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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Franz Fühmann</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Lobrede auf &#8220;Ein mögliches Leben&#8221; von Hannes Köhler</title>
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		<pubDate>Sun, 02 Dec 2018 10:36:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Über Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Franz Fühmann]]></category>
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		<category><![CDATA[Scott Fitzgerald]]></category>
		<category><![CDATA[William Faulkner]]></category>

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		<description><![CDATA[Der lange Kampf gegen die Vergangenheit Am 26. November wurde der Schriftsteller Hannes Köhler für seinen Roman &#8220;Ein mögliches Leben&#8221; (Ullstein Verlag) mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger 2018 ausgezeichnet. Die Verleihung des Preises fand in Berlin statt, ich durfte &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=2416">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Der lange Kampf gegen die Vergangenheit</strong></h1>
<h2><strong>Am 26. November wurde der Schriftsteller Hannes Köhler für seinen Roman &#8220;Ein mögliches Leben&#8221; (<a href="http://https://www.ullstein-buchverlage.de/verlage/ullstein.html">Ullstein Verlag</a>) mit dem Buchpreis der <a href="http://https://www.ravensburger.net/stiftung/stiftung/index.html">Stiftung Ravensburger </a>2018 ausgezeichnet. Die Verleihung des Preises fand in Berlin statt, ich durfte dazu eine Laudatio auf den Roman beisteuern &#8211; und saß danach mit Hannes Köhler und seiner spanischen Freundin <strong>einen Abend lang bei einem sehr guten, von der Stiftung organisierten Essen bei</strong>sammen. Meine kleine Lobrede möchte ich hiermit gern zur Diskussion stellen.</strong></h2>
<p>Sehr geehrte Frau <a href="http://https://www.ravensburger-gruppe.de/de/presse/pressemitteilungen/unternehmen/ravensburger-verlegerin-dorothee-hess-maier-wird-80-jahre/index.html">Hess-Meyer</a>,<br />
sehr geehrter Herr <a href="http://https://www.buchmarkt.de/menschen/runde-geburtstage/n-a-52/">Hauenstein</a>,<br />
vor allem aber: sehr geehrter <a href="http://https://hanneskoehlerautor.wordpress.com/">Hannes Köhler</a><br />
und sehr verehrte Damen und Herren,</p>
<p>es gibt einen Satz von <a href="http://William Faulkner">William Faulkner</a>, der hierzulande immer wieder gern zitiert wird. Er lautet: „Die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist noch nicht einmal vergangen.“ Er  stammt aus Faulkners „Requiem für eine Nonne“ und nicht aus seinem wohl berühmtesten Buch <a href="http://https://www.zeit.de/1979/46/licht-im-august/komplettansicht">„Licht im August“</a>, auf das Hannes Köhler in seinem Roman gelegentlich anspielt. Der Held aus „Licht im August“ heißt Joe Chrismas und winkt uns Lesern freundlich zu von einem der amerikanischen Kartoffelfelder, von denen Köhler in seinem Roman erzählt.</p>
<div id="attachment_2420" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/koe96652.jpg"><img class="size-medium wp-image-2420" title="koe9665" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/koe96652-300x226.jpg" alt="" width="300" height="226" /></a><p class="wp-caption-text">Hannes Köhler, Foto Copyright Gerald von Foris</p></div>
<p>Es ist ein Satz, der es in sich hat. Man kann ihn wie ein Motto sowohl über viele Gesellschaftsromane als auch Familienromane setzen. Und das ist kein Zufall, denn kluge Familienromane erzählen aus einer gleichsam mikroskopischen Perspektive von der Geschichte der Gesellschaft, deren kleinste soziale Einheiten eben die Familien sind. Hannes Köhlers Roman ist ein solcher kluger, klug gebauter Familienroman, der sich die Zeit nimmt, am Beispiel des Schicksals eines Mannes namens Franz Schneider zu zeigen, dass die Vergangenheit niemals tot, ja dass sie noch nicht einmal vergangen ist, sondern dass sie mit umso größerer Macht fortwirkt, je mehr wir uns der Illusion hingeben, sie sei längst abgetan und vergessen.</p>
