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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Gruppe 47</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Gespräch mit Ernst Augustin</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Oct 2015 16:17:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Augustin]]></category>
		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Handke]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Bis 12 Uhr war ich ein Literatur-Star&#8221; Ernst Augustin im Gespräch über seinen Roman “Schönes Abendland” von 2007, die Gruppe 47 und das Schreiben allein in der Wüste sowie die Schwarze Romantik. Der Schriftsteller Ernst Augustin feiert heute seinen 88. &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1450">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Bis 12 Uhr war ich ein Literatur-Star&#8221;</strong></h1>
<h2><strong>Ernst Augustin im Gespräch über seinen Roman “Schönes Abendland” von 2007, die Gruppe 47 und das Schreiben allein in der Wüste sowie die Schwarze Romantik.</strong></h2>
<div>
<h2><strong>Der Schriftsteller Ernst Augustin feiert heute seinen 88. Geburtstag und fällt aus der Reihe. Schon sein Haus im Münchner Stadtteil Neuhausen sticht heraus: Zwischen gleichförmigen Fassaden wirkt es von den Bäumen des eigenen Gartens wie umhüllt und verborgen. Sein Treppenhaus ist bis in den dritten Stock hoch ausgemalt von Augustins Ehefrau, der Malerin Inge Augustin. Der Hausherr, für den Architektur nicht nur in seinen Romanen eine große Rolle spielt, hat es mit Dachterrasse und Keller-Disko, mit Kajützimmer und privater Nachtbar, mit verschwiegenen Gängen und geheimen Türen zu einem sehr persönlichen Wunderhaus umgestaltet. Zur Feier seines Geburtstags hier ein Gespräch mit ihm über seinen großen Roman &#8220;Schönes Abendland&#8221;.</strong></h2>
<div id="attachment_1454" class="wp-caption alignright" style="width: 308px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/29748241z.jpg"><img class="size-full wp-image-1454" title="29748241z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/29748241z.jpg" alt="" width="298" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Ernst Augustin: &quot;Schönes Abendland&quot;. Roman. dtv. 12,90 Euro</p></div>
<p><strong>Uwe Wittstock:</strong> 2007 erschien ihr Roman „Schönes Abendland“, eine Neufassung ihres Romans „Mamma“ von 1970. Was für Erfahrungen haben Sie bei der Arbeit an diesem fast vier Jahrzehnte alten Buch gemacht?</p>
<p><strong>Ernst Augustin:</strong> Ich habe das Buch immer geliebt, aber es wurde nicht geliebt. Dann habe ich es noch einmal durchgelesen, und ich muss sagen, es war misslungen. Ich erzählte nacheinander die sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten von Drillingen. Aber die Reihenfolge war falsch. Ich habe die jetzt umgestellt, vieles neue geschrieben und verändert. Einer der drei Helden wird General, dessen Lebensgeschichte stand früher zu Anfang. Marcel Reich-Ranicki hat das Buch damals schroff abgelehnt, er fand es militaristisch. Offenbar hatte er nur den Anfang gelesen und die Ironie der Geschichte nicht verstanden. Heute würde er, mit dem Kaufmann beginnend, vielleicht mehr Stimmigkeit entdecken.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> „Schönes Abendland“ ist ein großer, anspruchsvoller Titel. Fast, als enthielte der Roman eine Art Weltformel, eine Erklärungsformel fürs gesamte Abendland.</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Es ist ein abendländisches Gleichnis. Es beginnt in der Renaissance-Zeit, in der drei Männer, der Kaufmann, der General und der Arzt für allzu großes Gewaltstreben hingerichtet werden. Sie werden auf der Stelle wiedergeboren – dieses Mal in unserer Zeit – und wieder streben sie mit allen Mitteln, die ihre Gesamtexistenz in sich trägt, nach Reichtum, Macht, Wissen. Im Übermaß. Ich habe diese drei Lebensläufe als eine Art absurde Kultur- und Sittengeschichte geschrieben: Absurdität des Habenwollens, der maßlosen Aufstiegs- (und Abstiegs-) Möglichkeiten, und der daraus resultierenden ziemlich tödlichen Ergebnisse. So erscheinen sie mir doch sehr abendländisch.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Wie war das Echo damals? Aus heutiger Sicht hat man nicht den Eindruck, dass ein so ironisch flirrendes, phantastisches, schrilles Buch gut in die Hochzeit der Studentenbewegung passte.</p>
