2><strong>Kurt Wolff war der wichtigste Verlege des deutschen Expressionismus, einer der bedeutendsten Verleger der deutschen Literaturgeschichte. Heute könnte er seinen Geburtstag feiern, Grund genug an ihn und seine Arbeit zu erinnern, aber auch an seine Frau Helen Wolff, die mit ihm gemeinsam Großartiges geleistet hat, wenn es darum ging, deutsche Literatur nach Amerika zu vermitteln. Ein Loblied.<br />
</strong></h2>
<p>Ja, wenn man solche Postkarten bekommt! Da muss das Verlegerleben doch die reine Lust sein. „Sehr geehrter Verlag“, steht da in geschwungener, klarer Handschrift, „gleichzeitig schicke ich Ihnen express-rekommand das Manuskript der ‚Strafkolonie’ mit einem Brief. Hochachtungsvoll ergeben Dr. Kafka. 19/XI/18.“</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/11559892689.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1649" title="11559892689" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/11559892689.jpg" alt="Franz Kafkas Erzählung &quot;Die Verwandlung&quot;, 1915 veröffentlicht im Verlag Kurt Wolff" width="270" height="397" /></a>So bescheiden und unprätentiös eine der berühmtesten und meistgelesenen Erzählungen des 20. Jahrhunderts frei Haus geliefert zu kriegen – kann es für einen Verleger größeres Glück geben? Welche Sorgen sollten ihn da noch drücken? Doch leider sind die Realitäten des Verlagsgeschäfts andere.</p>
<p>Kafkas Postkarte war 2007  Teil einer Ausstellung zu Ehren Kurt Wolffs in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Sie war nicht zuletzt ein Resultat des Bemühens, für die Verlagsgeschichte etwas zu erreichen, was für die vor den Nazis ins Exil geflohenen Schriftsteller schon vor Jahrzehnten geleistet wurde: Sie wieder mit ihrer ganzen Lebensleistung als Teil deutscher Literaturgeschichte bewusst zu machen.</p>
<p>Kurt Wolff, am 3. März 1887 in Bonn geboren, wuchs in einer bildungsgesättigten Atmosphäre auf, von der man heute nur noch träumen kann. Der Vater war Professor und Musikdirektor der Stadt, die Mutter, die früh starb und dem Sohn ein Vermögen hinterließ, entstammte einer alten jüdischen Familie, die zum Freundesumkreis der Familie Goethes zählte.</p>
<div id="attachment_1650" class="wp-caption alignleft" style="width: 138px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22490265z.jpg"><img class="size-full wp-image-1650" title="22490265z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22490265z.jpg" alt="" width="128" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Herausgeber: Barbara Weidle, Ursula Seeber: &quot;Kurt Wolff - Ein Literat und Gentleman&quot;. Begleitbuch zur Frankfurter Ausstellung 2007. Weidle Verlag, 25 Euro</p></div>
<p>Als Wolff – gerade mal 23jährig – mit Ernst Rowohlt seinen ersten Verlag gründete, verfügte er über souveräne Kenntnissen in Musik, Kunst, Literatur, hatte bereits literaturhistorische Bücher ediert und eine kostbare 12.000 Bände zählende Bibliothek mit Erstausgaben aufgebaut.</p>
<p>Selbst die größten Verleger sind selten länger als zehn, zwanzig Jahre auf dem Höhepunkt ihrer Fähigkeiten. In dieser Zeit verstehen sie es, wie die Beispiele von Samuel Fischer bis Siegfried Unseld zeigen, wichtige Autoren ihrer Generation an sich zu bindenden, bevor dann die nächste Generation nachrückt, zu der sie nur selten noch fruchtbare Kontakte herstellen können.</p>
<p>Die Ungunst der Epoche wollte es, das Kurt Wolff diesen Gipfel seiner Ausstrahlungskraft schon früh, als noch unerfahrener Mann und dazu in wirtschaftlich katastrophalen Zeiten erreichte. Er war nur 25 Jahre alt, als er sich 1912 von Rowohlt trennte, zwei der hellhörigsten jungen Literaten der Zeit, Kurt Pinthus und Franz Werfel, als Lektoren einstellte und mit uferloser Energie über den Buchmarkt herfiel.</p>
