<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Jean-Paul Sartre</title>
	<atom:link href="http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;tag=jean-paul-sartre" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://blog.uwe-wittstock.de</link>
	<description>Über Literatur und Literaten</description>
	<lastBuildDate>Fri, 17 Apr 2026 14:12:18 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.5</generator>
		<item>
		<title>Christoph Ransmayr zum Geburtstag</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1675</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1675#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 20 Mar 2016 08:57:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Christoph Ransmayr]]></category>
		<category><![CDATA[Günther Messner]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Paul Sartre]]></category>
		<category><![CDATA[Joseph Conrad]]></category>
		<category><![CDATA[Reinhold Messner]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1675</guid>
		<description><![CDATA[Ein Erzähler von den Rändern der Zivilisation Wie nur ganz wenige Schriftsteller hat Christoph Ransmayr die vielfältigen &#8220;Spielarten des Erzählens&#8221; auf höchsten Niveau erkundet und erprobt. Seine Romane, Erzählungen und Reden gehören zu den erstaunlichsten, den überwältigendsten Sprachkunstwerken, die derzeit &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1675">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h1><strong>Ein Erzähler von den Rändern der Zivilisation</strong></h1>
<h2><strong>Wie nur ganz wenige Schriftsteller hat Christoph Ransmayr die vielfältigen &#8220;Spielarten des Erzählens&#8221; auf höchsten Niveau erkundet und erprobt. Seine Romane, Erzählungen und Reden gehören zu den erstaunlichsten, den überwältigendsten Sprachkunstwerken, die derzeit in deutscher Sprache geschrieben werden. Heute feiert er Geburtstag. Ihm zu Ehren hier eine Erinnerung an seinen großartigen Himalaya-Roman &#8220;Der fliegende Berg&#8221;</strong>.</h2>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_1680" class="wp-caption alignright" style="width: 309px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22812492z.jpg"><img class="size-full wp-image-1680" title="22812492z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/22812492z.jpg" alt="" width="299" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Christoph Ransmayr: “Der fliegende Berg”. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2007, 9,95 Euro</p></div>
<p>Romane von Christoph Ransmayr sind Aufbrüche in den Mythos. Es sind Einladungen an den Leser, aus der Zeit zu fallen. Das hat nichts mit Flucht in esoterische Sphären zu tun, nichts mit der Entdeckung dunkel raunender, angeblich ewiger Wahrheiten. Ransmayr versteht sich vielmehr auf die rare, die erstaunliche Kunst, den Kopf literarisch bis über die Wolken zu strecken und doch mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben. Seine Bücher entfalten in der Imagination ihrer Leser eigene Welten von erstaunlicher Plastizität und Komplexität, die den Bezug zu den sogenannten Tatsachen nie verlieren, über die bloßen Tatsachen aber weit hinausreichen.</p>
<p>Ransmayrs Roman „Der fliegende Berg“ zum Beispiel signalisiert seinen Eigensinn, seinen eigenen Sinn schon in seiner formalen Gestalt. Wie bei einem Epos hat Ransmayr, dessen Prosa immer schon enorme sprachmusikalische Qualitäten hatte, seinen Text in Verse und Strophen geordnet. Er selbst spricht nüchtern nur von „Flattersatz“; wer will, braucht auf Verse oder Strophen keine große Rücksicht zu nehmen und kann den Roman lesen, wie jeden anderen auch. Doch bei genauerem Hinhören ist schnell zu spüren, dass diese Prosa bis in die Feinheiten hinein rhythmisch durchformt und durchdacht ist, ohne deshalb in eine aufdringliche, starre Metrik zu verfallen.</p>
<p>Der Stoff des Romans hat Ransmayr über ein Jahrzehnt lang beschäftigt. Erzählt wird von zwei Brüdern, die in den Osten Tibets aufbrechen, um dort den noch unbezwungenen, knapp siebentausend Meter hohen Phur-Ri, den „Fliegenden Berg“ zu besteigen. Wie während der inzwischen legendären Nanga Parbat-Expedition von Günther und Reinhold Messner 1970 kommt einer der beiden Brüder beim Abstieg vom Gipfel um.</p>