<div id="attachment_1455" class="wp-caption alignleft" style="width: 485px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/22802790z.jpg"><img class="size-full wp-image-1455" title="22802790z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/22802790z.jpg" alt="" width="475" height="356" /></a><p class="wp-caption-text">Ernst Augustin: &quot;Romane und Erzählungen&quot; In acht Bänden. Verlag C.H.Beck. 78 Euro</p></div>
<p><strong>Augustin:</strong> Ich habe auch Zustimmung bekommen, größtenteils aber Ablehnung geerntet. Der Werbemann meines damaligen Verlages, Suhrkamp, hatte den Slogan geprägt: Man erzählt wieder. Das klang wie: Man trägt wieder Hut und kam gar nicht gut an. Der Roman passte wohl tatsächlich nicht in diese Zeit eines teilweise politischen, teilweise literarisch formalistischen Avantgardismus. Ich wollte erzählen, ich bin ein Erzähler. Vielleicht trifft das Buch heute auf offnere Ohren.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Sie haben aus diesem Roman auch 1966 in Princeton bei der Gruppe 47 gelesen?</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Da fing das Unglück schon an. Ich las dort einen Ausschnitt aus dem Romanteil über den Arzt unter meinen drei Helden. Eine in sich geschlossene, runde Geschichte über seine kindlichen Doktorspiele. Es war ein großer Erfolg, die Geschichte kam prächtig an, wurde hoch gelobt. Damals glaubte man ja noch, dass jeder, der von der Gruppe 47 gefeiert wird, sofort der nächste Literaturstar wird. Ein Journalist der Münchner Abendzeitung telegrafierte sofort in seine Redaktion: „Ich war dabei!“ Man hat mich richtiggehend hofiert. Aber nur bis 12 Uhr mittags. Am Nachmittag kam Peter Handkes großer Auftritt, seine Kritikerbeschimpfung, seine wütende Rede gegen die Gruppe 47. Damit war ich völlig abgemeldet. Ich existierte nicht mehr. Handke war nun der große Mann.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Man merkt das ihren Büchern deutlich an: Sie haben sich nicht den damals in Deutschland verbreiteten literarischen Trends angeschlossen. Welche Vorbilder hatten Sie statt dessen?</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Ich hatte wenig Vorbilder. Ich kam ja aus der DDR. Die ganze Moderne gab es da gar nicht. Es gab keinen James Joyce, es gab noch nicht einmal Kafka. Was ich dort gelesen habe, waren die großen russischen Autoren, ich habe Gogol gelesen und sehr geliebt. Dann natürlich Thomas Mann. Und Hans Fallada, ein ausgesprochener Erzähler, den ich sehr mochte. Ansonsten aber habe ich mich vor allem mit den Romantikern beschäftigt. Mit E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Edgar Allan Poe, Melville. Die Romantiker sind für mich bis heute der wichtigste literarische Bezugspunkt.</p>
<p><strong>Wittstock:</strong> Haben Sie damals überhaupt in Deutschland gelebt?</p>
<p><strong>Augustin:</strong> Ja und nein. Ich habe ja immer einen Fuß draußen gehabt. Ich kam 1958 aus der DDR in den Westen und bin dann direkt nach Afghanistan gegangen, habe dort bis 1961 als Arzt gearbeitet für eine amerikanische Firma, die unter anderem einen Staudamm baute, Brücken und ein Bewässerungssystem. Entwicklungshilfe eben. Dort habe ich dann angefangen zu schreiben. Meinen ersten Roman „Der Kopf“. Das war geboren aus der Situation. Ich saß allein mitten in der Wüste und schrieb vor mich hin. Und habe mir so durch meine Figuren etwas Gesellschaft verschafft. Nach 1961 kam ich dann zurück nach Deutschland, bevor ich in Mittelamerika, in Costa Rica gearbeitet habe. Das Aufnahmeverfahren als DDR-Flüchtling in der Bundesrepublik habe ich erst nach meiner Rückkehr aus Afghanistan gemacht. Genau genommen war ich dort – den DDR-Pass hatte ich nicht mehr, den neuen Pass noch nicht – drei Jahre lang staatenlos.</p>