<div id="attachment_1651" class="wp-caption alignright" style="width: 136px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22816991z.jpg"><img class="size-full wp-image-1651" title="22816991z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22816991z.jpg" alt="" width="126" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfram Göbel: &quot;Der Kurt Wolff Verlag&quot;. Allitera Verlag 2007. 42 Euro</p></div>
<p>Schon im ersten Jahr als alleinverantwortlicher Verleger produzierte er mehr Titel als der bislang bedeutendste Großverlag S.Fischer. Wie ein Magnet zog Wolff die wichtigsten Autoren des literarischen Expressionismus an sich. Bei ihm erschien alles, was bis heute die Literaturgeschichte dieser Zeit prägt: Werfel, Trakl, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, Karl Kraus, Robert Walser, Arnold Zweig. Allein 1916 kamen Bücher heraus von Kafka, Carl Sternheim, Werfel, Gottfried Benn und Johannes R.Becher, dazu der Bestseller „Golem“ von Gustav Meyrink. Gleichsam auf Vorrat hatte Wolff im selben Jahr den während des Ersten Weltkriegs wegen der Zensur undruckbaren Roman „Der Untertan“ von Heinrich Mann eingekauft.</p>
<p>Doch so blitzartig Wolffs Aufstieg war, so rapide war sein Absturz. Die meisten seiner Autoren, darunter Kafka, fanden zunächst kaum Leser. Dennoch kaufte Wolff, wie manisch getrieben, zahlreiche andere Verlage, wechselte mehrfach den Hauptsitz seiner Firma, produzierte kostspielige Kunstbände, obwohl sich der Buchmarkt nach dem Ersten Weltkrieg und während der Inflationszeit im freien Fall befand.</p>
<div id="attachment_1652" class="wp-caption alignleft" style="width: 105px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/12399950m.jpg"><img class="size-full wp-image-1652" title="12399950m" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/12399950m.jpg" alt="" width="95" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Kurt Wolff: &quot;Autoren - Bücher - Abenteuer. Betrachtungen und Erinnerungen eines Verlegers&quot;. Verlag Klaus Wagenbach 2004. 9,90 Euro</p></div>
<p>Der Rheinländer Wolff war eher zu emphatischen Aufbrüchen begabt – darin vielen seiner expressionistischen Autoren verwandt – als dazu, seinen Unternehmungen Kontinuität und Dauer zu verleihen. Schon nach 1920 publizierte er kaum noch literarische Titel und als er seinen Verlag 1930 mit Anfang Vierzig aufgeben musste, hatte er sein Vermögen und große Teile der Mitgift seiner ersten Frau aufgebraucht.</p>
<p>Zusammen mit seiner zweiten Frau Helen floh er 1941 vor den Nazis nach New York, und gründete dort den Verlag Pantheon Books. Zu ihnen stieß ein anderer Exilant, der in Russland geborene Jacques Schiffrin, der in Frankreich die weltberühmte Sammlung „La Pléiade“ aus der Taufe gehoben hatte, die bis heute vom Verlag Gallimard fortgeführt wird. Zusammen spezialisierten sie sich darauf, große europäische Literatur auf den amerikanischen Buchmarkt zu bringen, auch wenn die keine großen Markterfolge garantierte. „Doch wie auch immer die aktuellen Verkaufsziffern ausfielen“, schrieb später Jacques Schiffrins Sohn André, „die Büroräume des Verlags am Washington Square bildeten für die Emigranten in New York eine Oase der Glückseligkeit, stilvoll in einer der prachtvollen Stadtvillen untergebracht, die früher die Südseite des Parks begrenzten.“</p>
<div id="attachment_1653" class="wp-caption alignright" style="width: 292px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/00753378z.jpg"><img class="size-full wp-image-1653" title="00753378z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/00753378z.jpg" alt="" width="282" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Kurt Pinthus: &quot;Menschheitsdämmerung. Ein Dokument des Expressionismus&quot;. Rowohlt Taschenbuch Verlag. 9,90 Euro</p></div>
