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	<title>Die Büchersäufer. Ein Blog von Uwe Wittstock &#187; Alfred Döblin</title>
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	<description>Über Literatur und Literaten</description>
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		<title>Guppe 47 geht in Pension</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Sep 2012 05:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Kleines Haus, großes Dach Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt. Eine Ortsbesichtigung Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=655">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Kleines Haus, großes Dach</strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Heute erreicht die Gruppe 47 das Pensionsalter. Vor 65 Jahren erblickte am Bannwaldsee die dominierende Institution der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur das Licht der Welt.</strong></h3>
<h3><strong> Eine Ortsbesichtigung</strong></h3>
<p>Am Säuling hat sich nichts geändert. Auch nicht am Tegelberg oder am  Hennenkopf. Was sind schon sechzig Jahre für Felsriesen wie sie.  Ansatzlos steigen sie aus den Feldern um den Bannwaldsee auf fast  zweitausend Meter. Auch an St. Coloman, der Wallfahrtskirche, dürfte  sich wenig verändert haben. Unwirklich schön steht sie in ihrer barocken  Pracht samt Zwiebelturm inmitten der sattgrünen Wiesen vor dem  Alpenhorizont. Aber sonst. Sonst ist nichts wie damals. Vermutlich lässt  sich Vergänglichkeit nicht eindringlicher spürbar machen als durch die  Verwandlung eines einst wichtigen, vielleicht historischen Ortes in  einen Campingplatz.</p>
<p>Hier haben selbst die Häuser Räder. Hier ist alles beweglich,  flüchtig, immer auf dem Sprung, hier bleibt nichts. Vielleicht ist das  ja das passende architektonische Symbol für eine Epoche, die  Flexibilität, Tempo, eifrigen Wandel zu ihren Lieblingstugenden zählt:  der Campingplatz. In einem der wenigen festen Häuser hier, das sich  dreißig Meter vorm Bannwaldsee unter sein Dach duckt wie unter einen zu  großen Hut und das heute von Caravans umzingelt ist, kamen vor sechzig  Jahren acht Männer, zwei Frauen und drei Paare für ein Wochenende  zusammen, um sich aus ihren Manuskripten vorzulesen. Und um über das  Gelesene zu reden. Mehr nicht.</p>
<div id="attachment_661" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus.jpg"><img class="size-medium wp-image-661" title="Gruppe47Haus" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/09/Gruppe47Haus-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das Haus am Bannwaldsee: Ort des ersten Treffens der Gruppe 47 am 6. und 7. September 1947 (Rs-Foto)</p></div>
<p>Bald nannten sie sich Gruppe 47, verabredeten sich wieder in  wechselnden Besetzungen an wechselnden Orten – auch sie beweglich, immer  auf dem Sprung. Ihre Treffen wuchsen in wenigen Jahren zu der  dominierenden literarischen Institution der Bundesrepublik heran. Der  Aufstieg Heinrich Bölls begann mit dem Preis der Gruppe, der unbekannte  Günter Grass las vor ihr aus seiner „Blechtrommel“ und war am Tag danach  ein Schriftsteller mit Weltruhm.</p>
<p><strong>Trainingslager der Demokratie ?</strong></p>
<p>Die Debatten über die Gruppe finden bis heute kein Ende. Sie wird  gefeiert und verteufelt, mal ist sie eine der unersetzlichen  Pflanzschulen demokratischen Geistes in der jungen Bundesrepublik, mal  eine Versammlung unbewusst antisemitischer Alt-Landser mit Neigung zum  literaturpolitischen Machiavellismus. Auch das Hin- und Herwogen unserer  Meinungen legt beachtliches Tempo vor.</p>
