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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Arno Schmidt</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Zum Geburtstag von Wolfgang Koeppen</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Jun 2016 07:56:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Arno Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Koeppen]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Koeppens entscheidendes Buch ist im falschen Augenblick erschienen. Viel zu früh!&#8221; Vor zehn Jahren wurde Wolfgang Koeppens 100. Geburtstag gefeiert. Damals war das für mich ein Anlass, mit Marcel Reich-Ranicki über diesen Meister des Verträumens und Versäumens zu sprechen, schließlich &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=1788">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>&#8220;Koeppens entscheidendes Buch ist im falschen Augenblick erschienen. Viel zu früh!&#8221;<br />
</strong></h1>
<h2><strong>Vor zehn Jahren wurde Wolfgang Koeppens 100. Geburtstag gefeiert. Damals war das für mich ein Anlass, mit Marcel Reich-Ranicki über diesen Meister des Verträumens und Versäumens zu sprechen, schließlich hatte sich MRR für ihn hartnäckig und über Jahre hinweg eingesetzt &#8211; allerdings ohne den durchschlagenden Erfolg bei den Lesern, den Reich-Ranicki sonst von sich gewohnt war.</strong> <strong>Er zählte Koeppen zu den wichtigsten Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur. Weshalb Koeppen dennoch nur ein recht kleines Publikum findet, ist m.E. auch heute noch, an Koeppens 110. Geburtstag, ein</strong> <strong>paar Überlegungen wert.</strong><em><br />
</em></h2>
<p><strong>Uwe Wittstock</strong>: Für keinen anderen Schriftsteller haben Sie sich so hartnäckig eingesetzt wie für Wolfgang Koeppen. Heute gehört er unverändert zu den wenig gelesenen deutschen Nachkriegsautoren. Ist Koeppen für Sie als Literaturvermittler eine große Niederlage?</p>
<div id="attachment_1794" class="wp-caption alignright" style="width: 313px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/51+akcPaO6L._SX301_BO1204203200_.jpg"><img class="size-full wp-image-1794" title="51+akcPaO6L._SX301_BO1,204,203,200_" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/51+akcPaO6L._SX301_BO1204203200_.jpg" alt="" width="303" height="499" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Koeppen: &quot;Tod in Rom&quot;. Suhrkamp, 9 Euro</p></div>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Nein. Aber ein Sieg oder ein Triumph war es nun auch nicht. Das erste Buch von Koeppen las ich Mitte der fünfziger Jahre noch in Polen, den Roman &#8220;Tod in Rom&#8221;. Nachdem ich die frühen Bücher von Böll, Walser oder Siegfried Lenz gelesen hatte, erschien mir Koeppen damals der modernste unter den neueren deutschen Schriftstellern zu sein. Damit begann meine Begeisterung für ihn, ich war entschlossen, seine öffentliche Wirkung nach Kräften zu fördern. Nicht primär, um Koeppen zu unterstützen, sondern weil ich glaubte, daß es für die deutsche Literatur wichtig sei, einem so modernen Erzähler zum Erfolg zu verhelfen.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Was erschien Ihnen damals so originell an Koeppen?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Die deutsche Literatur nach 1945 stand insofern unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, als sie sich vor allem gegen Geist und Sprache des Dritten Reiches wendete. Die Autoren, die damals ihre Karriere begannen, Wolfgang Borchert, Böll, Schnurre, später Lenz schrieben im Grunde eher konventionelle Literatur, die an den Expressionismus anknüpfte oder unter dem Stichwort &#8220;Kahlschlag&#8221; firmierte: Sie kämpften gegen jedes Pathos, jeden Schwulst, noch einfacher gesagt: gegen die großen Worte, die von den Nazis mißbraucht worden waren. Hinzu kam der lapidare, lakonische Stil Hemingways, der viele Autoren damals beeinflußte. Mit all dem hatte Koeppen nichts zu tun. Er knüpfte an andere Vorbilder an, an Joyce, Dos Passos, Faulkner, Proust und Döblin. Diese Tradition moderner Prosa in Deutschland wieder zu stärken, schien mir sehr wichtig.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Aus heutiger Sicht wirkt manches an Koeppens Romanen gar nicht modern, sondern recht kolportagehaft.</p>
