<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Alfred Kerr</title>
	<atom:link href="http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;tag=alfred-kerr" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://blog.uwe-wittstock.de</link>
	<description>Über Literatur und Literaten</description>
	<lastBuildDate>Mon, 11 May 2026 08:37:49 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.5</generator>
		<item>
		<title>Protokoll einer Talkshow über Marcel Reich-Ranicki</title>
		<link>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=395</link>
		<comments>http://blog.uwe-wittstock.de/?p=395#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 02 Jun 2012 16:27:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
				<category><![CDATA[Personen]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Kerr]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Schlegel]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich Böll]]></category>
		<category><![CDATA[Ludwig Börne]]></category>
		<category><![CDATA[Marcel Reich-Ranicki]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Walser]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Musil]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.uwe-wittstock.de/?p=395</guid>
		<description><![CDATA[Kritik als geistiges Schauspiel Zur Feier des 92. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki wiederholen wir die Aufzeichnung einer Talkshow zu seinen Ehren. Hier das geheime Protokoll der ebenso denkwürdigen wie hochrangig besetzten Sendung, an der Friedrich Schlegel (1772-1829), Ludwig Börne (1786 &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=395">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kritik als geistiges Schauspiel<br />
</strong></h2>
<h3><strong>Zur Feier des 92. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki wiederholen wir die Aufzeichnung einer Talkshow zu seinen Ehren. Hier das geheime Protokoll der ebenso denkwürdigen wie hochrangig besetzten Sendung, an der Friedrich Schlegel (1772-1829), Ludwig Börne (1786 &#8211; 1837) und Alfred Kerr (1867 &#8211; 1948) teilnahmen</strong></h3>
<p><em>Es geht los: Fernsehstudio, Scheinwerfer, Kameras. Auf dem Podium ein  Moderator und drei Talkshowgäste. Als Kulisse Möbelhaus-Regale mit  Möbelhaus-Buchattrappen.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Guten Abend meine Damen und Herren, heute  feiert der wohl bekannteste Kritiker der Gegenwart, Marcel  Reich-Ranicki, seinen 92. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir drei  seiner berühmtesten deutschen Kollegen zum Gespräch eingeladen. Ich darf  vorstellen, von rechts nach links: Friedrich Schlegel (1772 – 1829),  Ludwig Börne (1786 – 1837) und Alfred Kerr (1867 – 1948).</p>
<p><em>Schlegel, Börne, Kerr nicken knapp in die Kamera.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong>: Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 in Włocławek, Polen, geboren, besuchte ab 1929 in Berlin die Schule…</p>
<p><strong>Kerr</strong> <em>(unterbricht): </em>Was ist das hier? Schulfunk?</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Dafür brauchen Sie uns ja wohl nicht. Das weiß inzwischen jeder. <em>(Steht auf, will gehen).</em></p>
<p><strong>Kerr</strong>: Das weiß jeder Tankwart! Wie Reich-Ranicki so gern sagt. <em>(Will ebenfalls gehen, Börne macht Anstalten, den beiden zu folgen.)</em></p>
<p><strong>Moderator</strong> <em>(verdattert): </em>Aber meine Herren. Was wollen Sie denn?</p>
<p><strong>Kerr:</strong> Fragen. Ernste Fragen.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Wir sind schließlich nicht zum Spaß hier.</p>
<p><em>Schlegel, Börne, Kerr lassen sich zurück in ihre Sessel fallen.</em></p>
<p><strong>Moderator</strong> <em>(eifrig): </em>Also Fragen! Zum Beispiel: Wie konnte Reich-Ranicki die herausragende Position erreichen, die er heute hat?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Blöde Frage.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_397" class="wp-caption alignleft" style="width: 230px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne1.jpg"><img class="size-full wp-image-397" title="220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/220px-Oppenheim_-_Ludwig_Börne1.jpg" alt="" width="220" height="278" /></a><p class="wp-caption-text">Ludwig Börne, Gemälde von Moritz Oppenheim, Öl auf Leinwand (1827)</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Börne</strong>: Das ist viel zu pauschal und undifferenziert  gefragt. Ich will Ihnen trotzdem eine Teilantwort geben: Als  Reich-Ranicki 1958 in die Bundesrepublik kam, hatte die Literatur eine  ganz andere Funktion als heute. Sie war ein Leitmedium mit großem  Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein des Landes. Von der Kultur  erwartete man nach dem Nazi-Desaster politisch-moralische Orientierung.  