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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; J.K. Rowling</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Gespräch mit Martin Mosebach über Charles Dickens</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Feb 2016 14:38:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Charles Dickens]]></category>
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		<category><![CDATA[Karl Marx]]></category>

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		<description><![CDATA[ &#8221;Vor allem: keine Psychologie!&#8221; Ein Gespräch mit dem Erzähler Martin Mosebach über den gigantischen Erfolg des Erzählers Charles Dickens, der heute Geburtstag hat: Weshalb seine Romane das Vorbild für Entenhausen sind, warum er zwar die Kinderarbeit seiner Zeit anprangerte, aber &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1618">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong> &#8221;Vor allem: keine Psychologie!&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit dem Erzähler Martin Mosebach über den gigantischen Erfolg des Erzählers Charles Dickens, der heute Geburtstag hat: Weshalb seine Romane das Vorbild für Entenhausen sind, warum er zwar die Kinderarbeit seiner Zeit anprangerte, aber über die Kinderprostitution kein Wort verlor und wieso er die Gesetze der kapitalistischen  Gesellschaft besser verstanden hatte als Karl Marx<br />
</strong></h2>
<p><strong>Uwe Wittstock: </strong>  Dickens’ Erfolg ist gigantisch. Seine Bücher haben eine Gesamtauflage von mehreren hundert Millionen. „Oliver Twist“ wurde mehr als 20-mal verfilmt, noch häufiger die Weihnachts-Geistergeschichte um den herzlosen Scrooge. Was macht diese literarische Anziehungskraft aus?</p>
<div id="attachment_1621" class="wp-caption alignright" style="width: 308px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/02/33194133z1.jpg"><img class="size-full wp-image-1621" title="33194133z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/02/33194133z1.jpg" alt="" width="298" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Hans-Dieter Gelfert: &quot;Charles Dickens, der Unnachahmliche&quot;. Eine Biografie. Verlag C.H. Beck, 14,95 Euro</p></div>
<p><strong>Martin Mosebach:</strong>   Die berühmten Romane „Oliver Twist“ und „David Copperfield“ oder auch die „Weihnachtsgeschichte“ haben den Welterfolg des Genres Jugendliteratur erst eigentlich möglich gemacht. Ihr Rezept: eine klare Trennung zwischen bösen und guten Charakteren und dazu einen jungen Helden, der sich als Identifikationsfigur anbietet. Jeder Jugendliche, der sich einsam, unverstanden und also unglücklich fühlt – wie man das als junger Mensch gelegentlich tut -, findet in diesen Romanen ein literarisches Gegenüber, in das er sich einfühlen kann. Und am Schluss siegt das Gute. Der junge Held triumphiert, die Sehnsucht junger Leser nach Anerkennung und Größe erfüllt sich. Die zahllosen jugendlichen Helden in den Jugendbüchern des 20. Jahrhunderts sind Enkel und Urenkel von Oliver Twist.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong>   Zugleich sind Dickens’ Romane sehr komisch.</p>
<p><strong>Mosebach: </strong>  Ja, das bunte Personal, das die Helden in Dickens’ Romanen umgibt, ist immer wieder hinreißend. Dickens hat die Figuren der italienischen Commedia dell’Arte und der altenglischen Weihnachtspantomime in die Prosaliteratur eingeführt und mit dem Gesellschaftsroman verschmolzen. Er hatte eine unerschöpfliche Fantasie, wenn es darum ging, kauzige, kuriose, witzige Nebenfiguren zu erfinden. Aber auch gruselige, erschreckende, beängstigende Gestalten. Er hat damit ein bis in unsere Gegenwart vielfach benutztes Erzählmodell entwickelt. Ganze Comic-Welten wie Disneys Entenhausen oder das Springfield der Simpsons folgen diesem Muster: Um eine Zentralfigur schart sich ein Ensemble von drolligen, leicht wiedererkennbaren Typen, die in bunter Folge auf- und wieder abtreten und so ein komisches Milieu erschaffen. Vor allem: keine Psychologie! Stattdessen: Typen- und Maskentheater! Auch „Harry Potter“ geht letztendlich auf Charles Dickens zurück: der jugendliche Held, umgeben von einer schier unüberschaubaren Menge bizarrer oder eben schauerlich-fantastischer Nebenfiguren.</p>