<div id="attachment_1795" class="wp-caption alignright" style="width: 300px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/01697893z.jpg"><img class="size-full wp-image-1795" title="01697893z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/01697893z.jpg" alt="" width="290" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Koeppen: &quot;Tauben im Gras&quot;. Suhrkamp, 8 Euro</p></div>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Gewisse kolportagehafte Elemente finden Sie in fast jedem Roman. Und Koeppens Romane sind von unterschiedlicher Qualität. Keine Frage, sein bedeutendstes Buch ist &#8220;Tauben im Gras&#8221;. An diesem Roman ist nichts kolportagehaft, das ist große Literatur. Etwas schwächer sind &#8220;Tod in Rom&#8221; und &#8220;Das Treibhaus&#8221;.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: War Koeppen für Sie nicht auch eine Gegenfigur zu Arno Schmidt? Wenn Sie Koeppen für die Modernität seiner Prosa loben, dafür, daß er sich an Dos Passos und Joyce geschult hat, trifft das doch in vielleicht noch höherem Maße auf Schmidt zu?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong> Ich habe mich viel mit Schmidt beschäftigt. Ich bewundere einige seiner Erzählungen, zumal &#8220;Seelandschaft mit Pocahontas&#8221; und &#8220;Die Umsiedler&#8221;. Beide habe ich in meinen Kanon aufgenommen. Seine Romane haben mich allerdings nie ganz überzeugt, sie sind oft blutleer. Es ist aber richtig, daß Schmidt in mancherlei Hinsicht einen ähnlichen Weg wie Koeppen gegangen ist. Aber weder Schmidt noch Koeppen haben einen großen Einfluß auf die deutsche Literatur der fünfziger und sechziger Jahre gehabt.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Bleiben wir bei Koeppen: Warum hatte er trotz seiner Modernität und Ihres Engagements für ihn so wenig Erfolg?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Sein entscheidendes Buch, &#8220;Tauben im Gras&#8221;, war im falschen Augenblick erschienen. Es kam 1951 viel zu früh. Das Publikum war weder bereit noch fähig, diese Literatur zu akzeptieren. Joyce war ja damals in der Bundesrepublik nahezu unbekannt, Dos Passos nie populär gewesen oder schon wieder vergessen, und Faulkner setzte sich gerade erst langsam durch. Die Deutschen waren durch die Nazis zwölf Jahre lang von der modernen Literatur abgeschnitten gewesen. Die Leser hatten kein Verständnis für Koeppen, er wirkte allzu avantgardistisch auf sie.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Tatsächlich?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Ja, das war so. Viele Leute, die ich persönlich kenne, haben auf meine Empfehlung hin &#8220;Tauben im Gras&#8221; gelesen. Und nach fünf oder zehn Seiten klappten die das Buch zu und sagten: &#8220;Ich verstehe das nicht.&#8221; Dabei sind die ersten Seiten des Buches besonders gut geschrieben &#8211; aber sie sind nicht leicht zugänglich.</p>
<p><strong>Wittstock</strong> : Koeppens Roman &#8220;Tauben im Gras&#8221; wurde vorgeworfen, lebende Zeitgenossen so genau zu porträtieren, daß diese sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt fühlen könnten. Er hat darauf in seinem Aufsatz &#8220;Die elenden Skribenten&#8221; geantwortet. Hat dieser Vorwurf Koeppens Roman damals geschadet?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Ich glaube nicht. Damals protestierten Leute gegen &#8220;Tauben im Gras&#8221; und behaupteten, Koeppen habe ihr Leben in dem Buch dargestellt. Doch er kannte diese Leute überhaupt nicht. Er sagte einmal zu mir, er sei verblüfft gewesen, wie viele Menschen genau jene Gefühle zu teilen schienen, die er in seinem Roman beschrieben hatte: diese Angst, dieses Leiden an der Nachkriegszeit. Er hatte sie offensichtlich genau getroffen. Ein großer Triumph für einen Schriftsteller.</p>
<div id="attachment_1796" class="wp-caption alignright" style="width: 297px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/00559241z.jpg"><img class="size-full wp-image-1796" title="00559241z" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2016/06/00559241z.jpg" alt="" width="287" height="475" /></a><p class="wp-caption-text">Wolfgang Koeppen: &quot;Das Treibhaus&quot;. Suhrkamp, 8,50 Euro</p></div>
<p><strong>Wittstock</strong>: Gibt es nicht noch einfache Gründe dafür, daß Koeppen wenig Erfolg hatte? Im &#8220;Treibhaus&#8221; macht er einen Bundestagsabgeordneten zur Hauptfigur, der sich als pädophiler sozialistischer Selbstmörder entpuppt. Ist es wirklich eine Überraschung, daß dieses Buch kein Massenerfolg war?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranick</strong>: Nein, das ist keine Überraschung. Der Held verführt gleich nach dem Krieg ein sechzehnjähriges Mädchen &#8211; das ist, wie so vieles in den Romanen Koeppens, natürlich autobiographisch. Literatur ist doch meist Selbstdarstellung.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Die Hauptfigur ist sehr eindrucksvoll, aber nicht eben eine, mit der sich viele Leser gern identifizieren würden.