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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; David Lodge</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Philip Larkin: 90. Geburtstag</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Aug 2012 09:58:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Alison Lurie]]></category>
		<category><![CDATA[David Lodge]]></category>
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		<category><![CDATA[Ezra Pound]]></category>
		<category><![CDATA[J.K. Rowling]]></category>
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		<category><![CDATA[Kinsley Amis]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Amis]]></category>
		<category><![CDATA[Philip Larkin]]></category>
		<category><![CDATA[T. S. Eliot]]></category>

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		<description><![CDATA[Plädoyer für das literarische „Pleasure Principle“ Heute vor 90 Jahre wurde Philip Larkin (1922-1985) geboren. Er war ein großartiger Lyriker, der nur wenige Gedichte veröffentlichte, gleichwohl aber als einer der bedeutendsten englischen Dichter des 20. Jahrhunderts gilt. Gemeinsam mit seinem &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=622">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Plädoyer für das literarische „Pleasure Principle“<br />
</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute vor 90 Jahre wurde Philip Larkin (1922-1985) geboren. Er war ein  großartiger Lyriker, der nur wenige Gedichte veröffentlichte, gleichwohl aber als einer der bedeutendsten englischen Dichter des 20. Jahrhunderts gilt. Gemeinsam mit  seinem Freund, dem Erzähler Kingsley Amis, den hierzulande viele nur als Vater des Romanciers Martin Amis kennen, ebnete er der englischen Literatur wichtige neue Wege. Deshalb hier eine Erinnerung  an Philip Larkin, an Kingsley Amis und an die nach wie vor erstaunliche breite Kluft zwischen englischer und  deutscher Literatur</strong></h3>
<p>Oxford 1941: Zwei Studenten, beide 19 Jahre alt, begegnen sich zum   ersten Mal. Nach einem mit dem Zeigefinger der rechten Hand angedeuteten   Pistolenschuss greift sich der eine ohne Zögern an die Brust, verzerrt   das Gesicht in Todesqualen, bricht zusammen, springt dann wieder auf  und  imitiert seinerseits Schussgeräusche, mal mit, mal ohne  Querschläger.  Der andere ist tief beeindruckt: „Zum ersten Mal hatte  ich das Gefühl,  mich in Gegenwart eines Talents zu befinden, das größer  war als das  meine.“</p>
<p>Eine etwas alberne Anekdote, zugegeben, aber sie gewinnt ihren Reiz   durch die Tatsache, dass aus den beiden bald eng befreundeten Studenten   zwei der vielleicht einflussreichsten Schriftsteller der englischen   Nachkriegsliteratur wurden: Philip Larkin (der Mann mit den ausgeprägten   Empfinden für das eigene Talent) und Kingsley Amis (der Mann, mit der   Begabung für Schussgeräusche).</p>
<p>Philip Larkin (1922 – 1985) wollte Romancier werden und entwickelte   sich zu einem der bedeutendsten und beliebtesten Lyriker des Landes.   Kinsley Amis (1922 – 1995) begann mit Gedichten und wurde einer der   wichtigsten und meistgelesenen Erzähler Englands. Auch wenn Larkin   seinen Wohnort Hull später kaum je verließ, verloren sich die beiden   zeitlebens nicht aus den Augen: Amis macht Larkin zum Paten seines   ersten Sohnes Philip (der zweite Sohn Martin Amis gehört heute zu den   prominentesten Schriftstellern des britischen Literaturbetriebs) und   hielt 1985 die Grabrede auf Larkin. Ihre jeweils ersten Romane sind 2010  in deutscher Übersetzung erschienen und beide Bücher bieten nicht  nur  beträchtliches Lesevergnügen, sondern lassen zugleich erkennen,  welche  diametral entgegengesetzten Wege die Literatur in Deutschland und   Großbritannien nach 1945 für lange Zeit beschritt.</p>