Reich-Ranicki hat damals in seinen Kritiken oft wie ein Anwalt  argumentiert. Er hat manchen Autoren nachgewiesen, wie tief sie noch –  unbewusst – im Nazi-Denken stecken geblieben waren. Solche Rezensionen  von ihm erschütterten den Kulturbetrieb wie Erdbeben. Dazu machte er,  der eben aus dem Ostblock gekommen war, den ahnungslosen Westdeutschen  klar, was literarisch in der DDR lief und dass dort keineswegs nur  dumpfe Parteischriftsteller schrieben.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Mein lieber Börne, ich verstehe: Ihnen als  dem politischen Zuchtmeister unter den deutschen Großkritikern gefällt  dieser Aspekt an Reich-Ranickis Laufbahn besonders. Aber hinzufügen  sollten Sie, wie wenig Reich-Ranicki sich aus politischen Gründen in  seinem literarischen Urteil beirren ließ. Seine Verrisse von Heinrich  Bölls Romanen sind legendär. Obwohl er Böll politisch verteidigte, ging  er mit ihm literarisch ins Gericht.</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Kritik als geistiges Schauspiel! Großes öffentliches Spektakel. Jeder Artikel ein Drama!</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber andere Kritiker dieser Zeit haben auch politisch argumentiert. Warum wurde gerade Reich-Ranicki so populär?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Der Mann hat sagenhaftes Temperament. Seine  Kritiken sind keine gelehrten Erörterungen, sondern Brandreden. Er ist  ein Volkstribun. Ein Volkstribun der Kritik. So etwas liebt das  Publikum. Ich bin Theaterkritiker. Ich weiß das.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber wurde er von seinem Temperament nicht auch zu Fehlern hingerissen? Hat er nicht auch Autoren verkannt?</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Blöde Frage. Natürlich.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Kein Kritiker ist allen Spielarten der  Literatur gewachsen. Dazu ist Literatur viel zu komplex. „Was man sagt,  stimmt nie“, meinte Robert Musil einmal, „das Phänomen ist immer  vielseitiger als die Kritik.“ Also macht jeder Kritiker Fehler. Wie  könnte es anders sein? Wenn selbst Ärzte, Apotheker, Architekten Fehler  machen, warum sollten gerade Kritiker unfehlbar sein? Kerr hielt Brecht  für eine Niete. Schlegel schieb herablassend über Lessings Stücke…</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: …und von Ihnen, lieber Börne, stammt der Satz: „Seit ich fühle, habe ich Goethe gehasst, seit ich denke, weiß ich warum.“</p>
<p><strong>Börne</strong> <em>(mürrisch): </em>Ja, sicher. Wie ich sage:  Kein Kritiker ist unfehlbar. Jeder verkennt irgendwann mal einen Autor.  Wird ein Kritiker so stark wahrgenommen wie Reich-Ranicki, werden auch  seine Fehlurteile stark wahrgenommen. Der Ruhm wirkt wie ein  Vergrößerungsglas. Die Missgriffe unbekannter Kritiker werden  achselzuckend übergangen und vergessen.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber warum hatte und hat Reich-Ranicki  dann so viele Gegner und oft auch Feinde? Erst kürzlich hat Martin  Walser in seinem Tagebuch…</p>
<p><strong>Kerr</strong> <em>(unterbricht): </em>Saublöde Frage.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Verächtlich ist der Kritiker, der keine Feinde hat.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_398" class="wp-caption alignleft" style="width: 93px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/83px-Schlegel1790.jpg"><img class="size-full wp-image-398" title="83px-Schlegel1790" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/83px-Schlegel1790.jpg" alt="" width="83" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Friedrich Schlegel 1790</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Sich Feinde zu machen, gehört zum Handwerk  eines unabhängigen Kritikers. Nur wer so urteilt wie alle anderen  Kritiker auch, hat keine Feinde. Denn der geht ängstlich inmitten der  Herde in Deckung. Aber Deckung hat Reich-Ranicki nie gesucht. Im  Gegenteil. Wer eigenständige und entschiedene Urteile fällt, hat schnell  eine eigenständige und entschiedene Kollektion von Feinden. Bei  Reich-Ranicki kommt aber vielleicht noch ein zweiter Umstand hinzu. Er  selbst hat das beschrieben: Reich-Ranicki zeichnet sich durch eine  Eigenschaft aus, die oft bei Juden auffällt, sei es günstig, sei es  ungünstig, und die zur Folge hat, dass sie, die Juden, für manche  Menschen in ihrer Umgebung nicht so leicht erträglich sind und ihnen  vielleicht sogar auf die Nerven gehen. Was ich meine, lässt sich mit  Worten wie „Intensität“ oder „Heftigkeit“ andeuten. Reich-Ranicki  besitzt Intensität in hohem Maße.</p>