</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Ich habe den Eindruck, daß Koeppen &#8220;Treibhaus&#8221; viel zu schnell geschrieben hat. Das Buch ist streckenweise flüchtig. Dann kommt hinzu: Das Milieu war zuvor noch nie dargestellt worden. Noch kein anderer hatte die politische Welt in Bonn, das Parlament, die Parteien, die Fraktionen, die Bundestagsabgeordneten zum Thema der Literatur gemacht. Es gab also keine Vorbilder. Trotzdem hätte Koeppen das noch besser schaffen können, wenn er der Sache mehr Zeit gewidmet hätte.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Ist &#8220;Tauben im Gras&#8221; wirklich einer der wichtigsten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Es ist künstlerisch der beste deutsche Roman dieser Zeit und dieser Generation. Von Arno Schmidt war schon die Rede. Seine Romane scheinen mir doch alle etwas blutleer zu sein. Uwe Johnsohn ist im Kanon selbstverständlich enthalten (eine Erzählung, ein Essay), aber ein Roman wie &#8220;Mußmaßungen über Jakob&#8221; scheint mir für die Leser doch zu schwer. Die beiden Romane von Jurek Becker und Patrick Süskind waren für den Kanon vorgesehen, mußten aber der grausamen Umfanggrenze zum Opfer fallen.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: In einem der Briefe an Siegfried Unseld beschwert sich Wolfgang Koeppen massiv über Sie: &#8220;Reich-Ranicki, gefährlich gekränkt, begreift überhaupt nichts, hat kein Empfinden für Sätze, die nicht in seine Erwartungen passen, er mißversteht erfreut und rührt im Literaturklatsch, er liest nicht, sucht eine Wunde, steckt die Hand hinein und reißt auf zum Schlachtfest.&#8221; Haben Sie mit solchen Äußerungen Koeppens gegen Sie gerechnet, obwohl sie sich so für ihn einsetzten?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Nein. Ich habe damals, als das geschrieben wurde, noch nicht gewußt, was ich später gelernt habe: Die Autoren wollen meist doch nur gelobt werden. Und werden sie nicht gelobt, behaupten sie immer, der Kritiker sei gefährlich gekränkt, begreife überhaupt nichts und habe kein Empfinden für Sätze.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Aber Sie haben Koeppen gelobt.</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Nein. Diesen Brief schickte er an Unseld, nachdem ich über sein Buch &#8220;Romanisches Café&#8221; geschrieben hatte, es sei ein Sammelband mit alten Arbeiten, der auch einige &#8220;ziemlich schwache Stücke, flüchtige oder nebensächliche Gelegenheitsarbeiten&#8221; enthalte. Das hat mir Koeppen verübelt.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Sie sind ein sehr temperamentvoller, aktiver Mensch. Koeppen dagegen war ein großer Meister des Verträumens und Versäumens. Wie sind Sie mit seiner Neigung zur Trägheit, zur Passivität zurechtgekommen?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Schlecht. Ich hatte gehofft, ihn zum Schreiben zu bringen. Und es ist mir auch gelungen, in sehr bescheidenen Grenzen. Also habe ich ihm immer wieder Aufträge gegeben, Bücher des 19. Jahrhunderts für die FAZ zu rezensieren. Manche dieser Bücher habe ich überhaupt nur besprechen lassen, damit er Aufträge erhielt. Aus diesen Artikeln ist dann Koeppens Buch &#8220;Die elenden Skribenten&#8221; entstanden. Ich glaube, es ist ein wichtiges Buch, aber natürlich kein Ersatz für den Roman, den ich von ihm zu bekommen hoffte.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: In Ihrer Autobiographie &#8220;Mein Leben&#8221; nennen Sie Ihren Vater einen &#8220;willensschwachen Menschen&#8221; von &#8220;erschreckender Untüchtigkeit&#8221; und kritisieren seine &#8220;Passivität&#8221;. Die Beschreibung könnte ebensogut auf Koeppen passen. War der eine halbe Generation ältere Koeppen für Sie auch so etwas wie eine Erinnerung an Ihren Vater? Und haben Sie sich deshalb so hartnäckig für diese Vaterfigur eingesetzt?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Nicht im geringsten. Die Ähnlichkeiten, von denen Sie sprechen, waren mir nicht bewußt &#8211; weder als ich Koeppen zu fördern versuchte, noch als ich das Buch &#8220;Mein Leben&#8221; schrieb. Aber ich verstehe, daß sie heute darauf hinweisen.</p>
<p><strong>Wittstock</strong>: Könnte es sein, daß Wolfgang Koeppen Sie unbewußt an Ihren Vater erinnert hat?</p>
<p><strong>Marcel Reich-Ranicki</strong>: Ja.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Guppe 47 geht in Pension</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 05:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ortsbesichtigung. Atlas der Autoren]]></category>