<div id="attachment_1681" class="wp-caption alignleft" style="width: 322px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/06445407z.jpg"><img class="size-full wp-image-1681" title="06445407z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/06445407z.jpg" alt="" width="312" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock (Hg.): &quot;Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr&quot;. Fischer Taschenbuch Verlag. 12,90 Euro</p></div>
<p>Doch viel weiter reichen die Parallelen nicht, Ransmayrs Figuren stammen aus Irland, nicht aus Südtirol. Ihr Vater ist ein schwärmerischer, nicht recht realitätstauglicher IRA-Fanatiker, dessen Frau mit einem Protestanten in den britischen Norden durchgebrannt ist. Liam, der ältere der beiden Brüder, hat seinen Beruf als Computer-Fachmann und Kartograph an den Nagel gehängt und ist nun Viehzüchter auf einer kleinen Insel im Südwesten Irlands. Pad, der jüngere Bruder und Ich-Erzähler des Romans, fuhr jahrelang zur See, bevor er bei seinem gleichermaßen bewunderten wie eifersüchtig bekämpften Bruder eine feste Bleibe findet.</p>
<p>Die Bildphantasie Ransmayrs ist atemraubend. Wie Liam auf nächtlichen Internet-Irrfahrten ein erstes Foto der Phur-Ri entdeckt, wie die beiden Brüder an den Insel-Steilküsten über dem Meer ihr bergsteigerisches Können trainieren, wie sie in Tibet auf ganze Felder von farbigen Gebetsfahnen stoßen, auf Nomaden, die unter freiem Himmel im Schnee Billard spielen oder auf Schmetterlinge, die von heißen Luftströmungen über Tausende von Metern bis ins ewige Eis der Gletscher gerissen werden – all das wirkt wie Szenen aus einem Film von Stanley Kubrick, die Ransmayrs auf wenigen Zeilen ebenso poetisch wie präzise vor das innere Auge des Lesers zu rücken versteht.</p>
<p>Naturgemäß wird das Leben, je weiter die beiden Brüder in die entlegenen Winkel Ost-Tibets vordringen, umso archaischer. Für Liam ist das lediglich ein unvermeidlicher, meist lästiger oder auch gefahrvoller Begleitumstand der Expedition. Für Pad jedoch wird ihr Weg zu einer Reise in eine andere, vom mythischen Denken geprägte Welt, deren Ausstrahlung er sich nicht entziehen kann und auch nicht will.</p>
<div id="attachment_1682" class="wp-caption alignright" style="width: 307px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/03967643z.jpg"><img class="size-full wp-image-1682" title="03967643z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/03967643z.jpg" alt="" width="297" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Christoph Ransmayr: &quot;Die letzte Welt&quot;. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag. 9,99 Euro</p></div>
<p>Ransmayr gibt so dem berühmten Motiv von Joseph Conrads Reise ins „Herz der Finsternis“ eine Wendung ins Positive: Sein Held Pad verliert sich mit der zunehmenden Entfernung von der westlichen Zivilisation nicht in Wahn und Gewalt, er gelangt auch nicht zu spiritueller Erleuchtung, wie sie viele Asientouristen suchen, sondern schlicht zu einem größeren Gefasstheit und auch Gelassenheit angesichts der fundamentalen Vergeblichkeit des Lebens.</p>
<p>Bei Jean-Paul Sartre heißt es, der Mensch sei eine nutzlose Leidenschaft. Für diese Einsicht findet Ransmayr in seinem Roman ein schmerzlich schönes Bild: Als die Brüder das Ziel ihrer Leidenschaft erreicht haben, den Gipfel des Phur-Ri, schreiben sie auf diesem Nebendach der Welt ihre Namen in den Schnee, obwohl schon ein Unwetter aufzieht, dass alle Spuren unfehlbar löschen wird.</p>
<p>Doch Pad begreift inmitten der urtümlichen Landschaft, wie vorübergehend letztlich jedes Dasein ist, er begreift, dass selbst die Gebirgsgiganten des Himalaja irgendwann einmal verschwinden werden, und also, wie die tibetischen Mythen lehren, als fliegende Berge nur vorübergehend auf der Erde Platz genommen haben – was Pad mit Blick auf die eigene Vergänglichkeit zu größerer innerer Ruhe verhilft.</p>