<p>Das Besondere und das in meinen Augen literarisch besonders Gelungene an Köhlers Roman ist dabei, dass er nicht der Versuchung erliegt, aus seiner Hauptfigur Franz Schneider einem Helden nach dem Geschmack unserer Gegenwart zu machen. Er zeigt ihn stattdessen als Spielball und Opfer der deutschen Geschichte in der entsetzlichen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, er zeigt ihn als einen Mann, der im Tumult mörderischer politischer Katastrophen oft falsche und manchmal richtige Entscheidungen trifft, immer aber eine ambivalente, zwiespältige Figur bleibt, die den Leser nie zur bequemen Identifikation einlädt.</p>
<p>Franz Schneider ist ein Bergmann aus Essen-Katernberg, und sein Schöpfer Hannes Köhler hat diesen Beruf nicht zufällig für ihn gewählt. Denn Schneiders Schicksal ist es, sich einen Lebensweg aus der brutalen geistigen und politischen Enge des Nationalsozialismus wie ein Verschütteter in eine freiere Welt graben zu müssen – über sich wie ein Berg die unermessliche deutsche Schuld und in sich die Sehnsucht nach Weite, Leichtigkeit und Offenheit. Als er als junger, hitlergläubiger Soldat in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerät, erlebt er in der Landschaft von Texas und Utah eine Weite und Offenheit und in der Mentalität vieler Amerikaner eine Freiheit und Leichtigkeit, die ihn berauschen. Doch in beides einzutauchen gelingt ihm nicht, so sehr er es sich auch wünscht, denn seine Vergangenheit als Hitler-Soldat und als Kind der Nazi-Enge ist eben nicht tot, ja sie ist nicht einmal vergangen.</p>
<p>Der in der DDR berühmte, in Deutschlands Westen zu unrecht fast unbekannte Schriftsteller <a href="http://http://www.franz-fuehmann.de/">Franz Fühmann</a> hat in seinen autobiographisch grundierten Büchern ein ähnliches Schicksal wie das von Franz Schneider beschrieben, auch wenn <a href="http://https://www.amazon.de/Franz-F%C3%BChmann-Uwe-Wittstock/dp/3406331572">Fühmann</a> nicht in amerikanische, sondern sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet. Wie Schneider konnten sich auch <a href="http://https://www.welt.de/print-welt/article326419/Jeder-Text-war-fuer-ihn-Bekenntnis.html">Fühmann</a> zunächst schwer von seiner jugendlichen Hitlerverehrung lösen, wie für Schneider bedeuteten auch für Fühmann die deutschen Verbrechen eine schier unerträgliche moralische Mitverantwortung, wie Schneider erlebte auch Fühmann eine rasche und scheinbar umfassende politische Wandlung vom Nazi-Anhänger zum Nazi-Gegner, legte aber eine tiefergehende Dumpfheit, in die er als Hitler-Junge hineinerzogen und eine Verrohung, in die er als Wehrmachtssoldat hineingedrillt wurde, erst sehr viel später ab. (Meine kleine Fühmann-Monografie ist <a href="http://https://www.amazon.de/Franz-F%C3%BChmann-Uwe-Wittstock/dp/3406331572">hier</a> zu haben.)</p>
<div id="attachment_2425" class="wp-caption alignleft" style="width: 202px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/KoehlerCover2.jpg"><img class="size-medium wp-image-2425" title="KoehlerCover" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/KoehlerCover2-192x300.jpg" alt="" width="192" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Hannes Köhler: &quot;Ein mögliches Leben&quot;. Roman. Ullstein Verlag 2018</p></div>