<p><strong>Jill und Jim</strong></p>
<p>Sowohl Larkin als auch Amis siedelten ihre Debüts im  Universitäts-Milieu an. Die Hauptfigur aus Larkins Roman <em>Jill</em> ist  Student in Oxford und man spürt sofort die Atmosphäre der typisch   englischen College- und Internatsgeschichten, von der noch heute J. K.   Rowlings Harry-Potter-Bücher zehren. Der Held aus Amis’ Roman <em>Jim im  Glück</em> ist Assistent eines halb vertrottelten Professors an einer  Provinz-Uni  und man kann das Buch als einen der ersten Campus-Romane  betrachten,  wie sie bis heute David Lodge oder Alison Lurie schreiben  und wie sie  Dietrich Schwanitz in Deutschland heimisch zu machen  versuchte.</p>
<p>Larkin war das Opfer einer unerträglichen Kindheit: Sein Vater muss   ein Monster an Pedanterie und seelischer Brutalität gewesen sein. Als   hoher Beamter Coventrys sympathisierte er mit den deutschen  Nationalsozialisten (!). Zwar  förderte er seinen Sohn Philip nach Kräften,  verachtete aber Frau und  Tochter offen und schuf in der Familie ein  Klima von Kälte und  Menschenfeindschaft. Wenn also Larkins erster Roman  <em>Jill</em> nicht gerade  überbordet vor Lebenszuversicht, sollte das niemanden wundern.</p>
<p>Sein Held Jack stammt aus einfachen Verhältnissen und kommt durch ein   Stipendium an eine der traditionsreichen Schulen Oxfords. Dort   bewundert er den sorglosen Snobismus seiner Mitschüler aus vermögendem   Hause, doch die machen sich nur lustig über ihn. In seiner Not erfindet   er sich eine Freundin, tauft sie Jill, schreibt sich selbst in ihrem   Namen Briefe und führt für sie ein mädchenhaftes Tagebuch – bis ihm eine   Schülerin namens Gillian begegnet, die der herbei phantasierten Jill   bis aufs Haar gleicht.</p>
<p>Das klingt zunächst wie der Entwurf zu einem Entwicklungsroman: Aus   einem noch unsicheren jungen Mann wird nach Ablenkungen von außen   (hochnäsige Mitschüler) und innen (ersehnter Geliebte) schließlich ein   gefestigter Charakter mit Uni-Abschluss und Traumfrau Gillian. Doch so   heiter und hoffnungsfroh geht es in Larkins literarischem Kosmos nicht   zu: Sein anfangs so verzagter Hauptdarsteller ist auch am Ende verzagt   und ob er sein Mädchen je bekommt, bleibt offen.</p>
<p>1947, nur ein Jahr nach <em>Jill</em>, veröffentlichte Larkin ein ähnlich  gestrickten Roman <em>A Girl in Winter</em>:  Hier ist es eine Bibliothekarin,  die sich aus ihrem tristen Leben in  die schwärmerische Erinnerung an  einen Urlaubsflirt flüchtet, sich  dadurch immer stärker isoliert und so  in ihrem freudlosen Alltag  steckenbleibt. Bei aller Ironie und  erzählerischen Präzision Larkins,  die seine Bücher zu einem  intellektuellen Genuss machen, vermitteln sie  einen recht skeptischen  Blick auf die Glücksmöglichkeiten der  unglücklich Geborenen.</p>
<p><strong>Klassiker der komischen Romanliteratur in England</strong></p>
<p>Schon der Titel <em>Jim im Glück</em> verrät, dass es bei Kingsley  Amis  optimistischer zugeht. In England gilt sein Erstling als moderner   Klassiker der komischen Romanliteratur. Amis hat ihn Larkin gewidmet  und  hatte Grund dazu: In den Briefen der beiden lässt sich nachlesen,  mit  welcher Sorgfalt und Ausdauer Larkin seinen Freund als –  unbezahlter –  Lektor bei der Arbeit an dem Manuskript beriet.</p>