<p>Ökonomisch wirklich erfolgreich wurde Pantheon Books erst in den fünfziger Jahren mit einem Beststeller von Anne Morrow Lindbergh: „Muscheln in meiner Hand“ und der amerikanischen Lizenz von Boris Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“. Dennoch wurden Kurt und Helen Wolff bald darauf aus dem Verlag gedrängt, der ihren literarischen Qualitätsvorstellungen immer weniger entsprach.</p>
<p>Helen Wolff ist bis zu ihrem Tod 1994 eine wer wichtigsten Vermittelrinnen europäischer Literatur nach Amerika geblieben. Sie brachte in einem speziell auf sie zugeschnittenen Imprint-Verlag unter anderem Uwe Johnson, Grass, Frisch, Jurek Becker, Walter Benjamin, Karl Jaspers und Umberto Eco heraus.</p>
<p>Kurt Wolff starb, wie er gelebt hatte, im Dienst der Literatur. 1963 wurde er auf dem Weg zu einer Ausstellung expressionistischer Literatur in Marbacher Schiller Nationalmuseum von einem Lastwagen überfahren. Man beerdigte ihn in Marbach, wo zwölf Jahre später auch sein alter Lektor Kurt Pinthus beisetzte wurde, dessen legendäre Anthologie „Menschheitsdämmerung“ wie keine andere den Geist der frühen Autoren Kurt Wolffs bewahrte. Doch diese Sammlung war erst 1920, also nach der kurzen, explosionsartigen Blüte von Wolffs Verlag fertig geworden – und erschien deshalb schon im Verlag seines alten Konkurrenten Rowohlt.</p>
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		<title>Wehmütiger Rückblick auf 2001-Kultur</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Jul 2012 09:31:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Kafka komplett zum Preis einer Packung Kaffee Der Verlag und Versand “Zweitausendeins” steht für eine ganz besondere, eigenwillige Medien-Kultur. Man kann in ihr so etwas wie den strikt antiautoritären und lebenslustigen Gegenentwurf zur vielgerühmten &#8220;Suhrkamp-Kultur&#8221; der alten Bundesrepublik sehen. Gestern &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=580">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Kafka komplett zum Preis einer Packung Kaffee</strong></h2>
<h3><strong>Der Verlag und Versand “Zweitausendeins” steht für eine ganz besondere, eigenwillige Medien-Kultur. Man kann in ihr so etwas wie den strikt antiautoritären und lebenslustigen Gegenentwurf zur vielgerühmten &#8220;Suhrkamp-Kultur&#8221; der alten Bundesrepublik sehen. Gestern wurde bekannt, dass &#8220;Zweitausendeins&#8221; bis Ende 2016 alle seine Buchhandlungen schließen will/muss. Das Unternehmen wird sich auf den Buchversand konzentrieren. Hier ein Rückblick auf die &#8220;2001&#8243;-Kultur nicht ohne Nostalgie.</strong></h3>
<p>Natürlich wollen Verleger bedeutende Bücher machen, Bücher von denen  man noch nach Jahren spricht. Natürlich müssen Verleger ihre Bücher  verkaufen können, müssen fähig sein, aus Geist Geld zu machen. In  Tiefsten ihres Herzens aber wollen Verleger zu all dem noch etwas  anderes: Sie möchten erkannt werden, sie möchten sich mit ihrer Arbeit  vor den Augen der Leser erkennbar machen. Das ist die Krönung eines  Verlegerlebens: Nicht nur ein gutes Programm gut zu verkauft, sondern  ihm dazu noch die persönliche intellektuelle und ästhetische  Physiognomie mitzugeben, einen ureigenen literarischen Charakter, der  vom Publikum angenommen, geschätzt, ja genossen wird.</p>
