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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Dashiell Hammett</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Raymond Chandler wird 125</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Jul 2013 07:41:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein weißer Ritter ganz aus Sprache namens Philip Marlowe Vor 125 Jahren wurde Raymond Chandler, der große Schriftsteller der Weltwirtschaftskrise, geboren. Er hat der Lesewelt nicht nur einen unvergesslichen Helden geschenkt und ein paar der schönsten Kriminalromane geschrieben, sondern ein &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=793">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Ein weißer Ritter ganz aus Sprache namens Philip Marlowe</strong></h2>
<h3><strong> Vor 125 Jahren wurde Raymond Chandler, der große Schriftsteller der Weltwirtschaftskrise, geboren. Er hat der Lesewelt nicht nur einen unvergesslichen Helden geschenkt und ein paar der schönsten Kriminalromane geschrieben, sondern ein paar bemerkenswerte Dinge über die Gesellschaft während der Turbulenzen eines Finanzdisasters literarisch festgehalten. Wer will, kann auf eigene Gefahr Parallelen zur Gegenwart ziehen.<br />
</strong></h3>
<p>Es war ein Sturz ins Bodenlose. Während der zwanziger Jahre, der  Roaring Twenties, reckten sich in USA alle Wachstumskurven dem Himmel  entgegen, ein goldenes Zeitalter schien angebrochen. Dann machte der  Börsenkrach am 24. Oktober 1929 das Land zur Ruine. Die Löhne halbierten  sich, die Arbeitslosenrate stieg auf 25 Prozent, immer mehr Menschen  hatten buchstäblich nichts zu Essen, ein Fünftel der Kinder litt an  Unterernährung, an den Stadträndern bildeten sich Favelas, in denen  Hunderttausende unter Wellblechdächern hausten. Auf dem Höhepunkt der  Krise 1932 verlor irgendwo in Los Angeles auch der Manager einer Ölfirma  seinen Job. Er war 44 Jahre alt, hatte früher sentimentale Gedichte  geschrieben, inzwischen eine ausgeprägte Vorliebe für Alkohol und  realistisch betrachtet keine Chance mehr, je wieder auf die Beine zu  kommen.</p>
<div id="attachment_795" class="wp-caption alignleft" style="width: 133px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/BriefeGr.jpg"><img class="size-full wp-image-795" title="BriefeGr" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/BriefeGr.jpg" alt="" width="123" height="187" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;The Raymond Chandler Papers&quot; Selected Letters and Nonfiction 1909-1959 Herausgegeben von Tom Hiney und Frank MacShane. Grove 2002, 12.95 Euro</p></div>
<p>Was dem Mann, er hieß Raymond Chandler, außer der Ehe mit einer 18  Jahre älteren Frau noch blieb, war seine Leidenschaft für Sprache. Er  war derart hingerissen von dem lakonischen Ton dieses literarischen  Jungstars namens Hemingway, der seine Sentimentalität so perfekt hinter  knappen, scheinbar kaltschnäuzigen Sätzen verbergen konnte, dass er  dessen Stil in einer kleinen Parodie nachzuahmen versuchte. Die  einzigen, denen in Chandlers Augen etwas Ähnliches gelang wie Hemingway,  waren die Autoren von billigen Heftchen-Krimis, die unter dem Titel  „Black Mask“ erschienen – allen voran Dashiell Hammett. Also ließ er  seinen Namen im Telefonbuch mit dem Zusatz „Schriftsteller“ versehen,  setzte sich hin und schrieb seine erste Crime-Story für „Black Mask“.  Sie erschien im Dezember 1933. Das Honorar betrug 180 Dollar, ein Cent  pro Wort.</p>
<p>Genre und Epoche waren wie geschaffen füreinander. Der Glaube an das  Gute im Menschen stand nicht eben hoch im Kurs. Banken und Spekulanten,  die den Crash von 1929 mitausgelöst hatten, vertrieben ganze  Völkerscharen von Schuldnern aus ihren Häusern und von ihren Farmen.  John Steinbeck beschrieb die nackte Not der zu Wanderarbeitern  degradierten Obdachlosen in „Früchte des Zorns“. Entwurzelung und Elend  steigerte nicht eben die Immunität gegen die Verlockungen des  Verbrechens.</p>
<p>In einem Rückblick auf seine frühen Geschichten schrieb Chandler,  ihre Anziehungskraft habe wohl „in der ganz eigentümlichen Atmosphäre  der Angst“ gelegen, die sie einfingen: „Ihre Gestalten lebten in einer  Welt, in der alles schiefgelaufen war, einer Welt, in der, schon lange  vor der Atombombe, die Zivilisation sich eine Maschinerie zu ihrer  eigenen Zerstörung geschaffen hatte und mit dem ganzen irren Vergnügen  damit umzugehen lernte, mit dem ein Gangster seine erste  Maschinenpistole ausprobiert.“</p>
<div id="attachment_796" class="wp-caption alignright" style="width: 163px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Schlaf.jpg"><img class="size-full wp-image-796" title="Schlaf" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Schlaf.jpg" alt="" width="153" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Raymond Chandler: &quot;Der große Schlaf&quot;. Aus dem Englischen von Gunar Ortlepp. Diogenes Verlag, Zürich 2013. 10,90 Euro</p></div>