<div id="attachment_1456" class="wp-caption alignright" style="width: 284px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/41877628z1.jpg"><img class="size-full wp-image-1456" title="41877628z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2015/10/41877628z1.jpg" alt="" width="274" height="420" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Ernst Augustin&quot;. Edition Text + Kritik. Göttingen 2015. 24 Euro</p></div>
<p><strong>Wittstock:</strong> Das ist vielleicht eine bezeichnende Episode für Ihr Schicksal: Sie sind ein Sonderfall. Ihr üppiges, schwelgerisches, ebenso phantastisches wie realistisches Fabulieren passt hierzulande nicht in die üblichen Kategorien.</p>
<p><strong> Augustin:</strong> Eigentlich bin ich selbst Romantiker. Es ist ja eine sehr deutsche, eine urdeutsche literarische Veranlagung. Schwarze Romantik liegt mir am meisten. Es muss im Hintergrund immer ein schweres Gewitter aufziehen, immer schwarz bei aller Lieblichkeit im Vordergrund, bei aller Ironie und leichter Hand, die ich rüberzubringen versuche. Es ist mein Los und meine Freude.</p>
</div>
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		<title>Guppe 47 geht in Pension</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 05:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ortsbesichtigung. Atlas der Autoren]]></category>
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		<description><![CDATA[Kleines Haus, großes Dach Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt. Eine Ortsbesichtigung Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kleines Haus, großes Dach</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt.</strong></h3>
<h3><strong> Eine Ortsbesichtigung</strong></h3>
<p>Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder am  Hennenkopf. Was sind schon sechzig Jahre für Felsriesen wie sie.  Ansatzlos steigen sie aus den Feldern um den Bannwaldsee auf fast  zweitausend Meter. Auch an St. Coloman, der Wallfahrtskirche, dürfte  sich wenig verändert haben. Unwirklich schön steht sie in ihrer barocken  Pracht samt Zwiebelturm inmitten der sattgrünen Wiesen vor dem  Alpenhorizont. Aber sonst. Sonst ist nichts wie damals. Vermutlich lässt  sich Vergänglichkeit nicht eindringlicher spürbar machen als durch die  Verwandlung eines einst wichtigen, vielleicht historischen Ortes in  einen Campingplatz.</p>
<p>Hier haben selbst die Häuser Räder. Hier ist alles beweglich,  flüchtig, immer auf dem Sprung, hier bleibt nichts. Vielleicht ist das  ja das passende architektonische Symbol für eine Epoche, die  Flexibilität, Tempo, eifrigen Wandel zu ihren Lieblingstugenden zählt:  der Campingplatz. In einem der wenigen festen Häuser hier, das sich  dreißig Meter vorm Bannwaldsee unter sein Dach duckt wie unter einen zu  großen Hut und das heute von Caravans umzingelt ist, kamen vor sechzig  Jahren acht Männer, zwei Frauen und drei Paare für ein Wochenende  zusammen, um sich aus ihren Manuskripten vorzulesen. Und um über das  Gelesene zu reden. Mehr nicht.</p>
<div id="attachment_661" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus.jpg"><img class="size-medium wp-image-661" title="Gruppe47Haus" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das Haus am Bannwaldsee: Ort des ersten Treffens der Gruppe 47 am 6. und 7. September 1947 (Rs-Foto)</p></div>
<p>Bald nannten sie sich Gruppe 47, verabredeten sich wieder in  wechselnden Besetzungen an wechselnden Orten – auch sie beweglich, immer  auf dem Sprung. Ihre Treffen wuchsen in wenigen Jahren zu der  dominierenden literarischen Institution der Bundesrepublik heran. Der  Aufstieg Heinrich Bölls begann mit dem Preis der Gruppe, der unbekannte  Günter Grass las vor ihr aus seiner „Blechtrommel“ und war am Tag danach  ein Schriftsteller mit Weltruhm.</p>
<p><strong>Trainingslager der Demokratie ?</strong></p>
<p>Die Debatten über die Gruppe finden bis heute kein Ende. Sie wird  gefeiert und verteufelt, mal ist sie eine der unersetzlichen  Pflanzschulen demokratischen Geistes in der jungen Bundesrepublik, mal  eine Versammlung unbewusst antisemitischer Alt-Landser mit Neigung zum  literaturpolitischen Machiavellismus. Auch das Hin- und Herwogen unserer  Meinungen legt beachtliches Tempo vor.</p>