<p>Die Helden Ransmayrs drängt es in all seinen Romanen zu den Rändern ihrer Zivilisation. Denn Zivilisation ist für Ransmayr nicht denkbar ohne Machtkampf und Zerstörung. Mit wenigen Strichen skizziert er im „Fliegenden Berg“ wie in der Vergangenheit die englischen Kolonialherren in Irland hausten und heute die chinesischen Kolonialherren in Tibet. Der unbestreitbare Glanz der siegreichen Kultur wird bezahlt mit der Verwüstung der Natur – Irland und Tibet werden von ihren Besatzern gleichermaßen abgeholzt – und dem Untergang der unterlegenen Kulturen.</p>
<div id="attachment_1683" class="wp-caption alignleft" style="width: 307px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/06995591z.jpg"><img class="size-full wp-image-1683" title="06995591z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/03/06995591z.jpg" alt="" width="297" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Christoph Ransmayr: &quot;Morbus Kitahara&quot;. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag. 9,95 Euro</p></div>
<p>Ein Ausweg aus diesem jahrhundertealten Reigen der Gewalt ist der Rückzug an die kaum besiedelten, nicht erforschten oder sogar noch nie betretenen Ränder der bekannten Welt, wie zu jenem Gipfel des Phur-Ri. Das ist eine Flucht, zugegeben, aber sie birgt einen Moment von Freiheit.</p>
<p>Ransmayr riskiert bei all dem literarische eine Menge. Er scheut sich nicht, die Rivalität der beiden Brüder, ihr bedingungslos aufeinander Angewiesensein während der Auf- und Abstiegs und nicht zuletzt auch die Liebesgeschichte zwischen Pad und der Tibeterin Nyema, die er während des wochenlangen Trecks zum Phur-Ri kennenlernt, als einschneidende, lebensverändernde Erfahrungen zu schildern, die große Gefühle von archaischen Dimensionen wecken. Das ist sicher nicht nach jedermanns Geschmack.</p>
<p>Wer seine Ohren ganz auf die oft kühlen, lakonischen Töne unserer Gegenwartsliteratur eingestimmt hat, kann das gelegentlich als fremd und pathetisch empfinden. Doch gehört ebendies, gehört der Abschied vom Gewohnten und die Konfrontation mit einem wiederentdeckten existentiellen Ernst zum Programm dieses Romans. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, finden in diesem Buch eine Sprache von überwältigender, von erschütternder Schönheit.</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;p=1675</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Marcel Reich-Ranicki</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=684</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=684#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 26 Sep 2012 12:47:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Dante Alighieri]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Paul Sartre]]></category>
		<category><![CDATA[Leo Tolstoi]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Sibylle Lewitscharoff]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.uwe-wittstock.de/?p=684</guid>
		<description><![CDATA[»Näher kann der Tod nicht kommen« Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki spricht über seine Angst vor dem Sterben, darüber, warum er nicht an das Jenseits glaubt und was ihm das Wichtigste war in seinem Leben Marcel Reich-Ranicki sitzt in seinem Wohnzimmer in &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=684">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>»Näher kann der Tod nicht kommen«</strong></h2>
<h3><strong>Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki spricht über seine Angst vor dem Sterben, darüber, warum er nicht an das Jenseits glaubt und was ihm das Wichtigste war in seinem Leben</strong></h3>