<p>„Unterkunft für 10 Personen ab 6.September reserviert“, telegrafierte  Ilse Schneider-Lengyel am 25. August 1947 an Hans Werner Richter. Sie  war Lyrikerin, Fotografin, Ethnologien und vor den Nazis emigriert.  Zurückgekehrt suchte sie im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an  den Kulturbetrieb. Sie schrieb für Richters „Ruf“ und als der die  Zeitschrift „Skorpion“ plante und künftige Mitarbeiter zu einer Art  gemeinsamer Lektoratssitzung zusammenholen wollte, bot sie ihm ihr Haus  am Bannwaldsee als Treffpunkt an. Sie hatte in den zwanziger Jahren bei  dem Bauhaus-Lehrer Lászlo Moholy-Nagy studiert und in Paris einige der  großen Surrealisten kennengelernt. Manche ihre Gedichte quollen über vor  surrealistischen Bildern – jede Zeile ein Seziertisch, auf dem sich  Nähmaschine und Regenschirm begegnen. Sie muss sich empfindlich fremd  gefühlt haben, zwischen den jungen Leuten, die ihr da ins Haus kamen und  auf Hitlers Schulen von der Moderne nichts gehört hatten.</p>
<p><strong>Häuptling Richter</strong></p>
<p>Niemand wird behaupten wollen, Hans Werner Richter, der zum  unumstrittenen Spiritus movens, zum „Chef“ und „Häuptling“ der Gruppe  wurde, habe je einen objektiven Blick auf ihre Mitglieder gehabt. Aber  zumindest deren Anfänge hat er nie beschönigt. Später nannte er die  Autoren, die er an den Bannwaldsee eingeladen hatte, „literarische  Anfänger, Neulinge in der Kunst des Schreibens“. Unter dem Vorgelesenen  gab es „keine Meisterwerke zu entdecken. Es sind Versuche, Anfänge,  dilettantisch oft, aber hin und wieder auch Talent, ja Begabung  verratend.“</p>
<p>Sofort jedoch erblickte das später legendäre Ritual der Gruppe das  Licht der Welt: Die Lesung auf dem gefürchteten „Elektrischen Stuhl“  samt unmittelbar folgender, wenig schonungsvoller Stehgreif-Kritik, wie  sie bis heute im Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis fortlebt.  „Es gibt“, erinnerte sich Richter, „keine Zwischenrufe, keine  Zwischenbemerkungen. Neben mir auf dem Stuhl nimmt der jeweils  Vorlesende Platz. Es ist selbstverständlich, hat sich so ergeben. Nach  der ersten Lesung – es ist Wolfdietrich Schnurre – sage ich: ‚Ja, bitte  zur Kritik. Was habt ihr dazu zu sagen?’ Und nun beginnt, was keiner in  dieser Form erwartet hatte: der Ton der kritischen Äußerungen ist rau,  die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich. Niemand nimmt ein Blatt vor  den Mund.“</p>
<p><strong>Das Wunder der Gruppe 47</strong></p>
<p>Zum Rätsel, zum Wunder der Gruppe 47 gehört, wie es ihr gelang, aus  diesen zufälligen, dürftigen Anfängen zur machtvollsten Vereinigung des  bundesdeutschen Literaturbetriebs zu werden. Bis heute hat keine  Akademie, kein Schriftstellerverband oder PEN-Club je wieder ihre  Ausstrahlungskraft erreicht. Hans Werner Richter, dieses – wie Grass es  nannte – „Genie der Freundschaft“, verstand es, eine nachwachsende Elite  von Autoren und Kritikern an die Gruppe zu binden. Grass, Böll,  Schnurre, Alfred Andersch, Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser,  Ingeborg Bachmann, Enzensberger, Walter Jens, Hans Mayer, Marcel  Reich-Ranicki, Joachim Kaiser.</p>
<p>Natürlich gab es in diesen ersten Nachkriegsjahrzehnten auch eine  deutsche Literatur jenseits der Gruppe 47. Die großen Emigranten, Thomas  Mann, Döblin, Brecht hatten sie als Podium nicht nötig und hätten sich  eher die Zunge abgebissen, als für sie zu lesen. Auch jüngere Autoren  wie Max Frisch oder Dürrenmatt machten ohne sie ihren Weg. Arno Schmidt  weigerte sich, vor der Gruppe aufzutreten, obwohl Gerüchte umgingen, er  stünde als ihr Preisträger so gut wie fest: „Ich eigne mich nicht als  Mannequin.“</p>