<p>„Unterkunft für 10 Personen ab 6.September reserviert“, telegrafierte  Ilse Schneider-Lengyel am 25. August 1947 an Hans Werner Richter. Sie  war Lyrikerin, Fotografin, Ethnologien und vor den Nazis emigriert.  Zurückgekehrt suchte sie im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an  den Kulturbetrieb. Sie schrieb für Richters „Ruf“ und als der die  Zeitschrift „Skorpion“ plante und künftige Mitarbeiter zu einer Art  gemeinsamer Lektoratssitzung zusammenholen wollte, bot sie ihm ihr Haus  am Bannwaldsee als Treffpunkt an. Sie hatte in den zwanziger Jahren bei  dem Bauhaus-Lehrer Lászlo Moholy-Nagy studiert und in Paris einige der  großen Surrealisten kennengelernt. Manche ihre Gedichte quollen über vor  surrealistischen Bildern – jede Zeile ein Seziertisch, auf dem sich  Nähmaschine und Regenschirm begegnen. Sie muss sich empfindlich fremd  gefühlt haben, zwischen den jungen Leuten, die ihr da ins Haus kamen und  auf Hitlers Schulen von der Moderne nichts gehört hatten.</p>
<p><strong>Häuptling Richter</strong></p>
<p>Niemand wird behaupten wollen, Hans Werner Richter, der zum  unumstrittenen Spiritus movens, zum „Chef“ und „Häuptling“ der Gruppe  wurde, habe je einen objektiven Blick auf ihre Mitglieder gehabt. Aber  zumindest deren Anfänge hat er nie beschönigt. Später nannte er die  Autoren, die er an den Bannwaldsee eingeladen hatte, „literarische  Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens“. Unter dem Vorgelesenen  gab es „keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge,  dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung  verratend.“</p>
<p>Sofort jedoch erblickte das später legendäre Ritual der Gruppe das  Licht der Welt: Die Lesung auf dem gefürchteten „Elektrischen Stuhl“  samt unmittelbar folgender, wenig schonungsvoller Stehgreif-Kritik, wie  sie bis heute im Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis fortlebt.  „Es gibt“, erinnerte sich Richter, „keine Zwischenrufe, keine  Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweils  Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach  der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sage ich: ‚Ja, bitte  zur Kritik. Was habt ihr dazu zu sagen?’ Und nun beginnt, was keiner in  dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau,  die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor  den Mund.“</p>
<p><strong>Das Wunder der Gruppe 47</strong></p>
<p>Zum Rätsel, zum Wunder der Gruppe 47 gehört, wie es ihr gelang, aus  diesen zufälligen, dürftigen Anfängen zur machtvollsten Vereinigung des  bundesdeutschen Literaturbetriebs zu werden. Bis heute hat keine  Akademie, kein Schriftstellerverband oder PEN-Club je wieder ihre  Ausstrahlungskraft erreicht. Hans Werner Richter, dieses – wie Grass es  nannte – „Genie der Freundschaft“, verstand es, eine nachwachsende Elite  von Autoren und Kritikern an die Gruppe zu binden. Grass, Böll,  Schnurre, Alfred Andersch, Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser,  Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Walter Jens, Hans Mayer, Marcel  Reich-Ranicki, Joachim Kaiser.</p>
<p>Natürlich gab es in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auch eine  deutsche Literatur jenseits der Gruppe 47. Die großen Emigranten, Thomas  Mann, Döblin, Brecht hatten sie als Podium nicht nötig und hätten sich  eher die Zunge abgebissen, als für sie zu lesen. Auch jüngere Autoren  wie Max Frisch oder Dürrenmatt machten ohne sie ihren Weg. Arno Schmidt  weigerte sich, vor der Gruppe aufzutreten, obwohl Gerüchte umgingen, er  stünde als ihr Preisträger so gut wie fest: „Ich eigne mich nicht als  Mannequin.“</p>
<p>Man war für die Gruppe, man war gegen sie, wichtige Kritiker wie  Friedrich Sieburg bekämpften sie. Aber gleichgültig ließ sie niemanden.  Sie polarisierte die gesamte Buchbranche und rückte schon deshalb immer  mehr in deren Mittelpunkt.</p>
<p><strong>Wanderzirkus der Literatur</strong></p>