<p>Marcel Reich-Ranicki sitzt in seinem Wohnzimmer in einem hohen schwarzen Sessel. Hinter seinem Rücken ragt eine Bücherwand auf, die inzwischen halb Deutschland kennt aus den Fernsehinterviews mit ihm. Sakine, seine Haushälterin, hat uns Wasser gebracht und von Tosia Reich-Ranicki erzählt, die sie vor deren Tod im April 2011 hingebungsvoll betreute. Dann geht sie und schließt die Tür.</p>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> Herr Reich-Ranicki, vor mehr als einem Jahr starb Ihre Frau. Sie waren fast 70 Jahre verheiratet. Ist Ihnen der Gedanke an den Tod seither näher gekommen?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki:</strong> Nein. Wenn man wie ich über 90 Jahre alt ist, steht einem der Tod immerzu vor Augen. Noch näher kann er nicht kommen. Natürlich fehlt mir meine Frau, sie fehlt mir jeden Tag, jeden Augenblick. Es ist, als wäre ein Körperteil abgeschnitten.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Haben Sie Angst vor dem Tod?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Ja, sehr. Aber die Formulierung der Frage missfällt mir. Ich fürchte nicht den Tod. Ich habe Angst vor dem Nicht-mehr Existieren.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Sie waren im Warschauer Ghetto als junger Mann stärker mit dem Tod konfrontiert als andere Menschen in ihrem ganzen Leben. Hat das Ihre Einstellung zum Tod verändert?</p>
<p><strong> </strong></p>
<div id="attachment_685" class="wp-caption alignright" style="width: 209px"><strong><strong><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/MRR.jpg"><img class="size-medium wp-image-685" title="MRR" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/MRR-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" /></a></strong></strong><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock: &quot;Marcel Reich-Ranicki. Geschichte eines Lebens&quot; Biographie. Pantheon Verlag. 287 Seiten, 11,90 Euro</p></div>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Der Tod war eine reale Erfahrung im Ghetto. Wenn meine Frau und ich morgens aus dem Haus gingen, mussten wir über Leichen steigen, die auf den Straßen lagen. Sie wurden in offenen Holzkarren abgeholt. Tosia und ich lernten uns mit 19 kennen an dem Tag, an dem sich Tosias Vater im Ghetto an seinem Hosengürtel erhängt hatte. Er lag tot im Nebenzimmer. Tosia hatte ihn erst Minuten vorher entdeckt. Zwei Jahre später mussten wir uns von meinen Eltern Helene und David trennen, als sie aus dem Ghetto abtransportiert wurden. Wenige Tage darauf hörten Tosia und ich, dass sie in den Gaskammern von Treblinka ermordet worden waren. Der Tod ist für mich so etwas sehr Reales geworden.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Der Tod gehört zu den wichtigsten Themen der Literatur. Was kann man aus der Literatur über den Tod lernen?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Einem wirklichen Schriftsteller kann es gelingen, uns an den Tod zu erinnern. An unseren ganz persönlichen Tod. Jeder weiß, dass das Leben irgendwann endet. Aber selten machen wir uns klar, dass wir selbst es sind, die sterben werden. Während die Welt ungerührt weiterexistiert. Literatur öffnet uns manchmal für Momente die Augen für diese Wahrheit, vor der wir sie sonst zumeist schließen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Hilft Ihnen die Literatur, um mit dem Gedanken an den eigenen Tod fertigzuwerden?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Mit dem Gedanken an den Tod kann man nicht fertigwerden. Er ist völlig sinnlos und vernichtend. Die Literatur hilft vielleicht dabei, sich das unvermeidliche Ende des Lebens bewusst zu machen. Aber damit fertigwerden? Es gibt Menschen, die sich selbst töten, wie Kleist, Tucholsky, Hemingway. Sie wollen nicht mehr leben. Aber ich bezweifle, dass sie mit dem Tod fertiggeworden sind. Sich mit dem Tod auszusöhnen ist unmöglich. Selbstmörder wählen den Tod, weil er für sie das kleinere Übel ist als ein unerträgliches Dasein.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es ein Buch über den Tod, das Sie besonders beeindruckt hat?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki:</strong>Viele große Schriftsteller erzählen vom Sterben. Stark berührt hat mich das Buch <em>Der Tod des Iwan Iljitsch</em> von Leo Tolstoi. Es ist kein Roman, sondern eine lange Erzählung. Aber wie Tolstoi darin die Gedanken eines Menschen einfängt, der tödlich erkrankt ist, eines Menschen, der nicht glauben will und kann, dass er selbst mit all seinen Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen sterben muss und dabei alles zerstört wird, was ihn ausmacht, das ist grandios. Tolstoi konnte die Seele, die Psyche des Menschen so genau beschreiben wie kaum ein anderer Schriftsteller. Er zeigt die Angst seines Helden Iwan Iljitsch, seine hilflose Wut, seine Ungläubigkeit, als er erfährt, dass er todkrank ist. Am Schluss beschreibt er, wie in einem drei Tage dauernden Todeskampf das Leben aus Iwan Iljitsch langsam und unaufhaltsam förmlich herausgepresst wird. Ein ungeheuerliches, unvergleichliches Buch.