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		<description><![CDATA[Kleines Haus, großes Dach Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt. Eine Ortsbesichtigung Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kleines Haus, großes Dach</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt.</strong></h3>
<h3><strong> Eine Ortsbesichtigung</strong></h3>
<p>Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder am  Hennenkopf. Was sind schon sechzig Jahre für Felsriesen wie sie.  Ansatzlos steigen sie aus den Feldern um den Bannwaldsee auf fast  zweitausend Meter. Auch an St. Coloman, der Wallfahrtskirche, dürfte  sich wenig verändert haben. Unwirklich schön steht sie in ihrer barocken  Pracht samt Zwiebelturm inmitten der sattgrünen Wiesen vor dem  Alpenhorizont. Aber sonst. Sonst ist nichts wie damals. Vermutlich lässt  sich Vergänglichkeit nicht eindringlicher spürbar machen als durch die  Verwandlung eines einst wichtigen, vielleicht historischen Ortes in  einen Campingplatz.</p>
<p>Hier haben selbst die Häuser Räder. Hier ist alles beweglich,  flüchtig, immer auf dem Sprung, hier bleibt nichts. Vielleicht ist das  ja das passende architektonische Symbol für eine Epoche, die  Flexibilität, Tempo, eifrigen Wandel zu ihren Lieblingstugenden zählt:  der Campingplatz. In einem der wenigen festen Häuser hier, das sich  dreißig Meter vorm Bannwaldsee unter sein Dach duckt wie unter einen zu  großen Hut und das heute von Caravans umzingelt ist, kamen vor sechzig  Jahren acht Männer, zwei Frauen und drei Paare für ein Wochenende  zusammen, um sich aus ihren Manuskripten vorzulesen. Und um über das  Gelesene zu reden. Mehr nicht.</p>
<div id="attachment_661" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus.jpg"><img class="size-medium wp-image-661" title="Gruppe47Haus" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das Haus am Bannwaldsee: Ort des ersten Treffens der Gruppe 47 am 6. und 7. September 1947 (Rs-Foto)</p></div>
<p>Bald nannten sie sich Gruppe 47, verabredeten sich wieder in  wechselnden Besetzungen an wechselnden Orten – auch sie beweglich, immer  auf dem Sprung. Ihre Treffen wuchsen in wenigen Jahren zu der  dominierenden literarischen Institution der Bundesrepublik heran. Der  Aufstieg Heinrich Bölls begann mit dem Preis der Gruppe, der unbekannte  Günter Grass las vor ihr aus seiner „Blechtrommel“ und war am Tag danach  ein Schriftsteller mit Weltruhm.</p>
<p><strong>Trainingslager der Demokratie ?</strong></p>
<p>Die Debatten über die Gruppe finden bis heute kein Ende. Sie wird  gefeiert und verteufelt, mal ist sie eine der unersetzlichen  Pflanzschulen demokratischen Geistes in der jungen Bundesrepublik, mal  eine Versammlung unbewusst antisemitischer Alt-Landser mit Neigung zum  literaturpolitischen Machiavellismus. Auch das Hin- und Herwogen unserer  Meinungen legt beachtliches Tempo vor.</p>
<p>„Unterkunft für 10 Personen ab 6.September reserviert“, telegrafierte  Ilse Schneider-Lengyel am 25. August 1947 an Hans Werner Richter. Sie  war Lyrikerin, Fotografin, Ethnologien und vor den Nazis emigriert.  Zurückgekehrt suchte sie im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an  den Kulturbetrieb. Sie schrieb für Richters „Ruf“ und als der die  Zeitschrift „Skorpion“ plante und künftige Mitarbeiter zu einer Art  gemeinsamer Lektoratssitzung zusammenholen wollte, bot sie ihm ihr Haus  am Bannwaldsee als Treffpunkt an. Sie hatte in den zwanziger Jahren bei  dem Bauhaus-Lehrer Lászlo Moholy-Nagy studiert und in Paris einige der  großen Surrealisten kennengelernt. Manche ihre Gedichte quollen über vor  surrealistischen Bildern – jede Zeile ein Seziertisch, auf dem sich  Nähmaschine und Regenschirm begegnen. Sie muss sich empfindlich fremd  gefühlt haben, zwischen den jungen Leuten, die ihr da ins Haus kamen und  auf Hitlers Schulen von der Moderne nichts gehört hatten.</p>
<p><strong>Häuptling Richter</strong></p>
<p>Niemand wird behaupten wollen, Hans Werner Richter, der zum  unumstrittenen Spiritus movens, zum „Chef“ und „Häuptling“ der Gruppe  wurde, habe je einen objektiven Blick auf ihre Mitglieder gehabt. Aber  zumindest deren Anfänge hat er nie beschönigt. Später nannte er die  Autoren, die er an den Bannwaldsee eingeladen hatte, „literarische  Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens“. Unter dem Vorgelesenen  gab es „keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge,  dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung  verratend.“</p>