<p>Zu den Erfolgsgeheimnissen der Gruppe zählt das Desaster, das die  Nazis hinterlassen hatten. Nie zuvor waren Land und Kulturbetrieb so  gründlich zerstört, nie war das Bedürfnis nach moralischer  Wiederaufrichtung so groß. Doch in zwölf Jahren Diktatur hatte sich das  alte literarische Leben desavouiert, es gab keine kulturelle Metropole  mehr, keine eingeübten Mechanismen, über die Autoren zu Verlegern  fanden, keine Orientierungspunkte, an denen Kritiker ihr Urteil hätten  schärfen können. Da bot sich die Gruppe als Treffpunkt an, als  Drehscheibe, als luftiges Wanderzentrum, in dem der Literaturbetrieb  sich neu finden und erfinden konnte.</p>
<p>Wie für Gründerzeiten üblich, wurden auch in dieser dann Karrieren  gemacht, die von nachgeborenen Autoren bestaunt, aber wohl nicht  eingeholt werden können. In kurzer Zeit wurde ein mediales  Aufmerksamkeits-Kapital aufgehäuft, das sich bis heute in vielen Fällen  recht mühelos verzinst. Der Unmut mancher jüngerer Schriftsteller über  die Gruppe 47 sollte also niemanden verwundern. Unterschiedlicher können  Autoren-Generationen kaum sein: Die ältere hatte aus dem Krieg einen  ungeheueren Erfahrungsdruck mitgebracht, aber oft wenig literarische  Bildung. Für die heute jungen Autoren hält das Leben gewöhnlich alle  literarischen Bildungschancen bereit, doch nur selten Erfahrungen, die  sich in ihrer Dringlichkeit mit denen der Alten messen können.</p>
<p><strong>Nonkonformisten im Gleichschritt</strong></p>
<p>Zum ideologischen <em>think tank</em> wollte Richter seine Gruppe nie  machen. Er wachte bei den Tagungen eisern darüber, dass sie jede  politische Festlegung vermied – denn das hätte sich als Sprengsatz  erweisen können, der die 47er auseinanderriss. Doch von Beginn an  herrschte in ihren Reihen ein eher sozialistischer als  sozialdemokratischer Konsens, und nachdem die Gruppe zur literarischen  Großmacht aufstieg, beherrschte dieser Konsens lange auch das Klima der  Buchbranche. Die Autoren, die sich in Adenauers Deutschland selbst gern  als Nonkonformisten bezeichneten, hatten einen neuen geistigen  Konformismus geboren, der erst in den neunziger Jahren  auseinanderzubröckeln begann.</p>
<p>Das Ende lässt etwas von Größe und Geist der Gruppe erkennen.  Ungezählte Kulturinstitutionen leben fort und fort, obwohl ihre Funktion  längst erfüllt und ihre Zeit vorbei ist. Richter dagegen rief, nachdem  studentenbewegte Demonstranten 1967 gegen ein Gruppentreffen  protestierten, seine Autoren nicht wieder zusammen. Einige von ihnen  hatten sich gleich eilfertig mit den Demonstranten solidarisiert. Es war  überdeutlich, dass der allmähliche Abstieg der Schriftsteller als  öffentliche Orientierungsfiguren und der Aufstieg anderer Vordenker  begonnen hatte. Da die Gruppe in diesem Augenblick die Kraft zu einem  selbstgezogenen Schlussstrich fand, vermied sie, zu einem Schatten ihrer  selbst zu verkümmern und wurde damit endgültig legendenfähig.</p>
<p><strong>Kraft zum Schlussstrich</strong></p>
<p>Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus alles begann, blieben zu diesem  Zeitpunkt nur noch wenige Jahre. Sie hatte an den Treffen bis 1950 und  ein letztes Mal 1957 teilgenommen. Ihr Gedichtband „september-phase“  erschien 1952, doch gelang es ihr nicht, sich wieder einzufädeln in den  literarischen Betrieb. Sie lebte allein, rauchte viel, schrieb wenig und  starb 1972 in einer psychiatrischen Klinik.</p>
<p>Die Leute vom Bannwaldsee haben ihr eine Woche vor dem 60.  Gründungsjubiläum der Gruppe eine kleine Erinnerungsfeier im Festzelt  ausgerichtet. Der 2.Bürgermeister, ein massiger Mann mit beiden Beinen  sehr fest auf dem Boden, erinnerte sich an sie, die oft auf dem Motorrad  durch den Ort fuhr, als er noch ein Bub war. Danach spielte ein Quartett, wurden einige ihrer Gedichte gelesen, kantige, spröde Verse, die  sich aneinander reiben wie an Sandpapier. Dazu trommelte Regen aufs  Zeltdach, auf die Caravans ringsum und auf das kleine Haus am See mit  seinem großen Dach.</p>
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		<title>Der vergessene Dichter Wolfgang Bächler</title>
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		<pubDate>Thu, 24 May 2012 06:42:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten Vor fünf Jahren starb der ebenso hochbegabte wie unglückliche Schriftsteller Wolfgang Bächler. Er war eines der größten lyrischen Talente der Nachkriegsjahre und zugleich ein spätes Opfer des Zweiten Weltkriegs. Erinnerungen an einen Vergessenen &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=349">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<div>