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es etwas, das über den eigenen Tod hinwegtrösten kann?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Nein. Es gibt nichts.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Wie stellen Sie sich das Jenseits vor?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Es gibt kein Jenseits. Es gibt kein Leben nach dem Tod. Also hat es auch keinen Sinn, sich das Jenseits auszumalen. Der Tod ist der Schlusspunkt.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Es gibt viele Beschreibungen des Jenseits in der Literatur: Dantes <em>Göttliche Komödie</em> oder Sartres <em>Geschlossene Gesellschaft</em>. Sibylle Lewitscharoff entwirft in ihren Romanen immer wieder Jenseits-Landschaften, in denen sich Tote bewegen.</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Jetzt bringen Sie bitte nicht alles durcheinander: Die <em>Göttliche Komödie</em> stammt aus dem 14. Jahrhundert. Dante verwandelte hier Theologie in Literatur. Ob er wirklich an ein Jenseits geglaubt hat, steht auf einem anderen Blatt. Für Sartre war die <em>Geschlossene Gesellschaft</em> ein Gedankenspiel: Er wollte bestimmte philosophische Ideen in literarische Bilder umsetzen. Mit dem Glauben an ein Jenseits hat das nichts zu tun. Und wenn eine Autorin wie Sibylle Lewitscharoff heute glaubt, darüber schreiben zu müssen, wie es den Toten im Jenseits ergeht, dann ist das die Sache dieser Autorin. Ich möchte das nicht lesen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Sie sind kein religiöser Mensch. Viele Religionen versprechen ein Weiterleben nach dem Tod. Würden Sie gern in einer Religion Trost finden?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Nein. Es gibt kein Weiterleben nach dem Tod. Das ist Wunschdenken. Marx nannte Religion Opium fürs Volk. Es ist wichtig, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Auch wenn mir nicht gefällt, was ich sehe. Es hat keinen Sinn, sich selbst zu betrügen. Religion ist wie eine Brille, die den Blick auf die Wirklichkeit trübt, die bittere Realitäten hinter einem milden Schleier verschwinden lässt. Deshalb wehren sich die Anhänger der Religionen auch so vehement, diese Brille jemals abzusetzen. Aber für mich ist das nichts. Selbst im Ghetto habe ich versucht, die Dinge so zu sehen, wie sie sind und mir nichts vorzumachen.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Was tun Sie, um mit dem Gedanken an den Tod fertigzuwerden?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Man wird mit dem Gedanken an den Tod nicht fertig. Darüber sprachen wir schon. Der Gedanke daran ist eine Qual, daran ist nichts zu ändern.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong>Sie sind jetzt 92 Jahre alt. Wenn Sie Resümee ziehen, was war Ihnen das Wichtigste in Ihrem Leben?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Die Liebe, die Literatur, die Musik, meine Familie, meine Frau. Nicht immer in dieser Reihenfolge. Mal war das eine wichtiger für mich, mal das andere. So etwas wechselt, je nachdem in welcher Situation man ist.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es etwas, was Sie in Ihrem Leben versäumt haben?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Es gibt immer etwas, das man versäumt hat. Zumal in sexueller Hinsicht.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Gibt es etwas, das Sie gern noch tun möchten?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>(Lange Pause) Vor allen Dingen möchte ich noch möglichst lange Zeit etwas tun können. Ich habe einmal gesagt, was mich am Tod vor allem schreckt, ist die Gewissheit, nicht mehr die Zeitungen des nächsten Tages lesen zu können. Ich möchte gern erfahren, wie es weitergeht. Ich möchte dabei sein. Ich will immer wieder die nächste Zeitung lesen. Aber das geht nicht, irgendwann ist Schluss.