<p>Sofort jedoch erblickte das später legendäre Ritual der Gruppe das  Licht der Welt: Die Lesung auf dem gefürchteten „Elektrischen Stuhl“  samt unmittelbar folgender, wenig schonungsvoller Stehgreif-Kritik, wie  sie bis heute im Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis fortlebt.  „Es gibt“, erinnerte sich Richter, „keine Zwischenrufe, keine  Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweils  Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach  der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sage ich: ‚Ja, bitte  zur Kritik. Was habt ihr dazu zu sagen?’ Und nun beginnt, was keiner in  dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau,  die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor  den Mund.“</p>
<p><strong>Das Wunder der Gruppe 47</strong></p>
<p>Zum Rätsel, zum Wunder der Gruppe 47 gehört, wie es ihr gelang, aus  diesen zufälligen, dürftigen Anfängen zur machtvollsten Vereinigung des  bundesdeutschen Literaturbetriebs zu werden. Bis heute hat keine  Akademie, kein Schriftstellerverband oder PEN-Club je wieder ihre  Ausstrahlungskraft erreicht. Hans Werner Richter, dieses – wie Grass es  nannte – „Genie der Freundschaft“, verstand es, eine nachwachsende Elite  von Autoren und Kritikern an die Gruppe zu binden. Grass, Böll,  Schnurre, Alfred Andersch, Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser,  Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Walter Jens, Hans Mayer, Marcel  Reich-Ranicki, Joachim Kaiser.</p>
<p>Natürlich gab es in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auch eine  deutsche Literatur jenseits der Gruppe 47. Die großen Emigranten, Thomas  Mann, Döblin, Brecht hatten sie als Podium nicht nötig und hätten sich  eher die Zunge abgebissen, als für sie zu lesen. Auch jüngere Autoren  wie Max Frisch oder Dürrenmatt machten ohne sie ihren Weg. Arno Schmidt  weigerte sich, vor der Gruppe aufzutreten, obwohl Gerüchte umgingen, er  stünde als ihr Preisträger so gut wie fest: „Ich eigne mich nicht als  Mannequin.“</p>
<p>Man war für die Gruppe, man war gegen sie, wichtige Kritiker wie  Friedrich Sieburg bekämpften sie. Aber gleichgültig ließ sie niemanden.  Sie polarisierte die gesamte Buchbranche und rückte schon deshalb immer  mehr in deren Mittelpunkt.</p>
<p><strong>Wanderzirkus der Literatur</strong></p>
<p>Zu den Erfolgsgeheimnissen der Gruppe zählt das Desaster, das die  Nazis hinterlassen hatten. Nie zuvor waren Land und Kulturbetrieb so  gründlich zerstört, nie war das Bedürfnis nach moralischer  Wiederaufrichtung so groß. Doch in zwölf Jahren Diktatur hatte sich das  alte literarische Leben desavouiert, es gab keine kulturelle Metropole  mehr, keine eingeübten Mechanismen, über die Autoren zu Verlegern  fanden, keine Orientierungspunkte, an denen Kritiker ihr Urteil hätten  schärfen können. Da bot sich die Gruppe als Treffpunkt an, als  Drehscheibe, als luftiges Wanderzentrum, in dem der Literaturbetrieb  sich neu finden und erfinden konnte.</p>
<p>Wie für Gründerzeiten üblich, wurden auch in dieser dann Karrieren  gemacht, die von nachgeborenen Autoren bestaunt, aber wohl nicht  eingeholt werden können. In kurzer Zeit wurde ein mediales  Aufmerksamkeits-Kapital aufgehäuft, das sich bis heute in vielen Fällen  recht mühelos verzinst. Der Unmut mancher jüngerer Schriftsteller über  die Gruppe 47 sollte also niemanden verwundern. Unterschiedlicher können  Autoren-Generationen kaum sein: Die ältere hatte aus dem Krieg einen  ungeheueren Erfahrungsdruck mitgebracht, aber oft wenig literarische  Bildung. Für die heute jungen Autoren hält das Leben gewöhnlich alle  literarischen Bildungschancen bereit, doch nur selten Erfahrungen, die  sich in ihrer Dringlichkeit mit denen der Alten messen können.</p>
<p><strong>Nonkonformisten im Gleichschritt</strong></p>
<p>Zum ideologischen <em>think tank</em> wollte Richter seine Gruppe nie  machen. Er wachte bei den Tagungen eisern darüber, dass sie jede  politische Festlegung vermied – denn das hätte sich als Sprengsatz  erweisen können, der die 47er auseinanderriss. Doch von Beginn an  herrschte in ihren Reihen ein eher sozialistischer als  sozialdemokratischer Konsens, und nachdem die Gruppe zur literarischen  Großmacht aufstieg, beherrschte dieser Konsens lange auch das Klima der  Buchbranche. Die Autoren, die sich in Adenauers Deutschland selbst gern  als Nonkonformisten bezeichneten, hatten einen neuen geistigen  Konformismus geboren, der erst in den neunziger Jahren  auseinanderzubröckeln begann.</p>