<h2><strong>Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten</strong></h2>
<h3><strong>Vor fünf Jahren starb der ebenso hochbegabte wie unglückliche Schriftsteller Wolfgang Bächler. Er war eines der größten lyrischen Talente der Nachkriegsjahre und zugleich ein spätes Opfer des Zweiten Weltkriegs. Erinnerungen an einen Vergessenen<br />
</strong></h3>
<div id="attachment_354" class="wp-caption alignleft" style="width: 124px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/Bächler1.jpg"><img class="size-full wp-image-354" title="Bächler" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/Bächler1.jpg" alt="" width="114" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Türen aus Rauch&quot;. Gedichte. Verlag Buch &amp; Media. 19 Euro</p></div>
<p>Talent und Tragödie sind mitunter Nachbarn. Bei kaum einem anderen  Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur lässt sich diese  traurige Konstellation so deutlich studieren wie bei Wolfgang Bächler.  1925 in Augsburg geboren, wurde er achtzehnjährig in Wehrmacht  eingezogen, schon bald darauf in Frankreich schwer verwundet und geriet  in Gefangenschaft. Bereits seine ersten, nach Kriegsende noch in  Zeitschriften verstreut veröffentlichten Gedichten verschafften ihm den  Ruf, einer der wesentlichen neuen Autoren der Zeit zu sein. Kein Zufall, dass er, als sich die Gruppe 47 unter Hans Werner Richter  zusammenfand, als jüngster Autor zum Gründungstreffen eingeladen wurde.</p>
<p>Als dann 1950 sein erster Gedichtband <em>Die Zisterne</em> erschien, war  dies ein Ereignis. Gottfried Benn schrieb damals: „Wolfgang Bächler  gehört zu den ganz wenigen neuen Lyrikern, die mich interessieren, an  deren Weg ich glaube. Er hat persönliches Erleben und Mut zu offener,  sammelnder wie zerstörerischer Form…“. Und Thomas Mann nannte ihn einen  Dichter mit „echter Lebensinbrunst“, der „viel von der Qual und  Zerrüttung der Zeit“ in seinen Versen eingefangen habe.</p>
<p>In jenen Jahren stellte man Bächler ganz selbstverständlich auf eine  Stufe mit Lyrikern wie Günter Eich, Paul Celan oder Ingeborg Bachmann.  Er brachte die Erfahrungen seiner Generation poetisch zur Sprache. Einer  Generation, deren kindlicher Idealismus von den Nationalsozialisten  missbraucht worden war und die, als sie von den Schlachtfeldern  zurückkehrten, nur noch Trümmerlandschaften sowohl materieller wie  moralischer Art vorfanden. „Die Erde bebt noch von den Stiefeltritten“,  heißt es in einem seiner frühen Gedichte, „die Wiesen grünen wieder Jahr  für Jahr. / Die Qualen bleiben, die wir einst erlitten, / ins Antlitz,  in das Wesen eingeschnitten. / In unsren Träumen lebt noch oft, was  war.“</p>
<p>Aus seinen Gedichten sprachen vor allem der Schock des Krieges und  die Erkenntnis, dass letztlich nicht nur die Opfer, sondern auch die  Täter den zerstörerischen Folgen der Gewalt nicht entgehen. Wenn es so  etwas wie einen pazifistischen Grundkonsens in jenen frühen Jahren der  Bundesrepublik gab, fand er nicht zuletzt in der Lyrik Bächlers seinen  literarischen Ausdruck. Das Gedicht wurde dabei für ihn eine Art bessere  Gegenwelt, es war für ihn, wie er schrieb, „der einzige Weg zu  Augenblicken des Glücks und der Befreiung, zu einer Ordnung und Lösung,  die Freiheit schafft.“</p>
<p>Doch: Die Verletzungen des Kriegs reichen tief, und nicht wenige  fallen ihnen noch lange</p>
<div id="attachment_357" class="wp-caption alignright" style="width: 154px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerSchlaf.jpg"><img class="size-full wp-image-357" title="BächlerSchlaf" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerSchlaf.jpg" alt="" width="144" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Im Schlaf&quot;. Traumprosa. S.Fischer Verlag. 16 Euro</p></div>