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>Das Alter hat eine Menge Nachteile, das ist eine banale Feststellung. Aber hat das Alter aus Ihrer Sicht auch Vorteile?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki: </strong>Lassen Sie sich nichts erzählen von Altersweisheit oder Altersmilde. Das ist sentimentales Geschwätz. Das Alter ist fürchterlich. Es raubt einem nach und nach alles, was einem lieb und wichtig war, alles, worauf man glaubte, sich verlassen zu können. Philip Roth, der große amerikanische Schriftsteller, sagte einmal: Das Alter ist ein Massaker. Die Akademie in Stockholm soll sich schämen, dass sie ihm noch immer nicht den Nobelpreis gegeben hat. Roth hat Recht. Im Alter stehen wir einem übermächtigen Gegner gegenüber, wir sind allein und werden immer schwächer. Dieser Gegner, die Zeit, wird immer stärker, und sie vernichtet nach und nach immer mehr von uns, ohne dass wir uns wehren können, bis er uns schließlich ganz auslöscht. Einen Vorteil sehe ich da nicht.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;p=684</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Ernst Rowohlt wird 125 Jahre alt</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=425</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=425#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 21 Jun 2012 16:50:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Albert Camus]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander Fest]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Polgar]]></category>
		<category><![CDATA[Emil Ludwig]]></category>
		<category><![CDATA[Ernest Hemingway]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Rowohlt]]></category>
		<category><![CDATA[Graham Greene]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Fallada]]></category>
		<category><![CDATA[Harry Rowohlt]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt]]></category>
		<category><![CDATA[Henry Miller]]></category>
		<category><![CDATA[Jean-Paul Sartre]]></category>
		<category><![CDATA[Kurt Tucholsky]]></category>
		<category><![CDATA[Kurt Wolff]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Naumann]]></category>
		<category><![CDATA[Nicolaus Hansen]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Musil]]></category>
		<category><![CDATA[S.Fischer]]></category>
		<category><![CDATA[Simone de Beauvoir]]></category>
		<category><![CDATA[Sinclair Lewis]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Wolfe]]></category>
		<category><![CDATA[Walter Benjamin]]></category>
		<category><![CDATA[Werner Schoenicke]]></category>
		<category><![CDATA[Willy Haas]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.uwe-wittstock.de/?p=425</guid>
		<description><![CDATA[Das Abenteuer namens Rowohlt Ein Verlag, drei Männer und drei Temperamente, wie es sie in Deutschland nur selten gibt: Ernst Rowohlt, der Gründervater und unbeirrte Immer-wieder-Gründer des Rowohlt Verlags, würde heute (am 23. Juni) 125 Jahre alt. Hier ein Porträt &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=425">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Das Abenteuer namens Rowohlt</strong><strong></strong></h2>
<h3><strong> Ein Verlag, drei Männer und drei Temperamente, wie es sie in Deutschland nur selten gibt: Ernst Rowohlt, der Gründervater und unbeirrte Immer-wieder-Gründer des Rowohlt Verlags, würde heute (am 23. Juni) 125 Jahre alt. Hier ein Porträt von ihm und seinen ebenso unterhaltsamen wie höchst schätzenswerten beiden Söhnen Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt und Harry Rowohlt<br />
</strong></h3>
<div id="attachment_430" class="wp-caption alignleft" style="width: 190px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/ErnstRowo1.jpg"><img class="size-medium wp-image-430" title="ErnstRowo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/ErnstRowo1-180x300.jpg" alt="" width="180" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Die Ernst-Rowohlt-Monographie, erschienen im gleichnamigen Verlag</p></div>