<p>Kingsley Amis stilisiert den Titelheld seines Buches nicht zum   Waisenknabe: Jim hat spürbar mehr Interesse am Bier als an seiner   wissenschaftlichen Arbeit und dazu ein beeindruckendes Talent, sich in   sagenhaft peinliche Situationen zu bringen. Komisch wird die Geschichte   nicht zuletzt deshalb, weil Amis das alte universitäre Machtgefälle   zwischen Lehrstuhlinhabern und ihren Assistenten mit gnadenloser   Offenheit beschreibt. Jim wird von seinem Professor rücksichtslos für   dessen schrullige Hobbys eingespannt und Jim antwortet darauf mit einem   mühsam verborgenen, flammenden Hass, dem er durch groteske   Ersatzhandlungen heimlich Luft macht.</p>
<p>In einem Punkt sind sich beide Romane auffällig ähnlich: Die Figuren   orientieren sich in Liebesdingen nicht an ihren Leidenschaften, sondern   an Konventionen: Sie tun, was ihnen – angeblich – die Situation   diktiert, anstatt den eigenen Impulsen zu folgen. Larkins Held droht   darüber seine große Liebe zu versäumen und Amis’ Held besinnt sich erst   im letzten Moment eines besseren. Von derart wohlerzogenen Rücksichten   hielten diese beiden Schriftsteller rein gar nichts, sie gaben keinen   Pfifferling auf den so genannten Guten Ton: Larkin inszenierte sich   lustvoll als verbohrter Einsiedler und Menschenfeind, Amis machte nie   ein Geheimnis aus seinem ausgeprägten Bedürfnis nach Alkohol und Sex.</p>
<p><strong>Für das Publikum, das aus Vergnügen liest</strong></p>
<p>Gleiches galt für sie ebenso in literarischen Fragen, auch hier gaben   sie nicht viel auf den Guten Ton ihrer Zeit. Denn die stand ganz im   Zeichen einer Moderne, wie sie von Avantgardisten wie Ezra Pound, James   Joyce oder T. S. Eliot in der ersten Jahrhunderthälfte geprägt worden   war. Die universitäre Welt, der auch Larkin und Amis entstammten, lag   der hochgradig verschlüsselten und kommentierungsbedürftigen  Literatur  zu Füßen.</p>
<p>Doch die beiden hatten nur Spott und Verachtung für sie übrig – und   waren nicht nur beim Publikum, sondern auch bei vielen Kritikern   erfolgreich damit. Larkin verkündete das „Pleasure Principle“, also das   Spaß- und Genussprinzip der Poesie und gewann Zehn-, ja Hunderttausende   von Lesern für seine keineswegs gefälligen, immer aber   allgemeinverständlichen Gedichte. Amis wiederum war sich als anerkannter   Romancier nicht zu schade, Science Fiction-Stories oder nach dem Tod   von Ian Fleming einen Fortsetzungsband für dessen James-Bond-Serie zu   schreiben.</p>
<p>Schon weil die Nazis die literarische Moderne verfolgt und verboten   hatten, war sie in Deutschland in den ersten Nachkriegsjahrzehnten   nahezu sakrosankt. In England dagegen wirkte sie eher wie ein   angestaubtes Relikt der Vorkriegsjahre, wie ein kulturelles   Highbrow-Überbleibsel der alten Klassengesellschaft, die mit dem   Kriegsende endlich überwunden werden sollte.</p>
<p>Larkin und Amis waren Orientierungsfiguren dieser Rebellion gegen ein   allzu akademisches Verständnis von Literatur. Larkin schrieb damals:   „Wenn ein Dichter das Publikum verliert, das aus Vergnügen liest, hat er   das einzige Publikum verloren, das zählt.“ In Deutschland hätte sich   ein Autor mit solchen Sätzen schnell ins Abseits manövriert. In England   stiegen Larkin und Amis zu den höchsten Ehren ihres Landes auf.</p>
<p>Kingsley Amis:<br />
<em>Jim im Glück</em>. Roman<br />
Deutsch von Steffen Jacobs<br />
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin<br />
416 Seiten, 19,90 €<br />
ISBN 978-3-942048-10-1</p>
<p>Philip Larkin:<br />
<em>Jill</em>. Roman<br />
Deutsch von Steffen Jacobs<br />
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin<br />
398 Seiten, 19,90 €<br />