<p>nach der Heimkehr zum Opfer. Ab Mitte der  fünfziger Jahre begann Bächler unter schweren Depressionen zu leiden,  abgelöst von manischen Phasen. Ein zermürbendes Auf und Ab begann, dass  ihn bis zu seinem Tod nicht mehr verließ, und dass seine literarische  Arbeitkraft immer mehr einschränkte. Er versank mal wie gelähmt in sich  selbst und wurde dann wieder zu einem überreizten Sucher, zu einem  fieberhaft Getriebenen, der nirgends mehr Ruhe finden konnte. Die zehn  besten Jahre, die ihm noch blieben, lebte er, mit einer Französin  verheiratet, in Frankreich. 1967 kehrte er nach Deutschland zurück und  verbrachte, wenn er nicht ärztliche Hilfe benötigte, viel Zeit auf  ausgedehnten Reisen.</p>
<p>„Ich wechselte noch oft die Städte und die Länder“, schrieb er in  seinem Prosaband <em>Stadtbesetzung</em> (1979), „ich sah mich auch, der  beiderseitigen Propaganda misstrauend, hinter dem eisernen Vorhang um,  zuerst von Peter Huchel und Stephan Hermin eingeladen, dann auch von  Brecht, Bloch und Lukács angezogen und von der Wirklichkeit, die so sehr  zu ihren Ideen kontrastierte, enttäuscht. Ich führte ein schweigendes  Leben, schlug meine Zelte häufig auf und ab, ein unsteter  Einzimmerbewohner, kurzum ein unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher  Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten kann  und Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur  Verzweiflung bringt.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg sprachen viele Deutsche von ihrem Vertriebenenschicksal &#8211; was Wolfgang Bächler von seinem Leben blieb, war ein Getriebenenschicksal. Zumindest in den manischen Phasen seiner Krankheit. In den depressiven Phasen versank er in sich und in der Sprachlosigkeit.</p>
<p>Aus therapeutischen Gründen, aber auch um ein urpoetische Terrain auf  seine Weise zu erkunden, begann Bächler von den fünfziger Jahren an bis  in die achtziger Jahre hinein seine Träume zu notieren. Diese  Kurzprosastücke von einer oft erschreckender Illusionslosigkeit wurden  in den Bänden <em>Traumprotokolle</em> (1972) und <em>Im Schlaf</em> (1988)  zusammengefasst: Finstere Nachrichten aus einer labyrinthischen Welt  voller Schrecken und ohne jede Zuflucht.</p>
<p>Der oft als herzlos gescholtene Kulturbetrieb hat manches getan, um  Bächlers Los zu erleichtern. Martin Walser und Michael Krüger vor allem  setzten sich als literarische Fürsprecher für ihn ein. Regisseure wie  Fassbinder, Werner Herzog und Volker Schlöndorff gaben ihm kleine Rollen  in ihren Filmen. Am 24. Mai 2007 starb Wolfgang Bächler im Alter von 82 Jahren in  München.</p>
<div id="attachment_355" class="wp-caption alignleft" style="width: 118px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerKopf.jpg"><img class="size-full wp-image-355" title="BächlerKopf" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/05/BächlerKopf.jpg" alt="" width="108" height="180" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Bächler: &quot;Von einem der auszog, sich köpfen zu lassen&quot; S.Fischer Verlag. 14 Euro</p></div>
<p>1990 gehörte ich zu den Menschen, die Bächler &#8211; nach seinen eigenen Worten &#8211; &#8220;durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung&#8221; brachte. Ich war Lektor des Frankfurter S. Fischer Verlags geworden und fand unter den Manuskripten, die mir mein Vorgänger hinterlassen hatte, Bächlers Roman <em>Von einem, der auszog, sich köpfen zu lassen</em>. Ein großartiges kleines Buch, das den Geist der unmittelbaren Nachkriegszeit atmete. Allerdings hatte es eine Schwäche: Es war nicht fertig. Ich besuchte Bächler in München, sprach lange mit ihm über den Text, beschwor ihn, die Geschichte zu Ende zu schreiben, schmeichelte ihm, flehte ihn an, drängte ihn, wurde ärgerlich, unterdrückte meinen Ärger, lag vor ihm auf den Knien. Er saß in einer winzigen Wohnung, umgeben von alten Büchern, alten Bildern und quälenden Erinnerungen. Er schaute auf den jungen Mann, der auf ihn einredete wegen eines Romanmanuskripts und der tatsächlich keine größeren Sorgen zu haben schien, als die Termine der Druckerei. Schließlich lieferte er ein paar abschließende Sätze, doch kamen sie mir mehr vor wie eine unduldsame Geste der Gegenwart gegenüber, die ihn aus einer ihm unendlich viel wichtigeren Vergangenheit herauszureißen versuchte. Das Buch erschien, wurde von der Gegenwart kaum bemerkt, und Wolfgang Bächler kehrte in seine Vergangenheit zurück, die ihn nie losließ.</p>