<p>Das Ende lässt etwas von Größe und Geist der Gruppe erkennen.  Ungezählte Kulturinstitutionen leben fort und fort, obwohl ihre Funktion  längst erfüllt und ihre Zeit vorbei ist. Richter dagegen rief, nachdem  studentenbewegte Demonstranten 1967 gegen ein Gruppentreffen  protestierten, seine Autoren nicht wieder zusammen. Einige von ihnen  hatten sich gleich eilfertig mit den Demonstranten solidarisiert. Es war  überdeutlich, dass der allmähliche Abstieg der Schriftsteller als  öffentliche Orientierungsfiguren und der Aufstieg anderer Vordenker  begonnen hatte. Da die Gruppe in diesem Augenblick die Kraft zu einem  selbstgezogenen Schlussstrich fand, vermied sie, zu einem Schatten ihrer  selbst zu verkümmern und wurde damit endgültig legendenfähig.</p>
<p><strong>Kraft zum Schlussstrich</strong></p>
<p>Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus alles begann, blieben zu diesem  Zeitpunkt nur noch wenige Jahre. Sie hatte an den Treffen bis 1950 und  ein letztes Mal 1957 teilgenommen. Ihr Gedichtband „september-phase“  erschien 1952, doch gelang es ihr nicht, sich wieder einzufädeln in den  literarischen Betrieb. Sie lebte allein, rauchte viel, schrieb wenig und  starb 1972 in einer psychiatrischen Klinik.</p>
<p>Die Leute vom Bannwaldsee haben ihr eine Woche vor dem 60.  Gründungsjubiläum der Gruppe eine kleine Erinnerungsfeier im Festzelt  ausgerichtet. Der 2.Bürgermeister, ein massiger Mann mit beiden Beinen  sehr fest auf dem Boden, erinnerte sich an sie, die oft auf dem Motorrad  durch den Ort fuhr, als er noch ein Bub war. Danach spielte ein Quartett, wurden einige ihrer Gedichte gelesen, kantige, spröde Verse, die  sich aneinander reiben wie an Sandpapier. Dazu trommelte Regen aufs  Zeltdach, auf die Caravans ringsum und auf das kleine Haus am See mit  seinem großen Dach.</p>
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		<title>Wehmütiger Rückblick auf 2001-Kultur</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=580</link>
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		<pubDate>Fri, 27 Jul 2012 09:31:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Kafka komplett zum Preis einer Packung Kaffee Der Verlag und Versand “Zweitausendeins” steht für eine ganz besondere, eigenwillige Medien-Kultur. Man kann in ihr so etwas wie den strikt antiautoritären und lebenslustigen Gegenentwurf zur vielgerühmten &#8220;Suhrkamp-Kultur&#8221; der alten Bundesrepublik sehen. Gestern &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=580">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div>
<h2><strong>Kafka komplett zum Preis einer Packung Kaffee</strong></h2>
<h3><strong>Der Verlag und Versand “Zweitausendeins” steht für eine ganz besondere, eigenwillige Medien-Kultur. Man kann in ihr so etwas wie den strikt antiautoritären und lebenslustigen Gegenentwurf zur vielgerühmten &#8220;Suhrkamp-Kultur&#8221; der alten Bundesrepublik sehen. Gestern wurde bekannt, dass &#8220;Zweitausendeins&#8221; bis Ende 2016 alle seine Buchhandlungen schließen will/muss. Das Unternehmen wird sich auf den Buchversand konzentrieren. Hier ein Rückblick auf die &#8220;2001&#8243;-Kultur nicht ohne Nostalgie.</strong></h3>
<p>Natürlich wollen Verleger bedeutende Bücher machen, Bücher von denen  man noch nach Jahren spricht. Natürlich müssen Verleger ihre Bücher  verkaufen können, müssen fähig sein, aus Geist Geld zu machen. In  Tiefsten ihres Herzens aber wollen Verleger zu all dem noch etwas  anderes: Sie möchten erkannt werden, sie möchten sich mit ihrer Arbeit  vor den Augen der Leser erkennbar machen. Das ist die Krönung eines  Verlegerlebens: Nicht nur ein gutes Programm gut zu verkauft, sondern  ihm dazu noch die persönliche intellektuelle und ästhetische  Physiognomie mitzugeben, einen ureigenen literarischen Charakter, der  vom Publikum angenommen, geschätzt, ja genossen wird.</p>
<div id="attachment_585" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/logo1.gif"><img class="size-medium wp-image-585" title="logo" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/logo1-300x26.gif" alt="" width="300" height="26" /></a><p class="wp-caption-text">Zu Ehren ihrer Firma sei, behauptet die 2001-Crew, vor 11 Jahren weltweit ein ganzes Jahr nach ihnen benannt worden</p></div>
<p>Das beliebteste Beispiel für solche verlegerische Meisterschaft ist  hierzulande die „Suhrkamp-Kultur“ Siegfried Unselds. Viel seltener wird  von einem anderen derartigen Frankfurter Geniestreich gesprochen, von  dem 2001-Versand und -Verlag, den Lutz Reinecke prägte, 2006 verkaufte und der jetzt unter neuer Leitung seine Buchhandlungen schließt. Dabei ist die „2001-Kultur“ Reineckes, der 1983 bei der  Heirat den Namen Lutz Kroth annahm, in vielerlei Hinsicht ein  überzeugender Gegenentwurf zur Suhrkamp-Kultur. Es ist eine wüste  Medien-Melange, die weit über ein Buchprogramm hinausreicht, Musik,  Comics, Filme, Software mit einschließt, aber dennoch unverwechselbar  bleibt und einen spezifischen kulturellen Stil, wenn nicht gar  Lebensstil repräsentiert.</p>