<p>Hannes Köhler zeigt das alles in seinem Roman mit großartiger erzählerischer Genauigkeit. Wie Franz Schneider, unterstützt durch seinen Freund Paul, das eingeimpfte Nazi-Denken hinter sich lässt und den Krieg aus amerikanischer Perspektive zu sehen beginnt. Wie seine unbelehrbar hitlergläubigen Mitgefangenen ihn deshalb als Verräter ausgrenzen, verfolgen und bedrohen. Wie sein Freund Paul von solchen Unbelehrbaren im Lager ermordet wird, und er selbst nur überlebt, weil er sich vom amerikanischen Wachpersonal verhaften und in ein anderes Lager verlegen lässt.</p>
<p>Hätte Köhler jedoch nur dieses Kapitel von Schneiders Kriegsgefangenschaft geschildert, er hätte einen recht einseitigen, undifferenzierten Roman geschrieben. Die ungewöhnliche literarische Qualität seines Buches und auch die Menschen- und Geschichtskenntnis des Autors erweisen sich darin, was er vom zweiten Teil von Schneiders Gefangenschaft erzählt. Dass Schneider nämlich nach dem Tod seines Freundes Paul von Rachsucht nicht frei ist, dass er in dem neuen Gefangenenlager, in das er verlegt wird, frühzeitig Gleichgesinnte um sich schart, dass er mit ihnen gemeinsam die sturen Hitleranhänger unter den Mitgefangenen seinerseits ausgrenzt, verfolgt und bedroht und dass er sich schließlich an der Ermordung eines solchen Unbelehrbaren beteiligt. Er glaubt in diesem Moment, seine Nazi-Vergangenheit überwunden zu haben, aber in ihm ist diese Vergangenheit keineswegs tot, in ihm ist sie noch lange nicht vergangen, sondern sie wirkt – obwohl die politischen Vorzeichen ausgetauscht wurden – mit brutaler Unmenschlichkeit fort.</p>
<p>Geschichte geht nicht spurlos an uns vorüber, Hannes Köhler zeigt das in seinem Roman auf eindringliche Weise. Was Franz Schneider im Krieg und in der Gefangenschaft zugemutet wurde, hat manches in diesem Bergmann gleichsam zu Stein erstarren lassen. Bezeichnenderweise sammelt er kleine Steine, die er an den entscheidenden Orten seiner Biographie aufliest. Seine Persönlichkeit hat schroffe Bruchkanten, an denen sich selbst seine Familie üble Verletzungen zuziehen kann. Die menschliche Aufgeschlossenheit und Freiheit, die er an vielen Amerikanern bewundert, bleibt für ihn oft unerreichbar, zum Beispiel wenn es um Kritik an jenem geliebten Amerika geht. Als seine Tochter Barbara in den Jahren der Studentenbewegung gegen den Krieg der USA in Vietnam protestiert, reagiert er nicht mit Verständnis, sondern mit Ausgrenzung wie er sie im Gefangenenlager erfahren hat. Er wirft seine Tochter aus dem Haus, er verbannt sie mit steinerner Konsequenz aus seinem Leben und reicht so das Trauma der Ausgrenzung innerhalb der Familie an die nächste Generation weiter.</p>
<p>Sobald Köhlers Roman nicht mehr allein von Franz Schneider erzählt, sondern auch von seiner Tochter Barbara und seinem Enkel Martin, sobald er sich also zum Familienroman weitet, skizziert er zugleich etwas von der Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik in familiärem Maßstab. Barbara zum Beispiel ist keine stereotype, sondern glücklicherweise eine wohltuend unfanatische Achtundsechzigerin. Sie hat von frühester Kindheit an um die Aufmerksamkeit und Liebe ihres seltsam kühlen, distanzierten, erstarrten Vaters werben müssen. Nicht zuletzt deshalb hat sie wohl seine Begeisterung für amerikanische Literatur auch zu der ihren gemacht. Aber als sie von ihm mit fast alttestamentarischer Härte verstoßen wird, beginnt auch sie sich gegen ihren Vater zu verhärten und auf seine Ablehnung ihrerseits mit Ablehnung zu reagieren. Erst ihr Sohn Martin, der Enkel Franz Schneiders, ist von dieser Konfrontation biographisch weit genug entfernt, um Neugier auf die Geschichten seines Großvaters zu entwickeln und durch die gemeinsame Reise nach Amerika die Gespräche zwischen den Generationen wieder in Gang zu bringen.</p>