<p><strong>Kerr</strong>: Intensität? Leidenschaft! Verbunden mit dem festen Glauben an Vernunft und Argument.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Aber von Politik ist in seinen Kritiken heute keine Rede mehr.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Ja, weil die Welt sich dreht und die Dinge sich wandeln. Und mit ihnen die Literatur.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Spätestens mit den achtziger Jahren hatte  sich die Funktion der Literatur in Deutschland geändert. Die einzige  intellektuelle Gewissheit war nun, dass es keine intellektuellen  Gewissheiten mehr gibt. Dass es nur noch konkurrierende Denkformen gibt,  die alle ein gewisses Recht für sich beanspruchen können. Man hat das  „postmodern“ genannt, aber es sieht manchen Überzeugungen aus meiner  Epoche um 1800 zum Verwechseln ähnlich. Reich-Ranicki hat das gespürt.  Also feierte er die Literatur als ein Vergnügen, als ein ironisches  Spiel, bei dem Weltsichten erprobt werden, der Autor aber augenzwinkernd  zu verstehen gibt, dass man alles das mit gleichem Recht auch aus  anderer Sicht betrachten könnte. Mit Beliebigkeit hat das nichts zu tun.  Denken Sie daran, wie oft er sich trotzdem mit anderen im Literarischen  Quartett in die Haare geriet.</p>
<p><strong>Moderator</strong>: Gut, dass Sie das Quartett ansprechen. Hat er damit die Literaturkritik endgültig an die Fernsehunterhaltung verkauft?</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_399" class="wp-caption alignleft" style="width: 72px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/62px-Alfred_Kerr_by_Lovis_Corinth_1907.jpg"><img class="size-full wp-image-399" title="62px-Alfred_Kerr,_by_Lovis_Corinth,_1907" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/06/62px-Alfred_Kerr_by_Lovis_Corinth_1907.jpg" alt="" width="62" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Alfred Kerr, porträtiert von Lovis Corinth (1907)</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Kerr</strong>: Bravo, das ist Ihre schwachsinnigste Frage.  Das Quartett war Streit um die Literatur vor Kameras. Reich-Ranicki  hatte den Mut und das Talent, das zu inszenieren. Hat bis jetzt kein  anderer gekonnt. Eingehende, gründliche Literaturkritik war das nicht.  Die findet auch weiterhin auf Papier statt. Reich-Ranicki war der erste,  der das betonte. Aber der Kritiker darf neue Medien nicht scheuen. Ich  habe in meiner Zeit das Radio für die Kritik erprobt. Mit Erfolg, es hat  dem Theater Zuschauer gebracht. So wie das Literarische Quartett der  Literatur Leser brachte.</p>
<p><strong>Schlegel</strong>: Das Quartett war fabelhaft, weil es  demonstrierte, dass zu jedem Buch mehrere Urteile zugleich möglich sind.  Wenn ein Kritiker schreibt, will er allein seine Ansichten gelten  lassen. Wenn er aber im Quartett mit anderen sprach, musste er sich die  Ansichten der anderen anhören. Den Zuschauern wurde gezeigt, dass es  auch in der Literatur keine Gewissheiten gibt, sondern nur Meinungen. So  lieferte das Literarische Quartett ein Bild seiner Zeit.</p>
<p><strong>Börne</strong>: Dazu lieferte es einen Beweis: Nämlich wie  lehrreich Fernsehen sein kann, wenn Moderatoren ausnahmsweise etwas vom  Thema ihrer Sendung verstehen. <em>(Sieht den Moderator an.) </em>Reich-Ranicki  hat Beispielloses geleistet für Literatur und Kritik in Deutschland.  Nicht zuletzt hat er immer wieder an uns, an die Kollegen Schlegel, Kerr  und mich erinnert. Weshalb es für uns ein Leichtes war, diese Talkshow  unter anderem mit Worten zu bestreiten, die er über uns schrieb oder aus  unseren Werken zitierte.</p>
<p><em>Der Moderator schwitzt, gibt der Regie ein Zeichen, die Kamera schwenkt auf die Buchattrappen, der Abspann beginnt.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.uwe-wittstock.de/?feed=rss2&#038;p=395</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