<p>Zu den kantigen Details am Rande gehört, dass 2001 ein Spross vom  Stamme Suhrkamps ist. Lutz Kroth, damals noch Reinecke, hatte als junger  Buchhändler einen von Suhrkamp ausgeschriebenen Wettbewerb um die  effektvollste Schaufenstergestaltung gewonnen. Er beeindruckte Unseld,  wurde engagiert, stieg zum Vertriebschef des Verlags auf und verließ ihn  ausgerechnet im Jahr 1968. Einen Schritt, der programmatisch  verstanden werden kann. Denn Suhrkamp als Vorzeigeunternehmen der  antiautoritären Studentenbewegung zu betrachten, war zumindest aus der  Innensicht des Verlages immer ein Irrtum. Der Patriarch Unseld gehörte  zum Geschlecht der Alpha-Männchen und führte das Personal seines Hauses  mit eher fester als pfleglicher Hand.</p>
<p>Reinecke dagegen arbeitete zunächst kurz für die Satirezeitschrift <em>Pardon</em>. Dann gründete er mit Walter Treumann den 2001-Versand, der  sich als ein betont gelassenes, allem autoritären Gehabe abholdes,  lustbetontes Unternehmen jenseits der Hochkultur darstellte – und damit  von Beginn an als Gegenbild zu den traditionellen Verlagen auftrat.  Damit stieß er naturgemäß auf gute Resonanz in einem Milieu, das gerne  als „links“, „alternativ“ oder später &#8220;grün&#8221; klassifiziert und an den subkulturellen  Rand der Gesellschaft gerückt wurde, das aber, wie sich zeigen sollte,  keineswegs randständig war.</p>
<div id="attachment_587" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Hörrohr1.jpg"><img class="size-medium wp-image-587" title="Hörrohr" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Hörrohr1-300x270.jpg" alt="" width="300" height="270" /></a><p class="wp-caption-text">Die Verbindung zwischen 2001 und alten &quot;Pardon&quot;-Mitarbeitern wie Pit Knorr und Robert Gernhardt besteht fort. Hier frühe Radio-Sketche der beiden Frankfurter Komik-Riesen: &quot;Hörrohr klar zum Gefecht&quot;, 3 CDs zum Preis von 19,99 Euro</p></div>
<p>2001 startete nicht als Verlag, der Bücher produzierte, sondern als  Versand, der die unter-schiedlichsten Produkte aus dem Umfeld der  Zeitschrift <em>Pardon</em> verkaufte, Spiele, Gimmicks oder Schallplatten  („Wir liefern jede in <em>Pardon</em> erwähnte LP – Karte genügt“). Doch  schnell weitete sich das Programm aus, es wurden ein Faksimile-Reprint  der von F.W. Bernstein, Robert Gernhardt und F.K. Waechter gestalteten <em>Pardon</em>-Beilage <em>Welt im Spiegel</em> ins Angebot genommen, dazu Comics der  amerikanischen Underground-Zeichner Robert Crump und Gilbert Shelton,  kubanische Revolutionshymnen („Kampflieder voller Liebe, Heiterkeit u.  Freiheitsdurst“), aber auch Sex-Zeichentrickfilmchen („Schneeflittchen  unter den sieben Zwergen“) und was man sonst noch als Rebell gegen  Bürgertum und Establishment in jenen Jahren dringend brauchte.</p>
<p>Ein wichtiger Bestandteil dieser Mixtur war aber immer auch Literatur  von höchstem Rang. Reinecke kaufte Restbestände bedeutender Titel aus  den Verlagslagern oder Großantiquariaten auf, um sie dem Publikum seines  Versands – zu stark herabgesetzten Preisen – anzuempfehlen. Mit  bemerkenswertem Erfolg. Das E- und U-Kultur keine Gegensätze, sondern  Ergänzungen sind, die tadellos nebeneinander im Bewusstsein jedes an  seiner Gegenwart interessierten Zeitgenossen Platz finden, musste sich  Reinecke nicht erst von den Propheten der Postmoderne vorbeten lassen.  Scheinbar schwer Verkäufliches von Marcel Proust, Arno Schmidt, William  Shakespeare oder Suhrkamps Bertolt Brecht fand so preisermäßig seinen  Platz im Medienarsenal mancher studentenbewegten Wohngemeinschaft.</p>
<div id="attachment_588" class="wp-caption alignleft" style="width: 125px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Merkheft.jpg"><img class="size-full wp-image-588" title="Merkheft" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Merkheft.jpg" alt="" width="115" height="192" /></a><p class="wp-caption-text">Das aktuelle &quot;Merkheft&quot;. Es wird inzwischen ergänzt durch regelmäßige &quot;Merkmails&quot;</p></div>
<p>Die wichtigsten Verständigungsmittel des Versands mit seinen Kunden  wurden dabei so genannte „Wimmelanzeigen“. Sie waren von dem Designer  Gunter Rambow in schwarz-weiß und winziger Schrift als wirkungsvoller  Kontrast zur übrigen bunten und von Großbuchstaben dominierten  Reklamewelt konzipiert worden. Dazu verschickte 2001 an sämtliche Kunden  in seiner Adressenkartei alle zwei Monate ihren kleinformatigen Katalog  namens „Merkheft“, der wie ein gedruckter Flohmarkt ein schier  bodenlose Füllhorn von Buch- und Schallplattenangeboten ausschüttete.  Getextet in einem kunstvollen, nur scheinbar der Umgangssprache  abgelauschten Sound, sorgte diese, in einer Auflage von bis zu einer  halben Million verbreitete Broschüre für Unabhängigkeit vom Wohlwollen  der Feuilletons. Was immer 2001 verkaufen wollte, der Versand konnte es  seinen Interessenten schnell, ohne Umwege und präzise nach den eigenen  Vorstellungen anpreisen.</p>