<p>Doch das ist längst nicht alles, Köhler macht wie nebenbei auch andere mentalitätsgeschichtliche Entwicklungen spürbar. Als Franz Schneider aus der Kriegsgefangenschaft  nach Deutschland zurückkehrt, dort eine Frau kennenlernt und sie schwängert, ist für beide selbstverständlich klar, dass sie heiraten müssen. Es ist eine Ehe, in der oft das Schweigen herrscht und die von Ausbruchsphantasien begleitet wird, die aber für beide einen felsenfesten, steinernen Bestand hat. Für ihre Tochter Barbara ist die Ehe dann nur der äußere Rahmen für eine Liebe, die sie mit ihrem Mann verbindet. Als die Liebe verschwindet, gibt sie ganz selbstverständlich auch die Ehe auf. Für den Enkel Martin wiederum scheint Sex kein großes Thema zu sein, jede Andeutung einer festeren Bindung jedoch ein erhebliches Problem. Als er nach einem One-Night-Stand Vater wird, schließt er das Kind sofort ins Herz, aber es braucht einen ungeheuer langen und windungsreichen Weg, bevor er auch seiner Zuneigung zu der Mutter des Kindes die Chance des Zusammenlebens gibt.</p>
<div id="attachment_2424" class="wp-caption alignright" style="width: 234px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/koe96992.jpg"><img class="size-medium wp-image-2424" title="koe9699" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2018/12/koe96992-224x300.jpg" alt="" width="224" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Hannes Köhler, Foto Copyright Gerald von Foris</p></div>
<p>„Die Vergangenheit ist niemals tot“, schreibt William Faulkner, „sie ist noch nicht einmal vergangen.“ Sie wirkt in uns fort, sie beherrscht uns oft stärker, als wir es selbst wissen. Und das bedeutet zugleich, wir können vieles an anderen Menschen, mehr noch: wir können vieles an den Menschen in der eigenen Familie erst richtig verstehen, wenn wir ihre Vergangenheit zu verstehen beginnen. Hannes Köhlers Roman erzählt von der langen Reise eines Enkels in die Vergangenheit seines Großvaters. Er erzählt nicht nur davon, dass der Enkel seinen Großvater daraufhin besser begreift, sondern auch davon, dass der Großvater die eigene Geschichte mit anderen Augen zu betrachten beginnt und zum ersten Mal versucht, sich seiner Tochter zu erklären. Dieses wiederbegonnene Gespräch nach Jahren des Schweigens wird nicht alle Wunden heilen, machen wir uns nichts vor, manche Wunden sind zu tief, sie verschwinden nicht, sie können allenfalls vernarben. Aber ein wiederbegonnenes Gespräch eröffnet Chancen: auf mehr Verständnis, auf mehr Milde im Umgang oder gar auf Bereitschaft zur Vergebung. Und diese Bereitschaft gehört wohl zu dem, von dem wir sprechen, wenn wir von Familie sprechen.</p>
<p>Wie sorgsam und liebevoll <a href="http://https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/ein-moegliches-leben-9783550081859.html">Hannes Köhler seinen Roman „Ein mögliches Leben“</a> gebaut hat, zeigt sich vor allem an den Details seiner Geschichte. An einer Stelle heißt es zum Beispiel, Franz Schneider habe sich in der Abstellkammer seines Reihenhäuschens ein Arbeitszimmer eingerichtet, um dort amerikanische Romane zu lesen und seiner Träume von der Weite und Offenheit Amerikas zu träumen. Für mich ist das ein ungeheuer intensives Bild: Ich stelle mir diese Abstellkammer eng vor, bedrückend und lichtlos. Der frühere Bergmann Franz Schneider muss sich dort gefühlt haben, als kehre er in die finsteren, engen Stollen zurück, in denen er einst arbeitete. Von realer Offenheit und Weite keine Spur.</p>