<p>Die Rowohlts sind eine deutsche Dynastie, eine Büchermacherfamilie  von nicht eben landestypischem Temperament. Wo ein Rowohlt war oder ist,  da war oder ist etwas los. Über ein dreiviertel Jahrhundert gehören  sie nun schon zu den Kraftwerken des literarischen Lebens hierzulande, und der von  ihnen geschaffene und immer wieder neu geschaffene Verlag schnurrt bis  heute weiter. 1908 brachte Ernst Rowohlt im Alter von nur 21 Jahren sein  erstes Buch auf den Markt, den schmalen Lyrikband eines heute komplett  unbekannten Klassenkameraden. Im gleichen Jahr brachte die  Schauspielerin Maria Ledig den ersten Sohn Rowohlts zur Welt, Heinrich  Maria Ledig-Rowohlt. Das Abenteuer namens Rowohlt konnte beginnen.</p>
<p>Die Biographie Ernst Rowohlts mit ihren diversen Verzweigungen ist  ein gutes Beispiel dafür, wie viel Leidenschaft und Geld ein  Verlegerleben braucht und verbraucht. 1910, nachdem er schon ein paar  Bücher gemacht hatte, gründete Rowohlt in Leipzig zum ersten Mal seinen  Verlag – zusammen mit dem gleichaltrigen Kurt Wolff, der keine  Kenntnisse der Buchbranche, wohl aber eine Menge Geld mit einbrachte.</p>
<p>Die beiden Teilhaber verstanden sich erst glänzend und publizierten mehr  als 30 Titel jährlich. Doch schon 1912 kam es zum Bruch, nicht zuletzt  weil der feingeistige Wolff die Energieausbrüche und permanente  Partystimmung seines Partners nicht ertrug. Er zahlte Rowohlt aus,  machte den Verlag unter eigenem Namen zum bis heute legendären  Kristallisationspunkt des Expressionismus, errang höchste Anerkennung  und verlor zugleich sein gesamtes Vermögen. Nach 1920 konnte er keine  literarischen Werke mehr verlegen, 1930 musste es sein Haus endgültig  schließen.</p>
<p><strong>Ernst Rowohlt &#8211; ein Mann der roaring twenties</strong></p>
<p>Rowohlt machte nach der ersten nur kurzen Zeit der  Selbstständigkeit zunächst Zwischenstationen als Prokurist des  S.Fischer- und Geschäftsführer des Hyperion-Verlags. 1919 dann, mit  Beginn der Weimarer Republik, gründete er seinen Verlag zum zweiten Mal,  jetzt in Berlin. Die Stadt, der Mann und die Epoche – die roaring twenties – passten perfekt zueinander. Seine Neigung zu großen  Auftritten machte ihn schnell stadtbekannt und sein Einfallsreichtum in  Sachen PR bald zu einer zentralen Figur des Literaturbetriebs.</p>
<p>Mit  Autoren wie Robert Musil, Kurt Tucholsky, Hans Fallada, Alfred Polgar  und Walter Benjamin erwarb er beträchtliches Ansehen, mit Ernest  Hemingway, Sinclair Lewis und Thomas Wolfe entdeckte er die  amerikanische Literatur für die Deutschen, mit der von Willy Haas  geleiteten <em>Literarischen Welt</em> gab er zudem seit 1925 eine der  meinungsbildenden Zeitschriften der Buchbranche heraus.</p>
<div id="attachment_432" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/LedigRowo.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-432" title="LedigRowo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/LedigRowo-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Die Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Monographie, erschienen im fast gleichnamigen Verlag</p></div>
<p>Doch selbst ein Bestseller-Autor wie Emil Ludwig konnte den Verlag  wirtschaftlich nicht langfristig stabilisieren. Spätestens nach der  Weltwirtschaftskrise 1929 spitzte sich die Lage zu. Als Heinrich Maria  Ledig-Rowohlt 1931 als Pressechef in den Verlag eintrat, stand der  bereits vor der Insolvenz. Gerettet wurde er schließlich durch die  Familie Ullstein, die einen Anteil von 60 Prozent erwarb und ihn so  mehrheitlich ihren Zeitungskonzern einverleibte. Doch kaum hatte Rowohlt  die ökonomischen Turbulenzen überstanden, geriet er durch die  Machtübernahme der Nazis in politische Schwierigkeiten.</p>
<p><strong>Diktatur, Krieg &#8211; und immer wieder Krisen</strong></p>