<div id="attachment_1622" class="wp-caption alignleft" style="width: 322px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/02/23319392z.jpg"><img class="size-full wp-image-1622" title="23319392z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/02/23319392z.jpg" alt="" width="312" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Charles Dickens: &quot;David Copperfield&quot;. Fischer Taschenbuch Verlag, 9,50 Euro</p></div>
<p><strong>Wittstock:</strong>   Anders als J. K. Rowling war Dickens ein ausgesprochen sozialkritischer Autor. Das Bild von der Not der Arbeiter im Manchester-Kapitalismus ist maßgeblich von Dickens mitgeformt worden.</p>
<p><strong>Mosebach:  </strong> Dickens hatte die Schattenseiten seiner Zeit am eigenen Leib erfahren. Er erlebte den sozialen Abstieg seiner Familie, als sein Vater ins Schuldgefängnis kam und er als Zwölfjähriger für zehn Stunden täglich zur Arbeit in eine Schuhwichsfabrik geschickt wurde. Er sah die gnadenlose Welt der Armen mit den Augen des abgestiegenen Bürgerlichen, der diesen Abstieg als Schande empfindet. Die Erinnerung an diesen realen Albtraum hat ihn zeitlebens nicht verlassen.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong>   Hat Dickens mit seinen Büchern zur Einschränkung der Kinderarbeit beigetragen?</p>
<p><strong>Mosebach: </strong>  Nicht nur mit seinen Büchern. Er polemisierte in zahllosen Zeitungsartikeln gegen die Lasten, die man in seiner Zeit den Kindern auflud. Andererseits hat er in seinen Romanen bestimmte Themen konsequent ausgespart: Die ganze Welt der Erotik und des Sexus zum Beispiel kommen bei ihm nicht vor. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in England ja nicht nur das Elend der Arbeitshäuser, in denen Oliver Twist fast umkommt. Vollständig wäre das Bild der Epoche erst, wenn Dickens auch die aus der Armut geborene Kinderprostitution beschrieben hätte, die damals an der Tagesordnung war. Dostojewski hat das gewagt. Doch die viktorianische Gesellschaft war zu prüde, um so etwas offen zur Sprache zu bringen. Auch damals gab es Sextourismus: Allerdings musste der Gentleman der englischen Middle Class nicht auf andere Kontinente reisen, sondern nur in die Armenviertel Londons.</p>
<p><strong>Wittstock: </strong>  Aber Dickens war kein Ideologe. Er hätte Karl Marx im London seiner Zeit treffen können, aber marxistische Ideen waren im völlig fremd.</p>
<div id="attachment_1623" class="wp-caption alignright" style="width: 308px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/02/26366498z.jpg"><img class="size-full wp-image-1623" title="26366498z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/02/26366498z.jpg" alt="" width="298" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Martin Mosebach: &quot;Schöne Literatur&quot;. Essays. dtv. 9,90 Euro</p></div>
<p><strong>Mosebach:</strong>   Die gesellschaftliche Ordnung wird in seinen Romanen nie in Frage gestellt. Letztlich war das soziale Elend viel größer, als er es schilderte. Dickens war kein Zola, er beschrieb das Elend so abgemildert, dass seine Leser es gerade noch ertragen konnten. Und die Lösung seiner Romane ist immer, dass zum guten Ende wohlhabende, gütige Menschen den Armen helfen und ihnen ihr Los erleichtern, nachdem vorher viele hartherzig weggeschaut haben. Auf diese Weise hat Dickens an das Gewissen seiner Leser appelliert. Man darf nicht vergessen: Marx rechnete fest mit einer proletarischen Revolution in England. Dickens’ Romane dagegen zielten darauf, das soziale Verantwortungsgefühl der bürgerlichen Leser zu schärfen. Er ist das literarische Pendant zum Tory-Premierminister Disraeli und seinem konservativen Paternalismus. Allerdings hatten die Engländer damals Kolonien, in die sie einen Teil ihrer sozialen Probleme verlagern konnten.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong>   War Dickens also ein Moralist?</p>