ISBN 978-3-942048-11-1</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Und hier die Stimme von Philip Lakin:</strong></p>
<p>http://www.youtube.com/watch?v=yDp234p_fCM</p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
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		<item>
		<title>Kingsley Amis zum 90. Geburtstag</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=162</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=162#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 15 Apr 2012 20:44:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Esra Pound]]></category>
		<category><![CDATA[Ian Fleming]]></category>
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		<category><![CDATA[Martin Amis]]></category>
		<category><![CDATA[Philip Larkin]]></category>
		<category><![CDATA[T. S. Eliot]]></category>

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		<description><![CDATA[Plädoyer für das literarische „Pleasure Principle“ Am 16. April vor 90 Jahre wurde Kingsley Amis geboren. Ein großartiger, sehr komischer und sehr ernster Erzähler, der gemeinsam mit seinem Freund, dem Lyriker Philip Larkin, nach 1945 wichtige neue Wege ebnete für &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=162">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Plädoyer für das literarische „Pleasure Principle“<br />
</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Am 16. April vor 90 Jahre wurde Kingsley Amis geboren. Ein großartiger, sehr komischer und sehr ernster Erzähler, der gemeinsam mit seinem Freund, dem Lyriker Philip Larkin, nach 1945 wichtige neue Wege ebnete für die englischen Literatur. Viele kennen Kingsley Amis heute nur als Vater des Romanciers Martin Amis &#8211; deshalb hier eine Erinnerung an Kingsley Amis, an Philip Larkin und an Kluft zwischen englischer und deutscher Literatur</strong></h3>
<p>Oxford 1941: Zwei Studenten, beide 19 Jahre alt, begegnen sich zum  ersten Mal. Nach einem mit dem Zeigefinger der rechten Hand angedeuteten  Pistolenschuss greift sich der eine ohne Zögern an die Brust, verzerrt  das Gesicht in Todesqualen, bricht zusammen, springt dann wieder auf und  imitiert seinerseits Schussgeräusche, mal mit, mal ohne Querschläger.  Der andere ist tief beeindruckt: „Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl,  mich in Gegenwart eines Talents zu befinden, das größer war als das  meine.“</p>
<p>Eine etwas alberne Anekdote, zugegeben, aber sie gewinnt ihren Reiz  durch die Tatsache, dass aus den beiden bald eng befreundeten Studenten  zwei der vielleicht einflussreichsten Schriftsteller der englischen  Nachkriegsliteratur wurden: Philip Larkin (der Mann mit den ausgeprägten  Empfinden für das eigene Talent) und Kingsley Amis (der Mann, mit der  Begabung für Schussgeräusche).</p>
<p>Philip Larkin (1922 – 1985) wollte Romancier werden und entwickelte  sich zu einem der bedeutendsten und beliebtesten Lyriker des Landes.  Kinsley Amis (1922 – 1995) begann mit Gedichten und wurde einer der  wichtigsten und meistgelesenen Erzähler Englands. Auch wenn Larkin  seinen Wohnort Hull später kaum je verließ, verloren sich die beiden  zeitlebens nicht aus den Augen: Amis macht Larkin zum Paten seines  ersten Sohnes Philip (der zweite Sohn Martin Amis gehört heute zu den  prominentesten Schriftstellern des britischen Literaturbetriebs) und  hielt 1985 die Grabrede auf Larkin. Ihre jeweils ersten Romane sind 2010 in deutscher Übersetzung erschienen und beide Bücher bieten nicht  nur beträchtliches Lesevergnügen, sondern lassen zugleich erkennen,  welche diametral entgegengesetzten Wege die Literatur in Deutschland und  Großbritannien nach 1945 für lange Zeit beschritt.</p>