<p>Vielleicht darf ich abschließend einen kleinen literarischen Wunsch in diese Lobrede einflechten. Ich weiß natürlich nicht, welche Bücher Franz Schneider in seinem winzigen Arbeitszimmer gelesen hat, Hannes Köhler deutet nur seine Begeisterung für Hemingway und Faulkner an. Doch ich wünschte mir, es wäre auch <a href="http://https://www.cliffsnotes.com/literature/g/the-great-gatsby/book-summary">„The Great Gatsby“</a> darunter gewesen, jener grandiose Roman von <a href="http://https://www.biography.com/people/f-scott-fitzgerald-9296261">Scott Fitzgerald</a>, der von einem Mann erzählt, der aus einem Weltkrieg zurückkehrt. Es ist ein anderer Krieg als der, aus dem Franz Schneider zurückkehrt, aber das ist egal. Auch Gatsby hat Verletzungen davongetragen, die niemand recht begreifen kann, der den Krieg nicht erlebt hat. Und auch Gatsby scheitert an dem Versuch, sich von dieser Vergangenheit zu lösen und in eine neue, offene, freie Zukunft zu treten. Und falls Franz Schneider, wie ich es mir wünschte, irgendwann „The Great Gatsby“ gelesen haben sollte, dann dürfte ihm vielleicht der ebenso wunderbare wie erschütternde Satz aufgefallen sein, den Fitzgerald an den Schluss seines Romans gestellt hat: „So kämpfen wir weiter“, heißt es da, „ so kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.“</p>
<p>Lieber Hannes Köhler, Sie haben ein sehr kluges, verständnisvolles, sehr beeindruckendes Buch geschrieben. Ich gratuliere Ihnen zu diesem Roman, und ich gratuliere Ihnen zum Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Befreiung vom Fanatismus: Eine Erinnerung an Franz Fühmann in seinen Briefen</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jan 2016 08:51:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die vier Lebenswege des literarischen Extremisten Franz Fühmann In Zeiten, in den religöser Fanatismus Terror verbreitet und Europa in ausgrenzenden und aggressiven Nationalismus zurückzufallen droht, ist die Erinnerung an einen Schriftsteller wie Franz Fühmann wichtig. Wäre er nicht viel zu &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1551">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Die vier Lebenswege des literarischen Extremisten Franz Fühmann</strong></h1>
<p><strong>In Zeiten, in den religöser Fanatismus Terror verbreitet und Europa in ausgrenzenden und aggressiven Nationalismus zurückzufallen droht, ist die Erinnerung an einen Schriftsteller wie Franz Fühmann wichtig. Wäre er nicht viel zu früh an Krebs gestorben, könnte er heute Geburtstag feiern. Er war vielleicht der bedeutendste Schriftsteller der DDR. Sein Leben und sein Lebenswerk zeigt, wie sich ein Mensch aus den Borniertheiten des ideologischen und dogmatischen Denkens befreien und sich den Weg zu einem offenen Denken bahnen kann.<br />
</strong></p>
<div id="attachment_1553" class="wp-caption alignright" style="width: 196px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/06752070z1.jpg"><img class="size-full wp-image-1553" title="06752070z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/06752070z1.jpg" alt="" width="186" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Barbara Heintze: &quot;Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen&quot;. Mit einer Epilog von Sigrid Damm. Hinstorff Verlag. Nur antiquarisch lieferbar.</p></div>
<p>Ein Schicksal, zerrissen wie unser Jahrhundert: Franz Fühmann führte vier Leben, vier grundverschiedene, diametral entgegengesetzte Existenzen. Dennoch blieb er sich stets im tiefsten Sinne treu.</p>
<p>Er schien unverwüstlich, seine Energie und Willenskraft unerschöpflich. Nach seinem viel zu frühen Tod, wird deutlich, was die Literatur an Franz Fühmann verloren, was sie an ihm gewonnen hat: Vielleicht war er der bedeutendste Schriftsteller der DDR.</p>
<p>Fühmann war ein literarischer Extremist. Wo andere zurückschreckten, begann für ihn erst der Wert und die Würde seiner Arbeit. Hartnäckig und ohne sich selbst zu schonen, wühlte er in den Wunden der deutschen Geschichte und in denen seines totalitären Staates. Er war stets auf das Äußerste aus, auf die ganze, ungeteilte Wahrheit – was ihm harte Kämpfe und auch schmerzhafte Niederlagen eintrug. Doch hat er deshalb in seiner Arbeit niemals Kompromisse oder auch nur diplomatische Zugeständnisse gemacht.</p>