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		<title>Maxim Billers Quartalsschwachsinn</title>
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		<pubDate>Sun, 02 Oct 2011 12:08:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
		<category><![CDATA[Helene Hegemann]]></category>
		<category><![CDATA[Ichzeit]]></category>
		<category><![CDATA[Maxim Biller]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Herrndorf]]></category>

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		<description><![CDATA[Keine Ichzeit Als sich Maxim Biller einmal gründlich verhob und glaubte, die deutsche Literatur fest im Griff zu haben. Gern würde ich Trotzkopf Maxim Biller ja irgendwie mögen. Ich gebe mir auch immer wieder Mühe. Aber er macht es einem &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=25">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Keine Ichzeit</strong></h2>
<h3><strong>Als sich Maxim Biller einmal gründlich verhob und glaubte, die deutsche Literatur fest im Griff zu haben. </strong></h3>
<p>Gern würde ich Trotzkopf Maxim Biller ja irgendwie mögen. Ich gebe mir auch immer wieder Mühe. Aber er macht es einem nicht leicht. Vor allem, wenn er wieder mal einen seiner Anfälle von Quartalsschwachsinn hat.</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2011/10/BuchBilder-042.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-26" title="BuchBilder 042" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2011/10/BuchBilder-042-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a></p>
<p>Heute vermisst er in der FAS großräumig &#8220;die Epoche, in der wir schreiben&#8221; und tauft sie &#8220;Ichzeit&#8221;. Falls ich alles richtig verstanden habe, ist es in seinen Augen das Kennzeichen unserer Epoche, dass die großen Autoren in ihren Büchern ihre &#8220;ganze verletzende und verletzliche Person stolz ins grelle öffentliche Licht&#8221; rücken. Biller hält das für richtig, weil dies derzeit ohnehin jeder täte, denn die Selbstbesessenheit werde &#8220;heutzutage auch beim normalsten Facebook-Nutzer durch die Medienlupe bis ins Monströse vergrößert.&#8221;</p>
<p>Gut und schön, offenbar glaubt Biller, in der Affirmation läge das Glück der Literatur. Das sei ihm gegönnt &#8211; mindestens ebenso wie sein alter Fimmel, falsche Superlative (&#8220;normalst&#8221;) für lustig zu halten.</p>
<p>Aber zum einen sind die Kriterien, die er für seine These nennt, so weit und unscharf gefasst, dass sie die halbe Weltliteratur umfassen: &#8220;Fast jedes der bedeutenden deutschen Bücher der vergangenen Jahre kommt in der ersten Person Singular daher &#8211; oder zumindest ist der Protagonist dem Autor zum Verwechseln ähnlich.&#8221; Zum anderen sind die Bücher, die er als Belege für seine These aus den letzten 25 Jahren herbeizitiert, derart willkürlich ausgewählt, dass sie alles und nichts beweisen.</p>
<p>Um nur ein Beispiel zu nennen: Der wunderbare Roman <em>Tschick</em> von Wolfgang Herrndorf ist reine Erfindungs-Literatur, ist eben nicht authentisch, sondern eine perfekte Fiktion, aus der sich der Autor persönlich heraushält. Herrndorf erschafft diese Fiktion, er selbst kommt nicht darin vor &#8211; nur seine Haltung zur Welt tritt in Erscheinung.</p>
<p>Wenn Billers Ansicht nach <em>Tschick</em> ein Beispiel für die Literatur der &#8220;Ichzeit&#8221; sein soll, daneben aber auch Helene Hegemanns <em>Roadkill</em>, dann kann einfach alles und jedes Literatur der Ichzeit sein. Ansonsten zieht er noch ein bisschen über die Literatur der Gruppe 47 und die 68igern her, doch es gibt derzeit wohl kaum etwas, das noch abgeschmackter, abgegriffener und altbackener ist als das Gruppe-47-und-68iger-Bashing. Was Biller jenseits von Honorar und Eitelkeit dazu treibt, derart dünne Laubsägearbeiten von sich zu geben, ist mir ein Rätsel. Das Ganze liest sich noch nicht einmal schwungvoll oder provokativ. Sondern langatmig und &#8211; eben &#8211; selbstbesessen. Ein Alterswerk.</p>
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