<p><strong>Jill und Jim</strong></p>
<p>Sowohl Larkin als auch Amis siedelten ihre Debüts im  Universitäts-Milieu an. Die Hauptfigur aus Larkins Roman <em>Jill</em> ist  Student in Oxford und man spürt sofort die Atmosphäre der typisch  englischen College- und Internatsgeschichten, von der noch heute J. K.  Rowlings Harry-Potter-Bücher zehren. Der Held aus Amis’ Roman <em>Jim im  Glück</em> ist Assistent eines halb vertrottelten Professors an einer  Provinz-Uni und man kann das Buch als einen der ersten Campus-Romane  betrachten, wie sie bis heute David Lodge oder Alison Lurie schreiben  und wie sie Dietrich Schwanitz in Deutschland heimisch zu machen  versuchte.</p>
<p>Larkin war das Opfer einer unerträglichen Kindheit: Sein Vater muss  ein Monster an Pedanterie und seelischer Brutalität gewesen sein. Als  hoher Beamter Coventrys sympathisierte er mit den deutschen Nationalsozialisten. Zwar  förderte er seinen Sohn Philip nach Kräften, verachtete aber Frau und  Tochter offen und schuf in der Familie ein Klima von Kälte und  Menschenfeindschaft. Wenn also Larkins erster Roman <em>Jill</em> nicht gerade  überbordet vor Lebenszuversicht, sollte das niemanden wundern.</p>
<p>Sein Held Jack stammt aus einfachen Verhältnissen und kommt durch ein  Stipendium an eine der traditionsreichen Schulen Oxfords. Dort  bewundert er den sorglosen Snobismus seiner Mitschüler aus vermögendem  Hause, doch die machen sich nur lustig über ihn. In seiner Not erfindet  er sich eine Freundin, tauft sie Jill, schreibt sich selbst in ihrem  Namen Briefe und führt für sie ein mädchenhaftes Tagebuch – bis ihm eine  Schülerin namens Gillian begegnet, die der herbei phantasierten Jill  bis aufs Haar gleicht.</p>
<p>Das klingt zunächst wie der Entwurf zu einem Entwicklungsroman: Aus  einem noch unsicheren jungen Mann wird nach Ablenkungen von außen  (hochnäsige Mitschüler) und innen (ersehnter Geliebte) schließlich ein  gefestigter Charakter mit Uni-Abschluss und Traumfrau Gillian. Doch so  heiter und hoffnungsfroh geht es in Larkins literarischem Kosmos nicht  zu: Sein anfangs so verzagter Hauptdarsteller ist auch am Ende verzagt  und ob er sein Mädchen je bekommt, bleibt offen.</p>
<p>1947, nur ein Jahr nach <em>Jill</em>, veröffentlichte Larkin ein ähnlich  gestrickten Roman <em>A Girl in Winter</em>: Hier ist es eine Bibliothekarin,  die sich aus ihrem tristen Leben in die schwärmerische Erinnerung an  einen Urlaubsflirt flüchtet, sich dadurch immer stärker isoliert und so  in ihrem freudlosen Alltag steckenbleibt. Bei aller Ironie und  erzählerischen Präzision Larkins, die seine Bücher zu einem  intellektuellen Genuss machen, vermitteln sie einen recht skeptischen  Blick auf die Glücksmöglichkeiten der unglücklich Geborenen.</p>
<p><strong>Klassiker der komischen Romanliteratur in England</strong></p>
<p>Schon der Titel <em>Jim im Glück</em> verrät, dass es bei Kingsley Amis  optimistischer zugeht. In England gilt sein Erstling als moderner  Klassiker der komischen Romanliteratur. Amis hat ihn Larkin gewidmet und  hatte Grund dazu: In den Briefen der beiden lässt sich nachlesen, mit  welcher Sorgfalt und Ausdauer Larkin seinen Freund als – unbezahlter –  Lektor bei der Arbeit an dem Manuskript beriet.</p>
<p>Kingsley Amis stilisiert den Titelheld seines Buches nicht zum  Waisenknabe: Jim hat spürbar mehr Interesse am Bier als an seiner  wissenschaftlichen Arbeit und dazu ein beeindruckendes Talent, sich in  sagenhaft peinliche Situationen zu bringen. Komisch wird die Geschichte  nicht zuletzt deshalb, weil Amis das alte universitäre Machtgefälle  zwischen Lehrstuhlinhabern und ihren Assistenten mit gnadenloser  Offenheit beschreibt. Jim wird von seinem Professor rücksichtslos für  dessen schrullige Hobbys eingespannt und Jim antwortet darauf mit einem  mühsam verborgenen, flammenden Hass, dem er durch groteske  Ersatzhandlungen heimlich Luft macht.</p>