<p>Im Westen Deutschlands ist Fühmann noch immer wenig bekannt. Einige seiner Erzählungen wie „Das Judenauto“ fanden zwar schon vor Jahrzehnten Eingang in die Lesebücher der alten Bundesrepublik. Auch wurde er von Kritikern gefeiert und mit großen Literaturpreisen geehrt. Dennoch stand er  im Schatten anderer DDR-Autoren, deren Bücher besser in das vom Kalten Krieg bestimmte Klima der Zeit passten.</p>
<div id="attachment_1554" class="wp-caption alignright" style="width: 319px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/41234CM3JBL._SX307_BO1204203200_.jpg"><img class="size-full wp-image-1554" title="41234CM3JBL._SX307_BO1,204,203,200_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/41234CM3JBL._SX307_BO1204203200_.jpg" alt="" width="309" height="474" /></a><p class="wp-caption-text">Uwe Wittstock: &quot;Franz Fühmann&quot;. Lebens- und Werkgeschichte. Verlag C.H. Beck. Leider nicht lieferbar. Für 5 Euro beim Autor zu haben. Mail an: uwe.wittstock@web.de</p></div>
<p>Heute aber, da Islamisten die Gefahren des religiös Fundamentalismus tagtäglich der Welt vor Augen stellen und andererseits nach Euro-, Griechenland- und Flüchtlingskrise die Gefahr eines neuen aggressiven Nationalismus in Europa mit Händen zu reifen ist, jetzt erst tritt der intellektuelle Rang Fühmanns deutlich hervor. Seine Briefe aus den Jahren 1950 bis 1984, spiegeln nicht nur fünfunddreißig der vierzig Jahre DDR-Literaturgeschichte wider. Sie lassen zugleich noch einmal miterleben, wie aus dem besessenen Ideologen Fühmann ein souveräner, pluralistisch denkender Mensch und Schriftsteller wurde. Ein ergreifendes, mitreißendes geistiges Schauspiel. Für März dieses Jahres sind zwei neue Bände mit Briefen von Fühmann angekündigt: Seine Korrespondenz mit dem Bildhauer Wieland Förster und die mit seinem Lektor Kurt Batt.</p>
<p>Der 1922 geborene Fühmann war von klein auf zum Fanatismus erzogen worden. Seine bigotte Mutter, die im Alter einem religiösen Wahn verfiel, unterwarf den Sohn strengster katholischer Zucht. Schon als Zehnjährigen schickten ihn seine Eltern in ein Jesuiteninternat bei Wien, wo die Kinder mit rabiaten Mitteln zur künftigen Kirchenelite geformt werden sollten. Doch der Drill zeitigte beim Zögling Franz andere als die erwünschten Folgen: Nach vier Jahren kehrte er der Schule den Rücken: als konsequenter Atheist.</p>
<p>Unter dem Einfluss seines nationalsozialistisch gesinnten Vaters entschied er sich daraufhin in den dreißiger Jahren für ein ganz anderes Leben: Er wurde Mitglied einer nationalsozialistischen Jugendorganisation und besuchte das Gymnasium „in Stiefeln und Braunhemd“. Noch vor Kriegsbeginn trat er der Reiter-SA bei und blieb bis zur Kapitulation Deutschlands 1945 ein treuergebener Soldat Hitlers, der fest an die Überlegenheit der germanischen Rasse und an den Endsieg glaubte.</p>
<div id="attachment_1555" class="wp-caption alignleft" style="width: 94px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/11NSSPVS39L._BO1204203200_.jpg"><img class="size-full wp-image-1555" title="11NSSPVS39L._BO1,204,203,200_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/11NSSPVS39L._BO1204203200_.jpg" alt="" width="84" height="142" /></a><p class="wp-caption-text">Franz Fühmann: &quot;Briefe 1950-1984&quot;. Hinstorff Verlag, Nur antiquarisch lieferbar.</p></div>