<div id="attachment_589" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Wondratschek.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-589" title="Wondratschek" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/Wondratschek-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Auch heute noch im aktuellen Programm: Gesammelte Gedichte von Wolf Wondratschek für nur 9,90 Euro</p></div>
<p>Der erste Schriftsteller, der die besonderen Qualitäten von 2001  begriff, war Wolf Wondratschek. 1974 bot er Reinecke sein neues  Lyrikmanuskript <em>Chucks Zimmer</em> an. Der griff zu und gerade mal 5 Wochen  später konnten die Kunden bereits die fertigen Bücher bei 2001  bestellen. 30.000 Exemplare wurden an die Leser gebracht – ein für  Lyrikbände astronomisches Ergebnis. Bald darauf schloss &#8220;Zweitausendeins&#8221; Kooperationen mit dem Verlag „März“, später dann mit den Verlagen  „Rogner &amp; Bernhard“ , „Haffmans“ und &#8220;Tolkemitt&#8221;, die ihre Programme bis heute über den Versand vertreiben.</p>
<p>Zu den erstaunlichsten Leistungen von 2001, die man in doppelter  Hinsicht verlegerische Großtaten nennen kann, gehören  Zeitschriften-Reprints. 20 Hefte des <em>Kursbuchs</em>, 20 Jahrgänge der <em>Akzente</em> oder die vollständige, 24.500-seitige <em>Fackel</em> von Karl Kraus  druckte Reinecke in kleinem Format nach und verkaufte sie in Auflagen,  die jedem Herausgeber einer Literaturzeitschrift ekstatische Lustschreie  entlocken können. Sogar das Gesamtwerk von Johann Sebastian Bach auf 99  LPs für 699 DM bot er an oder das Lebenswerk des Dirigenten George  Solti auf über 200 LPs für 1299 DM. Und fand tatsächlich genügend  Musikliebhaber mit Vollständigkeits-Sehnsüchten und Komplettheits-Wahn, die ihm diese  gigantomanen Editionen abnahmen.</p>
<p>Das größte 2001-Projekt aber erschien 1980. Reinecke hatte einen Tipp  bekommen und beschaffte sich in den USA eine 1400 Seiten schweren  Studie der amerikanischen Regierung über die Lebensbedingungen der Erde  bis zum Jahr 2000: „Umweltschützer wurden damals als Spinner diffamiert.  Und hier war zum ersten Mal aus regierungsamtlichen Quellen ein Beleg,  dass die Erde gefährdet wird durch unseren zerstörerischen Lebensstil.“  Reinecke ließ den Materialberg übersetzen, brachte ihn unter dem Titel <em>Global 2000</em> heraus und schließlich mit einer Gesamtauflage von über  einer halben Million Exemplaren unter die Leser. Ein Bestseller, ja mehr  noch: ein Blockbuster des ökologischen Bewusstseins hierzulande.</p>
<div id="attachment_590" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/200140.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-590" title="200140" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/07/200140-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Das Buch über 2001 bei 2001: Mathias Brökers beschreibt die ersten 40 Jahre Verlagsgeschichte zum Preis von 3,90 Euro</p></div>
<p>Im Januar 2007 gab Lutz Kroth, ehemals Reinecke, bekannt, dass er sich noch vor seinem 65. Geburtstag in den Ruhestand begeben werde. Er wolle versuchen, wie er  sagte, sich „aus dem Arbeitskäfig auszuwildern in das wirkliche Leben.“ Das  Unternehmen 2001 wurde vom Gründer des Filmverleihs Kinowelt Michael  Kölmel übernommen und macht weiterhin und bis heute haarsträubende Angebote: Das  Gesamtwerk von Franz Kafka zum Beispiel in einem Band für den Preis  einer Packung Kaffee, das Gesamtwerk Mozarts auf 170 CDs für den Preis  einer Tankfüllung. Man fasst es nicht.</p>
<p>Doch die Geschäfte gehen offenbar nicht mehr so gut: Laut Wikipedia wurde Anfang 2010 der Verlags- und  Marketingstandort Hamburg aufgegeben, um Kosten zu senken, und die Verwaltung in Frankfurt  konzentriert.<sup> </sup>Anfang Juni 2010 einigten sich Geschäftsführung und Betriebsrat zur  Abwendung der drohenden Insolvenz auf ein Sanierungskonzept, das unter  anderem die Entlassung von 51 der 116 Beschäftigten und die Aufgabe der  eigenen Kundenbetreuung vorsieht.<sup> </sup>Im Jahr 2011 verlegte Zweitausendeins seinen Firmensitz von Frankfurt am Main nach Leipzig. Jetzt werden die Läden geschlossen. Es ist ein Jammer. Bleibt zu hoffen, dass sich die 2001-Kultur im Netz als überlebensfähig erweist.</p>
</div>
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