<div id="attachment_585" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/logo1.gif"><img class="size-medium wp-image-585" title="logo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/logo1-300x26.gif" alt="" width="300" height="26" /></a><p class="wp-caption-text">Zu Ehren ihrer Firma sei, behauptet die 2001-Crew, vor 11 Jahren weltweit ein ganzes Jahr nach ihnen benannt worden</p></div>
<p>Das beliebteste Beispiel für solche verlegerische Meisterschaft ist  hierzulande die „Suhrkamp-Kultur“ Siegfried Unselds. Viel seltener wird  von einem anderen derartigen Frankfurter Geniestreich gesprochen, von  dem 2001-Versand und -Verlag, den Lutz Reinecke prägte, 2006 verkaufte und der jetzt unter neuer Leitung seine Buchhandlungen schließt. Dabei ist die „2001-Kultur“ Reineckes, der 1983 bei der  Heirat den Namen Lutz Kroth annahm, in vielerlei Hinsicht ein  überzeugender Gegenentwurf zur Suhrkamp-Kultur. Es ist eine wüste  Medien-Melange, die weit über ein Buchprogramm hinausreicht, Musik,  Comics, Filme, Software mit einschließt, aber dennoch unverwechselbar  bleibt und einen spezifischen kulturellen Stil, wenn nicht gar  Lebensstil repräsentiert.</p>
<p>Zu den kantigen Details am Rande gehört, dass 2001 ein Spross vom  Stamme Suhrkamps ist. Lutz Kroth, damals noch Reinecke, hatte als junger  Buchhändler einen von Suhrkamp ausgeschriebenen Wettbewerb um die  effektvollste Schaufenstergestaltung gewonnen. Er beeindruckte Unseld,  wurde engagiert, stieg zum Vertriebschef des Verlags auf und verließ ihn  ausgerechnet im Jahr 1968. Einen Schritt, der programmatisch  verstanden werden kann. Denn Suhrkamp als Vorzeigeunternehmen der  antiautoritären Studentenbewegung zu betrachten, war zumindest aus der  Innensicht des Verlages immer ein Irrtum. Der Patriarch Unseld gehörte  zum Geschlecht der Alpha-Männchen und führte das Personal seines Hauses  mit eher fester als pfleglicher Hand.</p>
<p>Reinecke dagegen arbeitete zunächst kurz für die Satirezeitschrift <em>Pardon</em>. Dann gründete er mit Walter Treumann den 2001-Versand, der  sich als ein betont gelassenes, allem autoritären Gehabe abholdes,  lustbetontes Unternehmen jenseits der Hochkultur darstellte – und damit  von Beginn an als Gegenbild zu den traditionellen Verlagen auftrat.  Damit stieß er naturgemäß auf gute Resonanz in einem Milieu, das gerne  als „links“, „alternativ“ oder später &#8220;grün&#8221; klassifiziert und an den subkulturellen  Rand der Gesellschaft gerückt wurde, das aber, wie sich zeigen sollte,  keineswegs randständig war.</p>
<div id="attachment_587" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Hörrohr1.jpg"><img class="size-medium wp-image-587" title="Hörrohr" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Hörrohr1-300x270.jpg" alt="" width="300" height="270" /></a><p class="wp-caption-text">Die Verbindung zwischen 2001 und alten &quot;Pardon&quot;-Mitarbeitern wie Pit Knorr und Robert Gernhardt besteht fort. Hier frühe Radio-Sketche der beiden Frankfurter Komik-Riesen: &quot;Hörrohr klar zum Gefecht&quot;, 3 CDs zum Preis von 19,99 Euro</p></div>
<p>2001 startete nicht als Verlag, der Bücher produzierte, sondern als  Versand, der die unter-schiedlichsten Produkte aus dem Umfeld der  Zeitschrift <em>Pardon</em> verkaufte, Spiele, Gimmicks oder Schallplatten  („Wir liefern jede in <em>Pardon</em> erwähnte LP – Karte genügt“). Doch  schnell weitete sich das Programm aus, es wurden ein Faksimile-Reprint  der von F.W. Bernstein, Robert Gernhardt und F.K. Waechter gestalteten <em>Pardon</em>-Beilage <em>Welt im Spiegel</em> ins Angebot genommen, dazu Comics der  amerikanischen Underground-Zeichner Robert Crump und Gilbert Shelton,  kubanische Revolutionshymnen („Kampflieder voller Liebe, Heiterkeit u.  Freiheitsdurst“), aber auch Sex-Zeichentrickfilmchen („Schneeflittchen  unter den sieben Zwergen“) und was man sonst noch als Rebell gegen  Bürgertum und Establishment in jenen Jahren dringend brauchte.</p>