<p>Man war für die Gruppe, man war gegen sie, wichtige Kritiker wie  Friedrich Sieburg bekämpften sie. Aber gleichgültig ließ sie niemanden.  Sie polarisierte die gesamte Buchbranche und rückte schon deshalb immer  mehr in deren Mittelpunkt.</p>
<p><strong>Wanderzirkus der Literatur</strong></p>
<p>Zu den Erfolgsgeheimnissen der Gruppe zählt das Desaster, das die  Nazis hinterlassen hatten. Nie zuvor waren Land und Kulturbetrieb so  gründlich zerstört, nie war das Bedürfnis nach moralischer  Wiederaufrichtung so groß. Doch in zwölf Jahren Diktatur hatte sich das  alte literarische Leben desavouiert, es gab keine kulturelle Metropole  mehr, keine eingeübten Mechanismen, über die Autoren zu Verlegern  fanden, keine Orientierungspunkte, an denen Kritiker ihr Urteil hätten  schärfen können. Da bot sich die Gruppe als Treffpunkt an, als  Drehscheibe, als luftiges Wanderzentrum, in dem der Literaturbetrieb  sich neu finden und erfinden konnte.</p>
<p>Wie für Gründerzeiten üblich, wurden auch in dieser dann Karrieren  gemacht, die von nachgeborenen Autoren bestaunt, aber wohl nicht  eingeholt werden können. In kurzer Zeit wurde ein mediales  Aufmerksamkeits-Kapital aufgehäuft, das sich bis heute in vielen Fällen  recht mühelos verzinst. Der Unmut mancher jüngerer Schriftsteller über  die Gruppe 47 sollte also niemanden verwundern. Unterschiedlicher können  Autoren-Generationen kaum sein: Die ältere hatte aus dem Krieg einen  ungeheueren Erfahrungsdruck mitgebracht, aber oft wenig literarische  Bildung. Für die heute jungen Autoren hält das Leben gewöhnlich alle  literarischen Bildungschancen bereit, doch nur selten Erfahrungen, die  sich in ihrer Dringlichkeit mit denen der Alten messen können.</p>
<p><strong>Nonkonformisten im Gleichschritt</strong></p>
<p>Zum ideologischen <em>think tank</em> wollte Richter seine Gruppe nie  machen. Er wachte bei den Tagungen eisern darüber, dass sie jede  politische Festlegung vermied – denn das hätte sich als Sprengsatz  erweisen können, der die 47er auseinanderriss. Doch von Beginn an  herrschte in ihren Reihen ein eher sozialistischer als  sozialdemokratischer Konsens, und nachdem die Gruppe zur literarischen  Großmacht aufstieg, beherrschte dieser Konsens lange auch das Klima der  Buchbranche. Die Autoren, die sich in Adenauers Deutschland selbst gern  als Nonkonformisten bezeichneten, hatten einen neuen geistigen  Konformismus geboren, der erst in den neunziger Jahren  auseinanderzubröckeln begann.</p>
<p>Das Ende lässt etwas von Größe und Geist der Gruppe erkennen.  Ungezählte Kulturinstitutionen leben fort und fort, obwohl ihre Funktion  längst erfüllt und ihre Zeit vorbei ist. Richter dagegen rief, nachdem  studentenbewegte Demonstranten 1967 gegen ein Gruppentreffen  protestierten, seine Autoren nicht wieder zusammen. Einige von ihnen  hatten sich gleich eilfertig mit den Demonstranten solidarisiert. Es war  überdeutlich, dass der allmähliche Abstieg der Schriftsteller als  öffentliche Orientierungsfiguren und der Aufstieg anderer Vordenker  begonnen hatte. Da die Gruppe in diesem Augenblick die Kraft zu einem  selbstgezogenen Schlussstrich fand, vermied sie, zu einem Schatten ihrer  selbst zu verkümmern und wurde damit endgültig legendenfähig.</p>
<p><strong>Kraft zum Schlussstrich</strong></p>
<p>Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus alles begann, blieben zu diesem  Zeitpunkt nur noch wenige Jahre. Sie hatte an den Treffen bis 1950 und  ein letztes Mal 1957 teilgenommen. Ihr Gedichtband „september-phase“  erschien 1952, doch gelang es ihr nicht, sich wieder einzufädeln in den  literarischen Betrieb. Sie lebte allein, rauchte viel, schrieb wenig und  starb 1972 in einer psychiatrischen Klinik.</p>