<p><strong>Mosebach:</strong>   Er glaubte fest an eine Kombination aus Vernunft und gutem Herzen. Man kann das naiv nennen. Aber es lag in diesem Glauben, so wie Dickens ihn in seinen Romanen ausgesprochen hat, zweifellos eine Kraft – auch politisch. Die Doktrin, die er erzählend propagiert hat, lautete: Gutsein lohnt sich. Man darf ihn deshalb wohl einen Moralisten nennen, denn er warb eben nicht für utopische Ziele, sondern für eine Linderung konkreter Leiden, die letztlich im Interesse der gesamten Gesellschaft lag. Rückblickend könnte man sagen: Dickens hat die Gesetze der kapitalistischen Gesellschaft besser verstanden als Karl Marx.</p>
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		<title>Philip Larkin: 90. Geburtstag</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Aug 2012 09:58:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Alison Lurie]]></category>
		<category><![CDATA[David Lodge]]></category>
		<category><![CDATA[Dietrich Schwanitz]]></category>
		<category><![CDATA[Ezra Pound]]></category>
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		<description><![CDATA[Plädoyer für das literarische „Pleasure Principle“ Heute vor 90 Jahre wurde Philip Larkin (1922-1985) geboren. Er war ein großartiger Lyriker, der nur wenige Gedichte veröffentlichte, gleichwohl aber als einer der bedeutendsten englischen Dichter des 20. Jahrhunderts gilt. Gemeinsam mit seinem &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=622">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Plädoyer für das literarische „Pleasure Principle“<br />
</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute vor 90 Jahre wurde Philip Larkin (1922-1985) geboren. Er war ein  großartiger Lyriker, der nur wenige Gedichte veröffentlichte, gleichwohl aber als einer der bedeutendsten englischen Dichter des 20. Jahrhunderts gilt. Gemeinsam mit  seinem Freund, dem Erzähler Kingsley Amis, den hierzulande viele nur als Vater des Romanciers Martin Amis kennen, ebnete er der englischen Literatur wichtige neue Wege. Deshalb hier eine Erinnerung  an Philip Larkin, an Kingsley Amis und an die nach wie vor erstaunliche breite Kluft zwischen englischer und  deutscher Literatur</strong></h3>
<p>Oxford 1941: Zwei Studenten, beide 19 Jahre alt, begegnen sich zum   ersten Mal. Nach einem mit dem Zeigefinger der rechten Hand angedeuteten   Pistolenschuss greift sich der eine ohne Zögern an die Brust, verzerrt   das Gesicht in Todesqualen, bricht zusammen, springt dann wieder auf  und  imitiert seinerseits Schussgeräusche, mal mit, mal ohne  Querschläger.  Der andere ist tief beeindruckt: „Zum ersten Mal hatte  ich das Gefühl,  mich in Gegenwart eines Talents zu befinden, das größer  war als das  meine.“</p>
<p>Eine etwas alberne Anekdote, zugegeben, aber sie gewinnt ihren Reiz   durch die Tatsache, dass aus den beiden bald eng befreundeten Studenten   zwei der vielleicht einflussreichsten Schriftsteller der englischen   Nachkriegsliteratur wurden: Philip Larkin (der Mann mit den ausgeprägten   Empfinden für das eigene Talent) und Kingsley Amis (der Mann, mit der   Begabung für Schussgeräusche).</p>