<p>Ein wichtiger Bestandteil dieser Mixtur war aber immer auch Literatur  von höchstem Rang. Reinecke kaufte Restbestände bedeutender Titel aus  den Verlagslagern oder Großantiquariaten auf, um sie dem Publikum seines  Versands – zu stark herabgesetzten Preisen – anzuempfehlen. Mit  bemerkenswertem Erfolg. Das E- und U-Kultur keine Gegensätze, sondern  Ergänzungen sind, die tadellos nebeneinander im Bewusstsein jedes an  seiner Gegenwart interessierten Zeitgenossen Platz finden, musste sich  Reinecke nicht erst von den Propheten der Postmoderne vorbeten lassen.  Scheinbar schwer Verkäufliches von Marcel Proust, Arno Schmidt, William  Shakespeare oder Suhrkamps Bertolt Brecht fand so preisermäßig seinen  Platz im Medienarsenal mancher studentenbewegten Wohngemeinschaft.</p>
<div id="attachment_588" class="wp-caption alignleft" style="width: 125px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Merkheft.jpg"><img class="size-full wp-image-588" title="Merkheft" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Merkheft.jpg" alt="" width="115" height="192" /></a><p class="wp-caption-text">Das aktuelle &quot;Merkheft&quot;. Es wird inzwischen ergänzt durch regelmäßige &quot;Merkmails&quot;</p></div>
<p>Die wichtigsten Verständigungsmittel des Versands mit seinen Kunden  wurden dabei so genannte „Wimmelanzeigen“. Sie waren von dem Designer  Gunter Rambow in schwarz-weiß und winziger Schrift als wirkungsvoller  Kontrast zur übrigen bunten und von Großbuchstaben dominierten  Reklamewelt konzipiert worden. Dazu verschickte 2001 an sämtliche Kunden  in seiner Adressenkartei alle zwei Monate ihren kleinformatigen Katalog  namens „Merkheft“, der wie ein gedruckter Flohmarkt ein schier  bodenlose Füllhorn von Buch- und Schallplattenangeboten ausschüttete.  Getextet in einem kunstvollen, nur scheinbar der Umgangssprache  abgelauschten Sound, sorgte diese, in einer Auflage von bis zu einer  halben Million verbreitete Broschüre für Unabhängigkeit vom Wohlwollen  der Feuilletons. Was immer 2001 verkaufen wollte, der Versand konnte es  seinen Interessenten schnell, ohne Umwege und präzise nach den eigenen  Vorstellungen anpreisen.</p>
<div id="attachment_589" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Wondratschek.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-589" title="Wondratschek" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Wondratschek-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Auch heute noch im aktuellen Programm: Gesammelte Gedichte von Wolf Wondratschek für nur 9,90 Euro</p></div>
<p>Der erste Schriftsteller, der die besonderen Qualitäten von 2001  begriff, war Wolf Wondratschek. 1974 bot er Reinecke sein neues  Lyrikmanuskript <em>Chucks Zimmer</em> an. Der griff zu und gerade mal 5 Wochen  später konnten die Kunden bereits die fertigen Bücher bei 2001  bestellen. 30.000 Exemplare wurden an die Leser gebracht – ein für  Lyrikbände astronomisches Ergebnis. Bald darauf schloss &#8220;Zweitausendeins&#8221; Kooperationen mit dem Verlag „März“, später dann mit den Verlagen  „Rogner &amp; Bernhard“ , „Haffmans“ und &#8220;Tolkemitt&#8221;, die ihre Programme bis heute über den Versand vertreiben.</p>