<p>Die Leute vom Bannwaldsee haben ihr eine Woche vor dem 60.  Gründungsjubiläum der Gruppe eine kleine Erinnerungsfeier im Festzelt  ausgerichtet. Der 2.Bürgermeister, ein massiger Mann mit beiden Beinen  sehr fest auf dem Boden, erinnerte sich an sie, die oft auf dem Motorrad  durch den Ort fuhr, als er noch ein Bub war. Danach spielte ein Quartett, wurden einige ihrer Gedichte gelesen, kantige, spröde Verse, die  sich aneinander reiben wie an Sandpapier. Dazu trommelte Regen aufs  Zeltdach, auf die Caravans ringsum und auf das kleine Haus am See mit  seinem großen Dach.</p>
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		<title>Was Ärzte und Schriftsteller verbindet</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Apr 2012 18:57:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Uwe Wittstock</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Feine Verwandtschaft Sie kennen sich aus mit dem Menschen: Die Mediziner und die Dichter, die Ärzte und die Erzähler. Kaum ein anderer Berufsgruppe ist unter den Fachleuten der Wortkunst so stark vertreten wie die Fachleute der Heilkunst. Warum ist das &#8230; <a href="http://blog.uwe-wittstock.de/?p=253">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Feine Verwandtschaft</strong></h2>
<h3><strong>Sie kennen sich aus mit dem Menschen: Die Mediziner und die Dichter, die Ärzte und die Erzähler. Kaum ein anderer Berufsgruppe ist unter den Fachleuten der Wortkunst so stark vertreten wie die Fachleute der Heilkunst. Warum ist das so? </strong></h3>
<div>
<p>“Ich kenne keine bessere Schulung für den Schriftsteller”, behauptete  Somerset Maugham, “als einige Jahre den Beruf eines Arztes auszuüben.”  Maugham wußte wovon er sprach, denn er war Arzt und Schriftsteller.  Medizin hatte er studiert, um den “Menschen ohne Maske” kennenzulernen &#8211;  und er wurde einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit.</p>
<p>Beide, so schrieb Marcel Reich-Ranicki einmal, Literaten und  Mediziner seien “Fachleute für menschliche Leiden”, und so sei es nur  naheliegend, daß es zwischen diesen Berufsgruppen erstaunlich viele  Berührungspunkte gebe, ja so etwas wie eine verborgene Verwandtschaft  existiere.</p>
<div id="attachment_258" class="wp-caption alignleft" style="width: 104px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/94px-Maugham.jpg"><img class="size-full wp-image-258" title="94px-Maugham" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/94px-Maugham.jpg" alt="" width="94" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">William Somerset Maugham, 26. Mai 1934.  Portrait by Carl Van Vechten </p></div>
<p>Maugham reiht sich ein in eine erstaunliche Zahl von Autoren,  die eine medizinische Ausbildung hatten. So waren allein drei der  größten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zugleich Ärzte:  Gottfried Benn, der als Lyriker von europäischem Rang gestand, ihm sei  seine “Existenz ohne diese Wendung zur Medizin und Biologie völlig  undenkbar”. Alfred Döblin, der Medizin studierte, “weil ich Wahrheit  wollte, die aber nicht durch Begriffe gelaufen und hierbei verdünnt und  zerfasert war”. Und schließlich Arthur Schnitzler, der all seine  Erzählungen und Stücke immer auch als Arzt schrieb, denn, so bekannte  er: “Wer je Mediziner war, kann nie aufhören, es zu sein. Denn Medizin  ist eine Weltanschauung.”</p>