<p>Seine Sympathien galten in der Weimarer Republik eher der Linken, und  er war mit zahllosen jüdischen Schriftstellern befreundet, doch hatte  Rowohlt daneben auch so rechtslastige Autoren wie Arnolt Bronnen  verlegt. Daran knüpfte er nach 1933 zunächst an, brachte nun  Landserromane heraus, Sachbücher wie <em>Woher kommt das Hakenkreuz?</em> oder  den Bildband <em>Ein Volk steht auf. 53 Tage nationaler Revolution</em>. Doch  die Nazis ließen sich weder davon, noch von Rowohlts Eintritt in die  NSDAP 1937 täuschen, beschlagnahmten 140 Titel des Verlagsprogramms und  erteilten Rowohlt schließlich 1938 Berufsverbot, weil er hartnäckig an  seinen jüdischen Autoren und Mitarbeitern festhielt.</p>
<p>Nach dem Krieg, in dem Ledig-Rowohlt als Soldat schwer verwundet  worden war, gründeten Sohn und Vater – der 1945 mit der Schauspielerin  Maria Pierenkämper seinen zweiten Sohn Harry bekam – den Rowohlt Verlag  umgehend zum dritten Mal, nun in Hamburg und Stuttgart. Sie druckten  unter anderem zu Pfennigpreisen Bücher auf dem Papier und in dem Format  von Zeitungen, „Rowohlts Rotations Romane“ genannt, und erzielten damit  in kürzester Zeit Millionenverkäufe. Dennoch geriet der Verlag mit der  Währungsreform wieder in eine Finanzkrise – und musste diesmal durch  vier Hamburger Geschäftsleute gerettet werden.</p>
<p><strong>Diese amerikanische Erfindung: Taschenbuch</strong></p>
<p>Erst als Ledig-Rowohlt aus Amerika mit der Idee zurückkehrte, ein  umfangreiches Taschenbuchprogramm zu starten, stabilisierte sich die  Situation. Mit diesen billigen Ausgaben erzielte der Verlag schnell  sensationelle Auflagen und konnte mit Büchern von Hemingway und  Graham Greene, von Sartre, Camus, de Beauvoir und später Henry Miller,  die lange aus Deutschland ausgesperrte Literatur des westlichen Auslands  popularisieren. Mit dem Start von „Rowohlt Deutscher Enzyklopädie“ 1955  und der „Rowohlt Monographien“ 1958  verfolgte der Verlag im Taschenbuch-Programm zugleich einen  volkspädagogischen Bildungsanspruch, der sich zumindest in den ersten  Jahren als sehr einträglich erwies.</p>
<div id="attachment_433" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/HarryRowo.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-433" title="HarryRowo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/HarryRowo-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Die nicht-weggeschmissenen Briefe Harry Rowohlts, nicht erschienen im gleichnamigen Verlag</p></div>
<p>Nach dem Tode Ernst Rowohlts 1960 leitete Ledig-Rowohlt den Verlag  weitgehend allein, auch wenn seinem erst fünfzehnjährigen Bruder Harry  nun 49 Prozent des Unternehmens gehörten. Beide hatten zwar nicht den  kraftstrotzenden Körper ihres Vaters, wohl aber manches von seinem  trink- und feierfreudigen Charakter geerbt. So versorgten auch sie den  Literaturbetrieb regelmäßig mit gern kolportierten Anekdoten oder  Bonmots. Den Familientraditionen auf der Spur absolvierte Harry Rowohlt  eine Verlagsausbildung bei Suhrkamp in Frankfurt und Grove Press in New  York. Doch die Führung der Rowohlt-Geschäfte wollte er nicht übernehmen,  sondern widmete sich lieber seinen ungewöhnlichen Talenten als  Übersetzer, Vortragskünstler, Autor und Schauspieler.</p>
<p>Also verkaufen die beiden Brüder 1982 – Ledig-Rowohlt war inzwischen  knapp 75 – ihren Verlag über Vermittlung des befreundeten Werner  Schoenicke an die Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe. Seither wird er von  wechselnden Verlagsleitern mit naturgemäß wechselnden Erfolgen geleitet,  unter anderem von Matthias Wegner, Michael Naumann (dem späteren  Kulturstaatsminister, Mitherausgeber der <em>Zeit</em>, Hamburger  SPD-Spitzenkandidaten und <em>Cicero</em>-Chefs), Nicolaus Hansen, Peter Wilfert bis hin zu  Alexander Fest heute. Ledig-Rowohlts Leben endete – fast möchte man  sagen: standesgemäß – 1992 auf einem Internationalen Verlegerkongress in  Neu-Dehli. Harry Rowohlt, 1996 zum &#8220;Ambassador of Irish Whiskey&#8221; ernannt,  sammelte für seine Übersetzungen und Bücher vom Jugendliteraturpreis  bis zum Brüder-Grimm-Preis, von der Goldenen Schallpatte für seine <em>Pu,  der Bär</em>-Lesung bis zum Göttinger Elch einige der schönsten  Auszeichnungen hierzulande. Das vergangene Jahrhundert der deutschen  Literatur, ohne die Rowohlts ist es schwer vorstellbar.</p>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;p=425</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