<p>Zu den erstaunlichsten Leistungen von 2001, die man in doppelter  Hinsicht verlegerische Großtaten nennen kann, gehören  Zeitschriften-Reprints. 20 Hefte des <em>Kursbuchs</em>, 20 Jahrgänge der <em>Akzente</em> oder die vollständige, 24.500-seitige <em>Fackel</em> von Karl Kraus  druckte Reinecke in kleinem Format nach und verkaufte sie in Auflagen,  die jedem Herausgeber einer Literaturzeitschrift ekstatische Lustschreie  entlocken können. Sogar das Gesamtwerk von Johann Sebastian Bach auf 99  LPs für 699 DM bot er an oder das Lebenswerk des Dirigenten George  Solti auf über 200 LPs für 1299 DM. Und fand tatsächlich genügend  Musikliebhaber mit Vollständigkeits-Sehnsüchten und Komplettheits-Wahn, die ihm diese  gigantomanen Editionen abnahmen.</p>
<p>Das größte 2001-Projekt aber erschien 1980. Reinecke hatte einen Tipp  bekommen und beschaffte sich in den USA eine 1400 Seiten schweren  Studie der amerikanischen Regierung über die Lebensbedingungen der Erde  bis zum Jahr 2000: „Umweltschützer wurden damals als Spinner diffamiert.  Und hier war zum ersten Mal aus regierungsamtlichen Quellen ein Beleg,  dass die Erde gefährdet wird durch unseren zerstörerischen Lebensstil.“  Reinecke ließ den Materialberg übersetzen, brachte ihn unter dem Titel <em>Global 2000</em> heraus und schließlich mit einer Gesamtauflage von über  einer halben Million Exemplaren unter die Leser. Ein Bestseller, ja mehr  noch: ein Blockbuster des ökologischen Bewusstseins hierzulande.</p>
<div id="attachment_590" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/200140.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-590" title="200140" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/200140-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Das Buch über 2001 bei 2001: Mathias Brökers beschreibt die ersten 40 Jahre Verlagsgeschichte zum Preis von 3,90 Euro</p></div>
<p>Im Januar 2007 gab Lutz Kroth, ehemals Reinecke, bekannt, dass er sich noch vor seinem 65. Geburtstag in den Ruhestand begeben werde. Er wolle versuchen, wie er  sagte, sich „aus dem Arbeitskäfig auszuwildern in das wirkliche Leben.“ Das  Unternehmen 2001 wurde vom Gründer des Filmverleihs Kinowelt Michael  Kölmel übernommen und macht weiterhin und bis heute haarsträubende Angebote: Das  Gesamtwerk von Franz Kafka zum Beispiel in einem Band für den Preis  einer Packung Kaffee, das Gesamtwerk Mozarts auf 170 CDs für den Preis  einer Tankfüllung. Man fasst es nicht.</p>
<p>Doch die Geschäfte gehen offenbar nicht mehr so gut: Laut Wikipedia wurde Anfang 2010 der Verlags- und  Marketingstandort Hamburg aufgegeben, um Kosten zu senken, und die Verwaltung in Frankfurt  konzentriert.<sup> </sup>Anfang Juni 2010 einigten sich Geschäftsführung und Betriebsrat zur  Abwendung der drohenden Insolvenz auf ein Sanierungskonzept, das unter  anderem die Entlassung von 51 der 116 Beschäftigten und die Aufgabe der  eigenen Kundenbetreuung vorsieht.<sup> </sup>Im Jahr 2011 verlegte Zweitausendeins seinen Firmensitz von Frankfurt am Main nach Leipzig. Jetzt werden die Läden geschlossen. Es ist ein Jammer. Bleibt zu hoffen, dass sich die 2001-Kultur im Netz als überlebensfähig erweist.</p>
</div>
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		<title>Immer im Aufbruch: Kurt Wolff (1887 &#8211; 1963)</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Apr 2012 12:20:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Die hellhörigsten Leser ihrer (kurzen) Epoche</strong></h2>
<h3><strong>Kurt Wolff gehört zu meinen Lieblingsverlegern. Von Kafka bis Trakl, von Benn bis Georg Heym, von Robert Walser bis Else Lasker-Schüler: Alle ewaren sie seine Autoren. 2012 ist ein kleines Wolff-Jubiläum zu feiern: Er wurde vor 125 Jahren in Bonn geboren. Grund genug für ein kleines Porträt dieses rheinischen Enthusiasten, der so hervorragend Bücher machen und so desaströs schlecht rechnen konnte.</strong></h3>