<p>Diese Phase seines Lebens hat Fühmann nachträglich oft dramatisch überhöht. Obwohl er lediglich als Funker am Krieg teilnahm und nie einen Schuss in einem Gefecht abfeuerte, urteilte er unerbittlich über sich selbst: „Meine Schulzeit insgesamt ist eine gute Erziehung zu Auschwitz gewesen.“ Er fragte sich wieder und wieder, ob er als KZ-Wachmann ebenso widerspruchslos seinen Befehlshabern gefolgt wäre, wie er es als einfacher Soldat getan hatte. Strenger als er ist kein anderer deutscher Schriftsteller der Nachkriegszeit mit sich selbst ins Gericht gegangen. Im Gegenteil: Zahllose wichtige Autoren haben über Jahrzehnte ihre kleinen oder großen politischen Verfehlungen während der Nazi-Jahre beschönigt, beschwiegen oder geleugnet.</p>
<p>In der sowjetischen Kriegsgefangenschaft begann dann Fühmanns dritter Lebensweg: Er wurde auf eine der berüchtigten Antifa-Schulen geschickt, wo man ihn zu einem begeisterten Anhänger Stalins umerzog. Der Druck auf die Schüler war so enorm, dass, wie Fühmann später berichtete, manche in den Selbstmord flüchteten. Doch Fühmann nahm, getrieben von Schuldgefühlen wegen der deutschen Kriegsverbrechen, den neuen, den kommunistischen Glauben von ganzem Herzen an. Er wollte am Aufbau einer besseren und gerechteren Welt mitarbeiten. Dies war für ihn keine leere Phrase, sondern ein Vorhaben, dem er sich mit Haut und Haar verschrieb.</p>
<p>Als entschlossener Stalinist kehrte er Weihnachten 1949 nach Deutschland, in die DDR, nach Ostberlin zurück, wo er sich in den fünfziger Jahren zu den strikt linientreuen Schriftstellern des Landes zählte. Er veröffentlichte nur das, was seiner Partei genehm war und unterwarf sich bereitwillig ihren kulturpolitischen Vorgaben.</p>
<div id="attachment_1556" class="wp-caption alignleft" style="width: 207px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/44226883z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1556" title="44226883z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/44226883z-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Für März 2016 angekündigt: Franz Fühmann und Wieland Förster: &quot;Nun lesen Sie mal schön! Briefwechsel 1968 - 1984&quot;. Hinstorff Verlag, 24 Euro</p></div>
<p>Aber die Kluft zwischen den Idealen und der Wirklichkeit seines neuen Staates blieb ihm nicht lange verborgen. Anfangs versuchte Fühmann noch, die schönen Worte der Propaganda für sich notdürftig mit den tristen Tatsachen des Alltags in Einklang zu bringen. Doch traten ihm die Lebenslügen der DDR schon bald so deutlich vor Augen, dass seine sozialistischen Überzeugungen zu wanken begannen.</p>
<p>Jahrelang betäubte er seine Zweifel mit Alkohol. Wie alles in seinem Leben tat er auch dies radikal und gründlich: Die Ärzte gaben ihm nur noch wenige Monate, als er im August 1968 von der Okkupation der Tschechoslowakei durch die Truppen des Warschauer Pakts erfuhr. Die Nachricht vom brutalen Ende des Prager Frühlings empörte ihn zutiefst und gab ihm Kraft, mit dem Regime seines Staates und zugleich mit dem Alkohol zu brechen.</p>
<p>Fühmanns Briefe lassen erkennen, wie rasch er sich daraufhin zu einem unnachsichtigen Kritiker der DDR wandelte. Er beschränkte sich zunächst auf das Feld, auf dem er sich am besten auskannte, besser als jeder Funktionär: das Feld der Literatur. Er polemisierte vehement gegen die Anmaßung der offiziellen Kulturpolitik, forderte Toleranz gegenüber allen Spielarten der Dichtung und setzte sich beharrlich für junge, in politische Bedrängnis geratene Autoren ein.</p>
<p>Viele von denen, die er damals unter seinen Schutz stellte, werden heute zu den besten Poeten der DDR-Zeit gezählt: so Sarah Kirsch, Wolfgang Hilbig oder Uwe Kolbe. Verblüffend, was für einen herausfordernden und entschiedenen Ton er gegenüber den Machthabern anschlug. In einem offenen Brief an Klaus Höpcke, den stellvertretenden Kulturminister und obersten Zensor des Staates, übte er 1977 Radikalkritik an der Partei: „Weder ein einzelner, noch ein Berufsstand, noch irgendeine soziale Organisation oder politische Gruppierung ist im alleinigen Besitz der Wahrheit.“ Dem Minister dürfte der Atem gestockt haben.</p>