<p>Philip Larkin (1922 – 1985) wollte Romancier werden und entwickelte   sich zu einem der bedeutendsten und beliebtesten Lyriker des Landes.   Kinsley Amis (1922 – 1995) begann mit Gedichten und wurde einer der   wichtigsten und meistgelesenen Erzähler Englands. Auch wenn Larkin   seinen Wohnort Hull später kaum je verließ, verloren sich die beiden   zeitlebens nicht aus den Augen: Amis macht Larkin zum Paten seines   ersten Sohnes Philip (der zweite Sohn Martin Amis gehört heute zu den   prominentesten Schriftstellern des britischen Literaturbetriebs) und   hielt 1985 die Grabrede auf Larkin. Ihre jeweils ersten Romane sind 2010  in deutscher Übersetzung erschienen und beide Bücher bieten nicht  nur  beträchtliches Lesevergnügen, sondern lassen zugleich erkennen,  welche  diametral entgegengesetzten Wege die Literatur in Deutschland und   Großbritannien nach 1945 für lange Zeit beschritt.</p>
<p><strong>Jill und Jim</strong></p>
<p>Sowohl Larkin als auch Amis siedelten ihre Debüts im  Universitäts-Milieu an. Die Hauptfigur aus Larkins Roman <em>Jill</em> ist  Student in Oxford und man spürt sofort die Atmosphäre der typisch   englischen College- und Internatsgeschichten, von der noch heute J. K.   Rowlings Harry-Potter-Bücher zehren. Der Held aus Amis’ Roman <em>Jim im  Glück</em> ist Assistent eines halb vertrottelten Professors an einer  Provinz-Uni  und man kann das Buch als einen der ersten Campus-Romane  betrachten,  wie sie bis heute David Lodge oder Alison Lurie schreiben  und wie sie  Dietrich Schwanitz in Deutschland heimisch zu machen  versuchte.</p>
<p>Larkin war das Opfer einer unerträglichen Kindheit: Sein Vater muss   ein Monster an Pedanterie und seelischer Brutalität gewesen sein. Als   hoher Beamter Coventrys sympathisierte er mit den deutschen  Nationalsozialisten (!). Zwar  förderte er seinen Sohn Philip nach Kräften,  verachtete aber Frau und  Tochter offen und schuf in der Familie ein  Klima von Kälte und  Menschenfeindschaft. Wenn also Larkins erster Roman  <em>Jill</em> nicht gerade  überbordet vor Lebenszuversicht, sollte das niemanden wundern.</p>
<p>Sein Held Jack stammt aus einfachen Verhältnissen und kommt durch ein   Stipendium an eine der traditionsreichen Schulen Oxfords. Dort   bewundert er den sorglosen Snobismus seiner Mitschüler aus vermögendem   Hause, doch die machen sich nur lustig über ihn. In seiner Not erfindet   er sich eine Freundin, tauft sie Jill, schreibt sich selbst in ihrem   Namen Briefe und führt für sie ein mädchenhaftes Tagebuch – bis ihm eine   Schülerin namens Gillian begegnet, die der herbei phantasierten Jill   bis aufs Haar gleicht.</p>
<p>Das klingt zunächst wie der Entwurf zu einem Entwicklungsroman: Aus   einem noch unsicheren jungen Mann wird nach Ablenkungen von außen   (hochnäsige Mitschüler) und innen (ersehnter Geliebte) schließlich ein   gefestigter Charakter mit Uni-Abschluss und Traumfrau Gillian. Doch so   heiter und hoffnungsfroh geht es in Larkins literarischem Kosmos nicht   zu: Sein anfangs so verzagter Hauptdarsteller ist auch am Ende verzagt   und ob er sein Mädchen je bekommt, bleibt offen.</p>
<p>1947, nur ein Jahr nach <em>Jill</em>, veröffentlichte Larkin ein ähnlich  gestrickten Roman <em>A Girl in Winter</em>:  Hier ist es eine Bibliothekarin,  die sich aus ihrem tristen Leben in  die schwärmerische Erinnerung an  einen Urlaubsflirt flüchtet, sich  dadurch immer stärker isoliert und so  in ihrem freudlosen Alltag  steckenbleibt. Bei aller Ironie und  erzählerischen Präzision Larkins,  die seine Bücher zu einem  intellektuellen Genuss machen, vermitteln sie  einen recht skeptischen  Blick auf die Glücksmöglichkeiten der  unglücklich Geborenen.</p>
<p><strong>Klassiker der komischen Romanliteratur in England</strong></p>
<p>Schon der Titel <em>Jim im Glück</em> verrät, dass es bei Kingsley  Amis  optimistischer zugeht. In England gilt sein Erstling als moderner   Klassiker der komischen Romanliteratur. Amis hat ihn Larkin gewidmet  und  hatte Grund dazu: In den Briefen der beiden lässt sich nachlesen,  mit  welcher Sorgfalt und Ausdauer Larkin seinen Freund als –  unbezahlter –  Lektor bei der Arbeit an dem Manuskript beriet.</p>