<p>Ja, wenn man solche Postkarten bekommt! Da muss das Verlegerleben doch die reine Lust sein. „Sehr geehrter Verlag“, steht da in geschwungener, klarer Handschrift, „gleichzeitig schicke ich Ihnen express-rekommand das Manuskript der <em>Strafkolonie</em> mit einem Brief. Hochachtungsvoll ergeben Dr. Kafka. 19/XI/18.“ So bescheiden und unprätentiös eine der berühmtesten und meistgelesenen Erzählungen des 20. Jahrhunderts frei Haus geliefert zu kriegen – kann es für einen Verleger größeres Glück geben? Welche Sorgen sollten ihn da noch drücken?</p>
<div id="attachment_281" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/jpeg2"><img class="size-medium wp-image-281" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/jpeg2-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Kurt Wolff um 1913 (Bild: Frank Eugene)</p></div>
<p>Doch leider sind die Realitäten des Verlagsgeschäfts andere. Kurt Wolff, 1887 in Bonn geboren, wuchs in einer bildungsgesättigten Atmosphäre auf, von der man heute nur noch träumen kann. Der Vater war Professor und Musikdirektor der Stadt, die Mutter, die früh starb und dem Sohn ein Vermögen hinterließ, entstammte einer alten jüdischen Familie, die zum Freundesumkreis der Familie Goethes zählte. Als Wolff – gerade mal 23jährig – mit Ernst Rowohlt seinen ersten Verlag gründete, verfügte er über souveräne Kenntnissen in Musik, Kunst, Literatur, hatte bereits literaturhistorische Bücher ediert und eine kostbare 12.000 Bände zählende Bibliothek mit Erstausgaben aufgebaut.</p>
<div id="attachment_282" class="wp-caption alignleft" style="width: 92px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/82px-Kurt_Wolff1.jpg"><img class="size-full wp-image-282" title="82px-Kurt_Wolff" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/82px-Kurt_Wolff1.jpg" alt="" width="82" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Plakat einer Kurt-Wolff-Ausstellung in Frankfurt am Main (2007)</p></div>
<p>Selbst die größten Verleger sind selten länger als zehn, zwanzig Jahre auf dem Höhepunkt ihrer Fähigkeiten. In dieser Zeit verstehen sie es, wie die Beispiele von Samuel Fischer bis Siegfried Unseld zeigen, wichtige Autoren ihrer Generation an sich zu bindenden, bevor dann die nächste Generation nachrückt, zu der sie nur selten noch fruchtbare Kontakte herstellen können. Die Ungunst der Epoche wollte es, das Kurt Wolff diesen Gipfel seiner Ausstrahlungskraft schon früh, als noch unerfahrener Mann und dazu in wirtschaftlich katastrophalen Zeiten erreichte. Er war nur 25 Jahre alt, als er sich 1912 von Rowohlt trennte, zwei der hellhörigsten jungen Literaten der Zeit, Kurt Pinthus und Franz Werfel, als Lektoren einstellte und mit uferloser Energie über den Buchmarkt herfiel.</p>
<p>Schon im ersten Jahr als alleinverantwortlicher Verleger produzierte er mehr Titel als der bislang bedeutendste Großverlag S.Fischer. Wie ein Magnet zog Wolff die wichtigsten Autoren des literarischen Expressionismus an sich. Bei ihm erschien alles, was bis heute die Literaturgeschichte dieser Zeit prägt: Werfel, Trakl, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, Karl Kraus, Robert Walser, Arnold Zweig. Allein 1916 kamen Bücher heraus von Kafka, Carl Sternheim, Werfel, Gottfried Benn und Johannes R.Becher, dazu der Bestseller <em>Golem</em> von Gustav Meyrink. Gleichsam auf Vorrat hatte Wolff im selben Jahr den während des Ersten Weltkriegs wegen der Zensur undruckbaren Roman <em>Der Untertan</em> von Heinrich Mann eingekauft.</p>
<p>Doch so blitzartig Wolffs Aufstieg war, so rapide war sein Absturz. Die meisten seiner Autoren, darunter Kafka, fanden zunächst kaum Leser. Dennoch kaufte Wolff, wie manisch getrieben, zahlreiche andere Verlage, wechselte mehrfach den Hauptsitz seiner Firma, produzierte kostspielige Kunstbände, obwohl sich der Buchmarkt nach dem Ersten Weltkrieg und während der Inflationszeit im freien Fall befand.</p>