<p>Tatsächlich ist die Ruhmestafel weltweit gefeierter Autoren, die  zugleich als Ärzte arbeiteten, überraschend lang. Angelus Silesius war studierter Philosoph, Theologe und Arzt, Friedrich Schiller ausgebildeter Regimentsmedikus, John Keats Wundarzt, Georg Büchner  promovierter Anatom. Heinrich Hoffmann, der Vater des <em>Struwwelpeter</em>,  leitete als Chefarzt die Frankfurter Irrenanstalt, Anton Tschechow  meinte, “die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine  Geliebte”. Und Louis-Ferdinand Céline studierte als Armenarzt in Pariser  Vorstädten den Argot, den er dann in seinen &#8211; zutiefst  antisemitischen &#8211; Romanen zu Literatur veredelte. Eugène Sue steht  ebenso auf dieser Liste wie Michail Bulgakow, Sir Arthur Conan Doyle,  Friedrich Wolf und William Carlos Williams.</p>
<div id="attachment_259" class="wp-caption alignright" style="width: 94px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Georg_Büchner.png"><img class="size-full wp-image-259" title="84px-Georg_Büchner" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Georg_Büchner.png" alt="" width="84" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Georg Büchner (1813 - 1837)</p></div>
<p>Noch beeindruckender wird die Aufzählung, wenn man bedenkt, welche  Schriftsteller zunächst Medizin studierten, sich aber noch vor dem  Examen ganz der Literatur verschrieben: nämlich unter anderem Louis  Aragon, Johannes R. Becher, Ludwig Börne, Bertolt Brecht, André Breton,  Johann Gottfried Herder, Henrik Ibsen, Stanislaw Lem, Hermann Löns und  August Strindberg. Auch unter den deutschen Autoren der Gegenwart sind  die medizinisch-poetischen Doppelbegabungen keine Seltenheit: Sowohl der  Dramatiker Heinar Kipphardt, wie der Romancier Ernst Augustin, der  Popliteratur-Avantgardist Rainald Goetz, der DDR-Epiker Uwe Tellkamp und die Erzählerin Melitta  Breznik genossen eine medizinische Ausbildung &#8211; fast alle in der Psychiatrie.</p>
<p>Sogar ein klinisches Zentrum für Dichterärzte in Deutschland hat sich  herauskristallisiert: In der Berliner Charité betrieb schon Döblin  wissenschaftliche Forschungen, dort arbeiteten Gottfried  Bermann-Fischer, der den S.Fischer Verlag durch die Nazi-Zeit brachte,  und Peter Bamm, der in den Nachkriegsjahren Bestseller schrieb, hier  standen Ernst Augustin und Kipphardt als Assistenzärzte am Krankenbett.  Heute arbeitet Jakob Hein in der Charité als Nachwuchsmediziner, der  zugleich schon mehr ist hoffnungsvoller Nachwuchsautor gilt.</p>
<p>Solche Häufungen sind kein Zufall. Unter den Schriftstellern der  deutschen Literaturgeschichte ließen sich allenfalls noch Geistliche, Lehrer oder Juristen in ähnlich großer Zahl nachweisen wie Ärzte. Diese Berufsstände neigen allerdings dazu, die Menschen unter dem Blickwinkel  zu betrachten, wie sie sein sollten. Mediziner dagegen betrachten sie  eher von dem Gesichtspunkt aus, wie sie sind. Mit anderen Worten:  Theologen. Pädagogen und Rechtsgelehrte entwerfen gern Rezepte, wie ein vorbildliches  Leben zu führen wäre. Ärzte dagegen halten sich als Naturwissenschaftler  lieber nicht an Utopien. Statt dessen benennen sie die traurigen  Tatsachen des Daseins.</p>
<div id="attachment_260" class="wp-caption alignright" style="width: 94px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Alfred_Doeblin_1930.jpg"><img class="size-full wp-image-260" title="84px-Alfred_Doeblin_1930" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/84px-Alfred_Doeblin_1930.jpg" alt="" width="84" height="119" /></a><p class="wp-caption-text">Alfred Döblin (1878 - 1957)</p></div>