<p>Bei all dem hatte das Vertrauen in den Saat als fürsorgende  Ordnungsmacht gelitten. Präsident Herbert C. Hoover unternahm zwischen  1929 bis 1932 wenig gegen die Wirtschaftskrise, da er fürchtete  öffentliche Hilfen für notleidende Bürger könnten den amerikanischen  Individualismus untergraben. Behörden wurden bald nicht mehr als Schutz,  sondern als Teil der umfassenden Bedrohung wahrgenommen. Wer auf eine  Polizeiwache gehe, so zitiert Chandler in einem seiner Romane einen  zeitgenössischen New Yorker Reporter, der sei „aus unsrer Welt  hinausgetreten in eine, in der es keine Gesetze gibt.“</p>
<p>Die ironische Pointe an Chandlers Büchern ist, dass sie zwar einige  der finstersten Augenblicke der amerikanischen Geschichte porträtieren –  zugleich aber den amerikanischen Mythos zutiefst bestätigen. Die  Gerechtigkeit hat in der Welt, von der seine Romane berichten, keine  Chance, es sei denn, es findet sich ein entschlossener Mann, ein  typischer amerikanischer Held, der die Sache in die Hand nimmt und sie  gegen alle Widerstände durchsetzt. Das war der weiße Ritter, von dem  Chandler schon träumte, als er noch sentimentale Verse verfasste.</p>
<p>Mit Philip Marlowe schuf er den Archetyp des Privatdetektivs, der  seither einen festen Platz im kollektiven kulturellen Gedächtnis hat.  Marlowe ist Teil seiner aus den Fugen geratenen Gesellschaft, er bewegt  sich in ihr wie ein Fisch im Wasser. Aber er ragt dennoch über sie  hinaus. Mitten in ehrloser Zeit ist er ein Mann von Ehre. Während alle  enthemmt nach Geld grabschen, nimmt er nur Honorare, die ihm nach seinem  Moralkodex zustehen. Wenn alle nur auf den eigenen Vorteil aus sind,  hält er den Kopf für die Schwachen hin.</p>
<p>Besonders glaubwürdig war diese Figur nie. Dass Chandler es dennoch  gelang, sie Millionen von Lesern als realistisches Bild eines  knallharten Kerls mit guter Seele zu verkaufen, ist letztlich wohl  allein seiner stilistischen Perfektion zu verdanken. Fast alle seiner  Sätze geben sich den Anschein, als seien sie nur auf nüchterne  Beschreibung, kalte Kalkulation der Interessen oder auf sarkastischen  Witz aus und doch glaubt man in jedem zugleich das romantische Herz  Marlowes schlagen zu hören.</p>
<p><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Kunst1.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-798" title="Kunst" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Kunst1.jpg" alt="Raymond Chandler: &quot;Die simple Kunst des Mordes&quot;. Briefe, Essays, Notizen, eine Geschichte und ein Romanfragment. Herausgegeben von Dorothy Gardiner und Kathrine S. Walker. Diogenes Verlag, Zürich 2009. 9,90 Euro" width="151" height="250" /></a>Da die Black-Mask-Redaktion dazu neigte, alles in einem Manuskript zu  streichen, was nicht der Spannung diente oder die Handlung vorantrieb,  entwickelte Chandler eine diskrete Kunst, Atmosphäre zu vermitteln, ohne  sie sichtbar werden zu lassen oder sie gar zu benennen: „Meine Theorie  ging dahin, dass die Leser nur meinten, sie interessierten sich nur für  die Handlung; dass sie in Wirklichkeit aber, obwohl sie es nicht  wussten, genau an dem interessiert waren, was mich auch interessierte:  an der Entstehung von Gefühl durch Dialog und Beschreibung.“</p>
<p>Nach etlichen Erzählungen wagte sich Chandler 1939 an seinen ersten  Roman „The big Sleep“. Er wurde gleich zum Erfolg. Die größere Form bot  ihm den Platz, Los Angeles als Moloch zu porträtieren, der „so viel  Charakter hat wie ein Pappbecher“, als Dschungel, in dem es zuging wie  im Raubtierkäfig zur Fütterungszeit. Durch den „New Deal“ Präsident  Franklin D. Roosevelts fasste die Wirtschaft Amerikas inzwischen wieder  Tritt, doch der von Chandler um Marlowe herum erbaute rabenschwarze  literarische Kosmos hatte sich längst in den Köpfen der Leser  verselbstständigt und lebte munter fort.</p>
<div id="attachment_799" class="wp-caption alignright" style="width: 163px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Abschied.jpg"><img class="size-full wp-image-799" title="Abschied" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2013/07/Abschied.jpg" alt="" width="153" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Raymond Chandler: &quot;Der lange Abschied&quot;. Aus dem Englischen von Hans Wollschläger. Diogenes Verlag, Zürich 2013. 12,90 Euro</p></div>
<p>Die Romane haben Chandler weltberühmt gemacht. Weil ihm ohne die  strenge Black-Mask-Redaktion erzählerisch alles erlaubt war, stolperte  er darin für kurze Momente aus seiner stilistischer Deckung und ließ  Marlowe kurze Predigten halten wie einen Pastor. Chandler spürte das,  konnte sich aber nicht mehr disziplinieren: „Das Ärgerliche mit diesem  Marlowe ist: man hat zuviel über ihn geschrieben und geredet. Er wird  immer selbstbewusster und versucht sein Leben so umzustellen, wie es  seinem Ruf bei den Pseudo-Intellektuellen entspricht.“</p>
<p>Doch das bleiben kleine Schwächen. Nimmt man all seine Erzählungen  und Romane zusammen, entwirft Raymond Chandler das Panorama einer  Gesellschaft quer durch alle Milieus vom Tellerwäscher bis zum  Millionär, vom Taschendieb bis zum Mörder. Es zeigt eine Gesellschaft,  die alles für möglich hält, an nichts mehr glaubt und im Begriff ist,  sich ihr Grab zu schaufeln.</p>
</div>
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