<div id="attachment_283" class="wp-caption alignright" style="width: 130px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/120px-Leipzig_Wolff_Verlag_Gedenktafel.jpg"><img class="size-full wp-image-283" title="120px-Leipzig_Wolff_Verlag_Gedenktafel" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/120px-Leipzig_Wolff_Verlag_Gedenktafel.jpg" alt="" width="120" height="91" /></a><p class="wp-caption-text">Gedenktafel  des Kurt-Wolff-Verlags</p></div>
<p>Der Rheinländer Wolff war eher zu emphatischen Aufbrüchen begabt – darin vielen seiner expressionistischen Autoren verwandt – als dazu, seinen Unternehmungen Kontinuität und Dauer zu verleihen. Schon nach 1920 publizierte er kaum noch literarische Titel und als er seinen Verlag 1930 mit Anfang Vierzig aufgeben musste, hatte er sein Vermögen und große Teile der Mitgift seiner ersten Frau aufgebraucht. (Bernd F. Lunkewitz, dem über ein Jahrzehnt lang der Aufbau Verlag gehörte, hat einmal gesagt, es sei überhaupt kein Problem, mit einem Verlag ein kleines Vermögen zu machen: &#8220;Man nehme ein großes Vermögen, kaufe ein Verlag und schon hat man ein kleines Vermögen.&#8221;)</p>
<p>Das weitere Verlegerleben Wolfs ist in Deutschland weit weniger bekannt als diese ersten Jahrzehnte. Zusammen mit seiner zweiten Frau Helen floh er 1941 vor den Nazis nach New York, und gründete dort den Verlag Pantheon Books. Zu ihnen stieß ein anderer Exilant, der in Russland geborene Jacques Schiffrin, der in Frankreich die weltberühmte Sammlung <em>La Pléiade</em> aus der Taufe gehoben hatte, die bis heute vom Verlag Gallimard fortgeführt wird. Zusammen spezialisierten sie sich darauf, große europäische Literatur auf den amerikanischen Buchmarkt zu bringen, auch wenn die keine großen Markterfolge garantierte. „Doch wie auch immer die aktuellen Verkaufsziffern ausfielen“, schrieb später Jacques Schiffrins Sohn André, „die Büroräume des Verlags am Washington Square bildeten für die Emigranten in New York eine Oase der Glückseligkeit, stilvoll in einer der prachtvollen Stadtvillen untergebracht, die früher die Südseite des Parks begrenzten.“</p>
<p>Ökonomisch wirklich lohnend wurde Pantheon Books erst in den fünfziger Jahren mit einem Beststeller von Anne Morrow Lindbergh: <em>Muscheln in meiner Hand</em> und der amerikanischen Lizenz von Boris Pasternaks Roman <em>Doktor Schiwago</em>. Dennoch wurden Kurt und Helen Wolff bald darauf aus dem Verlag gedrängt, der ihren literarischen Qualitätsvorstellungen immer weniger entsprach. Helen Wolff ist bis zu ihrem Tod 1994 eine wer wichtigsten Vermittelrinnen europäischer Literatur nach Amerika geblieben. Sie brachte in einem speziell auf sie zugeschnittenen Imprint-Verlag unter anderem Uwe Johnson, Grass, Frisch, Jurek Becker, Walter Benjamin, Karl Jaspers und Umberto Eco heraus.</p>
<p>Kurt Wolff starb, wie er gelebt hatte, im Dienst der Literatur. 1963 wurde er auf dem Weg zu einer Ausstellung expressionistischer Literatur in Marbacher Schiller Nationalmuseum von einem Lastwagen überfahren. Man beerdigte ihn in Marbach, wo zwölf Jahre später auch sein alter Lektor Kurt Pinthus beisetzte wurde, dessen legendäre Anthologie <em>Menschheitsdämmerung</em> wie keine andere den Geist der frühen Autoren Kurt Wolffs bewahrte. Doch diese Sammlung war erst 1920, also nach der kurzen, explosionsartigen Blüte von Wolffs Verlag fertig geworden – und erschien deshalb schon im Verlag seines alten Konkurrenten Rowohlt.</p>
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