<p>Kingsley Amis stilisiert den Titelheld seines Buches nicht zum   Waisenknabe: Jim hat spürbar mehr Interesse am Bier als an seiner   wissenschaftlichen Arbeit und dazu ein beeindruckendes Talent, sich in   sagenhaft peinliche Situationen zu bringen. Komisch wird die Geschichte   nicht zuletzt deshalb, weil Amis das alte universitäre Machtgefälle   zwischen Lehrstuhlinhabern und ihren Assistenten mit gnadenloser   Offenheit beschreibt. Jim wird von seinem Professor rücksichtslos für   dessen schrullige Hobbys eingespannt und Jim antwortet darauf mit einem   mühsam verborgenen, flammenden Hass, dem er durch groteske   Ersatzhandlungen heimlich Luft macht.</p>
<p>In einem Punkt sind sich beide Romane auffällig ähnlich: Die Figuren   orientieren sich in Liebesdingen nicht an ihren Leidenschaften, sondern   an Konventionen: Sie tun, was ihnen – angeblich – die Situation   diktiert, anstatt den eigenen Impulsen zu folgen. Larkins Held droht   darüber seine große Liebe zu versäumen und Amis’ Held besinnt sich erst   im letzten Moment eines besseren. Von derart wohlerzogenen Rücksichten   hielten diese beiden Schriftsteller rein gar nichts, sie gaben keinen   Pfifferling auf den so genannten Guten Ton: Larkin inszenierte sich   lustvoll als verbohrter Einsiedler und Menschenfeind, Amis machte nie   ein Geheimnis aus seinem ausgeprägten Bedürfnis nach Alkohol und Sex.</p>
<p><strong>Für das Publikum, das aus Vergnügen liest</strong></p>
<p>Gleiches galt für sie ebenso in literarischen Fragen, auch hier gaben   sie nicht viel auf den Guten Ton ihrer Zeit. Denn die stand ganz im   Zeichen einer Moderne, wie sie von Avantgardisten wie Ezra Pound, James   Joyce oder T. S. Eliot in der ersten Jahrhunderthälfte geprägt worden   war. Die universitäre Welt, der auch Larkin und Amis entstammten, lag   der hochgradig verschlüsselten und kommentierungsbedürftigen  Literatur  zu Füßen.</p>
<p>Doch die beiden hatten nur Spott und Verachtung für sie übrig – und   waren nicht nur beim Publikum, sondern auch bei vielen Kritikern   erfolgreich damit. Larkin verkündete das „Pleasure Principle“, also das   Spaß- und Genussprinzip der Poesie und gewann Zehn-, ja Hunderttausende   von Lesern für seine keineswegs gefälligen, immer aber   allgemeinverständlichen Gedichte. Amis wiederum war sich als anerkannter   Romancier nicht zu schade, Science Fiction-Stories oder nach dem Tod   von Ian Fleming einen Fortsetzungsband für dessen James-Bond-Serie zu   schreiben.</p>
<p>Schon weil die Nazis die literarische Moderne verfolgt und verboten   hatten, war sie in Deutschland in den ersten Nachkriegsjahrzehnten   nahezu sakrosankt. In England dagegen wirkte sie eher wie ein   angestaubtes Relikt der Vorkriegsjahre, wie ein kulturelles   Highbrow-Überbleibsel der alten Klassengesellschaft, die mit dem   Kriegsende endlich überwunden werden sollte.</p>
<p>Larkin und Amis waren Orientierungsfiguren dieser Rebellion gegen ein   allzu akademisches Verständnis von Literatur. Larkin schrieb damals:   „Wenn ein Dichter das Publikum verliert, das aus Vergnügen liest, hat er   das einzige Publikum verloren, das zählt.“ In Deutschland hätte sich   ein Autor mit solchen Sätzen schnell ins Abseits manövriert. In England   stiegen Larkin und Amis zu den höchsten Ehren ihres Landes auf.</p>
<p>Kingsley Amis:<br />
<em>Jim im Glück</em>. Roman<br />
Deutsch von Steffen Jacobs<br />
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin<br />
416 Seiten, 19,90 €<br />
ISBN 978-3-942048-10-1</p>
<p>Philip Larkin:<br />
<em>Jill</em>. Roman<br />
Deutsch von Steffen Jacobs<br />
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin<br />
398 Seiten, 19,90 €<br />
ISBN 978-3-942048-11-1</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Und hier die Stimme von Philip Lakin:</strong></p>
<p>http://www.youtube.com/watch?v=yDp234p_fCM</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
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