<p>Es ist wohl der kühle, der beobachtende, der diagnostische Blick, der  manche Menschen zu Ärzten macht, und manche Ärzte dann &#8211; literarische  Neigungen und Fähigkeiten vorausgesetzt &#8211; zu Schriftstellern werden  läßt. Zudem noch liefert ihnen der ärztliche Beruf, wenn sie denn als  Autoren an der gesellschaftlichen Realität interessiert sind, manchen  brisanten und literarisch verwertbaren Stoff frei Haus. “Ich fand meine  Kranken”, schrieb Döblin im Rückblick auf sein Leben, “in ihren  ärmlichen Stuben liegen; sie brachten mir auch ihre Stuben in mein  Sprechzimmer mit. Ich sah ihre Verhältnisse, ihr Milieu; es ging alles  ins Soziale, Ethische und Politische über.” Ohne die  Patientenschicksale, denen Döblin in seiner Praxis begegnete, wäre <em>Berlin Alexanderplatz</em> mit Sicherheit ein anderes, vermutlich ein  schwächeres Buch geworden.</p>
<p>Doch das ärztliche Studium ist für einen Schriftsteller, zumal wenn  es sich um einen gefährdeten, seelisch nicht hundertprozentig stabilen  Menschen handelt, auch mit Risiken verbunden. “Es war eine Rieseneselei  von mir”, schreibt Arthur Schnitzler als junger Mann, “Mediziner zu  werden, und es ist leider eine Eselei, die nicht wieder gut zu machen  ist.”</p>
<p>Denn all die Krankheiten, die er während seines Studiums  kennenlernte, glaubte er bald schon an sich selbst diagnostizieren zu  können. Das Phänomen ist nicht unbekannt: Bei vielen Medizinstudenten  werden, sobald sie ihre klinische Ausbildung beginnen, ähnliche Symptome  beobachtet &#8211; die ihre Professoren dann gern ironisch als “Morbus  clinicus” bezeichnen.</p>
<p>Bei dem äußerst empfindsamen Schnitzler jedoch ging dieses Leiden  weit über das gewöhnliche Maß hinaus. Immer wieder klagte er in seinen  Tagebüchern über “meine Hypochondrie, die zuweilen wie ein schwerer  schmerzlicher Nebel über dem ganzen Grund meines Wesens liegt” und  verzeichnete handfeste “Todesangst-Anfälle”. Aber die Besessenheit, mit  der er noch die geringste Missempfindungen an sich registrierte, war eben  zugleich die Grundlage seines schriftstellerischen Talents, Menschen  noch bis in ihre verborgenen Regungen hinein beschreiben zu können. Ein  Talent, daß ihm neidvolle Anerkennung selbst von so berufener Seite wie  der Sigmund Freuds eintrug: Er habe, schrieb Freud 1922 an Schnitzler,  “den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition &#8211; eigentlich aber  infolge feiner Selbstwahrnehmung &#8211; alles das wissen, was ich in  mühseliger Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe. Ja, ich glaube,  im Grunde ihres Wesens sind Sie ein psychologischer Tiefenforscher.”</p>
<div id="attachment_261" class="wp-caption alignleft" style="width: 90px"><a href="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/80px-Hetsch01.jpg"><img class="size-full wp-image-261" title="80px-Hetsch01" src="http://blog.uwe-wittstock.de/wp-content/uploads/2012/04/80px-Hetsch01.jpg" alt="" width="80" height="120" /></a><p class="wp-caption-text">Schiller als Regimentarzt, 1781/1782. Gemälde von Philipp Friedrich Hetsch</p></div>
<p>Mitunter sind dichtende Ärzte allerdings für ihre Patienten nicht  ungefährlich. Als Schiller an seinem ersten Stück <em>Die Räuber</em> schrieb,  war er von seinen draufgängerischen Figuren so hingerissen, daß er als  Arzt zu ähnlich draufgängerischen Therapien neigte. Wie in der Literatur  wolle er, beklagte ein Vorgesetzter, offenbar auch in der Medizin  “Kraftstücke liefern, die aber weder gerieten, noch (von den Kranken)  zum besten rezensiert würden”. Schiller war Stolz auf seinen Ruf. Er  liebe als Arzt, schrieb er unter Pseudonym über sich selbst, “starke  Dosen” und man solle ihm lieber zehn Pferde zu Behandlung schicken als  die eigene Frau.</p>
</div>
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