<p>In einem Punkt sind sich beide Romane auffällig ähnlich: Die Figuren  orientieren sich in Liebesdingen nicht an ihren Leidenschaften, sondern  an Konventionen: Sie tun, was ihnen – angeblich – die Situation  diktiert, anstatt den eigenen Impulsen zu folgen. Larkins Held droht  darüber seine große Liebe zu versäumen und Amis’ Held besinnt sich erst  im letzten Moment eines besseren. Von derart wohlerzogenen Rücksichten  hielten diese beiden Schriftsteller rein gar nichts, sie gaben keinen  Pfifferling auf den so genannten Guten Ton: Larkin inszenierte sich  lustvoll als verbohrter Einsiedler und Menschenfeind, Amis machte nie  ein Geheimnis aus seinem ausgeprägten Bedürfnis nach Alkohol und Sex.</p>
<p><strong>Für das Publikum, das aus Vergnügen liest</strong></p>
<p>Gleiches galt für sie ebenso in literarischen Fragen, auch hier gaben  sie nicht viel auf den Guten Ton ihrer Zeit. Denn die stand ganz im  Zeichen einer Moderne, wie sie von Avantgardisten wie Ezra Pound, James  Joyce oder T. S. Eliot in der ersten Jahrhunderthälfte geprägt worden  war. Die universitäre Welt, der auch Larkin und Amis entstammten, lag  der hochgradig verschlüsselten und kommentierungsbedürftigen  Literatur zu Füßen.</p>
<p>Doch die beiden hatten nur Spott und Verachtung für sie übrig – und  waren nicht nur beim Publikum, sondern auch bei vielen Kritikern  erfolgreich damit. Larkin verkündete das „Pleasure Principle“, also das  Spaß- und Genussprinzip der Poesie und gewann Zehn-, ja Hunderttausende  von Lesern für seine keineswegs gefälligen, immer aber  allgemeinverständlichen Gedichte. Amis wiederum war sich als anerkannter  Romancier nicht zu schade, Science Fiction-Stories oder nach dem Tod  von Ian Fleming einen Fortsetzungsband für dessen James-Bond-Serie zu  schreiben.</p>
<p>Schon weil die Nazis die literarische Moderne verfolgt und verboten  hatten, war sie in Deutschland in den ersten Nachkriegsjahrzehnten  nahezu sakrosankt. In England dagegen wirkte sie eher wie ein  angestaubtes Relikt der Vorkriegsjahre, wie ein kulturelles  Highbrow-Überbleibsel der alten Klassengesellschaft, die mit dem  Kriegsende endlich überwunden werden sollte.</p>
<p>Larkin und Amis waren Orientierungsfiguren dieser Rebellion gegen ein  allzu akademisches Verständnis von Literatur. Larkin schrieb damals:  „Wenn ein Dichter das Publikum verliert, das aus Vergnügen liest, hat er  das einzige Publikum verloren, das zählt.“ In Deutschland hätte sich  ein Autor mit solchen Sätzen schnell ins Abseits manövriert. In England  stiegen Larkin und Amis zu den höchsten Ehren ihres Landes auf.</p>
<p>Kingsley Amis:<br />
<em>Jim im Glück</em>. Roman<br />
Deutsch von Steffen Jacobs<br />
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin<br />
416 Seiten, 19,90 €<br />
ISBN 978-3-942048-10-1</p>
<p>Philip Larkin:<br />
<em>Jill</em>. Roman<br />
Deutsch von Steffen Jacobs<br />
Haffmans Verlag bei 2001, Berlin<br />
398 Seiten, 19,90 €<br />
ISBN 978-3-942048-11-1</p>
<p><strong>Hier ein BBC-Interview mit Kingsley Amis aus dem Jahr 1958:</strong></p>
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<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Und hier Bilder und die Stimme von Philip Lakin:</strong></p>
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