<p>Fühmann machte sich über seinen politischen Einfluss keine Illusionen. Er wusste, mit welchem Zynismus die Funktionäre alle unliebsamen Kommentare der Schriftsteller beiseite schoben. Aber er wollte – selbst auf das Risiko hin, sich lächerlich zu machen – nicht die geringste Chance zur öffentlichen Kritik ungenutzt verstreichen lassen.</p>
<p>Heute beweisen seine Worte: In dieser deutschen Diktatur hatte der einzelne weit größere Möglichkeiten zur Verweigerung oder zum Widerspruch, als es die Mitläufer des Regimes jetzt glauben machen wollen.</p>
<div id="attachment_1557" class="wp-caption alignleft" style="width: 202px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/42755730z.jpg"><img class="size-medium wp-image-1557" title="42755730z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/01/42755730z-192x300.jpg" alt="" width="192" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Für März 2016 angekündigt: Franz Fühmann &quot;Die Briefe&quot;. Briefwechsel mit Kurt Batt. &quot;Träumen und nicht verzweifeln&quot;. Hinstorff Verlag, 22 Euro</p></div>
<p>Fühmann gehörte nicht zu den Schriftstellern, die Politisches und Poetisches säuberlich voneinander trennen können. Ihm geriet jedes Buch, jeder Text, jeder Brief in irgendeiner Weise zum Bekenntnis. Nachdem er die ideologischen Denkschemata hinter sich gelassen hatte, plädierte er ohne jede Rücksicht für vorbehaltlose Meinungsvielfalt in der DDR. So erkannte er schon Ende der siebziger Jahre, was die Strategen der SED nicht sehen wollten: Die Idee eines uniformen, straff organisierten sozialistischen Staates war längst überlebt und würde schon bald der zunehmenden Ablehnung durch die Bevölkerung nicht mehr standhalten können.</p>
<p>Mit diesen Ansichten stellte er sich im offiziellen Kulturleben seines Landes endgültig – und wohl auch bewusst – ins Abseits. Er näherte sich den französischen oder amerikanischen Philosophen, die in den folgenden Jahren die postmoderne Vielfalt der westlichen Welt erforschten und beschrieben.</p>
<p>Doch den letzten Schritt, den Schritt in den Westen, mochte Fühmann nicht mehr vollziehen. Die vergangenen Kämpfe hatten ihn erschöpft, und es fehlte ihm die Kraft, seinen vier Existenzen eine weitere, eine fünfte hinzuzufügen. „Ich kann so nicht mehr leben“, bekannte er, kurz bevor er von seiner tödlichen Krankheit erfuhr, „finde keine andre Möglichkeit, stehe vor Konsequenzen, die irgendwie das Ende bedeuten, muss sie ziehen, kann sie nicht ziehen – (bin) also halt ein verbrauchter, abgewirtschafteter alter Mann, und da ist´s immer am besten: Grube graben, alten Mann reinschmeißen, Grube zuschippen, gell?“</p>
<p>Ein Jahr später erfüllte sich diese Forderung. Er starb im Juli 1984 in der Ostberliner Charité. Noch in seinem literarischen Testament aber werden sein lebenslanger Kampf um Aufrichtigkeit und sein Zorn auf Opportunismus und Verlogenheit spürbar: Den Vorzeige-Schriftstellern der DDR Gerhard Henninger, Dieter Noll und Hermann Kant untersagte er ausdrücklich, an seiner Beerdigung teilzunehmen. „Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: in der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten.“</p>
<p><em>Am 8. Oktober 2015 fand in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin ein Kolloquium zum Werk von Franz Fühmann statt. Auch dies ein Indiz, dass die Bedeutung seiner Arbeit an Aktualität gewinnt und verstärkt Aufmerksamkeit findet</em>.<br />
Hier der Link zur FES:</p>
<p>http://www.fes-forumberlin.de/content/kulturpolitik-2015/fuehmann.php</p>
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